Die Kinästhetik, die Lehre von der Bewegungsempfindung, ist den praxisbezogenen Erfahrungswissenschaften zuzurechnen. Seit ihrer Entstehung in den frühen 1970er Jahren an der University of Wisconsin–Madison fand die Kinästhetik vor allem in der Gesundheits- und Krankenpflege Verbreitung. Dafür stellt sie u. a. eine Systematik (siehe Konzeptsystem) zur Verfügung, um Bewegungsressourcen zu beschreiben und adäquate Bewegungsangebote (vgl. Bewegungslernen) zu gestalten. Erkenntnisse der Medizin, Psychophysik, Verhaltenskybernetik und Neurowissenschaften bilden den wissenschaftlichen Bezugsrahmen dieses Interaktions- und Lernsystems, in dem die Wahrnehmung der eigenen Bewegung als zentraler Weg zur ganzheitlichen Gesundheitsförderung betrachtet wird.Theresia Ostermann: MH Kinaesthetics ® und Salutogenese ein Beitrag zur ganzheitlichen Gesundheitsförderung. Medizinische Universität Graz, 2010, Universitätslehrgang Public Health, Master’s-Arbeit. (Zugriff: 11. November 2011; PDF-Datei; 1,53 MB) Die Ursprünge der konzeptionellen Entwicklung der Kinästhetik gehen auf die US-Amerikaner Frank White Hatch und Linda Sue („Lenny“) Maietta (1950–2018) zurück.Maren Asmussen: Praxisbuch Kinaesthetics. Erfahrungen zur individuellen Bewegungsunterstützung auf Basis der Kinästhetik. Elsevier, München 2006, ISBN 3-437-27570-4 286x286px|mini|Frank White Hatch (2011)
Etymologie und Definition Der englische Terminus Kinaesthetics und seine deutsche Übersetzung Kinästhetik wurden Anfang der 1970er Jahre vom US-amerikanischen Verhaltenskybernetiker Frank White Hatch geprägt und bezeichnen die „Lehre von der Kinästhesie“,Duden: Das Fremdwörterbuch. Leipzig/Mannheim 2005, ISBN 3-411-04058-0, S. 928. wobei Kinästhesie (engl. kinaesthesis, kinæsthesis, kinesthesis, kinesthesia) ‚Bewegungsempfindung‘ bedeutet und als „Fähigkeit, Bewegungen der Körperteile unbewusst zu kontrollieren und zu steuern“ definiert ist. Die Wortschöpfung kinaesthesis – eine Kombination der beiden altgriechischen Wörter κινέω (kineō = ‚bewegen‘, ‚sich bewegen‘) und αἴσθησις (aisthēsis = ‚Wahrnehmung‘, ‚Erfahrung‘) – geht zurück auf den britischen Neurologen Henry Charlton Bastian, der um 1880 anregte, damit den Bewegungssinn (Sense of Movement → Kinaesthesis) und ein für die Verarbeitung von Bewegungsempfindungen zuständiges Gehirnareal (Sense of Movement Centre → Kinaesthetic Centre) zu bezeichnen.Henry Charlton Bastian: The brain as an organ of mind. Keagan Paul, London 1880, S. 543. (Zugriff: 11. November 2011)
Begriffsverwendung und Abgrenzung In der Kinästhetik – wie auch in der Psychologie, Pädagogik und Pflegewissenschaft – werden Bezeichnungen wie kinästhetische Wahrnehmung, kinästhetischer Sinn oder kinästhetisches Sinnessystem meist als Synonyme für die Propriozeption bzw. Tiefensensibilität, also als Sammelbegriffe für Lage-, Kraft- und Bewegungssinn, verwendet. In der Sinnesphysiologie wird der Begriff Kinästhesie benutzt, um lediglich den Bewegungssinn zu bezeichnen. In der Fachliteratur wird auch auf die Bedeutung der vestibulären Wahrnehmung für die Tiefensensibilität hingewiesen.z. B.: „Einen wichtigen Beitrag zur Propriozeption leistet das Vestibularorgan“ R. Schmidt, H.-G. Schaible: Neuro- und Sinnesphysiologie. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2006, ISBN 3-540-25700-4, S. 215, Die Kinästhesie basiert auf Rezeptoren des Stütz- und Bewegungsapparates in Gelenken, Muskeln (Muskelspindeln) und Sehnen (Golgi-Sehnenorgane) und läuft zu großen Teilen unbewusst ab.
Kinästhetik bzw. Kinaesthetics bezeichnet hingegen die Vermittlung und/oder Anwendung der Fähigkeit, durch erhöhte Achtsamkeit eine bewusstere Bewegungsempfindung zu erreichen und Informationen des kinästhetischen Sinnessystems über die Rezeptoren des Stütz- und Bewegungsapparates gezielt für effektive Bewegungsgestaltung und -anpassung einzusetzen. Die Propriorezeptoren des Muskuloskelettalen Systems werden als Erfolgsorgan für effektive Bewegungsausführung genutzt.
