mini|Gandolph Ernst Stainhauser, Johann Joseph Neidl: Beethoven, 1801. mini|Balthasar Ferdinand Moll: Reiterstandbild Josephs II., Laxenburg, 1776/77 (Detail). Die Kantate auf den Tod Kaiser Josephs II. für Soli, gemischten Chor und Orchester (WoO 87) ist das erste größere Werk Ludwig van Beethovens. Der 19-jährige schrieb es 1790 in Bonn, der Residenzstadt des Erzbischofs und Kurfürsten von Köln, Max Franz von Österreich-Lothringen. Der Text des 21-jährigen Severin Anton Averdonk beklagt den Tod des Kaisers als eines Aufklärers und Kämpfers gegen den religiösen Fanatismus.

Entstehung

Beethovens Musiklehrer Christian Gottlob Neefe schrieb über den 11-Jährigen: .Carl Friedrich Kramer (Hrsg.): Magazin der Musik. 1. Jahrgang, Hamburg 1783, S. 394 f. (). Auch Max Franz, Bruder Josephs II., erkannte und förderte Beethovens Genie.Vgl. Max Braubach: Maria Theresias jüngster Sohn Max Franz […] Herold, Wien/München 1961, S. 246–255. So konnte der nunmehr 16-Jährige im März 1787 nach Wien reisen, um Kompositionsunterricht bei Mozart zu nehmen. Weil seine Mutter auf dem Sterbebett lag, musste er aber schon im Mai wieder nach Bonn zurückkehren.

Der Kaiser starb am 20. Februar 1790 an Tuberkulose, die er sich im Türkenkrieg zugezogen hatte. Die Nachricht davon erreichte Bonn vier Tage später. Dort war aus dem von Neefe geleiteten Kreis der Bonner Illuminaten die noch heute bestehende Lese- und Erholungs-Gesellschaft (Lese) hervorgegangen.Alfred Becker: Christian Gottlob Neefe und die Bonner Illuminaten (Bonner Beiträge zur Bibliotheks- und Bücherkunde 21), Bouvier, Bonn 1969; Richard van Dülmen: Der Geheimbund der Illuminaten […] Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1975, ISBN 3-7728-0430-6, S. 61 f., 95, 249 f., 306–308, 447, 449 f. Diese organisierte für den 19. März eine Trauerfeier für Joseph II., an der auch Max Franz teilnahm. Dabei hielt Eulogius Schneider eine Patriotische Rede.Patriotische Rede über Joseph II. in höchster Gegenwart S(eine)r Kurfürstl(ichen) Durchlaucht von Köln vor der Litterarischen Gesellschaft zu Bonn den 19. März 1790. gehalten von D(r.) Eulogius Schneider Professor der schönen Wissenschaften und der griechischen Sprache. Johann Friedrich Abshoven, Bonn/Heinrich Joseph Simonis, Köln 1790 (). Er schlug am 28. Februar vor, die Feier durch die Aufführung einer Kantate auf der Grundlage von Averdonks Ode auf den Tod Josephs und ElisensHrsg. v. Eulogius Schneider. Bonn 1790. Mit Elise ist Josephs Ziehtochter Elisabeth von Württemberg gemeint, die am 18. Februar im Kindbett verstorbene Gattin des späteren Kaisers Franz II. zu bereichern.

mini|240px|Nach Louis-Simon Boizot: Die Freiheit zerschmettert mit dem Szepter der Vernunft die Ignoranz und den Fanatismus, 1793–1795.

Beethoven, der ein solches Werk anscheinend komponieren wollte, war als Bratschist in der Hofkapelle und am Hoftheater Angestellter des Kurfürsten, aber auch wie Averdonk Schüler Schneiders. Wie in den Akten der Lesegesellschaft unter dem 17. März vermerkt, konnte die Kantate schließlich „aus mehreren Ursachen nicht aufgeführt werden“. Weiter heißt es dort: „Eben so soll alles andere Geräusch soviel wie möglich vermieden werden.“Ernst Herttrich (Hrsg.): Neue Beethoven-Gesamtausgabe, Abteilung X, Band 1 (Kantaten), G. Henle, München 1996, S. 319.

Offensichtlich hatte sich der junge Musiker für die zur Verfügung stehenden zweieinhalb Wochen zu viel vorgenommen, denn er konnte die Komposition anscheinend erst Anfang Juni 1790 beenden. Der damals am Bonner Theater tätige Kapellmeister August Burgmüller – später Mitbegründer der Niederrheinischen Musikfeste – den Beethoven wohl wegen einer Aufführung angesprochen hatte, schrieb am 16. Juni 1790 an Clemens August von Schall, den Vorsitzenden der Lesegesellschaft:

Der Brief deutet darauf, dass das Werk kein förmlicher „Auftrag“ der Lesegesellschaft war, denn dann hätten sich Schall und Beethoven bezüglich des Aufführungsdatums sowie des musikalischen Anspruchs sicherlich abgestimmt. Das Werk überstieg auch die Fähigkeiten der Hofkapelle, woran 1791 der Plan einer Aufführung in Mergentheim scheiterte.

