mini|hochkant|Ptolemaios IX., Relief am Tempel von Edfu

Ptolemaios IX. Philometor Soter II. (; * wohl 143 oder 142 v. Chr.; † etwa im Dezember 81 v. Chr.), weitere Beinamen Lathyros ()Der Beiname Lathyros wird bezeugt durch Strabon, Geographika 17,795; Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 13,370; Plutarch, Coriolan 11,3; u. a. und vielleicht auch Physkon (), stammte aus der Dynastie der Ptolemäer. Nach dem Tod seines Vaters Ptolemaios VIII. Euergetes II. war er zunächst gemeinsam mit seiner Mutter Kleopatra III. ab 116 v. Chr. Pharao (König) von Ägypten. Seine Mutter verdrängte ihn 107 v. Chr. zugunsten ihres jüngeren Sohnes Ptolemaios X. Alexander I. aus der Regierung. Er konnte sich 105 v. Chr. als Herrscher Zyperns etablieren und war dann erneut von 88 v. Chr. bis zu seinem Tod 81 oder 80 v. Chr. König Ägyptens.

Leben Abstammung und Jugend Ptolemaios IX. war der älteste Sohn des ägyptischen Königs Ptolemaios VIII. und von dessen Nichte Kleopatra III.Pausanias, Beschreibung Griechenlands 1,9,1; Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 39,3. Mehrere antike Quellen heben seine Erstgeburt hervor. Laut seinem Horusnamen erfolgte seine Geburt gleichzeitig mit jener eines am 18. Februar 142 v. Chr. zur Welt gekommenen Apis-Stiers. Zwar muss Ptolemaios IX. nicht notwendigerweise am gleichen Tag wie der Apis geboren worden sein, aber viele Althistoriker wie Chris BennettChris Bennett: Ptolemy IX. Anmerkung 5. und Hans Volkmann nehmen gemäß der erwähnten hieroglyphischen Titulatur zumindest das gleiche Geburtsjahr an, so dass sie Ptolemaios’ Geburt auf 143/142 v. Chr. ansetzen. Da aber die Heirat von Ptolemaios VIII. und Kleopatra wohl erst 141/140 v. Chr. erfolgte, vertritt u. a. Günther Hölbl die Meinung, dass Ptolemaios IX. erst 140/139 v. Chr. zur Welt kam.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 181.

Für das Jahr 135/134 v. Chr. wurde Ptolemaios IX. das hohe kultische Amt des Alexanderpriesters übertragen.B. P. Grenfell, A. S. Hunt, J. G. Smyly, E, J. Goodspeed u. a. (Hrsg.): The Tebtunis Papyri. Band 3, Oxford University Press u. a., London / New York 1902-1938, Nr. 810. Nachdem Ptolemaios VIII. 130 v. Chr. seinen Sohn von seiner Schwestergemahlin Kleopatra II., Ptolemaios Memphites, hatte hinrichten lassen, rückte Ptolemaios IX. zum Thronfolger auf. Kurz vor dem Tod seines Vaters, etwa 117 v. Chr., wurde Ptolemaios IX. auf Betreiben seiner Mutter als Statthalter nach Zypern geschickt. Kleopatra III. bevorzugte nämlich ihren jüngeren Sohn Ptolemaios X. und wollte ihn nach dem absehbaren Tod Ptolemaios’ VIII. zu ihrem Mitherrscher erheben; und für diesen Zweck war es dienlich, dass Ptolemaios IX. fern von Alexandria weilte.

Erste Regierungszeit in Ägypten Als Ptolemaios VIII. im Juni 116 v. Chr. starb, sollte es Kleopatra III. laut seinem testamentarischen Willen freistehen, denjenigen ihrer beiden Söhne, den sie bevorzuge, zum Mitregenten zu ernennen. Allerdings musste sie aufgrund des Drucks der Heeresversammlung und der Alexandriner akzeptieren, dass Ptolemaios IX. den ägyptischen Thron bestieg und zusammen mit ihr regierte.Pausanias, Beschreibung Griechenlands 1,9,1f.; Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 39,3,2. Auch die bereits etwa 70-jährige Kleopatra II. nahm kurzzeitig an der Samtherrschaft ihrer Tochter Kleopatra III. und ihres Enkels Ptolemaios IX. teil, da ein im Oktober 116 v. Chr. in der Thebais ausgestelltes Papyrus nach diesem Herrschertrio datiert.Demotischer Papyrus Rylands 3,20 Kleopatra II. starb bald darauf wohl vor dem März 115 v. Chr. und wird nicht mehr in den erhaltenen Papyri erwähnt.

