Die Industrialisierung des Tuchmacherhandwerks vollzog sich in Cottbus ab der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die verbesserten Möglichkeiten der Rohstoffgewinnung, das Nutzen von Dampf bzw. Elektrizität für die Verarbeitung der Rohstoffe, das Zusammenlegen der verschiedensten Gewerke für die Tuchherstellung und nicht zuletzt die Entwicklung einer Infrastruktur führten zum Ausbau der Textilfabriken und zur Steigerung der Produktion. Tuchfabrikanten, die ihr Vermögen in den Bau von großen Fabrikanlagen investierten, siedelten sich in Cottbus an. Nach 1875 gab es in Cottbus über 100 Textilfabriken mit fast 6.000 Textilarbeitern, die sich in Cottbus und Umgebung ansiedelten.

Wilhelm Westerkamp jr. mini|links|Parzellenstraße 27, 28 (Aufnahme: März 2019) Unmittelbar vor dem Spree­ufer befand sich in der Parzellenstraße 27/28 die ehemalige Tuchfabrik Wilhelm Westerkamp jr., gegründet am 2. Januar 1891. Die Fabrik wurde 1926 in eine elektrisch betriebene Tuchfabrik umgebaut, 1945 enteignet und als Reparationszahlung demontiert. Später war im Gebäude das volkseigene Bekleidungswerk Cottbus (BeWeCo) eingemietet. Der Betrieb gehörte ab 1968 zum Textilkombinat Cottbus (TKC). 1988 wurde er an den VEB Tuchfabrik Cottbus (TUFA) übergeben, der in diesen Räumen noch einmal begann, eine Spinnerei und Webereivorbereitung aufzubauen. 1990 legte der Betrieb die Streichgarnproduktion still und konzentrierte sich ausschließlich auf die Herstellung von Kammgarngeweben auf der Grundlage von Kaufgarnen, damit endete 1990 die Streichgarnproduktion in Cottbus. Das Gebäude, inzwischen saniert und renoviert, beherbergt heute „die fabrik“, ein Team von selbständigen Unternehmen der Grafik- und Druckbranche.

Tuchfabrikant Valte Nach der „Kittelschen Chronik“ soll Heinrich Gustav Valte im Dorf Ostrow am Kaiser-Wilhelm-Platz, Ecke heutige Briesmannstraße, etwa um 1852 einen Massivbau als Tuchscherfabrik mit einer 12-PS-Dampfkraftanlage sowie ein Wohnhaus (heute Brandenburger Platz 55) und einen Verwaltungstrakt errichtet haben. Die Familie Valte war bereits seit 1652 in der Cottbuser Gegend ansässig und besaß das dafür geeignete Privatgrundstück. Die Tuchscherfabrik war der erste Industriebau in Ostrow. Am 20. März 1876 kam es in der Fabrik zu einer verheerenden Explosion eines Dampfkessels. Beim Eintreffen der Feuerwehr an der Unglücksstelle waren das Kesselhaus, der Schornstein und große Teile der Fabrikanlage bereits ein Trümmerhaufen. Das Feuer unter dem Kessel hatte sich durch kleine und große umherfliegende Trümmerteile auch auf das Wirtschaftsgebäude ausgedehnt. Nach stundenlangem Kampf mit dem Feuer wurden beim Aufräumen der Unglücksstelle 3 Tote gefunden, der Heizer, der Maschinenführer und ein Arbeiter. Erst 1910, nach einer langen Wiederaufbauphase, wurden von dem Unternehmer Emil Neumann wieder Tuche hergestellt. Noch bis 1990 wurden die Gebäude auf unterschiedlichste Weise genutzt, nach 2000 erfolgte der Abriss und das Gelände wartet auf Initiativen und Investoren.

Tuchfabrik M. u. O. Sommerfeld mini|links|Fabrik Sommerfeld, Foto alt 1861 wurde die Tuchfabrik Sommerfeld mit zwei Betriebsteilen gegründet; so befand sich das Heizwerk in der Parzellenstraße 91 (auf dem heutigen Gelände des alten nicht mehr genutzten Heizkraftwerkes für den WK 5). Der zweite Firmenteil befand sich in der damaligen Weberstraße im Bereich der heutigen Lobedanstraße/Inselstraße. 1879 gehörten mehrere Gebäude zu der Fabrik auf einem fast quadratischen Hof. Außerdem gehörten zum Unternehmen die angrenzenden Grundstücke im Osten und Süden. Ludwig Ephraim war mit 25 Jahren Mitinhaber und ab 1904 Alleininhaber der Tuchfabrik Sommerfeld, die 1921 zur GmbH umgewandelt wurde. Die Sommerfeldsche Tuchfabrik war eine der größten in Cottbus. 1923 erwarb sie die Firma M. & O. Sommerfeld GmbH in Cottbus, die mit der Herstellung feiner Streichgarn- und Kammgarnprodukten eine führende Marktposition eingenommen hatte. Beide Fabrikanlagen und die Fabrikantenvilla in der Parzellenstraße wurden im Februar 1945 durch Bomben schwer beschädigt bzw. zerstört. Ludwig Ephraim Sommerfeld war viele Jahre als Stadtverordneter in Cottbus tätig bzw. langjähriger Präsident der Industrie- und Handelskammer für die Niederlausitz. Gleichzeitig war er Mitbegründer des Cottbuser Webschulvereins. Mit Spenden unterstützte er soziale und kulturelle Einrichtungen, so stiftete er z. B. die Venus-Statue im Kuppelfoyer des Staatstheaters. Er war ein sehr sozial eingestellter Unternehmer, langjährige Mitarbeiter erhielten eine Betriebsrente. 1928 verstarb Ludwig Ephraim, er wurde auf dem Südfriedhof beigesetzt.

