Der Lebensborn e. V. war in der Zeit des Nationalsozialismus ein von der SS getragener, staatlich geförderter Verein, dessen Ziel es war, auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenhygiene und Gesundheitsideologie die Erhöhung der Geburtenziffer „arischer“ Kinder auch bei Unehelichkeit herbeizuführen. Dies sollte durch das Abhalten unverheirateter Frauen und Mädchen von einem SchwangerschaftsabbruchLilienthal (2005), S. 830., durch das Anbieten von Entbindungen in Heimen (damit die Nachbarschaft nicht von der Schwangerschaft erfährt) und die anschließende Vermittlung der Kinder zur Adoption – bevorzugt an Familien von SS-Angehörigen – erreicht werden.

Der Lebensborn war daneben mitverantwortlich für die Verschleppung von Kindern aus den von Deutschland besetzten Gebieten. Falls diese im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie als „arisch“ galten, was akribisch untersucht wurde, wurden sie unter Verschleierung ihrer Identität in Lebensborn-Heime im Deutschen Reich oder in den besetzten Gebieten gebracht. Ziel war letztlich die Adoption durch parteitreue deutsche Familien. So wurden 13 der 98 vom Lidice-Massaker betroffenen Kinder für den Lebensborn selektiert, während die anderen ins Vernichtungslager Kulmhof deportiert und dort durch Gas ermordet wurden.Volker Koop: Dem Führer ein Kind schenken. Die SS-Organisation „Lebensborn“ e. V. Böhlau, Köln 2007, ISBN 978-3-412-21606-1, S. 155–159.

Ideologische Grundlagen Der Name leitet sich von dem nur noch in Ortsnamen und in der Dichtkunst oder in verschiedenen deutschen Dialekten erhaltenen, alten deutschen Wort „Born“ für „Brunnen, Quelle“ ab; er bedeutet daher etwa „Lebensbrunnen“ oder „Lebensquelle“.

mini|hochkant|Operationssaal in einem Lebensborn-Heim 1936

Der Lebensborn war ein Projekt Heinrich Himmlers, das sich vor allem an den beiden wichtigsten bevölkerungspolitischen Grundsätzen des Nationalsozialismus orientierte:

Rettung der „nordischen Rasse“ vor dem (angeblich) durch Geburtendefizite bedingten drohenden Untergang mittels Steigerung der Geburtenrate qualitative Verbesserung des Nachwuchses unter „Zuchtkriterien“ im Sinne der nationalsozialistischen Rassenhygiene („Euthanasie“, Zwangssterilisation, Heiratsverbote etc.) Ziel: Züchtung des „Adels der Zukunft“Lilienthal 2003, Seite 47; Statuten des Lebensborn e. V., Präambel

Der Lebensborn gab als Anliegen die Mütterfürsorge vor und gründete Heime zur anonymen Entbindung, welche sich an Mütter in Not richteten. Dies entsprang jedoch keiner humanen Moral, sondern sollte im Sinne der „neuen Moral“ einer aktiven, rassistischen nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik einer Erhöhung der Geburtenrate dienen. Demzufolge wurden in den Heimen zumindest anfänglich nur ledige Mütter aufgenommen, die selbst und „bezüglich ihres Nachwuchses“ den „rassenhygienischen“ Kriterien für SS-Bewerber entsprachen.

Geschichte und Organisation Geburtenrate und NS-Maßnahmen mini|hochkant|Schwester in einem Lebensborn-Heim, gehisste SS- und Hakenkreuz-Flaggen, aus SS-Leitheft, 9/3 S. 33 f., 1943 Im Ersten Weltkrieg waren über zwei Millionen deutsche Soldaten und fast 1,5 Millionen aus Österreich-Ungarn gefallen (siehe auch Demografie Deutschlands und Demografie Österreichs). Die Geburtenrate in Deutschland war in der Zeit der Weimarer Republik deutlich unter das Bestandserhaltungsniveau gesunken. Ein Grund war die gesunkene Zahl von jungen Männern in der Bevölkerung, weitere Gründe waren die Inflation und die Hyperinflation 1923 und Anfang der 1930er Jahre die Weltwirtschaftskrise. In keinem anderen Industrieland gab es einen ähnlich hohen Einbruch in der Geburtenstatistik.

