mini|hochkant|Porträtkopf des Ptolemaios X.; Ägyptisches Museum Berlin

Ptolemaios X. Alexander I.Die Durchnummerierung der Herrscher namens Ptolemaios wurde erst in der modernen Fachliteratur eingeführt, wird aber dort nicht ganz einheitlich gehandhabt. Ptolemaios Alexander I. wird in den meisten Fachbüchern als Ptolemaios X. geführt, doch listet ihn beispielsweise der Althistoriker Werner Huß in seinem Standardwerk über die Ptolemäer, Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr., als Ptolemaios IX. (; * um 140/139 v. Chr.; † wohl 88 v. Chr. bei Zypern) war Pharao (König) von Ägypten aus der Dynastie der Ptolemäer. Er regierte von 107 bis 101 v. Chr. als Mitregent seiner Mutter Kleopatra III., danach bis 88 v. Chr. allein über Ägypten. 88 v. Chr. wurde er durch einen Aufstand der Alexandriner vertrieben und kam, eventuell noch im gleichen Jahr, bei einem Eroberungsversuch Zyperns ums Leben.

Leben Abstammung; Namensformen; frühes Leben Ptolemaios X. war der jüngere Sohn von Ptolemaios VIII. und der Kleopatra III. sowie der jüngere Bruder des Ptolemaios IX. Soter. Die offizielle Führung des Doppelnamens Ptolemaios Alexandros in Dokumenten und hieroglyphischen Inschriften ist so ungewöhnlich, dass die deutschen Althistoriker Walter Otto und Hermann Bengtson zu der Annahme neigen, Ptolemaios X. sei, da er nicht der Erstgeborene war, bei seiner Geburt der – auch in den klassischen Quellen bezeugte – Individualname Alexander verliehen worden. Als er später zum König aufstieg, habe er sich den Dynastienamen Ptolemaios zugelegt, aber auch den Geburtsnamen Alexander weiterhin geführt. Dieser Entschluss lag wohl in der programmatischen Bedeutung des Namens Alexander begründet, der die Erinnerung an den zum Reichsgott erhobenen Alexander den Großen wachrufen sollte.Walter Otto, Hermann Bengtson: Geschichte des Niedergangs des Ptolemäerreiches. Ein Beitrag zur Regierungszeit des 8. und 9. Ptolemäers. München 1938, S. 15 und 165 f.

Zeitweilig führte Ptolemaios X. auch die Kultnamen Theos Philometor Soter („Mutterliebender Rettergott“).Diese Kultnamen sind u. a. belegt in Supplementum Epigraphicum Graecum (SEG) 33 und 1359 Vielleicht wurde Ptolemaios X. auch mit den Spottnamen Kokkes oder Sohn der Kokke (Bedeutung unklar) sowie Pareisaktos („Der heimlich [auf den Thron] Eingeführte“) bedacht.Chris Bennett: Ptolemy X. Anmerkung 2 und 3. Als Quellen hierfür liegen das – allerdings erst um 630 n. Chr. verfasste – Chronicon Paschale vor, das Ptolemaios X. als Sohn der Kokke bezeichnet, sowie der antike Geograph Strabon, der in seinem gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. und am Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstandenem Werk Geographika (17,1,8 S. 794) berichtet, dass ein Ptolemaios, der die Beinamen Kokkes und Pareisaktos führte, von Syrien gekommen sei, den goldenen Sarg Alexanders des Großen eingeschmolzen und geplündert habe und daraufhin von den Alexandrinern vertrieben worden sei. Da Strabon den von ihm erwähnten Ptolemaios nicht näher spezifiziert, ist unklar, welchen er meint, doch wird sein Bericht in der Forschung überwiegend auf Ptolemaios X. bezogen. Der Beiname Pareisaktos spielte wohl auf die Umstände der Thronbesteigung Ptolemaios’ X. an; er wurde nämlich, nachdem seine Mutter durch eine List die Vertreibung ihres ungeliebten Sohnes Ptolemaios IX. erreicht hatte, 107 v. Chr. an dessen Stelle auf den Thron gesetzt.Chris Bennett: Ptolemy X. Anmerkung 2.

Da Kleopatra III. ihren jüngeren Sohn Ptolemaios X. bevorzugte, beabsichtigte sie, ihn bereits nach dem Tod seines Vaters im Juni 116 v. Chr. zu ihrem Mitregenten zu ernennen. Ptolemaios VIII. hatte ihr auch testamentarisch das Recht eingeräumt, dass sie sich denjenigen ihrer Söhne, mit dem sie gemeinsam herrschen wolle, aussuchen könne. Allerdings vermochte die bereits etwa 70-jährige Kleopatra II., die Mutter und Rivalin Kleopatras III., mit Hilfe der Heeresversammlung und der Alexandriner durchzusetzen, dass Ptolemaios IX. den Thron an der Seite seiner Mutter Kleopatra III. bestieg.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 39,3,1 f.; Pausanias, Beschreibung Griechenlands 1,9,1 f.; Porphyrios, FGrHist 260 F 2,8; dazu Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 183; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 627 f.

