Ein Porträt des Künstlers als junger Mann (engl. A Portrait of the Artist as a Young Man) ist der Titel eines autobiografisch geprägten Bildungsromans des irischen Schriftstellers James Joyce über das Leben eines jungen Künstlers von der Kindheit bis zur Studienzeit. Hauptthema ist seine Auseinandersetzung mit der katholischen Sozialisation – mit dem Ergebnis, Irland zu verlassen. mini|hochkant|A Portrait of the Artist as a Young Man, Einband der Erstausgabe mini|hochkant|Deutschsprachige Erstausgabe (1926) Der Roman erschien 1914/1915 in Fortsetzungen in der Zeitschrift „The Egoist“ und am 29. Dezember 1916 erstmals in Buchform. Die erste deutschsprachige Übersetzung von Georg Goyert wurde 1926 publiziert.
Überblick Die Geschichte von Stephen Dedalus spielt Ende des 19. Jhs. in Irland. Die fünf Kapitel orientieren sich an den Phasen seiner Entwicklung: seine Kindheit in Bray mit der Sozialisation in der Familie und im „Clongowes College“ (Kp 1). Seine Jugendzeit nach dem Umzug der Familie nach Dublin im ebenfalls jesuitischen „Belvedere College“ (Kp. 2). Die Selbstfindungsversuche des Jugendlichen und die Schwierigkeiten des Heranwachsenden mit seiner Sexualität im Widerspruch zur Dogmatik der jesuitischen Schule (Kp. 3). Seine Rückbesinnung auf die Lehre der katholischen Kirche (Kp. 4). Die Entscheidung gegen den Eintritt in den Jesuitenorden und eine Ausbildung zum Priester (Kp. 4). Die Diskussionen mit den Kommilitonen am „University College“ über die innenpolitische Situation, über die Forderungen nach Selbstverwaltung und über die Rolle der Kirche als dominante moralische Instanz des Landes. Die Suche nach einem eigenen Weg als Schriftsteller. Er kommt zu der Erkenntnis, dass die traditionellen gesellschaftlichen Auffassungen ihn daran hindern, sein Leben und seine Kunst frei zu entwickeln, und so beschließt er am Ende des Romans, seine Heimat zu verlassen. Bei seinem Abschied sieht sich Stephen in der Nachfolge des Dädalus-Mythos, auf den das Motto aus Ovids Metamorphosen verweist: Dädalus erfindet Flügel zur Flucht aus Minos’ Gefangenschaft auf der Insel Kreta (Kp. 5).
Handlung
Motto aus Ovids „Metamorphosen“VIII, 188 über Dädalus' Erfindung der Flügel
Kapitel 1 Der kurze einleitende Abschnitt („Es war einmal vor langer Zeit“) exponiert aus Stephens Perspektive und in seiner Kindersprache seine Eltern, den Onkel des Vaters Charles, die geliebte Nachbarstochter Eileen Vance und die Erzieherin Mrs. Riordan (Dante) im Haus in Bray und deutet sowohl die liebevolle (Tanzlied) als auch die Angst einflößende Erziehungsmethode an: „kommen die Adler und hacken ihm die Augen aus“ (I, 1). Dann springt die Handlung ins „Clongowes Wood College“, eine von Jesuiten geführte Internatsschule, und zeigt, wie sich Stephen aus dem Getümmel eines Rugby-Spiels heraushält. Der intellektuell begabte, aber wenig sportliche Junge steht am Rand seiner Elementarklasse, wird mit Spott in einen Sumpfgraben geschubst und landet wegen seiner schwachen Gesundheit bei Bruder Michael auf der Krankenstation, wo er hofft, von seiner Mutter abgeholt zu werden (I, 2), aber das geschieht erst in den Weihnachtsferien.
Zum Weihnachtsessen (I, 3) haben die Eltern Gäste eingeladen. Am Tische entwickelt sich schnell eine Diskussion über die sozialen, politischen und religiösen Spannungen in Irland. Anlass ist der Tod des Politikers Charles Stewart Parnell 1891. Mr. Casey ist Anhänger Parnells und verteidigt ihn gegen den Anschlag katholischer Aktivisten. Onkel und Frau Riordan (Dante) vertreten die Gegenposition. Simon Dedalus unterstützt Casey, seine Frau versucht auszugleichen und die Emotionen zu dämpfen. Stephen versucht ein Gedicht über Parnell zu schreiben.