Heinrich Himmler, der „Reichsführer SS“ und Chef der Deutschen Polizei, ignorierte diese Fakten, legte nach Erhebungen des „Hauptamtes für Volksgesundheit“ andere Zahlen vor und behauptete, die damals bei Strafe verbotenen Schwangerschaftsabbrüche würden einen Geburtenrückgang verursachen. In einem Brief an OKW-Chef Wilhelm Keitel aus dem Jahr 1940 schätzte er die Zahl der jährlichen Abtreibungen auf bis zu 600.000, die dem Deutschen Reich als Nachwuchs verloren gingen. Ebenso seien „jährlich Hunderttausende wertvoller Mädchen und Frauen Opfer heimlicher, häufig steril machender Abtreibung. … Das Ziel, jedoch, deutsches Blut zu schützen, ist auf das Höchste verpflichtend.“Volker Koop: Dem Führer ein Kind schenken. Die SS-Organisation „Lebensborn“ e. V. Böhlau, Köln 2007, ISBN 978-3-412-21606-1, S. 28.

Um Anreize für mehr Geburten zu bieten, gründete die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt zunächst im März 1934 das „Hilfswerk Mutter und Kind“, das mehr als die Hälfte des gesamten Spendenaufkommens des Winterhilfswerks erhielt. Das „Deutsche Institut für Jugendhilfe e. V.“ betreute uneheliche Kinder, deren Väter die Alimente nicht zahlten. Eheschließungen wurden mit zinslosen Ehestandsdarlehen von bis zu 1000 Reichsmark gefördert. Die Kreditlaufzeit betrug 100 Monate. Für jedes lebend geborene Kind wurden 25 Prozent der Darlehenssumme erlassen.§ 8 der Ersten Durchführungsverordnung zum ED vom 20. Juni 1933 (RGBl. I, S. 377) In der Bevölkerung sprach man von der Möglichkeit, das Darlehen „abzukindern“.Detlev Humann: Arbeitsschlacht – Arbeitsbeschaffung und Propaganda in der NS-Zeit 1933-1939. Göttingen 2011, ISBN 978-3-8353-0838-1, S. 120.

Auch die Gründung des Lebensborn als konkurrierende SS-eigene, Himmler direkt unterstellte Organisation sollte die Geburtenrate steigern und ledige Mütter zum Austragen der Kinder bewegen. Himmler rechtfertigte in seinem Brief an Keitel die Existenz von Lebensborn und forderte, die Wehrmacht solle Lebensborn finanziell unterstützen. So würden „allein durch diese bevölkerungspolitische Maßnahme in 18 bis 20 Jahren 18 bis 20 Regimenter mehr marschieren.“

Vereinsgründung und Satzung Der Verein Lebensborn wurde am 12. Dezember 1935 auf Veranlassung Himmlers in Berlin gegründet, der darin von Otmar Freiherr von Verschuer beraten wurde. Die Organisation war als eingetragener Verein rechtlich selbständig, um als juristische Person Eigentumsrechte an Heimen usw. erwerben zu können und um auch Nicht-SS-Angehörigen den Beitritt zu ermöglichen. Organisatorisch blieb der Verein der SS unterstellt. Himmler war Präsident. Finanziert wurde die Organisation durch Zwangsbeiträge der SS-Angehörigen sowie die Zuweisung jährlicher Gewinnanteile der Anton Loibl GmbH.Enno Georg: Die wirtschaftlichen Unternehmungen der SS. Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 7, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1963, S. 19. Kinderlose hatten die höchste Abgabe zu entrichten, ab vier Kindern, egal ob ehelich oder unehelich, endete die Beitragspflicht. Diese Maßnahme sollte SS-Angehörige motivieren, ihren „völkischen Verpflichtungen“ bezüglich Nachwuchs nachzukommen.

Gemäß der Gründungssatzung diente der Verein

mini|hochkant|Lebensborn-Heim Steinhöring, Südansicht vom Park aus (1938)

Am 15. August 1936 eröffnete der Lebensborn sein erstes Heim, das „Haus Hochland“ in Steinhöring bei Ebersberg in Oberbayern. Es hatte anfangs 30 Betten für Mütter und 55 für Kinder. Bis 1940 wurde die Bettenzahl verdoppelt.

Geschäftsführer des Lebensborn war zunächst ab 1. Januar 1938 SS-Sturmbannführer Guntram Pflaum und ab dem 15. Mai 1940 bis Kriegsende SS-Standartenführer Max Sollmann; ärztlicher Leiter war von Anfang an SS-Oberführer Gregor Ebner.

