mini|Ambrose Bierce (1892) An Occurrence at Owl Creek Bridge (deutsche Übersetzung 1965 Zwischenfall auf der Eulenfluß-Brücke von Anneliese Dangel) ist eine Kurzgeschichte von Ambrose Bierce, die erstmals am 13. Juli 1890 in William Randolph Hearsts Tageszeitung San Francisco Examiner veröffentlicht wurde. Sie erschien anschließend in der Sammlung Tales of Soldiers and Civilians 1891 in Amerika und kurz danach in der englischen Ausgabe dieser Anthologie unter dem neutraleren Titel In the Midst of Life.Siehe Donald T. Blume: “A Quarter of an Hour”: Hanging as Ambrose Bierce and Peyton Farquhar Knew It. In: American Literary Realism, Vol. 34, No. 2 (Winter 2002), S. 146–157, hier S. 146. Vgl. auch Rainer Schöwerling: Ambrose Bierce · An Occurrence at Owl Creek Bridge. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 149. In der deutschen Übersetzung von Werner Beyer und Joachim Martens wurde In the Midst of Life in der damaligen DDR erstmals 1965 in der Dietrisch’schen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig unter dem Titel Ambrose Bierce · Bittere Geschichten veröffentlicht und ebenso in Westdeutschland in verschiedenen Lizenzausgaben, beispielsweise 1969 im Bremer Schünemann Verlag oder 1992 und 2004 im Weltbild Verlag, ISBN 3-8289-7687-5, verlegt. 1978 wurde die Sammlung unter dem Titel Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen : Erzählungen von Soldaten und Zivilisten aus dem amerikanischen Sezessionskrieg in der Edition Büchergilde, ISBN 3-434-05022-1, publiziert. Zwischenfall auf der Eulenfluß-Brücke in der Übersetzung von Dangel wurde 2011 auch in der von Martin Schulze herausgegebenen Anthologie Amerikanische Meistererzählungen im Kölner Anaconda Verlag, ISBN 978-3-86647-701-8, aufgenommen. Teilweise ist die Kurzgeschichte auf Deutsch auch unter anderen Titeln erschienen, z. B. als Zwischenfall an der Eulenflußbrücke 1986 im (Ost-)Berliner Verlag Neues Leben oder als Audiobuch 1999 unter dem Titel Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke bzw. 2005 als Zwischenfall auf der Eulenfluss-Brücke.

Die Geschichte bedient sich der Technik des unzuverlässigen Erzählens und schildert die, wie erst am Ende deutlich wird, halluzinatorischen Vorstellungen und die Rettungsvision des Protagonisten im Augenblick seines Sterbens, nachdem er im amerikanischen Bürgerkrieg als vermeintlicher Agent der Konföderierten zum Tode verurteilt worden ist und von einem Kommando der Unionstruppen an der Owl Creek Bridge hingerichtet wird.

Inhalt mini|Unionssoldaten am Potomac River 1861 mini|Erstausgabe von Tales of Soldiers and Civilians 1891 mini|An Occurrence at Owl Creek Bridge, Auszug aus der Erstausgabe 1891

Die äußere Rahmenhandlung dieser Erzählung ist einfach aufgebaut. Ohne eine Exposition werden aus einer unbeteiligten Beobachterperspektive anfangs detailliert die Vorbereitungen geschildert, die ein Kommando der Unionssoldaten zur Exekution eines Zivilisten aus den Südstaaten, des wohlhabenden und hoch angesehenen Plantagenbesitzers und Sklavenhalters Peyton Farquhar aus Alabama, in die Wege geleitet hat. Der Verurteilte steht, die Schlinge um den Hals, auf einer den Owl Creek überspannenden hölzernen Eisenbahnbrücke, die Füße auf einer losen, in den Fluss hineinragenden Schienenschwelle, die unter seinem Körpergewicht herunterstürzen wird, sobald der Unionssoldat zur Seite tritt, der sie mit seinem Gewicht am anderen Ende belastet. Während der Blick Peyton Farquhars von der losen Holzbrücke, auf der er steht, zu einem im Wasser schwimmenden Stück Treibholz schweift, wird in seinen assoziativen Bildern die gesamte Entwicklung zusammengefasst, die zu dieser Hinrichtungssituation geführt hat.