Zurück im College, führt die Entdeckung von fünf Schülern der Oberklasse bei sexuellen Spielen und ihr Verweis aus der Schule zu Verunsicherungen (I, 4). Als Reaktion darauf verfolgt die Schule eine härtere Linie. Die Disziplin wird verschärft, und die Schüler werden verstärkt körperlich bestraft. Als Stephens Brille durch den Zusammenstoß mit einem Radler zerbricht, vermutet der Studienpräfekt Pater Dolan einen Trick, um nicht studieren zu müssen und bestraft ihn mit „Tatzengeben“, d. h. mit Rohrstockschlägen auf die Hände. Die Mitschüler raten Stephen, sich das nicht gefallen zu lassen und sich zu wehren. Stephen überwindet seine Angst und beschwert sich beim Rektor, Pater Conmee. Dieser zeigt sich milde und versichert ihm, dass es keine solche Wiederholung geben wird. Die Schüler feiern Stephen und er hat ein Gefühl des Triumphs.
Kapitel 2 Aus finanziellen Gründen nehmen die Eltern Stephen vom „Clongowes College“ (II, 1). Auch müssen sie ihr Haus in Blackrock, wo sie inzwischen wohnen, verkaufen und ziehen nach Dublin. Auf einem Kinderfest in Harold’s Cross verliebt sich Stephen in Ellen, sie zeigt Interesse an einer Freundschaft, aber er ist zu schüchtern, darauf einzugehen, und transformiert sie in seinen Gedichten in Byrons Manier, die er in sein grünes Lyrikheft mit dem Jesuiten-Motto „Ad maiorem Dei gloriam“ schreibt, zu der ihn in seinen Träumen begleitenden marienhaften Idealfigur „E.C.“In der Studie „Stephen Hero“ heißt das Mädchen Emma Clery: David Sullivan: „Answering Joyce‘s Portrait“. Nr. 3 „Mishearing Misogny“. Papers of Joyce 1. University of California at Irvine 1995. www.siff.us.es › 2013/11 › Sullivan. Simon Dedalus hat durch seine Beziehungen zu Pater Conmee Freiplätze für Stephen und seinen jüngeren Bruder Maurice am „Belvedere College“ in Dublin bekommen und hofft, dass seine Kinder durch die in der Gesellschaft angesehene Jesuitenschule bessere Aufstiegsmöglichkeiten haben als bei den gewöhnlichen „Christian Brothers“ (II, 2).
Im dritten Abschnitt springt die Handlung um zwei Jahre. Stephen ist jetzt ca. 13 Jahre alt und tritt beim Pfingstspiel der Schule als „Pädagog“ auf. Seine Mitschüler necken ihn mit einer vermuteten geheimen Liebschaft mit einem schönen Mädchen. Aber alles ist platonischer Natur und er besingt sie wie zuvor E. C. in einem Gedicht. Er ist in Diskussionen mit den Kameraden selbstbewusster geworden, kennt sich in den Büchern „rebellischer Schriftsteller“ besser aus als sie, schreibt gute Aufsätze und spielt Theater. Im Spannungsraum zwischen Anpassung an die Regeln des Jesuitenkollegs und seiner eigenen Kopf-Welt gerät er in einen Konflikt, als von Lehrer Tate seine unbewusst oder bewusst kritischen Gedanken als Ketzerei ausgelegt werden. In schneller Reaktion ändert er sofort die Formulierung „ohne eine Möglichkeit, dem Schöpfer näherzukommen“ in „ohne ihn je zu erreichen“. Das wird akzeptiert. Aber seine neidischen Kameraden, v. a. Heron, werfen ihm dies als Anpassung und Verrat vor, andererseits kritisieren sie, als er ihnen seine Überlegenheit in Literatur demonstriert, sein Vorbild Byron als unmoralisch und Ketzer (II, 3).
