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Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern ist ein im Jahr 2013 veröffentlichtes Sachbuch des deutschen Publizisten Richard David Precht. Darin fordert Precht eine „Bildungsrevolution“ für das deutsche Schulwesen, unter anderem mit einer Neufassung der Lehrerrolle und Lehrerausbildung sowie mit der gezielten Förderung intrinsischer Lernmotivation von Schülerinnen und Schülern unter Beseitigung des herkömmlichen Benotungssystems. In Verbindung mit der Individualisierung von Lehr- und Lernprozessen in jahrgangsübergreifenden Projekten und im Ganztagsschulbetrieb käme es im Sinne Prechts auch zur Abkehr vom Schema der fachspezifischen 45-Minuten-Unterrichtsstunde. Das Buch fand in den Medien eine überwiegend kritische Aufnahme.

Stoffgliederung

An die als Vorgriff und Aufriss angelegte Einleitung unter der Überschrift Anna, die Schule und der liebe Gott schließen die beiden Hauptteile des Buches an.

Der erste Hauptteil unter dem Titel Die Bildungskatastrophe besteht aus fünf Unterkapiteln: 1. Was ist Bildung?; 2. Klassenkampf in der Schule; 3. PISA, G8 und andere Dummheiten; 4. Das Dilemma unserer Schulen; 5. Lehrer als Beruf.

Der zweite Hauptteil mit dem Titel Die Bildungsrevolution enthält sechs Unterkapitel: 1. Bildung im 21. Jahrhundert; 2. Wie geht das Lernen?; 3. Individualisiertes Lernen; 4. Jenseits von Fach und Note; 5. Bessere Schulen; 6. Bildung für alle!

In der Einleitung umreißt Precht unter anderem den Adressatenkreis seiner Programmschrift: Lehrer, die mit den gegenwärtigen Verhältnissen unzufrieden sind; Schüler, die für ihre künftigen Kinder auf neue, begeisternde Schulen hoffen; Eltern, die nach Argumenten zum Aufbegehren gegen die bestehende Schulpraxis suchen; und Bildungspolitiker, die vor der „größten Strukturveränderung unseres Bildungssystems seit den sechziger Jahren“ stehen. (S. 10 f.) Laut OECD-Studien habe Deutschland unterdessen „eines der schlechtesten Schul- und Bildungssysteme unter allen Industrienationen der Welt“. (S. 15) Ändere sich daran nichts, drohe fortschreitender Zerfall in ein Zwei-Klassen-System. „Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind auf eine Privatschule. Und die öffentlichen Schulen verkommen zu Restschulen für Unterprivilegierte.“ (S. 17) Auch sei die herkömmliche staatliche Schule den Herausforderungen der künftigen Berufswelt nicht gewachsen, in der es Berufe „wie Reisekauffrau, Apotheker, Bibliothekarin, Schaffner, Steuerberater usw.“ im Fortgang der digitalen Revolution nicht mehr geben werde. (S. 18) Den hergebrachten, vermeintlichen Gegensatz zwischen arbeitsmarktgebundener und rein individueller Bildung hält Precht für nur scheinhaft und überwunden. (S. 20) Letztlich möchte er erreichen, dass man „in zwei oder drei Jahrzehnten“ ähnlich staunend auf das gegenwärtige Bildungssystem zurückblickt, „wie wir heute darüber staunen, dass Frauen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in fast ganz Westeuropa kein Wahlrecht hatten oder noch Anfang der sechziger Jahre in Deutschland selbständig kein Konto eröffnen und ohne die Unterschrift ihres Mannes keinen Mietvertrag unterschreiben durften.“ (S. 22)

Inhaltliche Akzente

Inspirierende Bildungsreformer Der eingehenden Darstellung des eigenen Zukunftsmodells stellt Precht die Reflexion früherer Bildungsreformansätze in Deutschland voran. Am Wirken Wilhelm von Humboldts hebt er hervor, dass er allen Menschen, unabhängig von ihrem Beruf und Stand, ein Bedürfnis und ein Recht auf Bildung zusprach, wobei die allgemeine Menschenbildung der Berufsbildung vorauszugehen habe. Denn Humboldts wichtigstes Ziel – laut Precht „neu, intelligent und modern“ – sei „Partizipation und Teilnahme an einer allgemeinen bürgerlichen Öffentlichkeit“ gewesen. (S. 33 f.) Die reformierte Gymnasialbildung sei nach Humboldts baldigem Rücktritt als Reformgestalter allerdings einer kleinen Oberschicht vorbehalten geblieben. Dabei habe Humboldts Schwerpunktsetzung bei den alten Sprachen Griechisch und Latein „fernab von der Lebenswirklichkeit preußischen Lebens“ für die Kinder von Bauern und Handwerkern besonders ausschließend gewirkt.

