Die Wasserspinne (Argyroneta aquatica), auch Silberspinne oder Silberschwimmer genannt, ist ein Spinne aus der Familie der Wasserspinnenartigen (Argyronetidae) und die einzige Art der somit monotypischen Gattung der Wasserspinnen (Argyroneta). Die Art ist paläarktisch verbreitet und nimmt vegetations- und sauerstoffreiche Gewässer mit hoher Wasserqualität an, die entweder völlig stillstehen oder nur leichte Strömungen aufweisen. Die im Vergleich mittel- bis große Spinne hat eine mehrheitlich braune Färbung. Atypisch für Spinnen ist die Eigenschaft der Wasserspinne, dass das Männchen meist deutlich größer als das Weibchen ist.
Als einzige Spinne überhaupt lebt die Wasserspinne mehrheitlich bis ausschließlich aquatisch und somit unter Wasser. Das Atmen wird ihr durch eine Luftschicht ermöglicht, die Teile ihres Körpers ähnlich wie eine Taucherglocke umschließt und somit eine physikalische Kieme darstellt. Auch nutzt die sedentäre (standortstreue) Spinne als Retrait ein aus Wasserpflanzen zusammengewobenes Gespinst mit Luftvorrat, der regelmäßig erneuert wird. Der Beutefang der wie alle Spinne räuberischen Wasserspinne findet ebenfalls unter Wasser statt, so auch die Fortpflanzung und die anfängliche Brutpflege, die das Muttertier in seinem luftgefüllten Gespinst übernimmt.
Bedingt durch den Rückgang sauberer Gewässer gilt die Wasserspinne als bedroht, obgleich sie stellenweise und darunter in Norddeutschland häufig angetroffen werden kann, während sie nach Süden hin deutlich seltener wird. Durch ihren Rückgang und ihre für Spinnen einzigartige Biologie wurde die Art von der Arachnologischen Gesellschaft 2000 zur Spinne des Jahres erwählt und war die erste Spinne, die im deutschsprachigen Raum diesen Titel erhielt. Der Biss gilt als schmerzhaft, geht jedoch nicht mit medizinisch relevanten Komplikationen einher.
Merkmale mini|Weibchen Das Männchen der Wasserspinne erreicht nach Sven Almquist (2006) eine Körperlänge von 8,2 bis 20 und im Durchschnitt 12,9 ± 2,8 Millimetern, das Weibchen eine von 8,7 bis 12,4 und durchschnittlich 10 ± 1 Millimetern. Damit handelt es sich um einen mittelgroßen bis großen Vertreter der Echten Webspinnen (Araneomorphae) und das Männchen kann bei der Wasserspinne mit Abstand deutlich größer werden als das Weibchen, eine für Spinnen ungewöhnliche Eigenschaft, da bei vielen anderen Spinnen das Weibchen meist größer ausfällt. Unter Wasser erscheint die Art durch die sie umgebende Luft silbrig glänzend.
+ Maße des Carapax (Rückenschild des Prosomas, bzw. Vorderkörpers) der Wasserspinne nach AlmquistGeschlecht Länge in mm Durchschnittliche Länge in mm Breite in mm Durchschnittliche Breite in mm Längen-Breiten-Verhältnis Durchschnittliches Längen-Breiten-Verhältnis Anzahl untersuchter TiereMännchen4,05 bis 6,755,29 ± 0,922,93 bis 4,793,77 ± 0,611,29 bis 1,551,4 ± 0,0817Weibchen3,7 bis 4,844,43 ± 0,422,92 bis 3,973,38 ± 0,311,23 bis 1,381,28 ± 0,0415
Der bräunliche Carapax ist lateral (seitlich) merklich abschüssig. Der Kopf-, bzw. der kephale Bereich ist konisch geformt und erscheint verglichen mit dem Rest des Carapax deutlich blasser. Auf diesem Bereich verlaufen drei dünne Linien und anterior (vorne) besitzt er kurze Setae (chitinisierte Haare). Die für Spinnen typischen acht Augen sind je zu viert in zwei Reihen, eine anteriore und eine posteriore (hintere) angeordnet, die im Falle der Wasserspinne beide prokurv (nach vorne geboren) erscheinen, wenn frontal betrachtet. Alle Augen sind ungleich groß, die anterior medianen (mittleren) Augen sind dabei immer die kleinsten. Das mediane Augenviereck ist posterior am breitesten. Die Höhe des Clypeus (Abschnitt zwischen den anterioren Augen und dem Carapax) entspricht etwa dem Dreifachen des Durchmessers eines anterior medianen Auges.