Die Vereinigte Smyrna-Teppichfabrik Der Grundstock der deutschen Teppichindustrie wurde in Schlesien gelegt. 1854 in Laehn und 1857 in Schmiedeberg im Riesengebirge richtete die Görlitzer Tuchfabrik Gevers & Schmidt die Fabrikation handgeknüpfter Teppiche ein. Zuvor hatte die Firma eine gewisse Anzahl von Webern im Orient die Technik des Knüpfens erlernen lassen. Bereits 1860 waren in der Firma ca. 100 Knüpferinnen tätig und ihre Erzeugnisse erfreuten sich einem sehr guten Weltruf. Bei der Einrichtung der Fabrik in Schmiedeberg war auch der Cottbuser Theodor Kühn beteiligt. Er errichtete um 1860 einen eigenen Betrieb in der Dresdener Straße in Cottbus. 1872 kam es in der Kühnschen Teppichfabrik zu einem Großfeuer, es war im Spinnsaal des Pächters Görges ausgebrochen und zerstörte die Fabrik völlig. Der Neubau erfolgte innerhalb eines Jahres auf einem neuen Grundstück in der Berliner Chausseestraße 34, heute Berliner Straße 15. Diese Firma wurde 1873 vom bisherigen Tuchfabrikanten Oscar Prietsch übernommen, der bis zu 25 Knüpferinnen beschäftigte. 1897 übernahm dann Max Michaelis die Leitung des Unternehmens. Bis zu 400 Knüpferinnen waren durch den allgemeinen Aufschwung in dieser Zeit beschäftigt. Die Fabriken in Schmiedeberg und Cottbus, sowie die Teppichfabriken von Dehmann, Spoerer & Friedrichs aus Hannover schlossen sich zur „Vereinigten Smyrna-Teppichfabriken AG“ zusammen. Es erfolgten mehrere Übernahmen und Zukäufe wie die Fabriken Erblich & Michels, Hannover-Linden.: Alfred Christian Erblich gründete 1880 seine Teppichfabrik. Ab 1885 wurde der Kaufmann Eduard Michels Miteigentümer der Fabrik und man nannte sich nun "Lindener Smyrna Teppichfabrik AG Erblich & Michels". Das Unternehmen war auf die Fabrikation von Teppichen und verwandten Artikeln spezialisiert. 1910 wurden die Maschinen der Roeder Fabrik aus Ansbach und 1920 Grundstück und Gebäude der Firma Paatz aus Schmiedeberg erworben. 1913 wurde die Lindner-Fabrik aufgegeben und die Maschinen und Stühle in den Neubau nach Cottbus überführt. Bis in die 1920er/30er Jahre waren in Cottbus und Schmiedeberg rund 900 Angestellte und Arbeiter in der Teppichproduktion beschäftigt. In Cottbus wurden handgeknüpfte Teppiche, aber auch webtechnische Teppiche hergestellt. Das waren unter anderem Tournay-Teppiche, hergestellt in einer Velours-Technik mit verschiedenfarbigen Polketten (einem separaten Kettfaden-System, das beim Weben von polhaltigem Gewebe die eigentliche Pol-Nutzschicht ergibt und mit einer Jaquardmusterung auf Velours-Maschinenwebtechnik produziert wird) sowie Florteppiche. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte die Firma, später auch im Werk III der Cottbuser Wollfabrik, noch bis 1957 jährlich ca. 50.000–65.000 m² Teppiche her. Danach erfolgte die Verlagerung nach Oelsnitz, Wurzen und Münchenberndorf.