Text mini|Quirin Mark: Abschied Josephs II. von seinen Vertrauten, 1790. Links Büsten seiner Eltern Franz I. und Maria Theresia, hinten Porträts Katharinas II. und Friedrichs II. mini|240px|Hieronymus Löschenkohl: Ankunft Josephs II. in Elysium, 1790.

Chor

Rezitativ

Arie

Arie mit Chor

Rezitativ

Arie (Wiederholung: Chor)

Zum Text Averdonks Ode ist als Zeugnis der Kämpfe um die Säkularisation zu deuten, welche das katholische Europa zwischen 1750 und 1815 erschütterten.

Der Einbruch der Nacht symbolisiert den Tod des Kaisers, den seine Gegner zur teilweisen Rücknahme seiner Reformen gezwungen hatten.Als Joseph in den verlustreichen Türkenkrieg eintrat und erkrankte, kam es zu Aufstandsbewegungen, die im Oktober 1789 in der Brabanter Revolution gipfelten. Mit dem Ungeheuer Fanatismus meinte der geistliche Dichter jene konservative Strömung in der Kirche, der die Aufklärer im Gefolge VoltairesŒuvres complètes de Voltaire. Nouvelle édition, Band 27, Paris 1879, S. 412: vorwarfen, das Licht der Erkenntnis zu verfinstern. Mit der Sonne ist die Gottheit als Ursprung des Lichts gemeint. bedeutet, dass der Glaube Joseph Stärke verliehen habe.Die Frömmigkeit des Kaisers ist vielfach bezeugt (, Bild 47). Das Vermögen der aufgehobenen Klöster verwendete er namentlich zur Gründung von Pfarreien. Indem Averdonk den Fanatismus als Teufel in Drachengestalt auftreten lässt, stellt er den Kaiser dem Erzengel Michael und dem Heiligen Georg an die Seite, mit dem Epitheton der Große Josephs Vorbildern Friedrich II. von Preußen und Katharina II. von Russland. Mit den unsterblichen Taten sind seine Reformen auf kirchlichem Gebiet gemeint. Der große Dulder wird er wegen seiner Toleranzpatente für Lutheraner, Reformierte, Orthodoxe und Juden genannt (Duldung: in damaligem Deutsch Toleranz).

Die Reformen des Kaisers führt der Autor auf dessen , nicht auf philosophisches Räsonnement zurück. Neben Licht hätten sie den Menschen auch Glück (Wohlstand) und Wärme (Brüderlichkeit) gebracht. Der und die können sowohl religiös (Jüngstes Gericht, Seligkeit) interpretiert werden als auch politisch (Enteignung der Kirche, Nachruhm). Schmerzen bereitet hatte Joseph der Widerstand gegen seine Reformen. Die Aussage, dass er , spielt darauf an, dass er seine beiden GattinnenDie geliebte, aber lesbische Isabella von Parma (1741–1763) und die ungeliebte Maria Josepha von Bayern (1739–1767). verloren hatte. Mit dem , das die Ruhe des Toten zu stören droht, dürfte die abgeschiedene Seele seiner Ziehtochter Elisabeth von Württemberg1767–1790, Gattin des späteren Kaisers Franz II. gemeint sein, die ihm im Tod vorangegangen war.

Zur Musik Beethovens auffallend sichere Behandlung des Orchesters und der Singstimmen wäre wohl kaum denkbar gewesen ohne seine tägliche Praxis als Musiker im Orchester des kurfürstlichen Hoftheaters, wo er Zugang zu den Partituren der aufgeführten Werke hatte.Sven Hiemke (Hrsg.): Beethoven Handbuch. Bärenreiter, Kassel/J. B. Metzler, Stuttgart, 2009, ISBN 978-3-7618-7157-7, S. 255. Unter diesen figurierte 1788/89 wie 1789/90 das Singspiel Romeo und Julie von Friedrich Wilhelm Gotter (Text) und Georg Anton Benda (Musik)Über die Aufführung in der letztgenannten Spielzeit schrieb Neefe: Alexander Wheelock Thayer: Ludwig van Beethoven’s Leben. Nach dem Original-Manuscript deutsch bearbeitet. 1. Band, Ferdinand Schneider, Berlin 1866, S. 193 f. (). mit dem Trauergesang , der Beethoven inspiriert zu haben scheint.

