Dion von Syrakus (; * 409 v. Chr.; † 354 v. Chr. in Syrakus) war ein griechischer Politiker auf Sizilien und Freund des Philosophen Platon.
Als Vertrauter, Schwager und Schwiegersohn des Tyrannen Dionysios I. gehörte Dion zu den maßgeblichen Persönlichkeiten seiner Heimatstadt Syrakus, die damals einen großen Teil Siziliens beherrschte. Unter Dionysios II., dem Sohn und Nachfolger des Tyrannen, versuchte er seinen Einfluss zu wahren und mit Platons Hilfe zu festigen, wurde aber vom Herrscher in die Verbannung geschickt. Es gelang ihm, mit einer in Griechenland angeworbenen Söldnerstreitmacht Dionysios II. zu stürzen und die Staatsführung zu übernehmen. In den folgenden Machtkämpfen verlor er aber an Rückhalt in der Bevölkerung, wurde selbst tyrannischer Bestrebungen verdächtigt und büßte auch die Unterstützung der Oberschicht ein. Er geriet in zunehmende Isolation und wurde schließlich ermordet. Damit scheiterte sein Versuch, eine neue Verfassung einzuführen. Inwieweit er sich von Prinzipien der platonischen Staatstheorie leiten ließ, ist umstritten. Die Nachwelt hat ihn meist als Musterbeispiel eines an der Realpolitik tragisch gescheiterten Idealisten betrachtet. Manche Historiker beurteilen jedoch seine Motive ungünstig; sie sehen in ihm einen machtgierigen Opportunisten.
Leben Herkunft und Kindheit
Dion wurde 409 v. Chr. geboren.Zur Datierung siehe Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 18. Diese Datierung ist die in der Forschung vorherrschende. Anderer Meinung ist Debra Nails: The People of Plato. A prosopography of Plato and other Socratics. Indianapolis 2002, S. 129, 247f. Sie tritt für eine Spätdatierung (um 405) ein, die sich aus ihrer Umdatierung von Platons Geburt (S. 243–247) ergibt. Sein Vater Hipparinos war einer der vornehmsten und angesehensten Bürger von Syrakus. Schon vor der Machtübernahme des Tyrannen Dionysios I. war er dessen Gefährte und Vertrauter.Zur Rolle des Hipparinos siehe Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 18f. Dions ältere Schwester Aristomache heiratete Dionysios. Die Ehe wurde im Jahr 398 geschlossen, als der Tyrann bereits an der Macht war. Aus ihr gingen vier Kinder hervor: zwei Töchter, Arete und Sophrosyne, und zwei Söhne, Hipparinos und Nysaios. Arete wurde zunächst mit Thearides, einem Bruder oder Halbbruder des Tyrannen,Debra Nails: The People of Plato. A prosopography of Plato and other Socratics. Indianapolis 2002, S. 133f. verheiratet; nach dessen Tod wurde sie um 375 die Frau Dions, der mütterlicherseits ihr Onkel war. Somit war Dion mit Dionysios I. doppelt verschwägert: Durch die Ehe des Tyrannen mit seiner Schwester Aristomache war er dessen Schwager und zugleich durch seine eigene Ehe mit seiner Nichte Arete, der Tochter des Tyrannen, dessen Schwiegersohn.Eine Übersicht über die genealogischen Verhältnisse bietet die Stammtafel bei Debra Nails: The People of Plato. A prosopography of Plato and other Socratics. Indianapolis 2002, S. 130; vgl. S. 45f. zu Dions Gattin Arete.
Dionysios I. schloss 398 eine – damals bei den Griechen unübliche – Doppelehe: Er heiratete zugleich Dions Schwester Aristomache und Doris, die aus einer vornehmen Familie von Lokroi in Kalabrien stammte. Doris wurde die Mutter seines ältesten Sohnes und künftigen Nachfolgers Dionysios II. Aus dieser Konstellation ergab sich die Perspektive einer Rivalität zwischen den Söhnen der beiden Ehefrauen. Dionysios II. war der älteste und damit zum Nachfolger prädestiniert, doch konnten sich auch seine beiden jüngeren Halbbrüder Hipparinos und Nysaios Hoffnung auf eine Beteiligung an der Herrschaft machen. Dabei konnten sie sich auf die Unterstützung Dions verlassen, denn er war ihr Onkel. Mit Dionysios II. hingegen war Dion nicht blutsverwandt. Allerdings stand er auch zu ihm in einer familiären Beziehung, denn die Frau Dionysios’ II. war Sophrosyne, die Schwester von Dions Gemahlin Arete. Sophrosyne war als Tochter Dionysios’ I. eine Halbschwester ihres Ehemanns und als Tochter Aristomaches Dions Nichte.