Tuchfabrik Gustav Samson mini|Fabrik Samson, Foto alt Gegründet wurde die Fabrik 1869 durch den Tuchfabrikanten Gustav Samson. 1874 errichtete er eine große Produktionshalle. Um 1880 erfolgte die Erweiterung durch mehrere eingeschossige Produktionshallen. Am 11. März 1889 kam es im Kesselhaus der Fabrik zu einem Brand. 1923 wurden 500 Arbeiter und Angestellte beschäftigt. Die Produktpalette erstreckte sich auf die Produktion von rein wollenen Neuheiten in Streich- und Kammgarnen. Bis 1940 war die Fabrik im Besitz der jüdischen Familie Dr. Martin Bum. Die Villa der Familie Bum wurde in der Pogromnacht 1938 niedergebrannt. Die Aufmerksamkeit einer Hausangestellten rettete die Besitzer. Die Fabrik wurde zwangsarisiert und das Eigentum der Spinnstoff GmbH Schwarza und Schwarza. Dr. Martin Bum wurde 1940 ausgebürgert, sein Vermögen beschlagnahmt. Die Leitung der Spinnstoff GmbH hatten deutsche Chemiker, hier wurden synthetische Wollfasern hergestellt. Eine Besonderheit des Stoffes war seine Nichtbrennbarkeit. Die Fabrik, die 1945 völlig zerstört wurde, befand sich in der Parzellenstraße 15 / Ecke Stromstraße 13. 1970 wurden die bereits nach dem Krieg wiederhergestellten Reststücke für den Bau des Nordrings aufgegeben. Der Standort war unmittelbar neben dem ehemaligen städtischen Sommerbad, auf dem Gelände der heutigen Tischlerei Bosse.

Tuchfabrik Wilhelm Ruff (später Müller) mini|Ostrower Damm 20 Zwischen der Rosenstraße und der Fürst-Pückler-Straße (heutige Franz-Mehring-Straße) erbaute der Färber und Tuchmacher Wilhelm Ruff 1759 zeitgleich mit der Fertigstellung der Wollspinnhäuser seine Fabrik und ein Wohnhaus (später durch ein Großfeuer vernichtet) im Bereich des Mühlgrabens. Er war einer der ersten Tuchfabrikanten in Cottbus. Das Haupthaus der Tuchfabrik war ein langgestreckter zweigeschossiger Fabrikbau. Da es in den frühen Entstehungsjahren um 1800 noch keine fabrikspezifische Architektur gab, orientierte sich die Gestaltung an den Elementen der vorhandenen Wohn- und Arbeitshäuser. Die Ruffsche Fabrik gehörte in der damaligen Zeit zu den aufwendig gestalteten Fabriken in Deutschland. Das Fabrikgrundstück blieb bis 1856 im Besitz der Familie Ruff. Die nachfolgenden Unternehmer F. H. Mathesius und 1881 die Gebrüder Krüger erweiterten die Fabrik nach 1883, insbesondere im Bereich der Rosenstraße. Ab 1907 war die Tuchfabrik im Besitz von Wilhelm Müller, der eine Baumwollspinnerei und Weberei betrieb. Nach einem Großbrand im Hauptgebäude 1915 errichtete er auf den Grundmauern den heute noch erhaltenen Eisen- und Stahlbetonbau. Nach 1945 wurde die Fabrik für unterschiedliche Nutzungen verpachtet. So wurde sie 1964 unter anderem als Teppichfabrik und bis 1991 vom Pharmazeutischen Großhandel genutzt. Um 1997 erfolgte die Planung eines Kinos, die Planung wurde verworfen, da es unklare Grundstücksverhältnisse gab und denkmalpflegerische Belange nicht beachtet wurden. Der Abriss der Wollspinnhäuser erfolgte 1992, die Fabrikantenvilla wurde 2008 geschleift. Die Fabrik selbst wurde entkernt, ausgebaut und beherbergt Kleinunternehmen sowie ein Callcenter.

Tuchfabrik Richard Rottka AG mini|Fabrik Rottka, Foto alt Die 1878 durch den Erbauer H. Elias errichtete Tuchfabrik ging am 1. Oktober 1892 in die Tuchfabrik R. Rottka über. Nach 30-jährigem Bestehen wurde sie am 30. September 1922 in eine AG umgewandelt. Besonderes Augenmerk wurde auf die Herstellung feiner Streichgarn-Herrenstoffe wie Paletot und Ulsterstoffe gelegt. Durch den Straßenbau „Fürst-Pückler-Straße 12“ (heute Franz-Mehring-Straße) wurde der nördliche Teil des Fabrikkomplexes getrennt. Am 2. August 1922 war das Unternehmen von einem Großbrand in der Fabrik betroffen, bei dem 50 Webstühle vernichtet wurden. Bereits im Juli 1923 konnte die Fabrik nach dem Wiederaufbau in ihre Benutzung als Vollbetrieb (Färberei, Spinnerei, Weberei und Appretur) genommen werden. Von 1916 bis 1927 war R. Rottka als unbesoldetes Magistratsmitglied (Stadtrat) in Cottbus tätig. Die beiden voneinander getrennten viergeschossigen, als roter Ziegelbau errichteten Gebäude sind mit einem flachen Dachpappen gedeckten Satteldach versehen. Das um den Hof gruppierte Fabrikgebäude (An der Wachsbleiche) ist ebenfalls in Sichtziegelarchitektur ausgeführt.

Tuchfabrik Ludwig und Wilhelm Polscher mini|Fabrik Polscher, Foto alt