Die Deutsche Burschenschaft (DB) ist ein Korporationsverband von Burschenschaften, einer bestimmten Form von Studentenverbindungen, in Deutschland und Österreich. Sie entstand 1881 als Allgemeiner Deputierten-Convent (ADC) und erhielt ihren heutigen Namen 1902. Sie führt sich zurück auf die Ideen, die mit der Gründung der Urburschenschaft in Jena 1815 verbunden waren.

In den letzten Jahren kam es wiederholt zu internen Richtungskämpfen, die sich unter anderem an umstrittenen Äußerungen einzelner Personen von Mitgliedsburschenschaften entzündeten, in deren Zusammenhang die Deutsche Burschenschaft in deutschsprachigen Medien mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht wurde.Dachverband Deutscher Burschenschaften: Abschied von jeglicher Liberalität, in: Süddeutsche Zeitung vom 25. November 2012; Abgerufen am 31. Dezember 2012.Datenleck: Interne Papiere enthüllen Rechtsextremismus bei Burschenschaften, in: Spiegel Online vom 15. Juli 2012; Abgerufen am 31. Dezember 2012.Rechtsextremismus: Kampfansage an die braunen Burschenschaften, in: Die Zeit vom 25. Mai 2012; Abgerufen am 31. Dezember 2012.Rechtsruck im Dachverband: Burschenschafter hetzen gegen “Nicht-Arier”, in: Spiegel Online vom 25. August 2012; Abgerufen am 31. Dezember 2012.Rechtsextremismus bei Burschenschaften Enthüllt, in: Die Presse vom 15. Juli 2011; Abgerufen am 5. Januar 2013. , in: SR vom 29. November 2012; Abgerufen am 5. Januar 2013 Die Richtungskämpfe kulminierten in einer Austrittsbewegung von Burschenschaften aus der DB:Deutsche Burschenschaft: Ramsauer-Burschenschaft verlässt Dachverband. In: Spiegel Online vom 12. Februar 2013. Während ihr 2008 noch 123 Burschenschaften angehörten, sind es derzeit nach eigenen Angaben nur noch 63, ein Drittel davon mit Sitz in Österreich. Verschiedene deutsche Landesämter für Verfassungsschutz beobachten immer wieder einzelne Verbindungen wegen möglicher rechtsextremistischer Bestrebungen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz lehnt eine Beobachtung der Deutschen Burschenschaft ab. Die Bundesregierung äußerte dazu wiederholt, es lägen keine hinreichenden Anhaltspunkte für Bestrebungen vor, die gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichtet sind.

Geschichte mini|Die Wartburg in Eisenach – Symbol der burschenschaftlichen Bewegung (Photochromdruck um 1895)

Vorgeschichte

Die Burschenschaften entstanden nach der Niederlage Napoleons in der Schlacht bei Waterloo. 1815 wurde in Jena die sogenannte Urburschenschaft gegründet, auf deren Ideen sich heute noch die meisten Burschenschaften berufen. 1818 gründeten Burschenschaften aus 14 Universitätsstädten die Allgemeine Deutsche Burschenschaft, die alle bisherigen Studentenverbindungen ablösen sollte. Dieses Ziel der Vereinigung aller Studenten konnte letztlich aber nicht erreicht werden, da sich zum einen die burschenschaftliche Bewegung gleichzeitig zu ihrer Ausbreitung stark diversifizierte und zum anderen die überwiegende Zahl der Corps weiterhin an ihren alten Traditionen festhielt.

In der Zeit der Demagogenverfolgung zerfiel die Allgemeine Deutsche Burschenschaft, und Teile der burschenschaftlichen Bewegung radikalisierten sich. Erst nach der Deutschen Revolution von 1848/49 und dem Ende der Demagogenverfolgung schien die Gründung eines burschenschaftlichen Verbandes wieder möglich zu sein.

Die Deutsche Reichsgründung erfolgte 1871 nach mehreren Kriegen, die von schweren Wirtschaftskrisen begleitet waren. Innenpolitisch bedeutete die Reichseinigung einerseits einen enormen Schub für die Burschenschaften, die sich dem nationalen Einheitsgedanken verpflichtet hatten. Sie konnten nun selbstbewusst auftreten und Mitglieder werben. Andererseits veränderte die neue Situation die burschenschaftliche Bewegung im Deutschen Reich nachhaltig. Nach der Erfüllung der wichtigsten burschenschaftlichen Forderung wandelte sie sich von einer revolutionären Bewegung zu einer staatstragenden. Anders war die Situation in Österreich, wo die Burschenschaften weiterhin fester Bestandteil der deutschnationalen und deutschfreiheitlichen Opposition blieben. In dieser Zeit glichen sich viele Burschenschaften im Reich den Corps an, einige wenige wandelten sich sogar um und traten dem KSCV bei.