Die Kantate auf den Tod Kaiser Josephs II. ist symmetrisch strukturiert: Der Eingangschor in c-Moll wird im Schlusschor unverändert wiederholt. Innerhalb der Chöre finden sich zwei Satzpaare mit der Abfolge Rezitativ-Arie und der Aria con coro als Zentrum. Beethoven verwendete die Oboenmelodie zu Beginn der Arie später in seiner Oper Fidelio für Leonores Arie

Beethovens Anspruch, innerhalb der konventionellen Satzanlage vokale und orchestrale Möglichkeiten der Musik möglichst auszureizen, kommt unter anderem in den Wechseln zwischen Orchester und Soloinstrumenten, Chorpartien und dem Solistenquartett sowie rein instrumentalen und A-cappella-Partien zum Ausdruck.

Wirkung Beethoven komponierte im selben Jahr noch eine Kantate auf die Erhebung Leopolds II. zur Kaiserwürde (WoO 88), die weniger bekannt ist und ebenso wenig zur Aufführung gelangte.

Uraufführung Als Direktionsmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde ermöglichte Brahms die erste dort im November 1884 eine Aufführung der Trauer-Kantate. Schon am 29. Juni 1885 kam es im Rahmen eines dreitägigen allgemeinen Musikfestes zur ersten Aufführung der Trauerkantate in Bonn. Wann die Kantate zur Krönung von Leopold II. erstmals aufgeführt wurde, ist unbekannt. Den Erstdruck beider Kantaten übernahm der Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel in seinem 1888 erschienen Supplement-Band zur 1862–1865 veröffentlichten Beethoven-Werkausgabe. vgl. Stephan Eisel, Beethoven - Die 22 Bonner Jahre, Bonn 2020, S. 413 ff

Literatur Elegie an den sterbenden Kaiser Joseph II. von Eulogius Schneider Professor zu Bonn. Den 26. Februar 1790. Johann Friedrich Abshoven, Bonn 1790 (). Patriotische Rede über Joseph II. in höchster Gegenwart S(eine)r Kurfürstl(ichen) Durchlaucht von Köln vor der Litterarischen Gesellschaft zu Bonn den 19. März 1790. gehalten von D(r.) Eulogius Schneider Professor der schönen Wissenschaften und der griechischen Sprache. Johann Friedrich Abshoven, Bonn/Heinrich Joseph Simonis, Köln 1790 (). Trauerrede auf Joseph II. gehalten vor dem hohen Reichskammergerichte zu Wetzlar von Eulogius Schneider, Professor zu Bonn, den 26ten März 1790. Johann Benedict Ungewitter, Wetzlar 1790 (). Alexander Wheelock Thayer: Ludwig van Beethoven’s Leben. Nach dem Original-Manuscript deutsch bearbeitet. 1. Band, Ferdinand Schneider, Berlin 1866, S. 142, 193–195, 232 (). Franz Gerhard Wegeler, Ferdinand Ries: Biographische Notizen über Ludwig van Beethoven (Coblenz 1838), hrsg. v. Alfred Christlieb Kalischer, Berlin/Leipzig 1906, S. 20 f. (). Alexander Wheelock Thayer: Ludwig van Beethoven’s Leben, Band 1, hrsg. v. Hugo Riemann, Leipzig 1907, S. 299. Max Braubach: Maria Theresias jüngster Sohn Max Franz […] Herold, Wien/München 1961, S. 177 f., 246–255. Rudolf Pečman: Ludwig van Beethoven und Jiří Antonín Benda. In: Bericht über den Internationalen Beethoven-Kongress, 10.–12. Dezember 1970 in Berlin, Verlag Neue Musik, Berlin 1971, S. 453 ff. Albrecht Riethmüller et al. (Hrsg.): Beethoven – Interpretation seiner Werke. Band 2, Laaber-Verlag, Laaber 1994, ISBN 978-3-89007-304-0, S. 488–491. Ernst Herttrich (Hrsg.): Neue Beethoven-Gesamtausgabe, Abteilung X, Band 1 (Kantaten), G. Henle, München 1996, S. 319. Derek Beales: Joseph II. Band 1, Cambridge University Press 1987, ISBN 0-521-24240-1, S. 5 f.; Band 2, Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-32488-5, S. 473, 475 f., 675. Ernst Wangermann: Die Waffen der Publizität. Zum Funktionswandel der politischen Literatur unter Joseph II. Verlag für Geschichte und Politik Wien, ISBN 3-7028-0410-2/Oldenbourg Wissenschaftsverlag München, ISBN 3-486-56839-6, 2004, S. 206–208. Sven Hiemke (Hrsg.): Beethoven Handbuch. Bärenreiter, Kassel/J. B. Metzler, Stuttgart, 2009, ISBN 978-3-7618-7157-7, S. 254–257. Kurt Dorfmüller, Norbert Gertsch und Julia Ronge (Hrsg.): Ludwig van Beethoven. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis. Henle, München 2014, Band 2, S. 214–217.

Weblinks

Einzelnachweise und Anmerkungen

Kategorie:Werk von Ludwig van Beethoven Kategorie:Kantate Kategorie:Joseph II. Kategorie:Musik 1790 Kategorie:Chorwerk aus dem 18. Jahrhundert Kategorie:Illuminatenorden