mini|Arabisch-uigurischer Schriftzug mit der Bedeutung „uigurisch“

Uiguren (auch Uighuren oder Uyghuren; Eigenbezeichnung: ; )Für die englischsprachige Literatur ist zu beachten, dass die Schreibweise des Ethnonyms für die Uiguren in offiziellen chinesischen Texten „Uygur“ lautet, während die uigurische Diaspora die Schreibweise „Uyghur“ verwendet. Als neutralere Schreibweise wurde auch „Uighur“ vorgeschlagen. (Quelle: ) sind eine turksprachige Ethnie, die ihren Siedlungsschwerpunkt im Gebiet des ehemaligen TurkestansDas als „Turkestan“ (persisch: Land der Türken) im Sinne einer Bezeichnung für die zentralasiatischen Länder im Norden des modernen Persien und Afghanistan begrifflich gefasste Territorium unterlag im Laufe der Geschichte und abhängig vom Standpunkt des Verwenders einigen Wandlungen. In der Literatur und insbesondere in Reiseaufzeichnungen wurde üblicherweise zwischen dem russischen, dem chinesischen und dem afghanischen Turkistan eingeteilt, während manche eine Einteilung in West- und Ostturkestan vornahmen. Anfang des 20. Jahrhunderts war nach Ende des zaristischen Russlands ein gemeinsames Gefühl der Einheit Turkestans gewachsen und es kam 1917 zur Gründung des (nach dem Khanat Chiwa) zweiten unabhängigen Staates Zentralasiens, dem ethnienübergreifenden Staat Turkistan Äwtanam Hukumäti (sogenannte Kokand-Autonomie). Der bolschewistischen Führung in Moskau, die gegenüber jeder ethnischen, tribalen oder lokalen Organisation feindlich gestimmt war, gelang es schnell, dieser Entwicklung gegenzuwirken und durch geschicktes Ausspielen der verschiedenen ethnischen Gruppen gegeneinander, die Gründung der nach ethnischen Einheiten unterteilten Sowjetrepubliken in den 1920er Jahren zu bewirken. Der Begriff „Turkestan“ verschwand aus der Presse und wurde von Stalins Zensoren jahrzehntelang als Name und Konzept verboten, so dass es den Zentralasiaten nicht möglich war, ihre eigene Identität selbst zu bestimmen. (Quelle: ). hat, insbesondere im heutigen chinesischen Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang.

Die Uiguren sind nahezu alle Angehörige des Islam. Überwiegend handelt es sich bei ihnen um Oasenbauern, Kleinhändler und Handwerker. Sie führen Traditionen fort, die ihre Ursprünge im turko-persischen Zentralasien haben. Im 20. Jahrhundert wurden sie stark vom sowjetischen Zentralasien beeinflusst und passten sich den wechselnden äußeren Regimen über ihr Land an, die von nur kurzzeitig erfolgreichen Unabhängigkeitsbewegungen unterbrochen wurden.

Die meisten der schätzungsweise weltweit über 15 Millionen (Stand: 2010) Uiguren leben in dem im Süden Xinjiangs gelegenen Tarim-Becken. Sie stellen die Mehrheitsbevölkerung in dieser Region, die 1759 durch die Qing erobert wurde und danach letztendlich unter eine locker gehaltene chinesische Herrschaft unter den Qing geriet.

Zwar wurde das Tarim-Becken über mehrere Jahrhunderte hinweg vorwiegend von einer turksprachigen Bevölkerung besiedelt, doch erfolgte die Formulierung und formelle Begründung ihrer modernen Identität unter dem Ethnonym „Uiguren“ erst im 20. Jahrhundert. Erste Online-Veröffentlichung: 26. April 2018. Auch verfügbar als: Auf einer Konferenz in Taschkent 1921 nahmen Vertreter der Neu-Uigurisch sprechenden Bevölkerungsteile Westturkestans, deren Sprache nicht oder nur zu geringem Anteil direkt auf das Altuigurische zurückgeht, für sich den Namen „Uiguren“ an.

Im 20. Jahrhundert verschärften die aufeinanderfolgenden chinesischen Staaten mit der Zeit ihre Herrschaft über das uigurisch besiedelte Land. Seit 1949 erhöhte die Volksrepublik China den Prozentsatz der Han-Chinesen in Xinjiang mit einer aggressiven Siedlungspolitik von 5 % auf 40 % Erste Online-Veröffentlichung: 2019, Erste Printausgabe: ISBN 978-90-04-41343-6, 2020, 2020-1. Abgerufen am 29. Mai 2020. und formte aus dem Land im 21. Jahrhundert eine streng überwachte assimilationistische Siedlerkolonie, die von einer von Han-Chinesen dominierten Bürokratie regiert wird.