Die Verarmung der Familie führt zu finanziellen Engpässen, die Stephen in seinen Ansprüchen zuerst nicht realisiert. Denn sein Vater, den er zur Versteigerung des großväterlichen Grundbesitzes nach Cork begleitet hat (II, 4), spielt ihm in seiner Erinnerung an seine Jugendzeit in der Stadt den immer noch starken Mann vor. So verkonsumiert Stephen die Unterstützungsgelder zusammen mit einem gewonnenen Aufsatzpreis verschwenderisch mit Freunden. Die Vorwürfe der Mutter verdrängt er so lange hinter Phantasieplänen, bis das Geld ausgeben ist. Nun durchstreift er einsam die Stadt zum Bordellviertel, getrieben von den körperlichen Spannungen und den in expressiver Sprache und ekstatischen Grenzüberschreitungen formulierten ausschweifenden Gedanken über die Verbindung von sündigen und heiligen Frauen (E. C.). Das Gefühl des Regelverstoßes steigert noch den Genuss, aber diesem folgt der Absturz in die Einsamkeit: „Eine kalte lichte Gleichgültigkeit herrscht in seiner Seele“, wenn er zu einer Prostituierten geht. (II, 5)
Kapitel 3 Das 3. Kapitel beschreibt die geistig-körperliche Existenzkrise. Mit dieser Situation setzt sich der 16-Jährige in seiner Schule im Dezember während der viertägigen Exerzitien (III, 1) intensiv auseinandersetzt. Stephen hört an drei Tagen die ausführlich wiedergegebenen Predigten Pater Arnalls über die Besinnung auf die letzten Dinge, den Tod und das Gericht sowie die Höllenstrafen (III, 2): Nicht nur die nicht bereuten Todsünden, z. B. ein Augenblick rebellischen Stolzes des Geistes, der zu Luzifers Sturz aus der Herrlichkeit führte, sondern auch lässliche Sünden wie ein unkeuscher Gedanke, eine Lüge, zornige Blicke, mutwillige Trägheit kann der sich beleidigt und verspottet fühlende gerechte Gott nicht ungestraft durchgehen lassen. Für jede dieser nicht gebeichteten Sünden folgt die gleiche Strafe, weil die unendliche Liebe des Vatergottes zurückgewiesen wurde, auf die Warnungen der Priester nicht gehört und vor ihnen nicht die Verfehlungen bereut wurden. In der Hölle muss der Sünder unwiderruflich die Höllenpein mit unvorstellbaren Qualen im ewigen dunklen Feuer erleiden. Es sind geistige Schmerzen mit unendlicher Ausdehnung, unendlicher Intensität. Die nicht aufhörende Mannigfaltigkeit der Folter wird begleitet von den unerträglichen Schreien der anderen Sünder und den ständigen Beschimpfungen der Teufel. Nachts verfolgen Stephen die Höllenbilder, er wird sich seiner Sünden bewusst und fürchtet sich vor der in den Predigten angedrohten Verurteilung (III, 3). Ruhelos durchstreift er mit seinen Gewissensqualen die nächtlichen Straßen und entschließt sich nach achtmonatiger Pause wieder zur Beichte zu gehen. In einer zufällig auf seinem Weg liegenden Kapelle bekennt er dem Priester die lange Liste seiner Verfehlungen, den ganzen „schmutzige[n] Fluss des Lasters“, verspricht Besserung und erhält die Absolution. Bei der die Exerzitien abschließenden Messe am Samstagmorgen fühlt er sich sündenfrei und am Anfang eines neuen Lebens.
Kapitel 4 Im vierten Kapitel werden die Bemühungen Stephens erzählt, sich körperlich-geistig durch Askese zu reinigen (IV, 1): Er ordnet seinen Tagesablauf nach strengen Regeln, betet häufig den Rosenkranz, geht zur Messe, beichtet, liest Erbauungsbücher, diszipliniert seine Gedanken, um den Gefahren geistiger Exaltation zu entgehen, und tötet seine Sinne ab: er kontrolliert seine Blicke, den Geruchs-, Geschmacks- und Gefühlssinn. Seine Zornanwandlungen therapiert er mit einem Demutstraining. Aber im Zusammenleben mit den anderen fürchtet er ständig zu versagen und dies führt zu einem Gefühl „spiritueller Trockenheit“, zu Zweifel und Skrupeln: „Seine Seele durchlief eine Periode der Trostlosigkeit.“ Je mehr er sich bezwingt, umso häufiger ist er Versuchungen ausgesetzt. Aber er weiß, dass eine einzige kleine Übertretung all seine Bemühungen zunichtemachen würde, und indem er widersteht, meint er sein Leben gebessert zu haben.