Das Stück Treibholz weist zurück auf das an die hölzernen Brückenpfeiler angeschwemmte Treibholz, das Peyton Farquhar anzünden wollte, um durch die Zerstörung der Brücke den Vormarsch der Unionstruppen aufzuhalten. Dieser in patriotischem Übereifer begründete Sabotageakt wurde durch einen graugekleideten Unionsspion motiviert, der den der Sache der Südstaaten glühend ergebenen Farquhar in der Uniform eines Konföderierten in seinem Haus aufsuchte und ihn durch falsche Informationen über die Bewachung der Brücke zu diesem Unternehmen veranlasste.

Peyton Farquhars auf die Vergangenheit gerichteten Assoziationen erstrecken sich jedoch zugleich auf die Zukunft: Er sieht in dem im Wasser schwimmenden Treibholz die Holzbohle, die im Augenblick des Erhängtwerdens ins Wasser stürzen und so im Fluss treiben wird wie dieses Stück Holz. Und noch eine weitere Assoziation wird von dem im Wasser treibenden Stück Holz ausgelöst: Farquhar sieht auch sich selbst, seinen Körper, im Wasser treiben. Dies wird zum Auslösungsimpuls für seine Rettungshalluzinationen. Wenn er seine Hände freibekäme, könnte er die Schlinge abwerfen und in den Fluss springen. Vor den Kugeln könnte er sich durch Untertauchen schützen. Wenn er kräftig genug schwimmen werde, käme er ans Ufer und könnte durch den Wald auf der anderen Seite fliehen und nach Hause entkommen.

Im dritten Teil der Kurzgeschichte wird diese Vision in eine halluzinatorische Realität umgesetzt. Farquhar gelingt es scheinbar, die Hände freizubekommen und sich schwimmend vor den Kugeln der Soldaten hinter einer Flussbiegung in Sicherheit zu bringen. Er eilt in nahezu 24-stündiger Mühsal durch den Wald am anderen Flussufer nach Hause und sieht, erschöpft, mit wunden Füßen und nahezu verhungert, auf der Schwelle seines Hauses im Lichte der Morgensonne des nächsten Tages seine Frau, wie sie ihm von der Veranda herab entgegenkommt und lächelnd ihre Arme nach ihm ausstreckt.

Als er seiner Frau in die Arme fallen will, fühlt er einen betäubenden Schlag auf den Nacken. Er hört einen explosionsartigen Knall; blendendweißes Licht schießt rings um ihn auf – dann ist alles dunkel und still. Peyton Farquhar ist, wie der Erzähler lakonisch mitteilt, tot; mit gebrochenem Genick schwingt sein Körper unter den Schwellen der Eulenfluß-Brücke.

Interpretationsansatz In ihrem äußeren Aufbau besteht An Occurrence at Owl Creek Bridge aus drei voneinander abgegrenzten Teilen. Der erste Abschnitt beginnt in der Erzählgegenwart mit einer ausführlichen Darstellung der Vorbereitungen zur Exekution; dabei ist die Erzählzeit erheblich länger als die erzählte Zeit: auf etwa fünf Seiten wird über wenige Minuten erzählter Zeit berichtet. Es folgt auf etwa drei Seiten eine Rückblende, in der die Voraussetzungen für das Gegenwartsgeschehen aufgezeigt werden. Der dritte Abschnitt beginnt wiederum in der Erzählgegenwart, die Hinrichtung wird vollzogen.Siehe Clifford R. Ames: Do I Wake or Sleep? Technique as Content in Ambrose Bierce's Short Story, “An Occurrence at Owl Creek Bridge”. In: American Literary Realism, 1870-1910, Vol. 19, No. 3 (Frühling 1987), S. 52–67, hier S. 54f. Siehe auch H. Bodden, H. Kaußen: Great American Short Stories · Model Interpretations. 2. rev. Auflage. Klett Verlag, Stuttgart 1980, ISBN 3-12-577130-7, S. 84f.

In den wenigen Augenblicken bis zu seinem Tode durchlebt Farquhar den Wunschtraum einer überraschenden Rettung und tollkühnen Flucht. Die Schilderung, die aus dem Blickwinkel Farquhars wiedergegeben wird, umfasst eine erzählte Zeit von etwa 24 Stunden, während tatsächlich nur wenige Sekunden verstreichen. Zwischen der zeitlich-räumlichen und der subjektiven psychischen Perspektive zeigt sich eine nicht auflösbare Diskrepanz; am Ende erhält der Leser nur die knappe Mitteilung, dass die Exekution vollzogen ist.Vgl. soweit detailliert die Deutung von Rainer Schöwerling: Ambrose Bierce · An Occurrence at Owl Creek Bridge. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 150f. Siehe auch Clifford R. Ames: Do I Wake or Sleep? Technique as Content in Ambrose Bierce's Short Story, “An Occurrence at Owl Creek Bridge”. In: American Literary Realism, 1870-1910, Vol. 19, No. 3 (Frühling 1987), S. 52ff. sowie H. Bodden, H. Kaußen: Great American Short Stories · Model Interpretations. 2. rev. Auflage. Klett Verlag, Stuttgart 1980, ISBN 3-12-577130-7, S. 82ff.

