Die Wolfspinnen oder Wolfsspinnen (Lycosidae) bilden eine Familie innerhalb der Ordnung der Webspinnen und zählen dort zur Überfamilie der Wolfspinnenartigen (Lycosoidea). Die prominente Spinnenfamilie zählt zu den zahlenmäßig größten der Ordnung und setzt sich aus kleinen bis sehr großen Arten zusammen, von denen die Mehrheit ohne Fangnetz jagt und stattdessen freilaufend lebt. Einige Arten legen jedoch Unterschlüpfe in Form von selbst gegrabenen Wohnröhren an, die mit Gespinsten versehen werden. Viele Wolfspinnen leben allerdings nomadisch und nutzen bereits vorhandene Versteckmöglichkeiten, etwa die Unterseite von Steinen oder Gehölz als temporären Aufenthaltsort.

Die Mitglieder der weltweit verbreiteten Familie der Wolfspinnen sind langbeinig und kräftig gebaut. Auffällig sind die vergrößerten hinteren Mittelaugen, die direkt nach vorn angeordnet sind. Der Sehsinn ist bei ihnen für die Jagd und die Balz von Bedeutung, aber nicht so gut entwickelt wie bei Springspinnen. Die Balz bei Wolfspinnen setzt sich aus rhythmischen und tanzartigen Bewegungen seitens der Männchen zusammen, für die die vorderen Extremitäten beansprucht werden. Eine weitere Eigenart der Wolfspinnen ist die ausgeprägte Form der Brutpflege. Die Eikokons werden von den Weibchen nach deren Fertigstellung an den Spinnwarzen angeheftet mit sich getragen und die Jungtiere klettern nach dem Schlupf auf das Opisthosoma (Hinterleib) ihrer Mutter und lassen sich von ihr für einige Zeit tragen, ehe sie sich vom Muttertier trennen und selbstständig heranwachsen.

Zu den Wolfspinnen zählen auch die wie alle Arten dieser Familie für den Menschen im Normalfall eigentlich nicht gefährlichen „Taranteln“ (ehemalig Tarentula; heute vorwiegend den Gattungen Hogna und Lycosa sowie teilweise den Scheintaranteln (Alopecosa) zugerechnet). Obgleich größere Exemplare mit ihren sehr kräftigen Cheliceren (Kieferklauen) auch die menschliche Haut durchdringen können, sind medizinisch relevante Folgen nach einem Wolfspinnenbiss nicht die Regel.

Merkmale mini|Dorsalansicht einer weiblichen Wolfspinne Die Wolfspinnen erreichen eine Körperlänge von drei bis zu 45 Millimetern und sind somit kleine bis sehr große Vertreter der Echten Webspinnen (Araneamorphae). Die größte Art der Familie ist die Deserta-Tarantel (Hogna ingens). Die Färbung der Tiere kann sehr variieren und von matt gelbbraun über grau nahezu bis hin zu schwarz reichen. Die dorsale (obere) Körperfläche besitzt zumeist eine Musterung.

mini|links|Frontale Detailansicht einer weiblichen Wolfspinne mit gut erkennbaren Augen und Cheliceren Das Peltidium oder Carapax, das Rückenschild des Prosomas, ist bei den Wolfspinnen länger als breit und schmaler sowie höher in der cephalen (am Kopf gelegenen) Region. Außerdem ist er mit einem dichten Kleid aus Setae (chitinisierten Haaren) bedeckt. Diese kurzen Setae sind aufliegend auf dem Opisthosoma angelegt. Darüber hinaus ist der Carapax mit breiten Bändern versehen. Die Fovea (Apodem) erscheint verlängert. Die acht ungleich großen Augen sind in drei Reihen je übereinander angegliedert. Die untere Reihe enthält vier kleinere Augen. Diese Reihe ist entweder prokursiv, gerade oder rekursiv verlaufend und überschneidet sich nicht mit der mittleren Augenreihe. Diese enthält auffallend große Augen und diese Augen wiederum ein Tapetum. Diese sind zumeist die größten aller acht Augen. Die mittlere Augenreihe ist herausstechend an der Front des Carapax platziert. Die beiden Augen der oberen Reihe sind von der Größe her zwischen denen der beiden anderen und befinden sich anterolateral (vorne seitlich) angeordnet auf dem Carapax. Nur selten sind diese Augen größer als die der zweiten Reihe. Die Augen der Wolfspinnen sind recht leistungsstark. Bei Arten, die in Ufernähe leben, sind auch die Fähigkeiten zum Polarisationssehen (Wahrnehmung der Schwingungsebene polarisierten Lichtes) und zur Sonnenkompassorientierung (Orientierung anhand des Sonnenstandes) vorhanden.Eintrag zu Wolfsspinnen bei Spektrum.de, abgerufen am 23. September 2021. Die Cheliceren (Kieferklauen) sind kräftig gebaut und weisen gerillte Fangfurchen auf. Die Condyle (Ausstülpungen an der Basis der Cheliceren) sind deutlich hervorstehend- Retromarginal (innen rückseitig) besitzen die Cheliceren zwei bis vier (meistens drei) Zähne. Das Labium (sklerotisierte bzw. gehärtete Platte zwischen den Laden an der Vorderseite des Sternums) ist genauso so lang wie breit und halb so lang wie die Laden (umgebildete Coxen, bzw. Hüftglieder der Pedipalpen). Letztere verlaufen mehr oder weniger parallel mit der Scopula (Fläche aus Hafthaaren) am anterioren Rand. Das Sternum (Brustschild des Prosomas) ist von ovaler bis schildförmiger Gestalt.