Dions Vater Hipparinos starb, als seine Kinder noch unmündig waren. Daher übernahm Dionysios I. die Vormundschaft für die Kinder, und Dion wuchs in der Umgebung des Tyrannen auf. Damals brachte Dionysios in wechselhaften Kämpfen gegen die Karthager, die traditionellen Feinde von Syrakus, einen Großteil Siziliens unter seine Herrschaft.
Rolle am Tyrannenhof
Als Platon um 388 v. Chr.Siehe dazu Konrad Gaiser: Der Ruhm des Annikeris. In: Konrad Gaiser: Gesammelte Schriften. Sankt Augustin 2004, S. 597–616, hier: 615. Diese sonst allgemein akzeptierte Datierung wird von Debra Nails: The people of Plato. Indianapolis 2002, S. 129, 247f. abgelehnt; sie plädiert für eine Spätdatierung (um 384/383), die sich aus ihrer Umdatierung von Platons Geburt (S. 243–247) ergibt. nach Syrakus kam, lernte er den noch jungen Dion kennen. Die beiden schlossen eine lebenslange Freundschaft. Eine Legende, wonach Dion den Tyrannen bewogen hatte, Platon nach Syrakus einzuladen, ist nicht glaubwürdig.Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 19. Es war jedoch vermutlich Dion, der dem Philosophen eine Audienz beim Tyrannen verschaffte. Dieses Gespräch verlief offenbar unerfreulich. Bald darauf reiste Platon ab.Karl Friedrich Stroheker: Dionysios I. Gestalt und Geschichte des Tyrannen von Syrakus. Wiesbaden 1958, S. 101–105; Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik. Stuttgart 1994, S. 105–107; Hermann Breitenbach: Platon und Dion. Zürich 1960, S. 15; Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 19f.
Platon schrieb in seinem heute meist als echt betrachteten „siebten Brief“, Dion sei zu einem überzeugten Anhänger der platonischen Philosophie geworden. Er habe die Tyrannenherrschaft grundsätzlich scharf missbilligt. Daher sei er innerlich in Opposition zu seinem Schwager Dionysios I. getreten und bei den Höflingen verhasst gewesen.Platon, Siebter Brief 327a–b. Siehe dazu Debra Nails: The People of Plato. A prosopography of Plato and other Socratics. Indianapolis 2002, S. 129, 131; Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 20f. Allerdings geht aus den Quellen hervor, dass Dions Verhältnis zu Dionysios ausgezeichnet war. Er genoss das volle Vertrauen des Tyrannen, der ihn nicht nur zu seinem Schwiegersohn machte, sondern ihm auch wichtige Gesandtschaften übertrug, darunter eine nach Karthago.Karl Friedrich Stroheker: Dionysios I. Gestalt und Geschichte des Tyrannen von Syrakus. Wiesbaden 1958, S. 158; Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik. Stuttgart 1994, S. 107. Dionysios gab sogar seinem Schatzmeister die Anweisung, Dion jeden gewünschten Betrag auszuzahlen, allerdings auch ihm – dem Tyrannen – umgehend über jede solche Zahlung zu berichten. Damals erwarb Dion ein außerordentliches Vermögen, welches so groß war, dass er später aus privaten Mitteln ein Söldnerheer anwerben und finanzieren konnte.Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 23f., 66. Zu Dions Stellung unter Dionysios I. siehe Jürgen Sprute: Dions syrakusanische Politik und die politischen Ideale Platons. In: Hermes. 100, 1972, S. 294–313, hier: 296; Karl Friedrich Stroheker: Dionysios I. Gestalt und Geschichte des Tyrannen von Syrakus. Wiesbaden 1958, S. 157; Kurt von Fritz: Platon in Sizilien und das Problem der Philosophenherrschaft. Berlin 1968, S. 63f.; Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 20–25.