Aufnahmebedingungen Frauen, die sich um Aufnahme bewarben, sollten laut Satzung des Lebensborn „in rassischer und erbbiologischer Hinsicht alle Bedingungen erfüllen, die in der Schutzstaffel allgemein gelten“. Entsprechend mussten die Frauen die gleichen Anforderungen erfüllen wie jeder SS-Bewerber bei der Aufnahme in die SS und bei der Heirat:

Vorzulegen war der „Große Abstammungsnachweis“, umgangssprachlich „Ariernachweis“, mit dem Nachweis der Vorfahren bis zum 1. Januar 1800, wie es für die NSDAP und ihre Untergliederungen galt. Ein „Erbgesundheitsbogen“ mit Angaben über mögliche erbliche Belastungen in der Familie war auszufüllen. Ein „ärztlicher Untersuchungsbogen“ zum Nachweis der Gesundheit und zur „rassischen Beurteilung“ fasste die Untersuchungen durch SS-Ärzte, später wegen Ärztemangels auch durch andere zugelassene Ärzte, zusammen. Die Bewerberin musste einen Fragebogen zur Person, mit Fragen nach Beruf, Krankenversicherung, Parteizugehörigkeit, Heiratsabsicht usw., ausfüllen, dazu einen handgeschriebenen Lebenslauf mit Lichtbildern vorlegen. Unverheiratete werdende Mütter hatten außerdem eine eidesstattliche Versicherung abzugeben, dass der angegebene Mann der Vater des Kindes sei.

Sämtliche Unterlagen musste gleichfalls der werdende Vater einreichen. Ausgenommen waren SS-Angehörige nur, wenn die Heiratsgenehmigung für die Mutter bereits vom Rasse- und Siedlungshauptamt erteilt worden war.

Im Laufe des Krieges wurden die Aufnahmekriterien reduziert, so dass schließlich etwa 75 Prozent der Anträge bewilligt wurden.

Betreuung in den Heimen mini|links|Entbindungszimmer in einem Lebensborn-Heim 1936

Als SS-eigene Organisation konnte der Lebensborn Entbindungen geheim halten. Eigene Standesämter und polizeiliche Meldeämter in den Lebensborn-Heimen durften eine Geburt nicht an die Heimatgemeinde der ledigen Mutter weitermelden.

mini|hochkant|Nationalsozialistische Lebensborn-„Taufe“ 1936

War die Aufnahme bewilligt, konnte die Frau die Zeit der Schwangerschaft, auf Wunsch auch weit entfernt vom Heimatort, bis einige Wochen nach der Geburt des Kindes in einem Heim des Lebensborn zubringen. Bei ledigen Müttern übernahm der Lebensborn die Vormundschaft. Die Neugeborenen wurden in einem eigenen Zeremoniell mit einer Mischung aus pseudochristlichen, nationalsozialistischen und pseudogermanischen Riten unter Auflegung eines silbernen SS-Dolches unter der Hakenkreuzfahne „getauft“. Als Geschenk erhielten sie einen im KZ Dachau gefertigten Kerzenleuchter.Rebecca Abe: Der Lebensborn e. V. auf Shoa.de.

Kinderverschleppung mini|hochkant|Himmlerauftrag zur Behandlung von Kindern exekutierter Tschechen Infolge des Krieges wuchs die „arische Elite“ nur mäßig. Daher befahl Himmler als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums am 19. Februar 1942 in Halensee mit der Anordnung 67/1, „arisch“ aussehende, blonde und blauäugige Kinder aus besetzten Gebieten wie Polen zwecks „Eindeutschung“ zu entführen.. Demnach waren polnische geraubte Kinder dem RuSHA der SS, Außenstelle Litzmannstadt, zu melden, das die „Eignung“ zur Eindeutschung feststellte. Die Angabe von Dorothy Macardle,Dorothy Macardle: Children of Europe. Victor Gollancz, London 1949, S. 235f. Posen sei diese Clearingstelle gewesen, ist falsch.

Weitere Kinder wurden in anderen besetzten Ländern geraubt, wie Frankreich und Jugoslawien; für die annektierten tschechischen Gebiete bildete ebenfalls Litzmannstadt die Clearingstelle, der NS-Arzt dort hieß Dongus. Die Kinder wurden vom Lebensborn aufgenommen und je nach Alter an private Pflegestellen bei SS-Familien, zur Adoption oder in Lebensborn-Heime weiter verschoben. Kleinere Kinder, etwa bis zu 6 Jahren, erhielten gefälschte neue Geburtsurkunden. Sie bekamen einen neuen Namen und durften nur noch Deutsch sprechen, um ihre Muttersprache zu vergessen. Falls sie nicht den Kriterien nach den „Ariertabellen“ entsprachen, wurden sie in ein Vernichtungslager abgeschoben. Von einer Aktion in Tschechien ist bekannt, dass 9 Kinder zur Germanisierung ausgesucht, 82 jedoch zur Tötung nach Chełm in das Vernichtungslager Sobibor gebracht wurden.