thumbtime=2:15|mini|Wochenschau von 1931. Demonstration Fallschirmspringen. mini|Ein Fallschirmspringer direkt nach dem Absprung mit einer Aufziehleine mini|Fallschirmspringen (Video)
Fallschirmspringen bezeichnet die Gesamtheit der Aktionen von Absprung, Fall oder Freifall bis zur Landung einer Person aus einer erhöhten Position unter Benutzung eines Rundkappen-Fallschirms oder Flächenfallschirms. Der Absprung erfolgt dabei meist aus Luftfahrzeugen. Der Fallschirm bremst den Fall dabei zum Zeitpunkt der Landung auf eine verträgliche Sinkgeschwindigkeit ab. Für das sportliche Fallschirmspringen als Luftsportart wird auch der englische Begriff Skydiving benutzt.
Die Auslösung des Fallschirms kann entweder unmittelbar beim Absprung als automatischer Fallschirmsprung aus niedrigen Höhen mit Rundkappen oder in großen Höhen mit Gleitfallschirmkappen sowie zu einem späteren Zeitpunkt manuell während des Freifallsprungs erfolgen. Die Mindesthöhe für den Öffnungsvorgang liegt bei 400 m. Meist erfolgt die Öffnung bei 800 m bis 700 m Höhe. Gleitfallschirme sinken bei 100 % Vorwärtsfahrt (die mehr als 60 km/h betragen kann) mit etwa 5 m/s (18 km/h), das Auftreffen auf dem Boden (ohne die horizontale Komponente) entspricht damit etwa einem Sprung aus 1,25 m Höhe. Rundkappenfallschirme haben je nach Kappengröße und Springergewicht eine konstante Sinkgeschwindigkeit von 3,5 bis 5 m/s.
Der Fallschirmsprung dient auch der Rettung von Luftfahrzeugbesatzungen in Luftnot, teilweise unter Nutzung eines Schleudersitzes.
Militärisch ist der Fallschirmsprung eine Verbringungsart der Fallschirmjägertruppe und von Spezialkräften, im Heer des Kommandos Spezialkräfte, in anderen Teilstreitkräften von Kampfschwimmern der Marine – entweder im automatischen Sprung oder als Military Freefall (MFF). Smokejumper werden von Feuerwehreinheiten in den USA, Kanada und Russland bei Waldbränden in der Wildnis eingesetzt.
Geschichte mini|Zeichnung des von Garnerin erfundenen Fallschirms, mit dem seine Frau Jeanne Labrosse im Jahr 1799 absprang
Leonardo da Vinci (1452–1519) fertigte 1483 die Zeichnung eines pyramidenförmigen Fallschirms aus Leinen und Holz an. Ein Test dieses Musters im Jahr 2000 belegte, dass der Fallschirm nicht nur funktioniert, sondern sogar sanfter fliegt als moderne Fallschirme, jedoch durch sein Gewicht von 90 Kilogramm ohne Lenkung beim Aufsetzen problematisch zu handhaben ist.
Einer weitverbreiteten modernen Sage nach soll der aus dem damals zur Republik Venedig gehörenden Šibenik (italienisch Sebenico; heutiges Kroatien) stammende Diplomat und Universalgelehrte Fausto Veranzio (štokav. Faust Vrančić; 1551–1617) der erste Mensch gewesen sein, der einen Fallschirm nicht nur ersann, sondern auch erfolgreich baute und schließlich 1617 mit 65 Jahren, kurz vor seinem Tod, persönlich erprobte. Das hierfür als Beleg angegebene, 1648 in London erschienene Werk Mathematical Magick von John Wilkins befasst sich allerdings weder mit Fallschirmen noch erwähnt es Faust Vrančić, ebenso wenig irgendein Ereignis aus dem Jahr 1617. Es existiert also bis dato kein Nachweis darüber, dass Vrančićs Fallschirm jemals tatsächlich getestet wurde.
Der Franzose Louis-Sébastien Lenormand sprang 1783 in Montpellier mit einem selbstkonstruierten Fallschirm vom Turm des örtlichen Observatoriums und landete unversehrt. Dieses Ereignis gilt daher als offizieller Beginn des modernen Fallschirmspringens sowie der Entwicklungsgeschichte des Fallschirms.
Am 3. Oktober 1785 ließ Jean-Pierre Blanchard in Frankfurt-Bornheim seinen Hund sowie am 23. August 1786 in Hamburg einen Hammel von einem Gasballon aus mit einem Fallschirm herab.