Wahrscheinlich erhielt Ptolemaios X. als Ausgleich etwa im Juli 116 v. Chr. als Nachfolger seines älteren Bruders in der Funktion eines Strategen die Herrschaft auf Zypern.So etwa Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 183; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 628. Es existieren jedoch keine zeitgenössischen Belege, dass er dieses Amt tatsächlich ausübte.Chris Bennett: Ptolemy X. Anmerkung 7. Ein gewisser Helenos wurde sein Tropheus („Helfer“, „Erzieher“) und amtierte wohl von 114–106 v. Chr. als Stratege Zyperns. Auch ein Apollodoros war, vielleicht vor Helenos, Erzieher des Prinzen gewesen. Ptolemaios X. ließ sich 114/113 v. Chr. zum König Zyperns ausrufen und zählte von da an seine Regierungsjahre.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 183; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 642 f. Dementsprechend berichtet der neuplatonische Philosoph Porphyrios, dass Ptolemaios X. später sein achtes Regierungsjahr als Herrscher Zyperns mit seinem ersten als ägyptischer König (und dem elften Kleopatras III.) gleichsetzte,Porphyrios bei Eusebius von Caesarea, Chronik 1,163 edition Schoene was exakt mit den Angaben der Papyri übereinstimmt.

Dass Ptolemaios X. auf Betreiben seiner Mutter bereits von Ende Oktober 110 bis Februar 109 v. Chr. anstelle seines älteren Bruders kurzzeitig ägyptischer König (als Mitregent Kleopatras III.) gewesen sei, wie Otto und Bengtson aufgrund der Datierungen einiger Papyri annehmen, wird heute als eher unwahrscheinlich betrachtet.Chris Bennett: Ptolemy IX. Anmerkung 17. Im September 109 v. Chr. richtete der seleukidische König Antiochos VIII. Grypos ein Schreiben an Ptolemaios X. und informierte ihn darin über ein für Seleukeia erlassenes Freiheitsdekret.

König von Ägypten Mitregent von Kleopatra III. Im Herbst 107 v. Chr. gelang es Kleopatra III., ihren ältesten Sohn endgültig zu vertreiben, indem sie die Alexandriner gegen ihn aufhetzte. Ptolemaios IX. musste aus Alexandria fliehen, während sein jüngerer Bruder Ptolemaios X. Zypern verließ und sich zur ägyptischen Grenze begab. Kleopatra III. ließ ihn von Pelusion nach Alexandria holen und ernannte ihn anstelle Ptolemaios’ IX. zu ihrem Mitregenten, nahm aber selbst die dominierende Rolle in der Herrschaftsausübung ein.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 39,4,1; Pausanias, Beschreibung Griechenlands 1,9,2; Porphyrios, FGrHist 260 F 2,8; dazu Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 186; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 635. Das erste Jahr der neuen Samtregierung wurde dem elften Kleopatras III. und dem achten Ptolemaios’ X. gleichgesetzt. Diese bis zum Tod Kleopatras III. im Jahr 101 v. Chr. beibehaltene Doppeldatierungsweise ist nicht nur in den damaligen Papyri, sondern auch auf Münzen nachweisbar.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 187;

Die Tatsache, dass der jüngere Sohn Kleopatras III. bei seiner Thronbesteigung neben der Annahme des Dynastienamens Ptolemaios auch seinen Geburtsnamen Alexander beibehielt und diesen anscheinend sogar als Kultnamen betrachtete (Alexander der Große wurde als Reichsgott verehrt), ferner, dass er auch seinen einzigen Sohn Alexander nannte, lässt darauf schließen, dass er Alexander den Großen tief verehrte und vielleicht innerhalb der Ptolemäer-Dynastie eine neue Namenstradition einführen wollte.Walter Otto, Hermann Bengtson: Geschichte des Niedergangs des Ptolemäerreiches. Ein Beitrag zur Regierungszeit des 8. und 9. Ptolemäers. München 1938, S. 15; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 642. Bei seiner Krönung nach ägyptischem Ritus erhielt Ptolemaios X. in seiner ihm damals verliehenen hieroglyphischen Titulatur u. a. den Thronnamen „Erbe des Wohltäter-Gottes und der Wohltäter-Göttin, Tochter des Re, der Erwählte des Ptah, …“ In seinem Horusnamen wird angedeutet, dass er seine Erhebung auf den ägyptischen Thron seiner Mutter verdankte.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 644.

Von 107 bis 105 v. Chr. hatte Ptolemaios X. das Amt des eponymen Priesters des Alexander und der vergöttlichten Ptolemäer inne, das zuvor sein älterer Bruder bekleidet hatte. 105/104 übernahm aber seine herrschsüchtige Mutter unter Verstoß gegen die ptolemäische Tradition selbst dieses höchste männliche Priesteramt. Vielleicht setzte sie diesen Schritt auch aufgrund von politischen Differenzen mit ihrem jüngeren Sohn, der sich offenbar als doch nicht so lenkbar wie von ihr erwartet herausgestellt hatte.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 187; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 644 f.