Ursprung des Namens

Auf die Bezeichnung „Uiguren“ als Ethnonym beziehen sich erstmals die Chinesen während der Han-Dynastie. Auch Chroniken, die von der Nördlichen Wei-Dynastie im dritten Jahrhundert v. Chr. erstellt wurden, sowie die Tang (618–907) und die Song (960–1279) sprachen von Uiguren. Während die Tang sich im 7. Jahrhundert klar auf die Vorfahren der heutigen Uiguren beziehen, gibt es noch immer einige Diskussionen über die Erwähnungen durch die Han und die Nördlichen Wei, ebenso wie über die griechischen und persischen bzw. iranischen Quellen vor unserer Zeitrechnung.

Die Uiguren waren laut chinesischen Quellen eine turksprachige Stammesgruppe innerhalb der Steppen-Stammeskonföderation der Tiele, in der sie die – wenn auch nicht unbestrittene – Vorherrschaft innehatten und deren östlicher Zweig der Toquz oġuz in türkischen und uigurischen Runeninschriften im 8. Jahrhundert in verschiedenen Zusammensetzungen – Üch Oġuz („Drei Oghusen“), Sekiz Oġuz („Acht Oghusen“) und Toquz Oġuz („Neun Oghusen“) – erwähnt wird. Erste Online-Veröffentlichung: 2020, Erste Printausgabe: ISBN 978-90-04-41344-3, 2020, 2020-2. Abgerufen am 29. Mai 2020.

Die Stammesföderation der Tiele wird oft auch mit dem aus den Orchon-Inschriften bekannten Stammesbund der Tölös (auch: Tölis, Töliş) in Verbindung gebracht, bei denen es sich wiederum um die Nachkommen des von den Chinesen als Gaoche bezeichneten Stammes handeln soll, der in chinesischen Quellen bereits im 5. Jahrhundert erwähnt wird.

In chinesischen Quellen wurde den Uiguren des Uigurischen Kaganats (ab 744) auch die chinesische Bezeichnung Jiuxing (九姓) gegeben. Diese Bezeichnung Chiu hsing (dt. etwa „neun Familiennamen/Sippen/Clans/Völker“) entspricht offenbar den Toquz Oğuz der alttürkischen Inschriften und scheint als „Neun Stämme“ verstanden werden zu können. Die chinesische Bezeichnung 九姓 steht möglicherweise in Verbindung zu dem türkischen Ethnonym Toquz Oğuz (dt. etwa: „neun (Stammes)-Verwandte“), das aus muslimischen Quellen bekannt ist.Vgl. Siehe Schriftenverzeichnis von Michael Weiers, URL: https://www.zentralasienforschung.de/bibliographie.pdf, abgerufen am 17. Dezember 2020.Historische Texte dazu bietet: Wolfgang-Ekkehard Scharlipp, Julius von Klaproth u. a.: Abhandlung über die Sprache und Schrift der Uiguren. Die turksprachige Bezeichnung Tokuz Oghuz wurde in muslimischen Quellen (als „tġzġzz“) wohl aus turkischen Quellen entlehnt und entspricht – allerdings nicht ganz ohne Probleme – der Bezeichnung der Konföderation in chinesischen Quellen als Chiu hsing. Die muslimischen Quellen bezogen die Bezeichnung Toquz Oğuz dabei sowohl auf die Uiguren des Uigurischen Kaganats in der heutigen Mongolei, als auch auf die Uiguren, die später die dem Uigurischen Kaganat nachfolgenden diasporischen Uiguren-Staaten bildeten.

Nach der vom Turkologen James Russel Hamilton angebotenen Etymologie gab es eine als tokuz oġuş („Neun Stämme“) bezeichnete Stammeskonföderation, wobei der Begriff oġuş eine Organisationsform unterhalb des Stammes (bod) bezeichnete, also möglicherweise als Clan aufgefasst werden könne. Während der häufigen Verwendung als regelrechter Name für die Föderation habe eine phonetische Fernassimilation von tokuz oġuş zu tokuz oġuz stattgefunden, wovon letztendlich nur der hintere Namensteil übrig geblieben sei. Einer dieser neun Stämme sollen die Uiguren gewesen sein, die sich ihrerseits in die sogenannten on uyġur – die zehn Uigurenstämme oder Clans – aufteilten. Der Name „Uigur“ scheint nach Hamilton eine Umschreibung von „Uroġ/Uġor/Oġur“ zu sein, ein Ethnonym, das mit dem oghurischen Zweig der Turksprachen in Verbindung gebracht wird.James Hamilton: Toquz-Oγuz et On-Uyγur, in: Journal Asiatique 250, 1962, S. 23–63. Türkische Fassung (Übersetzung von Yunus Koç und İsmet Birkan): Die altuigurische Sprache, die im 8. Jahrhundert während des Uigurischen Kaganat gesprochen wurde, ist die gleiche Sprache wie in den Orchon-Jenissei-Inschriften, heute alt-Türki genannt. Die alttürkische Literatursprache, die vor dem 8. Jahrhundert verwendet wurde, soll der uigurischen Literatursprache entsprechen, die bis zum 14. Jahrhundert in den Türki-Bevölkerungen allgemein gebräuchlich war.Dolkun Kamberi, Ph. D.: "Uyghurs and Uyghur Identity". In: Victor H. Mair, Sino-Platonic Papers. Department of East Asian Languages and Civilizations. Number 150 University of Pennsylvania. Mai, 2005.

