Die Stadtkirche in Labiau war eine Feldsteinkirche vom Ende des 14. Jahrhunderts und neben dem Königsberger Dom die einzige dreischiffige Hallenkirche im nördlichen Ostpreußen. Bis 1945 war sie die evangelische Pfarrkirche für das Kirchspiel der Stadt Labiau (heute: Polessk) in der russischen Oblast Kaliningrad (Gebiet Königsberg (Preußen)).

Geographische Lage Die heute Polessk genannte Kreisstadt liegt vier Kilometer südlich des Kurischen Haffs an der russischen Fernstraße A 190 (ehemalige deutsche Reichsstraße 126), die von Kaliningrad (Königsberg) nach Bolschakowo (Groß Skaisgirren, 1938–1946 Kreuzingen) führt. Die Stadt ist außerdem Bahnstation an der Bahnstrecke Kaliningrad–Sowetsk (Königsberg–Tilsit). Der Standort der Kirche lag im Zentrum der Stadt unweit des alten Marktplatzes und wird heute von einem mehrstöckigen Wohnhaus überdeckt.

Kirchengebäude Bei der Labiauer StadtkircheHistorische Aufnahme von der Stadtkirche Labiau aus den 1920er/1930er Jahren handelte es sich um eine dreischiffige chorlose Hallenkirche aus verputztem FeldsteinAdolf Boetticher: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen. Band 1: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Samlandes. Königsberg 1898, S. 62–66.Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen, Göttingen, 1968, Seite 60, Abb. 199 bis 201. Mit dem vorgesetzten Westturm aus Ziegeln ging ihre Gründung auf das Ende des 14. Jahrhunderts zurück. Bereits 1545 soll sie renoviert bzw. umgebaut worden sein. So erfolgte die Unterteilung des Raumes in drei Schiffe sowie die Einwölbung erst nachträglich. Das ZellengewölbeBlick in das Gewölbe der Kirche war auf die Mitte des 16. Jahrhunderts zu datieren. In die Seitenschiffe waren Emporen eingebaut.

Im Jahre 1871 fand eine grundlegende Renovierung der Kirche statt, wobei beschädigte Einrichtung durch eine neue ersetzt wurde. Die Kanzel erhielt ihren Platz über dem schlichten Altar an der Ostwand.

Im Jahre 1701 erhielt die Kirche ine von Johann Josua Mosengel erbaute Orgel, die 1870 durch einen Neubau von Wilhelm Sauer in Frankfurt (Oder) ersetzt worden war. Die beiden Glocken stammten aus dem Jahre 1837.

Das Kirchengebäude wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt, im Jahre 1958 stand noch der Kirchturm mit Spitze, und auch die Gewölbe waren noch erhaltenDie Kirchen in Labiau bei ostpreussen.net. Es drohte jedoch der Verfall. In den 1960er Jahren wurde das Bauwerk abgetragen, um Baumaterial zu gewinnen. Die Fundamente verwendete man für den Neubau eines fünfstöckigen unverputzten Wohnhauses, das jetzt den Platz der Kirche einnimmt.

Kirchengemeinde Eine Kirche wurde in Labiau bereits im 13. Jahrhundert gegründetWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, Seite 464. In den 1520er Jahren hielt hier die Reformation Einzug, sodass hier bereits 1532 ein lutherischer Geistlicher amtierte. Ab dem Jahre 1622 kam ein zweiter Geistlicher hinzu, der vor allem die litauischen Belange der Gemeinde sorgte. Dieser sog. „litauische Pfarrer“ war bis 1719 zugleich Rektor der Stadtschule.

Labiau gehörte zu den größeren Kirchengemeinden in der Kirchenprovinz Ostpreußen. So zählte das weitflächige Kirchspiel im Jahr 1925 insgesamt 8904 Gemeindeglieder, die in der Stadt Labiau bzw. in 42 größeren und kleineren Orten in einem Landstreifen zwischen Rinderort (heute russisch: Saliwino) am Kurischen Haff im Norden sowie Friedrichsburg (heute russisch: Furmanowka) im Süden, von Fischerdörfern, Wiesendörfern und mehreren großen Gütern geprägtDie Kirchspiele des Kreises Labiau/Ostpreußen.