Die dunkelbraunen und robusten Cheliceren (Kieferklauen) haben schwach ausgebildete Condylen (Ausstülpungen an der Basis), die Ausfuhrgänge der Giftdrüsen sind vergleichsweise groß. Promarginal (innen vorderseitig) haben die Cheliceren je drei und retromarginal (innen rückseitig) je zwei Zähne. Das Labium (sklerotisierte, bzw. verhärtete Platte zwischen den Maxillae, bzw. Mundwerkzeugen und vor dem Sternum) ist länger als breit. Das dunkelbraune Sternum (Brustschild des Prosomas) weist lange Setae auf.
Die Beinformel (absteigende Längenformel der Beinpaare) lautet 1-4-2-3. Alle Beine haben eine braune Grundfarbe. Die beiden vorderen Beinpaare haben ventral (unten) angelegte Stacheln und die beiden hinteren Beinpaare sind mit einer starken Bedeckung aus Setae und kräftigen Stacheln versehen. Diese dienen dem Fixieren von Luftvorräten am Körper der Spinne unter Wasser. Die Femora (Schenkel) und die Patellae (Glieder zwischen Femora und Tibien) verfügen zusätzlich über schräg angeordnete Setae. Zusätzlich haben die Femora des vierten Beinpaars einen aus feinen Setae bestehenden und breiten Kamm. Die Tarsen (Fußglieder) sind allesamt stachellos, verfügen aber dafür jeweils über zwei Reihen aus Trichobothria (Tastsetae). Scopulae (Bedeckungen aus Haftsetae) fehlen bei der Art ganz.
Ein für Spinnen typischer Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) macht sich bei der Wasserspinne neben der Körpergröße auch beim Aufbau des Opisthosomas (Hinterleibs) der gleich gefärbten Geschlechter bemerkbar, da dieses Männchen spitz endet, beim Weibchen jedoch posterior abgerundet ist. Das Opisthosoma ist dorsal (oben) dunkelgraubraun, ventral dunkelbraun gefärbt. Die Tracheen (Luftröhren) sind gut ausgebildet und verfügen über ein anteriore Paar Stigmen (Atemöffnungen) sowie eine einzelne posteriore. Die anterioren Stigmen sind als schlitzartige Öffnungen nahe der Epigastralfurche (ventrale Querspalte am Opisthosoma) ausgebildet und die posteriore Stigma befindet sich halbwegs zwischen der Epigastralfurche und den Spinnwarzen. Letztere bestehen im Gegensatz zu denen anderer Spinnen aus einem Segment. Die anterioren Spinnwarzen sind größer als die übrigen. Die Wasserspinne ist ecribellat (dickere Spinnenseide produzierend), ein Colulus (funktionsloser Hügel und Rest des einstigen sog. Cribellums) fehlt ihr gänzlich.
Die Tibien (Schienen) der Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) haben beim Männchen lange borstenartige Setae. Das Cymbium (erstes und vorderstes Sklerit) eines Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) ist schmal und distal (von der Körpermitte entfernt) verlängert sowie mit mehreren Stacheln versehen. Der Embolus (drittes und letztes Sklerit des Bulbus) entspringt an der prolateralen (vorne seitlichen) Fläche des Bulbus und endet beim Sporn des Konduktors (den Embolus führender und stützender Fortsatz). Dieser hat eine Furche. Das Atrium (innere Kammer am Eingang) der Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) ist deutlich von einem breiten mit Setae bedeckten Septum (Trennwand) zweigeteilt. Die Kopulationsöffnungen, die in die sehr kurvigen Kanäle münden, befinden sich an weiteren kleinen Atrien. Die Spermatheken (Samentaschen) sind sehr stark sklerotisiert (verhärtet).