Verbreitung und Demographie

Von der weltweit zusammengerechneten Bevölkerung der Uiguren von 15 Millionen lebten im Jahr 2010 Schätzungen zufolge etwa 500.000 (also gut 3 Prozent) außerhalb Chinas.

mini|links|Verbreitung der größten uigurischen Bevölkerungen (in zunehmend dunklem Farbton gestaffelt nach Staaten mit über 10.000, über 50.000, über 200.000 und über 10 Millionen uigurischen Einwohnern)

Nach Aufständen der uigurischen Gemeinden in den 1990er Jahren flohen Uiguren in Länder wie Kasachstan, Kirgisistan, Schweden, Deutschland, Australien, Kanada und die USA.

Die uigurische Diaspora macht in mehreren Ländern der Welt einen ansehnlichen Bevölkerungsanteil aus. Die größten diasporischen uigurischen Gemeinden befinden sich (Stand: 2011 oder früher) in Zentralasien, gefolgt von der Türkei, Australien, den USA, Deutschland, Norwegen und Schweden. Die meisten Uiguren außerhalb Chinas leben in Zentralasien, an erster Stelle in Kasachstan (2010 schätzungsweise rund 370.000), aber auch in Kirgisistan und Usbekistan (2010 schätzungsweise jeweils rund 50.000). Außer in den neu unabhängig gewordenen zentralasiatischen Republiken existiert eine signifikante Bevölkerungsanzahl von Uiguren auch in der Türkei, in den USA, Kanada, Australien und europäischen Ländern wie Deutschland und Großbritannien. Der Präsident des Weltkongresses der Uiguren und somit Vertreter von Auslanduiguren, Dolkun Isa, gab 2022 die Anzahl der in den turksprachigen zentralasiatischen Republiken lebenden Uiguren mit über einer Million Menschen an. Diese größte Gruppe der Auslandsuiguren kann dort seinen Angaben zufolge ihre angestammte Kultur ungehindert pflegen. Die Anzahl der in der Türkei lebenden Uiguren bezifferte Isa 2022 auf 50.000 Menschen, die Anzahl der in Europa und Nordamerika lebenden Uiguren auf jeweils 15.000.

Die Uiguren halten sehr engen Kontakt mit den Verwandten auf der ganzen Welt, sowohl mit denen in der Diaspora als auch mit den in der Heimatregion im chinesischen Xinjiang verbliebenen. Besonders erfolgreich erhalten sie die transnationalen Netzwerke mit ihren Verwandten und Bekannten im zentralasiatischen Raum und in der Türkei aufrecht.

Außerhalb von China lebende Uigurengruppen gaben höhere Werte für die Gesamtzahl der Uiguren an (25 Millionen). Auch in etablierten westlichen Medien lassen sich Angaben finden, nach denen außerhalb Xinjiangs rund 10 Millionen und weltweit insgesamt 20 Millionen Uiguren leben sollen.

+ Uigurische Bevölkerung in verschiedenen Staaten nach Schätzungen des Joshua Project Staat Anzahl UigurenStand: 13. Juli 2010 China 10.833.000 Kasachstan 372.000 Kirgisistan 53.000 Usbekistan 50.000 Saudi-Arabien 7.000 Iran 5.600 Afghanistan 3.700 Russland 2.900 Turkmenistan 2.100 USA 1.000 Türkei 800 Tadschikistan 800 Mongolei 300 Taiwan 200 Ukraine 200

Hauptsiedlungsgebiete im früheren Turkestan und Verbreitung in China Die Uiguren leben zum weitaus größten Teil im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang im Nordwesten Chinas und zu einem kleineren Teil in den zentralasiatischen Republiken. Außerhalb von Xinjiang leben rund eine Million (Stand: 2009 oder früher) Uiguren in den größten chinesischen Städten sowie in Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan.

Die bedeutendsten uigurischen Städte sind Ürümqi, die Hauptstadt von Xinjiang, und Kaschgar, ein altes Handelszentrum an der historischen Seidenstraße.

Gesamtchina + Uigurische Ethnie in China nach Volkszählungen, 1953–2010 Jahr Anzahl Uiguren 1953 3.610.462 1964 3.996.311 1982 5.963.491 1990 7.207.024 2000 8.399.393 2010 10.069.346