Die Einführungsszene ist als sachlich-unbeteiligter Augenzeugenbericht gestaltet; der Erzähler nennt weder den Namen des Verurteilten noch die Gründe für seine Hinrichtung; ebenso werden der Ort und die Zeit der Exekution zunächst nicht näher erläutert. Erst im weiteren Verlauf der Geschichte wendet sich der Erzähler dem Verurteilten zu. Seine Schilderung des Mannes ist dabei so positiv, dass leserpsychologisch die Grundlage für Sympathie und Einfühlung in die Gedanken, Vorstellungen und Illusionen Farquhars vorbereitet werden: „Seine Augen waren groß und dunkelgrau. Ihrem freundlichen Ausdruck nach hätte man sie nicht bei einem Manne vermutet, um dessen Hals die Schlinge lag. Offenbar war der Mann kein gewöhnlicher Mörder.“Vgl. S. 18f in der Ausgabe des Weltbildverlags, aus der auch im Folgenden zitiert wird. Diese Bemerkung leitet über zu einem ironischen Kommentar des Erzählers, in dem dieser dem Leser die Sinnlosigkeit der Hinrichtung verdeutlicht: „Das großzügige Militärgesetz hat eben Vorsorge getroffen, dass vielerlei Arten von Menschen gehängt werden können. Gentlemen nicht ausgenommen.“ (S. 11)Siehe Clifford R. Ames: Do I Wake or Sleep? Technique as Content in Ambrose Bierce's Short Story, “An Occurrence at Owl Creek Bridge”. In: American Literary Realism, 1870-1910, Vol. 19, No. 3 (Frühling 1987), S. 55 ff. Vgl. auch H. Bodden, H. Kaußen: Great American Short Stories · Model Interpretations. 2. rev. Auflage. Klett Verlag, Stuttgart 1980, ISBN 3-12-577130-7, S. 86 und 89ff.

Wie Rainer Schöwerling in seiner Analyse der Kurzgeschichte aufzeigt, wird die Darstellung „der letzten Vorbereitungen der Henker unterbrochen durch die Verwendung futurischer Konjunktivformen, die den weiteren Verlauf der Handlung gleichsam in der Schwebe halten und so Spannung schaffen.“Vgl. Rainer Schöwerling: Ambrose Bierce · An Occurrence at Owl Creek Bridge. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 151. Dementsprechend heißt es in der Kurzgeschichte: „Auf ein Zeichen des Offiziers würde er [der Sergeant] zur Seite treten, die Planke würde kippen und der Verurteilte zwischen zwei Schwellen hängen“ (S. 19). Damit endet der Augenzeugenbericht; in deutlichem Kontrast dazu werden im Folgenden nur Gedanken, Gefühle und Sinneseindrücke des Mannes geschildert. Die Erzählung gibt das Geschehen nun aus seiner Sicht wieder; doch die Wahrnehmungen Peyton Farquhars stimmen nicht mit der eingangs beschriebenen Realität überein. Während der Fluss unter seinen Füßen in Wirklichkeit schnell fließt „Er [...] ließ den Blick zum strudelnden Wasser des Stromes schweifen, der unter seinen Füßen ungebärdig dahinjagte“ (S. 19), ist seine subjektive Wahrnehmung dem völlig entgegengesetzt: „Wie langsam es [das Treibholz] sich zu bewegen schien! Welch träger Fluß [sic]!“ (S. 19)Siehe die detaillierte Analyse des für den Leser zunächst nicht erkennbaren Übergangs der Erzählperspektive von der Schilderung der objektiven äußeren Tatsachen zur Wiedergabe der subjektiven Bewusstseininhalte Farquhars Clifford R. Ames: Do I Wake or Sleep? Technique as Content in Ambrose Bierce's Short Story, “An Occurrence at Owl Creek Bridge”. In: American Literary Realism, 1870-1910, Vol. 19, No. 3 (Frühling 1987), S. 55–57. Vgl. auch H. Bodden, H. Kaußen: Great American Short Stories · Model Interpretations. 2. rev. Auflage. Klett Verlag, Stuttgart 1980, ISBN 3-12-577130-7, S. 84 und 87ff.