Verbreitung und Lebensräume mini|Männchen an einem Uferbereich, gefunden im Ústecký kraj in Tschechien Das Verbreitungsgebiet der Wasserspinne reicht von Europa über die Türkei, Kaukasien, Russland (Europa bis zum Fernen Osten), dem Iran, Zentralasien, der Mongolei, China und Korea bis nach Japan. In Europa selber ist die Art flächendeckend verbreitet und fehlt nach bisherigen Kenntnissen innerhalb Kontinentaleuropas nur in Portugal, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Griechenland. Ferner fehlen Nachweise der Spinne innerhalb Europas von der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja, Franz-Josef-Land, der Inselgruppe Spitzbergen, Island und sämtlichen Inseln des Mittelmeers.
Bedingt durch ihre Lebensweise nimmt die Art ausschließlich Gewässer als Habitate (Lebensräume) an. Diese müssen sauerstoffreich sein und viel Vegetation aufweisen sowie keine bis eine geringe Strömung aufweisen. Gängige Beispiele der von der Spinne genommenen Gewässer bilden Teiche, Seen und Flüsse mit leichter Strömung, daneben aber auch Marschland.
Lebensweise mini|links|Weibchen unter Wasser mit den deutlich sichtbaren Luftvorräten Als einzige Spinne überhaupt ist die Wasserspinne an eine vollständig aquatische Biologie angepasst und verbringt nahezu ihr gesamtes Leben unter Wasser. Die Art ist ein guter Schwimmer und bewegt sich, sofern im Wasser schwimmend, immer mit der Ventralfläche nach oben gerichtet fort. Die Lokomotion selber geschieht mittels rudernder Beinbewegung, die, obgleich sie unbeholfen wirken, eine zielgenaue Fortbewegung ermöglichen. Nur in seltenen Fällen verlässt die Spinne das Wasser, etwa zur Erschließung eines neuen Lebensraumes, kann sich aber allgemein auch an Land problemlos fortbewegen. Auch die unabdingbaren Reinigungen der Setae werden außerhalb des Wassers durchgeführt.
mini|Weibchen beim Erneuern seines Luftvorrats Die Lebensweise unter Wasser wird der Wasserspinne durch gespeicherte Luftvorräte ermöglicht. Dieser Luftvorrat in Form einer Luftblase umschließt Teile ihres Körpers unterhalb der Wasseroberfläche. Das Beibehalten der Luft am Körper geschieht mittels der kurzen Setae, die gefiedert und derart dicht angelegt sind, dass die Luft an ihnen haften bleibt. Die großen stachelartigen Setae hingegen dienen dem Durchstoßen der umgebenden Wasseroberfläche bei der Fortbewegung. Insgesamt funktioniert der gespeicherte Luftvorrat ähnlich wie eine Taucherglocke und ist faktisch eine physikalische Kieme. Die erfolgreiche Atmung durch den mitgenommenen Luftvorrat wird der Art durch ihr für Spinnen überdurchschnittlich gut entwickeltes Tracheensystem gewährleistet. Außerdem ist die Wasserspinne bedingt durch den mitgenommenen Luftvorrat etwas leichter als das umgebende Wasser. Um verbrauchte Luft zu erneuern lässt sie sich bis zur Wasseroberfläche wie schon bei der Fortbewegung bauchaufwärts nach oben treiben, bis sie mit der Spitze ihres Opisthosomas die Wasseroberfläche durchstößt. Dies dient dazu, dass die alte Luft entweichen und neue aufgenommen werden kann. Durch einen Ruck löst sich die Spinne von dieser Position und taucht wieder unter. Das Männchen der Wasserspinne kann insgesamt tiefer und besser tauchen als das Weibchen und zeigt sich auch allgemein agiler.
Unterschlupf mini|links|Illustration des Unterschupfes der Wasserspinne aus „Les arachnides de Belgique“ (1882) von Léon Becker mini|Weibchen beim Betreten des Luftvorrats seines Wohngespinstes