mini|Gedenksteine für Opfer des Seilbahnunglücks von Cavalese 1976 Bei dem Seilbahnunfall von Cavalese am 9. März 1976 stürzte in den italienischen Alpen eine mit 43 Personen besetzte Kabine der Cermisbahn ab. Mit 42 Toten und einer Schwerverletzten ist dies der bis heute schwerste Unfall einer Luftseilbahn. Unmittelbare Unfallursache waren Beschädigung und Riss des Tragseils infolge einer Fehlbedienung bei einer Betriebsstörung, einem Seilüberschlag. In einer kontroversen mehrjährigen juristischen Aufarbeitung wurden letztlich zwei Mitarbeiter der Cermisbahn wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Die Seilbahn wurde wieder aufgebaut. Es kam allerdings im Jahr 1998 durch ein tieffliegendes Militärflugzeug dort zu einem weiteren schweren Unfall.

Ausgangslage mini|Seilbahnkabine im Jahr 1976. Oberhalb der Kabine das Tragwerk, das die Kabine mit den Seilen verbindet; die dickeren Tragseile treten gegenüber den darunter hängenden Zugseilen deutlich hervor.

Die im Jahr 1967 errichtete Cermisbahn verbindet als Luftseilbahn den Ort Cavalese im Fleimstal mit dem Berg Alpe Cermis und dem dortigen Wintersportgebiet. Sie war damals in zwei Abschnitte mit jeweils einer Pendelseilbahn untergliedert. In jedem Abschnitt fuhren zwei Kabinen, die über ein Tragwerk auf feststehenden Tragseilen rollten und durch das darunter befindliche, mit den Kabinen mitlaufende Zugseil bewegt wurden.

Im unteren Abschnitt verlief die Seilbahn über zwei Stützen, in deren Bereich eine verlangsamte Fahrt der Kabine vorgeschrieben war. Um auf Ersuchen des Präsidenten der Cermisbahn mehr Personen transportieren zu können, reduzierten der Dienstleiter () und der technische Direktor diesen Bereich zur Verkürzung der Fahrdauer bereits im Jahr vor dem Unfall von 220 Meter auf 134 Meter.

Eine für insgesamt 41 Personen zugelassene und mit 42 Fahrgästen und dem Kabinenführer besetzte Kabine fuhr am Unfalltag um 17:20 Uhr auf diesem Abschnitt talwärts. Als Seilbahnführer war an diesem Tag durch den Dienstleiter ein 36-jähriger Elektriker der Post aus Bozen bestimmt worden, der sich für ein zusätzliches Einkommen von der Cermisbahn bei der Post krankgemeldet hatte. Er bekam den Schlüssel für den Überbrückungsschalter der Sicherheitsvorrichtung ausgehändigt, hatte jedoch nicht die erforderliche Ausbildung zur Seilbahnführung.

Unfallhergang mini|Die zertrümmerte Seilbahnkabine

Auf der Fahrt kam es beim Passieren der unteren Stütze zu einem Seilüberschlag, bei dem sich das Zugseil der Bahn über das Tragseil legte. Ein Sicherheitssystem, das in solchen Fällen bereits bei einer Berührung der beiden Seile wirksam wird, löste eine Zwangsbremsung aus, die die Seilbahn sofort und automatisch stoppte. Das Sicherheitssystem wurde jedoch schon zuvor häufig – und nach einer telefonischen Anweisung des stellvertretenden Dienstleiters auch diesmal – von dem Seilbahnführer überbrückt und die Bahn wieder angefahren. Damit schliffen die beiden Stahlseile aufeinander, bis etwa eine Minute später das dadurch zunehmend beschädigte Tragseil riss. Die Kabine stürzte je nach Bericht 30 Meter oder mehr ab, schlug auf einem Steilhang auf und wurde beim Aufprall durch ihr drei Tonnen schweres Tragwerk zerdrückt. Sie überschlug sich dort mehrmals und wurde durch das Zugseil noch etwa 100 Meter weitergeschleift.

Helfer von der 200 Meter entfernten Talstation erreichten die Unfallstelle innerhalb kurzer Zeit. Nachfolgend trafen Feuerwehr, Rotes Kreuz, Carabinieri, Hilfskräfte aus den umliegenden Orten sowie Hubschrauber der Armee ein. Dennoch konnten sie 42 Personen nur noch tot oder sterbend bergen; eine 14-jährige Mailänderin mit lebensgefährlichen inneren Verletzungen konnte als einzige gerettet werden.1976: Scores die in cable car tragedy, BBC On This Day, 9. März 1976. Unter den tödlich Verunglückten waren 21 Deutsche, 13 Italiener, sieben Jugendliche aus Österreich und eine Person aus Frankreich, nach anderen Berichten 22 Deutsche und 12 Italiener.