Als der Tyrann im Jahre 367 tödlich erkrankte, drohte eine instabile Lage einzutreten, denn sein ältester, rund dreißig Jahre alter Sohn Dionysios II. war nicht auf die Herrscherrolle vorbereitet worden.Debra Nails: The People of Plato. A prosopography of Plato and other Socratics. Indianapolis 2002, S. 135; Karl Friedrich Stroheker: Dionysios I. Gestalt und Geschichte des Tyrannen von Syrakus. Wiesbaden 1958, S. 181f.; Hermann Breitenbach: Platon und Dion. Zürich 1960, S. 18f.; Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 27f. Vergeblich versuchte Dion, den todkranken Tyrannen zu einer Nachfolgeregelung zu bewegen, mit der seine beiden jungen Neffen an der Macht beteiligt worden wären, was ihm selbst eine sehr starke Stellung verschafft hätte.Jürgen Sprute: Dions syrakusanische Politik und die politischen Ideale Platons. In: Hermes. 100, 1972, S. 294–313, hier: 297–299; Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik. Stuttgart 1994, S. 109; Kurt von Fritz: Platon in Sizilien und das Problem der Philosophenherrschaft. Berlin 1968, S. 65f.; Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 25f. Nach dem Tod Dionysios’ I. verlief die Machtübernahme des neuen Herrschers anscheinend problemlos.
Am Hof Dionysios’ II. gelang es Dion zunächst, seine einflussreiche Stellung zu bewahren. Dabei kam ihm zugute, dass sich sein politischer Gegenspieler Philistos in der Ferne aufhielt. Philistos war ein wichtiger Vertrauensmann Dionysios’ I. gewesen, hatte dann aber das Missfallen des Tyrannen erregt und war seither Sizilien ferngeblieben. Dion bewog den jungen Tyrannen, Platon als Berater an den Hof einzuladen; davon konnte er sich eine Stärkung seines Einflusses erhoffen. Er stellte Platon die Gelegenheit in Aussicht, die politischen Verhältnisse im Sinne der platonischen Staatsphilosophie umzugestalten. So kam es zur zweiten Sizilienreise Platons im Jahr 366. Dionysios II. war jedoch misstrauisch; um ein Gegengewicht zu Dions Umfeld zu schaffen, berief er noch vor Platons Ankunft Philistos an den Hof. Philistos war ein treuer Anhänger der Tyrannenfamilie und der tyrannischen Staatsform.Debra Nails: The People of Plato. A prosopography of Plato and other Socratics. Indianapolis 2002, S. 239f.; Karl Friedrich Stroheker: Dionysios I. Gestalt und Geschichte des Tyrannen von Syrakus. Wiesbaden 1958, S. 157; Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 32. Als Platon eintraf, bestand am Hof bereits eine starke Spannung zwischen den beiden feindlichen Gruppierungen.Debra Nails: The People of Plato. A prosopography of Plato and other Socratics. Indianapolis 2002, S. 131.
Anscheinend beabsichtigte Dion schon damals, Dionysios entweder mit Platons Hilfe unter seinen Einfluss zu bringen oder ihn zu stürzen.Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 33; Jürgen Sprute: Dions syrakusanische Politik und die politischen Ideale Platons. In: Hermes. 100, 1972, S. 294–313, hier: 299; Kurt von Fritz: Platon in Sizilien und das Problem der Philosophenherrschaft. Berlin 1968, S. 68 Anm. 110. Da sich Dionysios zumindest oberflächlich für Philosophie interessierte und von Platons Persönlichkeit stark beeindruckt war, schien die erste Möglichkeit greifbar nahe zu sein. Dem widersetzten sich jedoch die um Philistos gruppierten Kräfte, denen die Ausschaltung drohte. Sie versuchten Dionysios davon zu überzeugen, dass Dion ihn nur mit der Philosophie von der Politik ablenken wolle, um schließlich doch noch seinen Neffen die Macht zu verschaffen oder sie selbst zu ergreifen. Bald bot sich den Gegnern Dions die Gelegenheit, einen entscheidenden Schlag zu führen. Syrakus befand sich damals noch in einem von Dionysios I. begonnenen Krieg gegen die Karthager, die den Westen Siziliens kontrollierten. Es bestand ein Waffenstillstand, über dessen Umwandlung in einen Frieden zu verhandeln war. Dion schrieb einen Brief an Bevollmächtigte der Karthager, worin er sich ihnen als Berater und Vermittler für die bevorstehenden Verhandlungen mit Dionysios empfahl. Dieser Brief wurde abgefangen und gelangte in die Hände des Tyrannen, der ihn Philistos vorlas. Dionysios fasste Dions eigenmächtiges Vorgehen als Landesverrat auf und schickte ihn in die Verbannung.Platon, Siebter Brief 329c; Plutarch, Dion 14f. Siehe dazu Jürgen Sprute: Dions syrakusanische Politik und die politischen Ideale Platons. In: Hermes. 100, 1972, S. 294–313, hier: 299f.; Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik. Stuttgart 1994, S. 109f.; Hermann Breitenbach: Platon und Dion. Zürich 1960, S. 28f.; Helmut Berve: Dion. Wiesbaden 1957, S. 36–38.