mini|Lateralansicht einer weiblichen Wolfspinne mit den hier gut erkennbaren Beinstrukturen Die Beine sind lang und meistens kräftig gebaut. Außerdem sind sie rechtläufig ausgelegt. Die Beine besitzen im Regelfall Scopulae. Daneben besitzen die Extremitäten lange, schwarze und aufgerichtete Stacheln und ebenso lange, aufgerichtete und schwärzliche Setae neben kürzeren Setae. An den Tarsen (Fußgliedern) befinden sich je drei Klauen. Davon kann die mediane (mittlere) reduziert sein. Die Trochanter (Schenkelringe) weisen eine distale (von der Körpermitte entfernt liegende) Einkerbung auf ventraler (unterer) Fläche auf.

mini|links|Rückansicht einer weiblichen Wolfspinne mit gutem Blick auf das Opisthosoma Das Opisthosoma (Hinterleib) hat eine ovale bis eiförmige Form und ist wie der Carapax dicht mit Setae bedeckt. Die dorsalen (oberen) und ventralen Setae sind aufliegend ausgelegt und von kurzer Länge, während der anteriore (vordere) Endpunkt längere und kurvig verlaufende Setae aufweist. Wolfspinnen besitzen zwecks Atmung zwei Buchlungen sowie ein paar aus röhrenförmigen Tracheen (verzweigte Kanäle zur Luftversorgung), deren Stigmen (Atemöffnungen) sich nahe der Spinnwarzen befinden. Letztere sind wie bei Spinnen üblich in drei Paaren übereinander angeordnet. Wolfspinnen zählen zu den ecribellaten Spinnen, der Colulus (vermutlich funktionsloser Hügel) ist hier anders als bei anderen zu dieser Gruppe zugehörigen Spinnen jedoch auch zurückgebildet. Bei den weiblichen Tieren befinden sich an den anterior-lateralen Spinnwarzen große Ampullendrüsen und an den posterior-medianen Spinnwarzen kleine Ampullendrüsen. Die sekundären Spinnwarzen dienen bei den Weibchen für das Anheften des Eikokons.

Genitalmorphologische Merkmale mini|Detailaufnahmen der Art Artoria terania mitsamt Bulbi (unten links) und Epigyne (beide Bilder unten rechts) Die Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) besitzen bei männlichen Wolfspinnen anders als bei vielen anderen Spinnen bei fast allen Arten keine Apophysen (chitinisierte Fortsätze) an den Tibien. Das Cymbium (erstes und vorderstes Sklerit, bzw. Hartteil) eines einzelnen Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) und die Tibia eines Pedipalpus verfügen gelegentlich über je ein winziges Stridulationsorgan dessen Verbindung. Der Embolus (drittes und letztes Sklerit des Bulbus) besitzt einen variablen Aufbau mitsamt Einfuhrorgan. Er ist jedoch normalerweise lang und schlank gebaut, kann genauso jedoch kurz und abgeschnitten ausgebildet sein. Der Embolus und die terminale (am Ende gelegene) Apophyse, sofern vorhanden, entspringen im Normalfall von einem sklerotisierten Gebilde, das optisch einer Vorspelze ähnelt. Dieses Gebilde besteht aus einer deutlich ausgeprägten Platte mit einem dehnbaren Sack an dessen Basis. Die terminale Apophyse ist entweder klein und an der Basis des Embolus entspringend oder stärker hervortretend und stark sklerotisiert. Außerdem kann sie auch schnabel-, lappen-, zahn- oder schuppenartig sowie sichelförmig ausgeprägt sein. Daneben existiert auch eine mediane Apophyse, die durch eine kleine Membran beweglich am distalen Rand des Tegulums (zweites und mittleres Sklerit des Bulbus) befindlich ist. Diese Apophyse weist oft eine flache Längsrille auf der dorsalen Fläche und einen kräftigen Sporn auf der ventralen Fläche. In seltenen Fällen ist die Medianapophyse klein und polsterartig gebaut und mit einem distalen Fortsatz versehen. Dieser Prozess erstreckt sich dann in retrolaterale (seitlich rückliegende) oder retrolaterodistale (seitlich rückliegende und von der Körpermitte entfernt liegende) Richtung. Der Konduktor (Leiter) kann entweder als tegulärer (rückseitiger) Lappen genauso wie als Sklerit an der Basis des vorspelzenartigen Begildes, der Medianapophyse oder der Terminalapophyse erscheinen.