Abzugrenzen ist der Begriff Kinästhetik von der angewandten Kinesiologie. Letztere ist ein alternativmedizinisches Diagnose- und Behandlungskonzept, das von anderen Personen unter anderen Grundannahmen entwickelt wurde und das muskuläre Reaktionen für ganzheitliche Diagnostik (vgl. kinesiologischer Muskeltest) zu nutzen versucht.
Entwicklungsgeschichte der Kinästhetik mini|200px|Die Kinästhetik-Begründer Lenny Maietta und Frank Hatch 2011 bei einer Veranstaltung in Wien mini|200px|Praktischen Ausdruck finden die Prinzipien der Kinästhetik auch in diversen Tanzpraktiken, wie hier der Contact Improvisation mini|178px|Anna Halprin
Die Ursprünge der konzeptionellen Entwicklung der Kinästhetik gehen auf die US-Amerikaner Frank White Hatch und Linda Sue („Lenny“) Maietta zurück. Neben der Verhaltenskybernetik und dem Tanz werden von den Begründern auch die Bewegungstherapie und die humanistische Psychologie als wesentliche Quellen der Kinästhetik genannt.F. Hatch, L. Maietta: Kinästhetik. Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten. 2. Auflage. Urban & Fischer, München 2003, ISBN 3-437-26840-6. Im Herbst 1980 organisierten Maietta und Hatch die First International Humanistic Psychology conference in Saragossa. Die Begründer standen in Dialog und Austausch mit Moshé Feldenkrais, Gregory Bateson, Berta und Karel Bobath, Liliane Juchli sowie Nancy Roper.
Frank Hatch arbeitete als Tänzer, Choreograph und Produzent, betrieb Forschung über die Ethnologie des Tanzes und studierte Verhaltenskybernetik bei Karl U. Smith.F. Hatch, L. Maietta, S. Schmidt: Kinästhetik. Interaktion durch Berührung und Bewegung in der Pflege. 4., überarb. Auflage. DBfK Verlag, Eschborn 1996, ISBN 3-927944-02-5. Nachdem er 1967–1970 Assistant Professor am Dance Department in Madison/Stevenspoint gewesen war, promovierte er 1973 bei Karl U. Smith mit einer verhaltenskybernetischen Untersuchung von Tanz und Tanzkultur.F. W. Hatch: A behavioral cybernetic interpretation of dance and dance culture. Diss. University of Wisconsin, Madison 1973. (Zugriff: 28. November 2011) Hatch begründete an drei amerikanischen Universitäten Programme für Bewegung und Tanz. 1974 hielt er an der California State University Fullerton erstmals Kurse, die den Titel Kinaesthetics trugen. Hatch wandte sich in Folge der Arbeit mit behinderten Kindern sowie dem Gebiet der Rehabilitation zu.
Lenny Maietta war klinische Psychologin und hatte sich seit ihrer Jugend mit körperorientierten Prozessen der menschlichen Entwicklung und persönlichen Entfaltung befasst. Sie studierte ebenfalls Verhaltenskybernetik bei Karl U. Smith und promovierte 1986 mit einer Dissertation zum Thema The Effects of Handling Training on Parent-Infant Interaction and Infant Development.L. Maietta: The effects of handling training on parent-infant interaction and infant development. Santa Barbara, The fielding institute, 1986 Diss. (Zugriff: 28. November 2011) Seit 1977 arbeiteten Frank Hatch und seine spätere Ehefrau Lenny Maietta im deutschen Sprachraum zusammen.
Hatch hatte bereits als Jugendlicher an Tanzklassen und Workshops der Tänzerin und Choreographin Anna Halprin teilgenommen und dort erste Anregungen erhalten, die später für die Konzeption der Kinästhetik wichtig wurden. Halprins Überzeugung, dass man jegliches Bewegen auch als Tanz auffassen könne, spielte dabei eine große Rolle. Gemeinsam mit dem Tänzer John Graham, der mit Halprin zusammengearbeitet hatte, hielten Maietta & Hatch Gentle-Dance-Workshops ab.Verein für Kinästhetik (Hrsg.): Kinästhetisches Lehrmodell. In: Kinästhetik – Bulletin. 16, 1990, S. 8–10. In der Ernest-Holmes-Fachklinik in Kempten im Allgäu wurden zwischen 1976 und 1977 Gentle-Dance- und Kinästhetik-Seminare erstmals auch als Therapieangebot genutzt.