Einen weiteren inspirierenden Bildungsreformer sieht Precht in Georg Kerschensteiner mit seinem Motto: „Politische Bildung für alle!“ Nicht in erster Linie durch Wissen, sondern durch Tun sollte sich die Persönlichkeit des Kindes bei Kerschensteiner entfalten. „Die Kinder sollten kochen und werken lernen, gärtnern und experimentieren. Nur was praktisch beherrscht wird, ist gewusst und gekonnt“. Mehr als die Einführung der Berufsschule sei von diesem der Emanzipation von Arbeiterkindern förderlichen Ansatz aber nicht umgesetzt worden, beklagt Precht. (S. 42 f.)

Einen für den Urheber selbst überraschenden Erfolg hat laut Precht – nach Wilhelm von Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhunderts und Kerschensteiner am Anfang des 20. Jahrhunderts – in den 1960er Jahren Georg Picht mit seinem Buch Die deutsche Bildungskatastrophe erzielt und damit eine „Bildungsrevolution“ ausgelöst. Picht verband seine Klagen über bevorstehenden Lehrermangel, überlebte Gymnasien und zu kleine Universitäten mit der Anprangerung einer fortbestehenden Klassenstruktur in Schulsystem und Bildungswesen. „Für Picht war es ein Skandal, dass das deutsche System aus Volksschule, Realschule und Gymnasium im zarten Kindesalter festlegte, was aus dem einen oder anderen später einmal werden konnte“. (S. 50 f.) Da nach allgemeiner Überzeugung auch wirtschaftliche Gründe für eine breite Höherqualifizierung nachwachsender Jahrgänge sprachen, kam es Ende der 1960er Jahre und in den 1970ern zu einer breit angelegten Expansion von Bildungsausgaben und Bildungseinrichtungen, für Precht mit dem Ergebnis, dass in dieser und der Folgezeit Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern nirgends in Europa bessere Aufstiegschancen hatten als in Deutschland. (S. 53 f.)

Die gegenwärtige Bildungsmisere Seit Mitte der 1990er Jahre, so Precht, läuft die Entwicklung, möglichst jedem eine Bildungschance zu geben, wieder rückwärts. Unterdessen seien die Bildungschancen vieler wieder ähnlich ungleich verteilt wie zur Zeit des Bundeskanzlers Konrad Adenauer. „Man muss keine Studien aus dem Keller holen, um zu belegen, wie skandalös eng schulische Leistungen und soziale Herkunft in Deutschland zusammenhängen. Der Numerus clausus vererbt sich hierzulande genauso wie das Fünferzeugnis.“ (S. 56 f. und 78) Außerdem konstatiert Precht eine Tendenz zur Aushöhlung des öffentlichen Schulwesens, indem Gutverdienende ihre Kinder neuerdings vermehrt auf Privatschulen schickten. Das öffentliche Schulwesen werde „zum Ressort der Minderbemittelten und Minderbetuchten mit weiterem Leistungseinbruch“ – wie gegenwärtig bereits in den meisten öffentlichen Schulen der USA. (S. 77–79)

Als treibende Kraft hinter den Fehlentwicklungen sieht Precht von der Politik kurzsichtig übernommene Wirtschaftsinteressen, die dazu geführt hätten, dass das deutsche Bildungssystem seit den 1990er Jahren nach den „halb verstandenen und flüchtigen Bedürfnissen von Konzernen“ umgebaut worden sei. Auf die Erhaltung der ökonomischen Konkurrenzfähigkeit seien alle Maßnahmen zur Förderung der Exzellenz im Bildungssystem gerichtet, so auch der Bologna-Prozess, „in dem unsere Studenten verlernt haben, was es im guten Sinne heißt zu studieren.“ Gezielt werde vielmehr auf „clevere, hochgezüchtete Spezialisten mit einem ganzen Portfolio an Abschlüssen und Zertifikaten.“ (S. 86 f.)