Der Allgemeine Deputierten-Convent mini|links|Das Burschenschaftsdenkmal in Eisenach vor seiner Einweihung im Jahr 1902

Die Geschichte des Verbandes Deutsche Burschenschaft beginnt im Jahr 1881 mit der Gründung des Allgemeinen Deputierten-Conventes. In den Jahrzehnten zuvor waren immer wieder kurzlebige Dachverbände entstanden, die aber nie die Mehrheit der Burschenschaften in sich vereinigen konnten und jeweils nach wenigen Jahren an inneren Streitigkeiten zerbrachen (Allgemeine Burschenschaft (1850), Eisenacher Burschenbund (1864), Eisenacher Konvention (1870), Eisenacher Deputierten-Convent (1874)).

Zum 20. Juli 1881 luden schließlich die drei Jenaer Burschenschaften erneut nach Eisenach ein. Dort gründeten 35 Burschenschaften einen Verband, der den unverbindlich gehaltenen Namen Allgemeiner Deputierten-Convent (ADC) erhielt. Die Aufnahme von Burschenschaften aus Österreich wurde zunächst mit der Begründung abgelehnt, dass „der A.D.C. als solcher grundsätzlich die aktive Beteiligung an politischen Fragen verwerfe und diese den einzelnen Burschenschaften überlasse.“ Zwei Jahre später erstand als liberale Gegengründung der Reformburschenschaften der Allgemeine Deutsche Burschenbund.

mini|Das Verbandsorgan: Die Burschenschaftlichen Blätter 1887 erschien erstmals die Zeitschrift Burschenschaftliche Blätter als Verbandsorgan der Deutschen Burschenschaft.

Nach 1880 nahm bei fast allen Dachverbänden der Korporationen im deutschen und österreichischen Kaiserreich der Antisemitismus zu. Der außerordentliche Burschentag des Jahres 1896 verlangte ein Bekenntnis seiner Mitglieder zu Deutschtum und Christentum. Die Alten Herren konnten diesen Trend, der sich auch noch nach dem Ersten Weltkrieg fortsetzte, nicht bremsen.Peter Kaupp: Burschenschaft und Antisemitismus (PDF; 129 kB) S. 10 ff. Der ADC unterstützte mehrere andere Verbände mit „deutsch-völkischen“ Zielen und trat ihnen sogar 1897 auf Antrag des Süddeutschen Kartells in seiner Gesamtheit bei, so dem deutschen Schulverein, dem alldeutschen Verband, dem Verein zum Schutze des Deutschtums in den Ostmarken, dem deutschen Verein für das nördliche Schleswig, dem Kolonialverein und dem Flottenverein.Franz Egon Rode: Die Universitätsburschenschaften im Kaiserreich. In: Christian Oppermann (Hrsg.): Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, Bd. 23, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-8253-4727-7, S. 486

Als 1890 die Vereinigung Alter Burschenschafter (VAB) gegründet wurde, gewannen die Alten Herren erstmals größeren Einfluss auf die Entwicklung eines burschenschaftlichen Verbandes. Neben dem Burschentag wurde seitdem parallel ein Altherrentag ausgerichtet. Am 22. Mai 1902 wurde in Eisenach das Burschenschaftsdenkmal eingeweiht. Im selben Jahr änderte der ADC seinen Namen in Deutsche Burschenschaft.

mini|Mitglieder der Deutschen Burschenschaft (1915) Im Ersten Weltkrieg kamen etwa 3.500 Mitglieder der Deutschen Burschenschaft ums Leben. Zur Unterstützung verwundeter Akademiker wurde auf Initiative der Deutschen Burschenschaft im Jahr 1915 der Akademische Hilfsbund gegründet. Dieser bestand bis in die 1920er Jahre hinein.

Weimarer Republik Bis zum Abschluss des Versailler Vertrages lehnte die Deutsche Burschenschaft das politische System der Weimarer Republik nicht völlig ab.Heike Ströle-Bühler: Der Studentische Antisemitismus in der Weimarer Republik. Eine Analyse der Burschenschaftlichen Blätter 1891 bis 1933, Frankfurt/M. et al. 1991, S. 37. Sie begriff diese stattdessen als Chance, nun ihre alten Ziele von einer ständelosen und demokratischen Nationalversammlung seit den Tagen des ersten Wartburgfestes zu verwirklichen. So schwor sie beispielsweise ihre Mitglieder am 22. November 1918 auf einer Tagung in Berlin auf konstruktive Mitarbeit ein.Matthias Stickler: Zwischen Reich und Republik – Zur Geschichte der studentischen Verbindungen in der Weimarer Republik. Historia Academia Band 36, S. 91 f. Ein wesentlicher Auslöser zu einem Stimmungswandel war der Friede von Saint-Germain, der die Hoffnungen auf ein großdeutsches Reich unter Einschluss Österreichs zunichtemachte.