In diese Zeit fällt auch die Zusammenarbeit mit Moshé Feldenkrais, der 1977 Hatchs Einladung angenommen hatte und in Kempten mehrere Workshops hielt. Hatch und Feldenkrais kannten sich bereits aus den USA, wo sie u. a. immer wieder angeregt über Kybernetik diskutiert hatten. Feldenkrais unterstützte als Mentor Lenny Maiettas Dissertationsprojekt und lud sie für mehrere Wochen nach Amherst/Massachusetts ein, wo sie seinem Unterricht beiwohnte. Der Austausch zwischen Feldenkrais und den Kinaesthetics-Begründern war wechselseitig und nachhaltig. Er verdeutlichte auch bestehende Unterschiede und bestärkte Maietta und Hatch im Entschluss, ein Lern- und Kommunikationssystem für Bewegung zu entwickeln, das – durch Bewegung – auch die grundlegenden Prinzipien von Bewegung vermittelt. Feldenkrais ermutigte die beiden, ihre Arbeit in diese Richtung fortzusetzen.
Ende der 1970er Jahre stand Frank Hatch in einem schriftlichen Gedankenaustausch mit Gregory Bateson, dessen Bücher für ihn seit seiner Studienzeit von fundamentaler Bedeutung gewesen waren, da sie ihm halfen Annahme und Wissen – u. a. in Bezug auf Bewegung – zu sortieren: „Unsere Annahmen bestimmen unser Tun“, ist bis heute ein geflügeltes Wort in der Kinästhetik, das auf diese Problematik verweist. Bateson bestätigte im Zuge dieser Korrespondenz, dass die sich wiederholenden Gesetzmäßigkeiten der funktionalen Anatomie, die Maietta und Hatch erkannt und beschrieben hatten, ein sogenanntes Muster, das verbindet bilden.Vgl. A. Müller: Das Muster, das verbindet. In: B. Pörksen (Hrsg.): Schlüsselwerke des Konstruktivismus. 1. Auflage. Springer VS – Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-17148-7, S. 124–142.
1980 begannen Maietta und Hatch mit der Entwicklung des Touch-in-Parenting-Programms, des späteren Kinaesthetics Infant Handling. Die Zusammenarbeit mit der diplomierten Krankenschwester Suzanne Schmidt-Bernard, die 1981–1984 eine Kinästhetik-Ausbildung bei den Begründern absolviert hatte, führte schließlich zur Verbindung der Kinästhetik mit der Krankenpflege und bildete die Grundlage für das berufsspezifische Programm Kinästhetik in der Krankenpflege. 1983 wurde im Krankenhaus Neumünster, Zollikerberg (Schweiz), der erste Kurs für Kinästhetik in der Pflege abgehalten.
Die weitere Entwicklungsgeschichte der Kinästhetik bis hin zu den heutigen curricularen Bildungsinhalten fand in wechselnden organisatorischen Strukturen statt und kann in vier Abschnitte unterteilt werden:
1980–1990: Bewegungserfahrung und Tanz. 1980 wurde in Zürich der Verein für Kinästhetik gegründet. Bis 1985 wurden Gentle-Dance- und Kinästhetik-Kurse organisiert, die sich an ein breites Publikum wandten. In der ersten Phase der damaligen Gentle-Dance- Trainings standen Bewegungserfahrung und Tanz im Vordergrund. Als Diskussionsforum diente das vom Verein für Kinästhetik herausgegebene Kinästhetik Bulletin. Seit 1980 verfügte der Verein für Kinästhetik mit dem Kinästhetik Bulletin über eine Fachzeitschrift. In den insgesamt 16 Vereinsjahren erschienen 24 Bulletins. Nachdem Mitte der 1980er Jahre erfolgreich erste Kurse für Pflegende durchgeführt worden waren, entstand die Arbeitsgemeinschaft „Kinästhetik in der Pflege“, welche die Programmentwicklung und Trainerausbildung organisierte und durchführte.30 Jahre Kinaesthetics – 3 Phasen einer ‚bewegten‘ Geschichte. (Zugriff: 18. August 2012)P. Zwyssing: Verein für Kinästhetik. Die Geschichte 1980–1998. Stiftung Lebensqualität, Siebnen 2010. 1990–2000: Entwicklung des Konzeptsystems. 1990 fand im Kinästhetik Bulletin Nr. 16 Sonderausgabe die erste Konzeptbeschreibung unter dem Titel Grundprinzipien der Kinästhetik statt. Diese Grundprinzipien wurden von 15 Vereinsmitgliedern des Vereins für Kinästhetik beschrieben. Damit war die Basis für das heute bekannte Konzeptsystem gelegt. 1992 folgte die erste Buchveröffentlichung.F. Hatch, L. Maietta, S. Schmidt: Kinästhetik. Interaktion durch Berührung und Bewegung in der Pflege. DBfK Verlag, Eschborn 1992, ISBN 3-927944-02-5. 1994 wurde das Institut für Kinästhetik (IfK AG) gegründet.