Vom Beginn seiner Regierung an war Ptolemaios IX. bemüht, sich als religiöser Exponent Ägyptens zu profilieren und hatte daher fast jedes Jahr in der Zeitspanne von 116–107 v. Chr. das Amt des Alexanderpriesters inne. Nur für das siebte Regierungsjahr 111/110 v. Chr. ist bisher kein dokumentarischer Nachweis entdeckt worden. In seiner Eigenschaft als Alexanderpriester versah Ptolemaios IX. den dynastischen Kult der Theoi Philometeres Soteres, in den neben seiner Mutter auch er selbst eingeschlossen war. Kleopatra III. nahm aber in der Regierung die führende Rolle ein, wurde daher in den Urkunden vor ihrem Sohn genannt und ließ den der politischen Propaganda dienenden Ptolemäerkult durch die Einrichtung dreier neuer, für ihre Verehrung bestimmte Priesterinnenämter in erster Linie auf ihre Person ausrichten.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 184 f.; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 639 ff.

Im August 115 v. Chr. reiste Ptolemaios IX., wohl in Begleitung seiner Mutter, in den Süden Ägyptens. Wahrscheinlich sollte durch diesen Akt die Stabilität der Regierung demonstriert werden. Der König richtete sein Augenmerk vor allem auf die dort ansässigen, politisch bedeutenden Priesterschaften. So nahm er an einem auf Elephantine veranstalteten religiösen Nil-Fest teil und erfüllte hierdurch seine geistlichen Pflichten als Pharao. Anlass für die Zeremonie war, dass die Wasser des Nils eine für die Landwirtschaft passende Fluthöhe erreicht hatten. Ptolemaios IX. gewährte auch den dortigen Priestern des Gottes Chnum diverse Vorrechte. Er besuchte wohl auch Philai; jedenfalls bestätigte er den auf dieser Nil-Insel angesiedelten Priestern der Göttin Isis bereits früher verliehene Privilegien, die sich auf das Gebiet der Dodekaschoinos bezogen. Die Reise führte den König bis an die Grenze zu Äthiopien. Die für seinen Besuch Südägyptens ausgefertigten Urkunden sowie weitere Dokumente wurden auch auf einer damals erbauten Gedenkstele festgehalten.IG Thèbes/Syene 244; dazu Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 184 f.; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 632.

In erster Ehe war Ptolemaios IX. mit seiner Schwester Kleopatra IV. verheiratet, zu der er ein inniges Verhältnis hatte. Seine Mutter setzte 115 v. Chr. durch, dass er sich von Kleopatra IV. scheiden lassen musste, woraufhin er eine zweite Ehe mit seiner jüngeren Schwester Kleopatra Selene einging.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 39,3,2. Kleopatra III. stand offenbar zu ihrem Sohn in einer gespannten Beziehung, doch ist nicht sicher belegbar, dass sie ihn – wie von manchen Althistorikern angenommen – bereits vor dem endgültigen Bruch 107 v. Chr. zeitweilig von der Herrschaft ausschloss.

In einem von Kleopatra III. und Ptolemaios IX. 114 v. Chr. erlassenen Prostagma erhielt der Finanzminister (Dioiketes) Eirenaios die Oberaufsicht über alle Prozesse, in die Vertreter des Fiskus involviert waren.B. P. Grenfell, A. S. Hunt, J. G. Smyly, E, J. Goodspeed u. a. (Hrsg.): The Tebtunis Papyri. Band 1, London / New York 1902-1938, Nr. 7. Im Frühjahr 112 v. Chr. kam der römische Senator Lucius Memmius, der damals vielleicht Prätor war, nach Ägypten. Auf Anweisung der von Ptolemaios IX. und seiner Mutter angeführten Zentralregierung in Alexandria erhielt er bei seinen Besuchen der Sehenswürdigkeiten des Landes überall ehrenvolle Aufnahme. Vielleicht stand der Anlass seiner Reise im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Krieg gegen Jugurtha.B. P. Grenfell, A. S. Hunt, J. G. Smyly, E, J. Goodspeed u. a. (Hrsg.): The Tebtunis Papyri. Band 1, London / New York 1902-1938, Nr. 33; dazu Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 638. Außerdem unterhielt Ptolemaios IX. freundschaftliche Beziehungen zu Athen und erwies dessen Einwohnern viele Wohltaten; so machte er u. a. 111/110 v. Chr. eine Stiftung für das Gymnasion des athenischen Delos.Inschriften von Delos (Inscr. Délos / ID) 1531,3f. = Félix Durrbach, Pierre Roussel, Marcel Launey, Jacques Coupry: Inscriptions de Délos. 7 Bände, Librairie Ancienne Honore Champion, Paris 1926-1972; hier für Nr. 1531: Pierre Roussel, Marcel Launey: Band 4 : Numéros 1497-2219. Paris 1937 (siehe: ID Auf: epigraphy.packhum.org). Im Gegenzug errichteten die Athener beim Eingang des Odeion Standbilder von ihm und seiner Tochter Kleopatra Berenike III.Pausanias, Beschreibung Griechenlands 1,8,6–9,3.