Bis 1945 gehörte die Gemeinde der Stadtkirche Labiau zum Kirchenkreis Labiau in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union.

Aufgrund von Flucht und Vertreibung in Folge des Zweiten Weltkrieges sowie der nachfolgenden restriktiven Religionspolitik der Sowjetunion kam das kirchliche Leben in Labiau wie im ganzen nördlichen Ostpreußen zum Erliegen.

Erst in den 1990er Jahren beildete sich in Polessk wieder eine evangelisch-lutherische Gemeinde. Sie ist jetzt eine Filialgemeinde der Auferstehungskirche in Kaliningrad (Königsberg) in der Propstei Kaliningrad (russisch/deutsch) der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland.

Kirchspielorte Die Labiauer Kirchengemeinde zählte neben der Stadt Labiau 42 Ortschaften im UmlandWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3 (wie oben), Seite 464 bis 465. - * = Schulort.: Name Änderungsname1938–1946 RussischerName Name Änderungsname1938–1946 RussischerName *Adlig Bärwalde Iwanowka Klein Naujock Erlenwald (Adlig) Goltzhausenbis 1916: Adlig Bielkenfeld Iwanowka Klein Pöppeln (Alt) Pustlauken Hallenau Lugowoje Klein Reikeninken Kleinreinken (Alt) Rinderort Saliwino Kleinhof Brandlauken Brandfelde Swobodny Kreutzweg Kreuzweg Bulbeckshöfchenbis 1912: Bulbeckshof *Labagienen Haffwinkel Saliwino Eichwalde Neu Bärwalde Iwanowka Friedrichsburg Furmanowka Neu Pustlauken *Gartendorf Neu Rinderort Glückshöfen Neuhof Kreis Labiau *Grabenhof Ottoburg Groß Bärwalde Iwanowka Peldszen,1936–1938: Peldschen Deimemünde Groß Ernstburg Radtkenhöfen Groß Naujock Hindenburg Rehwinkel Groß Pöppeln Retschki Steinfeld Trudowoi Groß Reikeninken Reiken Podsobny *Stellienen Deimetal Lugowoje *Hindenburgbis 1918: Groß Friedrichsgraben I Belomorskoje Thegenwalde Imbärwalde Iwanowka Viehof Tjulenino Jourlauken Kleinkreuzweg Waldhausen Druschnoje Klein Bärwalde Iwanowka Werderhof Klein Ernstburg Iwanowka Westenhöfen

Pfarrer Als Pfarrer amtierten an der Stadtkirche in Labiau die GeistlichenFriedwald Moeller, Altpreußisches Evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1968, Seite 79 bis 80:

1. Pfarrstelle: Laurentius N., 1532 NN., 1535 Melchior Schwarzhorn, 1541–1545 Simon Hahn, 1545–1549 Matthäus Vogel, 1549–1551 Hieronymus Nutzelius, 1551–1552 Johann Putrigallus, 1552 Georg Junghenlein, 1552–1562 Johannes Bretke, 1562–1587 David Landenberg, 1587 Joachim Schenk, 1589–1616 Johann Wichmann, 1616–1638 Georg Matthiae, 1638–1656 Georg Schrötel, 1656–1691 Johann Klausgall, 1691–1693 Christian Willam, 1693–1694 David von Thein, 1694–1709 Johannes Mrosoviuas, 1710–1713 Friedrich Oehlert, 1713–1731 Gottfried Friedrich Grube, 1719–1723 Wilhelm Friedrich Beckherr, 1731–1768 Gottfried Dingen, 1768–1787Ludwig Fedemir Rhesa: Kurzgefasste Nachrichten von allen seit 1775 an den evangelischen Kirchen in stpreußen angestellten Predigern, Königsberg 1834, S. 103 (Google Books). Gottlieb Reinhold Weiß, 1787–1820 Johann Ephraim Reichel, 1820–1839 Ernst Wilhelm Gottlieb Huwe, 1840–1866 Heinrich Elias Lehmann, 1866–1893Angehöriger des Corps Littuania Max Rudolf Gustav Adolf Kelch, 1893–1894 Karl Nikolaiski, 1894–1924 Georg Kern, 1924–1932 Anton Cäsar Doskocil, 1932–1945