Der Kabinenführer der anderen Kabine, die ohne Fahrgäste bergwärts gefahren war, konnte sich über eine Notleiter der Kabine in Sicherheit bringen. Eine Verwechslung bei der Identifizierung der Verunglückten führte zu einer groß angelegten Suche nach einem zunächst vermissten Venezianer, bei der auch die Hubschrauber eingesetzt wurden. Aufgrund des erst drei Tage später erkannten Irrtums wurde teilweise von unterschiedlichen Zahlen der Verunglückten ausgegangen.

Auswirkungen Zeitnahe Rezeption Der Unfall und dessen Ausmaß lösten große Bestürzung aus, die sich auch in der journalistischen Berichterstattung widerspiegelte. Anfangs war zudem unklar, wie es zu einem zuvor in Europa noch nie vorgekommenen Riss des Tragseils kommen konnte. Das Tragseil der Bahn, das eine 3,5-fache Last-Sicherheit aufweisen muss, war mit 30 Jahren Garantie versehen und zwei Wochen zuvor behördlich kontrolliert und für in Ordnung befunden worden. Eine Überlastung durch die überbesetzte Kabine galt als ausgeschlossen, da viele der Passagiere Jugendliche oder Kinder waren. Kurz wurde ein Anschlag in Betracht gezogen. Spekuliert wurde auch über zu hohe Fahrgeschwindigkeit, ein Seilüberwurf, an der Stütze unentdeckbare Schäden des Tragseils oder Handlungen eines unzureichend qualifizierten Seilbahnführers.

Juristische Aufarbeitung und öffentliche Diskussion Die juristische Aufarbeitung erstreckte sich über fast zehn Jahre und umfasste mehrere Verfahren.

Als Kerben erkennbare Beschädigungen am Tragseil waren wichtige erste Hinweise auf die Unfallursache, ebenso davonsprühende Funken, die ein Mitarbeiter unmittelbar vor dem Absturz an den Seilen beobachtet hatte. Mit Unterstützung von Experten rekonstruierten die Staatsanwaltschaft und das Gericht den Unfallverlauf in den nachfolgenden Monaten; mehrere Personen wurden dabei in Untersuchungshaft genommen. Während Abnutzungsspuren am Schlüssel der Sicherheitseinrichtung unmittelbar von dessen sehr häufigem Missbrauch zeugten und eine überhöhte Fahrgeschwindigkeit der Kabine den Seilüberschlag verursacht hätte, hatten Verantwortliche der Seilbahn dem Seilbahnführer nahegelegt, die Überbrückung und das Telefonat zu verheimlichen. Sein Anwalt befürchtete, dass ein „Sündenbock“ geschaffen werden solle, und in dem Prozess kam es zu Widersprüchlichkeiten. Erst in zweiter Instanz konnte die telefonische Weisung zur Überbrückung der Sicherheitseinrichtung geklärt werden. Das Gericht bestätigte dann im Juli 1977 die Verurteilung des Seilbahnführers und dreier weiterer Verantwortlicher für Organisation und Betrieb der Bahn zu Haftstrafen von 2,5 bis 3,5 Jahren weitgehend. Es sah die fahrlässige Tötung (, sinngemäß: mehrfache fahrlässige Tötung und fahrlässiges Verursachen einer Katastrophe) als erwiesen an. Beamte, denen die behördliche technische Kontrolle der Anlage oblag, wurden freigesprochen. Die Richter merkten an, dass es keine Gesetze zur Sicherstellung der Kompetenz der Seilbahn-Betreiber gegeben hätte.

Zeitungsberichte folgerten als Ursache letztlich Habgier mit dem Versuch, möglichst viele Menschen in kurzer Zeit zu befördern, und sahen diese bei der Betreibergesellschaft der Cermisbahn.

Fast alle Angehörigen der Verunglückten hatten eine Schadensersatzzahlung in einer Gesamthöhe von etwa 1,2 Milliarden Lire akzeptiert und waren damit aus dem Gerichtsverfahren ausgeschieden. Ein im Verfahren verbliebener Angehöriger erklärte seine Motivation: Es müsse festgestellt werden, dass die Cermisbahn wie viele andere italienische Liftanlagen mit inakzeptabler Fahrlässigkeit betrieben werde, mit überbrückten Sicherheitsabschaltungen … Die Untersuchung müsse zu Gesetzen führen, die eine Wiederholung eines solchen Unfalls verhinderten.

Das Kassationsgericht hob 1979 die Verurteilung des Präsidenten der Cermisbahn, des technischen Direktors und des Dienstleiters auf, bestätigte jedoch die Schuld des Seilbahnführers: Auch wenn andere, in diesem Prozess nicht angeklagte, eine Mitschuld haben mögen, hätte er als Elektriker das Ansprechen des Sicherheitskreises klären müssen.