Die Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) besitzt ein stark sklerotisiertes und medianes Septum (Trennwand), das oft als umgedrehtes T erscheint. Bei einigen Arten ist dieses Septum unauffällig oder fehlend. Neben dem Septum ist oftmals eine Haube an der Epigyne vorhanden. Die Spermatheken (Samentaschen) sind meistens groß, bauchig geformt und gut sklerotisiert. Manchmal sind sie jedoch länglich und schlank oder keulenförmig gestaltet sowie mit einem sogenannten Spermathekalorgan ausgestattet.

Differenzierung ähnlicher Spinnen Wolfspinnen können leicht mit anderen Spinnen aus der Überfamilie der Wolfspinnenartigen (Lycosoidea) verwechselt werden. Ein Alleinstellungsmerkmal der Wolfspinnen ist die Beschaffenheit der Augen, bzw. die der hier deutlich größeren Augen beider oberer Reihen. Von den Luchs- (Oxyopidae) und den Jagdspinnen (Pisauridae), deren obere Medianaugen ebenfalls von einem gitterartigen Tapetum eingerahmt sind, können die Wolfspinnen auch durch den Aufbau der Pedipalpen der männlichen Tiere differenziert werden, da denen der Wolfspinne Apophysen an den Tibien der Pedipalpen fehlen. Bei den Männchen der anderen Familie sind dort jedoch welche vorhanden.

Weitere Verwechslungskandidaten der Wolfspinnen sind die Kammspinnen (Ctenidae), bei denen die Augen zwar auch in drei Reihen aufgeteilt sind, wobei sich jedoch deren Anordnung meist von den Augenreihen bei den Wolfspinnen unterscheidet. Dort enthält die oberste Reihe zwei, die mittlere vier und die untere wieder zwei Augen (Anordnung 2-4-2). Außerdem haben die Kammspinnen nur zwei Tarsalklauen, die kammförmig in einer Reihe angeordnet sind, was den Kammspinnen auch ihre Trivialbezeichnung eingebracht hat.

Verbreitung und Lebensräume mini|Männliche Wolfspinne auf dem Boden in Guatemala. Die Familie der Wolfspinnen ist weltweit verbreitet. Dabei kommen in Mitteleuropa etwa 90 Arten vor. Die bevorzugten Habitate (Lebensräume) können innerhalb der Familie sehr unterschiedlich ausfallen. Einige Arten, etwa die der Piratenspinnen (Pirata) sind hygrophil (feuchtigkeitsliebend) und bewohnen demzufolge feuchtere Lebensräume wie Moore oder Sümpfe. Andere Arten, darunter die der Gattungen der Erdwölfe (Trochosa) und Schizocosa bevorzugen Graswiesen oder Laubwälder. Wieder andere Wolfspinnen leben teilweise oder gänzlich unterirdisch. Beispiele dafür sind die Arten der Gattungen Hogna und Geolycosa, wobei die Vertreter erstgenannter Gattung eine teilweise unterirdisch erfolgende Lebensweise bevorzugen und die der letzteren vollständig unter der Erde leben.

Die Arten weniger Gattungen der Wolfspinnen bewohnen vielfältige Habitate, die von arktischen oder alpinen Tundren (oder beide) über Prärien, Salzwiesen und Sandstränden bis hin zu dichten Wäldern reichen können, wie es bei den Wühl- (Arctosa) und den Laufwölfen (Pardosa) der Fall ist.

Lebensweise mini|Weibliche Wolfspinne in ihrer Wohnröhre