2. Pfarrstelle: Jacob Wollenberg, 1622–1624 Heinrich Cäsar, bis 1627 Johann Faber, 1627–1630 Elias Sperber, bis 1630 Georg Matthiae, 1630–1638 Andreas Riese, 1639–1643 Simon Meder, 1643–1677 Christian Willam, 1677–1693 Christian Neubeccius, 1693–1695 Petrus Rehwend, 1696–1707 Georg Friedrich Zimmermann, 1707–1711 Gotthelf Schultz, 1711–1713 Johann Großmann, 1713–1719 Gottfried Friedrich Grube, 1719–1723 Wilhelm Heinrich Beckherr, 1723–1731 Erhard Wolf, 1731–1736 Georg Ernst Klemm, 1736–1741 Johann Jacob Schröder, 1742–1749 Johann Friedau, 1749–1760 Reinhold Ortlieb, 1749–1758 Johann Christoph Jordan, 1758–1760 Friedrich Albrecht Fleischmann, 1760–1762 Christian Michael Poetsch, 1762–1775 Johann Schöneich, 1775–1778 Gottlieb Reinhold Weiß, 1778–1787 Friedrich Naugardt, 1787–1796 Karl Bulbeck, 1798–1800 Friedrich Wilhelm Ferdinand Mielke, 1800–1807 Otto Ulrich Settegast, 1808–1809 Johannes Rakowski, 1809–1821 Heinrich Adolf Krüger, 1822–1825 Christoph Böhmer, 1827–1829 Adolf August Eduard Kuwert, 1829–1832 Karl Wilhelm Otto Glogau, 1832–1840 Ferdinand Ephraim Wenger, 1840–1849 Johann Fuchs, 1850–1855 Otto Ohlert, 1855–1860 Heinrich Elias Lehmann, 1860–1866 Gottlieb Jäger, 1867 Albrecht Hoffheinz, 1868–1875 Carl Heinrich Bernhard Moeller, 1875–1882 Paul Friedrich, 1887–1896 Richard Gehlhaar, 1896–1906 Bernhard Herford, 1907–1938 Helmut Vierzig, 1939–1945

Pfarrer Johannes Bretke befasste sich ab 1579 in Labiau mit der Übersetzung der Bibel in die Litauische SpracheDie Kirchen in Labiau und die Bibelübersetzung ins Litauische durch Pfarrer Bretke bei ostpreussen.net. 1580 hatte er bereits das Neue Testament und die Psalmen übersetzt. Nach seinem Wechsel an die St.-Elisabeth-Kirche in Königsberg im Jahre 1587 übersetzte er dort das Alte Testament. Das Gesamtwerk war 1590 fertig. 1589 erschien bereits sein litauisches Gesangbuch.

Literatur Labiau, Kreisstadt, 3,5 km vom Kurischen Haff, an der Deime, wo der Große Friedrichsgraben abzweigt, Regierungsbezirk Königsberg, Provinz Ostpreußen, in: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Labiau (meyersgaz.org). Adolf Boetticher: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen. Band 1: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Samlandes. Königsberg 1898, S. 62–66 (Google Books). Agathon Harnoch: Chronik und Statistik der evangelischen Kirchen in den Provinzen Ost- und Westpreußen, Nipkow, Neidenburg 1890, S. 152–155 (Google Books). Daniel Heinrich Arnoldt: Kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandnen Predigern. Königsberg 1777, S. 48–52 (Google Books).

Einzelnachweise

Labiau Labiau Labiau Labiau Kategorie:Zerstört in den 1960er Jahren