Kritisch sieht Precht auch die „ganze multinationale Testindustrie“ unter anderem in Bezug auf die PISA-Studien. Messbar seien grundsätzlich nur Quantitäten, nicht aber Qualität. Folge man Kerschensteiner, demzufolge Bildung das ist, was übrig bleibt, wenn man alles Gelernte wieder vergessen hat, dann erweise sich Bildung als nicht messbar. (S. 88) „In jedem Fall aber speichern wir die Erinnerung nicht isoliert“, merkt Precht bei anderer Gelegenheit an, „sondern immer als Teil eines Zusammenhangs, der Spuren bei uns hinterlassen hat. Lais – Spur, Bahn oder Furche – ist die indogermanische Wurzel des Wortes ‚Lernen‘.“ (S. 200)

Die hohe Wertschätzung und Überschätzung der MINT-FächerNews4Teachers – Das Bildungsmagazin: Precht mischt die Politik auf – und beleidigt Wanka, vom 22. Juli 2013; abgerufen am 4. Juni 2020. in der Bildungspolitik sei neben der beruflichen Verwertbarkeit auch darin begründet, dass sie für Leistungsmessungen besonders geeignet schienen. „Wie smart unsere Schüler sind, wie geschmeidig sie denken und kombinieren, wie sinnlich oder musisch sie die Welt erfassen, wie kreativ sie mit ihren Kenntnissen umgehen können, welche Transferleistungen sie erbringen und nicht zuletzt wie glücklich sie ihre zehn, zwölf oder dreizehn enorm prägenden Lebensjahre in der Schule verbringen – all das bleibt völlig außen vor.“ (S. 94 f.)

Für einen schwerwiegenden Fehler hält Precht zudem eine Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr (Abitur nach der zwölften Jahrgangsstufe bzw. G8 für das achtjährige Gymnasium), womit wiederum Forderungen aus der Wirtschaft nach jüngeren Abiturienten erfüllt würden, die dann bis zur Altersrente entsprechend länger auch in die Sozialkassen einzahlten. Zu keinem Zeitpunkt habe man das Wohl der Kinder im Auge gehabt, zumal das Stoffpensum dabei nahezu das Gleiche bleibe. „Kinder, die heute eine Turboschule besuchen, haben während ihrer Gymnasialzeit 1200 Stunden mehr als die Kinder zuvor. 1200 Stunden, die noch vor wenigen Jahren Freizeit waren.“ (S. 99 f.)

Die nötige Erneuerung des Lehrpersonals Zwei Grundbedingungen muss jemand als Lehrer für Precht erfüllen, um als gut gelten zu können: Es muss sich um eine Person handeln, die Kinder liebt, und zweitens um eine, der man gern zuhört. Beides könne man nicht lernen. Es gehe um einen künstlerischen Beruf, der ein besonderes Talent voraussetze: begeistern, motivieren und befähigen zu können. „Gute Lehrer sind Artisten im Sozialen; sie sind Darstellungs- und Vermittlungskünstler. Und ein guter Unterricht ist ein Kunststück, das jeder Lehrer gemeinsam mit seinen Schülern versuchen sollte zu schaffen.“ (S. 140 f.) In der heutigen Lebensumwelt benötigten Lehrer ganz andere Fähigkeiten in der Unterrichtsgestaltung als in der Vergangenheit, damit Schüler ihnen überhaupt zuhörten und von ihnen etwas annähmen. Der Beamtenstatus gehöre aus dem System unbedingt entfernt, damit nicht zu viele Ungeeignete sich für diesen Beruf entschieden. (S. 142 f.)

Statt der herkömmlichen pädagogischen Fakultäten hält Precht Kunsthochschulen für passendere Einrichtungen der Lehrerausbildung. Der Aufnahme vorausgehen solle ein Casting (etwa auf Grundlage eines 30-minütigen Vortrags zu relevantem Schulstoff), das nur geeignete Personen zulässt. (S. 154 f.)„Während Länder wie Finnland tatsächlich Castings veranstalten, bei denen in etwa so wenige Kandidaten durchkommen wie bei einer deutschen Schauspiel- oder Kunsthochschule, nehmen wir in Deutschland alle. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass bei uns jeder fünfte Schüler privaten Nachhilfeunterricht braucht, in Finnland dagegen nur jeder fünfzigste.“ (S. 156)