Im Flaggenstreit befürwortete die Deutsche Burschenschaft eine schwarz-weiß-rote Staatsflagge, um die Kontinuität zum wilhelminischen Kaiserreich zu betonen. Die Farben Schwarz-Rot-Gold wollte sie nur als großdeutsche Farben gelten lassen.Heike Ströle-Bühler: Der Studentische Antisemitismus in der Weimarer Republik. Eine Analyse der Burschenschaftlichen Blätter 1891 bis 1933, Frankfurt/M. et alt. 1991, S. 39. Der Burschentag beschloss dazu:

1919 fusionierte die Deutsche Burschenschaft mit dem RVDB, dem burschenschaftlichen Verband an den Technischen Hochschulen und vollzog im Juli desselben Jahres als Ausdruck ihres großdeutschen Selbstverständnisses schließlich die Vereinigung mit der Burschenschaft der Ostmark (BdO), dem 1907 gegründeten Verband der österreichischen Burschenschaften, wodurch sie zum größten Korporationsverband anwuchs.

mini|Der Burschenschafterturm bei Linz wurde 1917 von der Burschenschaft der Ostmark erworben. 1928 wurde er zum „Anschlußdenkmal“ der Deutschen Burschenschaft ausgebaut.

Nachdem sich die Deutsche Burschenschaft zur Abwehr des Bolschewismus zunächst aktiv für die Unterstützung der Regierung eingesetzt hatte, beanspruchte sie nach 1924 eine führende Rolle in der völkischen Bewegung.Anselm Faust, Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund. Studenten und Nationalsozialismus in der Weimarer Republik, Bd. 1, Düsseldorf 1973, S. 122.

Als dies academicus feierte sie nicht den Verfassungstag, sondern den Tag der Reichsgründung. Sie legte dies erstmals auf dem Eisenacher Burschentag 1920 fest.Heike Ströle-Bühler: Der Studentische Antisemitismus in der Weimarer Republik. Eine Analyse der Burschenschaftlichen Blätter 1891 bis 1933, Frankfurt/M. et alt. 1991, S. 41. Auf diesem Burschentag beschloss sie auch, keine Juden mehr aufzunehmen und von allen neu aufzunehmenden Mitgliedern das Ehrenwort zu verlangen, dass sie „nach bestem Wissen und Gewissen frei von jüdischem oder farbigem Bluteinschlag“ seien:

Dieser vor allem auf Druck der österreichischen Burschenschaften auch in die Grundsätze der Deutschen Burschenschaft aufgenommene Rassestandpunkt erstreckte sich auch auf die zukünftigen Ehefrauen.Peter Kaupp: Burschenschaft und Antisemitismus (PDF; 129 kB) S. 2 Im Rückblick bewertet der Studentenhistoriker Kaupp den Beschluss als „Durchbruch des verhängnisvollen Rassenantisemitismus.“Peter Kaupp: Burschenschaft und Antisemitismus (PDF; 129 kB). S. 3. Einige Alte Herren empfanden den Eisenacher Beschluss als tiefe Entwürdigung und wiesen ihn entschieden zurück. Der Völkerrechtler und Pazifist Hans Wehberg (1885–1962) schrieb einen kritischen Artikel und sammelte Unterschriften gegen diesen Beschluss. Etwa 100 Alte Herren unterstützten ihn aktiv. Das war eine kleine Minderheit.Helma Brunck: Die Deutsche Burschenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus, München, 2000, ISBN 3-8004-1380-9. S. 418. Der Berliner Burschenschafter und Historiker Friedrich Meinecke (1862–1954) warnte 1925 vor der antisemitischen „Verirrung und Verwirrung“: „Eine gute politische Sache wird dadurch gewiß nicht schlechter, daß sie auch von Juden vertreten wird.“Nikolai Wehrs: „Demokratie durch Diktatur? Meinecke als Vernunftrepublikaner in der Weimarer Republik.“ In: Gisela Bock, Daniel Schönpflug: Friedrich Meinecke in seiner Zeit. Franz Steiner Verlag 2006. ISBN 3-515-08962-4. S. 111