Ein Zeitungsbericht kommentierte, dass die Urteile zuvor – sachgerecht – die erforderliche maximale Aufsicht bezüglich Einrichtung und Aktivität der Seilbahn verdeutlicht hätten. Durch die Aufhebung könne man nun leicht das Gegenteil tun. Auch bei einigen Angehörigen stieß dieses Urteil des Kassationsgerichts auf Unverständnis, wie Zeitungen berichteten.

Das Mitwirken des im Verfahren verbliebenen Angehörigen führte im Jahr 1984 zu neuen Ermittlungen und einem Prozess gegen den stellvertretenden Dienstleiter, der die Überbrückung angewiesen hatte. Dieses Verfahren endete 1985 ebenfalls mit einer Verurteilung zu einer Haftstrafe aufgrund fahrlässiger Tötung.

Weitere Folgen Vorschriften zur Sicherstellung der Kompetenz des verantwortlichen Technikers sowie des Dienstleiters und zur Zertifizierung von Mitarbeitern wurden kurz nach dem Unfall veröffentlicht, ergänztDecreto del presidente della giunta provinciale 10 agosto 1976, n. 43 (beinhaltend vgl. ) und in den Folgejahren weiterentwickelt. Sie waren allerdings teilweise schon vor dem Unfall verfasst und beschlossen worden.

Den Wiederaufbau der touristisch-wirtschaftlich bedeutenden Cermisbahn in gleicher Auslegung übernahm die neu gegründete Gesellschaft „Ri-Cermis“, nach der Fertigstellung im Dezember 1977 dann auch den Betrieb.

Für die 14-jährige Überlebende waren nach den Notfallmaßnahmen weitere medizinische Behandlungen erforderlich. Diese erstreckten sich über fünf Jahre und umfassten eine Reihe von Operationen.

Der Seilbahnführer versuchte wenige Wochen nach dem Unfall, die für die Seilbahnführung erforderlich werdende Zertifizierung zu erlangen, bestand die Prüfung jedoch nicht. Nach Untersuchungshaft und 3-jähriger Haftstrafe, aus der er nach 9 Monaten entlassen wurde, war er gesellschaftlich weitgehend isoliert und nach eigenem Bekunden anhaltender Stigmatisierung ausgesetzt. Der Mitarbeiter, der telefonisch die Überbrückung der Sicherheitseinrichtung angewiesen hatte, erhielt für seine ebenfalls 3-jährige Freiheitsstrafe vollständigen Straferlass.

Retrospektiven Zu dem Unfall erschienen eine Monografie als Buch und mehrere Rückblicke, häufig in Form von Zeitungsartikeln an Jahrestagen des Unfalls, auch als Fernsehsendung und mitunter auch als Beiträge im Internet. Die darin gegebenen Darstellungen des Unfallhergangs unterscheiden sich teilweise in den ausgewählten Details.

Eine im 50-Jahres-Rückblick der ORF-Sendung Südtirol heute vorgenommene Analyse enthielt als Schwerpunkt ein Interview mit dem Buchautor, der als Journalist in der Region gelebt hatte. Er hob in seiner Sicht zu dem Unfall die mangelhaften Zustände der Cermisbahn hervor und schilderte sie an Beispielen:

In seinem Buch nannte er eine Reihe weiterer Missstände, die im Prozess erörtert worden seien, griff die ihm zögerlich erscheinende, sich über fünf Jahre erstreckende Gesetzgebung auf, die auch eine restriktivere Handhabung des Sicherheitsschlüssels vorgeschrieben hätte und zwei Monate nach dem Unfall in Kraft getreten sei. Er schilderte zudem viele Details der Ereignisse, wie auch das bald nachlassende öffentlich-journalistische und staatsanwaltschaftliche Interesse. Schlussendlich sei jedoch durch die Prozesse der Sachverhalt auch mit der gerichtlichen Feststellung aufgeklärt, dass die Anweisung und Ausführung der Überbrückung Teil „einer erschreckend unvorsichtigen und sorglosen Verwaltung der Seilbahnanlage“ gewesen seien.

In dem 50-Jahres-Rückblick der italienischen Nachrichtenagentur ANSA äußerte Maurizio Fugatti als Landeshauptmann der Provinz Trient, dass die beiden Unfälle der Cermisbahn (dieser und der durch das tieffliegende Militärflugzeug im Jahr 1998) zwei tiefe Wunden wären, im kollektiven Gedächtnis der Region lebendig und präsent seien, und versicherte:

Zwei andere Rückblicke weisen auf Ähnlichkeit zu dem Seilbahnunfall am Monte Mottarone im Jahr 2021 hin.

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

Cavalese 1976 Kategorie:Cavalese