Nach einigen Jahren leidlicher Zusammenarbeit von Kleopatra III. und Ptolemaios IX. in der Regierungspolitik scheinen zunehmende Spannungen zwischen Mutter und Sohn aufgetreten zu sein, welche die Forschung aus dem lückenhaften Quellenmaterial zu belegen versucht. So wurde Ptolemaios IX. offenbar im Herbst 112 v. Chr. vorübergehend in offiziellen Urkunden weder als Alexanderpriester noch als Mitglied der vergöttlichten Ptolemäer erwähnt; zumindest ist dies in einer erhaltenen, aus dem Oktober/November 112 v. Chr. stammenden Inschrift der Fall.Wilhelm Dittenberger (Hrsg.): Orientis Graeci inscriptiones selectae (OGIS). Band 2, 1903-1905, Nr. 739. Die Funktion des Alexanderpriesters übte damals Artemidoros, der Sohn des Sotion, aus. Bereits in einem auf den 4. Dezember 112 v. Chr. datierten Dokument wird Ptolemaios IX. aber wieder als ein in den ptolemäischen Reichskult eingeschlossenes Mitglied erwähnt.Werner Huß, Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 633. Um 109/108 v. Chr. unterstützte Ptolemaios IX. gegen den Willen seiner Mutter Antiochos IX. Kyzikenos durch die Zusendung eines Hilfskontingents von 6000 Soldaten, als der Seleukidenherrscher gegen die Juden unter dem Hasmonäer Johannes Hyrkanos I. kämpfte. Offenbar missbilligte er die projüdische Haltung seiner Mutter, mit der er wegen der Militärhilfe für Antiochos IX. ein schweres Zerwürfnis hatte.Josephus, Jüdische Altertümer 13,274 und 13,278f.

Die deutschen Althistoriker Walter Otto und Hermann Bengtson vermuten einen weiteren zeitweiligen Konflikt zwischen Ptolemaios IX. und Kleopatra III. für das Frühjahr 108 v. Chr.Walter Otto, Hermann Bengtson: Geschichte des Niedergangs des Ptolemäerreiches. Ein Beitrag zur Regierungszeit des 8. und 9. Ptolemäers. München 1938, S. 122f. und 173ff. Kurz nach dem 10. März 108 v. Chr. scheinen sich Ptolemaios IX. und seine Schwestergemahlin Kleopatra Selene wegen Spannungen mit ihrer Mutter für etwas mehr als zwei Monate in die Kyrenaika zurückgezogen zu haben. Ein Beleg hierfür wäre ein Dekret von Kyrene,Supplementum epigraphicum Graecum (SEG) 9,5. das laut Otto und Bengtson vom 10. Mai 108 v. Chr. datiert ist, doch ist diese zeitliche Fixierung umstritten. Falls die Datierung auf 108 v. Chr. korrekt ist, so herrschten Ptolemaios IX. und seine Gattin damals nur in der Kyrenaika. Aufgrund eines Bürgerkriegs kam es demnach in dem Land zu Unruhen. Mehrere adlige Einwohner Kyrenes waren angeklagt, und sie sollten auf Befehl des Königs von ordentlichen Gerichten abgeurteilt, aber keine eigenmächtigen Personalexekutionen gegen sie und ihr Gesinde durchgeführt werden. Ziel war die Rückkehr zu einem Friedenszustand sowie die Gewährung einer teilweisen Amnestie. Die Kyrenaier dankten dem König, indem sie für ihn, seine Schwestergemahlin und seinen Sohn kultische Ehren dekretierten. Sollte im Frühjahr 108 v. Chr. tatsächlich ein Bruch zwischen Ptolemaios IX. und seiner Mutter aufgetreten sein, war er jedenfalls nicht endgültig, denn bereits am 28. Mai 108 v. Chr. datierte ein Schreiber in einem Papyrus wieder nach ihnen. Dies deutet darauf hin, dass die Mutter und ihr Sohn die gemeinsame Herrschaft zu diesem Zeitpunkt wieder aufgenommen hatten.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 633 f.;

Vertreibung aus Ägypten; Erringung der Herrschaft über Zypern