Der Franzose André-Jacques Garnerin (1769–1823) sprang am 22. Oktober 1797 aus einem zirka 400 Meter hoch fliegenden, mit Wasserstoff gefüllten Ballon über Paris ab.
Als eine der ersten Fallschirmspringerinnen gilt die deutsche Luftakrobatin Käthe Paulus (1868–1935). Sie war zugleich auch die erste deutsche Berufsluftschifferin und Erfinderin des zusammenlegbaren Fallschirms.
Manuell auszulösende Fallschirme waren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs nur als Rettungsfallschirme für Piloten üblich. Zivile Fallschirmsprünge waren selten und dienten zumeist Showzwecken, wurden also weniger aus sportlichen Gründen unternommen. In den aufgestellten Fallschirmjägerverbänden wurde für den manuellen Sprung nicht ausgebildet.
Die stabile Freifallhaltung in X-Körperstellung kam erst in den 1950er Jahren auf. Vorher nahm der Freifall-Fallschirmspringer seine Arme unter oder an den Körper und die Beine gestreckt zusammen. Weitergehende Freifallhaltungen entwickelten sich erst danach.
Weitergehende Verbreitung fand das Freifallspringen als Sport in Deutschland und anderen Ländern erst nach 1945. Die Entwicklung der stabilen Freifallhaltung erfolgt in dieser Zeit für stabile manuelle Fallschirmsprünge sowohl in Frankreich als auch in den USA, von wo weitere Entwicklungsschritte für steuerbare Fallschirme ausgingen.
In den 1960er Jahren fanden die ersten Stratosphärensprünge statt.
Allgemeines mini|Fall mit einem Tandempassagier (Band oben zum Bremsschirm) mini|Ein Fallschirmspringer mit Tandempassagier im Landeanflug
Absprünge sind aus vielen Luftfahrzeugen heraus möglich, und von festem Untergrund als BASE-Sprünge. Für einen sicheren Absprung werden jedoch meistens kleine Schulterdecker-Sportflugzeuge eingesetzt, da hier auf Fahrwerksstreben unter einer Tragfläche nach außen geklettert werden kann und die Gefahr einer Kollision mit dem Luftfahrzeug durch den Springer geringer ist.
In den 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre demonstrierte Herbert Gillmann aus München regelmäßig Tiefsprünge. Er sprang mehrere hundert Mal mit einem automatischen Dreieckfallschirm (Kohnke) aus 50 m Höhe aus Sportflugzeugen – sowohl auf Flugtagen, als auch, um Segelfliegern zu demonstrieren, dass sie ihre Rettungsfallschirme auch in niedrigen Höhen benutzen können. Die Tiefsprünge absolvierte er ohne Reservefallschirm, weil dieser bei einer solch niedrigen Höhe nutzlos gewesen wäre. Nach solch einer Demonstration konnten Segelflieger einen Probesprung im Fallschirm-Sportspringer-Verein Bayern e. V., dessen Vorsitzender er war, (seit 1972 in Fallschirm-Sportclub München e. V. umbenannt) absolvieren, jedoch aus 400 m Höhe.
Ein Fallschirmsprung erfolgt im Allgemeinen aus 1000 bis 4500 m über Grund. Der Steigflug im Flugzeug bis in diese Höhe dauert etwa 5 bis 20 Minuten. Im freien Fall werden bei der klassischen Freifallhaltung in Bauchlage innerhalb der ersten 10 Sekunden 300 Höhenmeter überwunden, bis Körpergewicht und Luftwiderstand so gegeneinander wirken, dass die weitere Fallgeschwindigkeit etwa 180 km/h beträgt. Je nach Körperhaltung sind auch höhere Geschwindigkeiten möglich. Bei Tandemsprüngen wird kurz nach dem Absprung ein kleiner Brems- und Stabilisierungsschirm (Drogue) geöffnet, der die Geschwindigkeit nicht über 200 km/h ansteigen lässt. Bei einem Absprung aus 4000 m ist die Öffnungshöhe in etwa 40 bis 60 Sekunden erreicht.
Der Fallschirm wird in der Regel zwischen 1500 und 700 m über Grund geöffnet. Der Entfaltungsvorgang des Fallschirms dauert zwei bis fünf Sekunden und etwa 200 Höhenmeter, der Schirm hat während des Öffnens eine Bremsbeschleunigung von bis zu etwa 20 m/s². Die anschließende Schirmfahrt dauert etwa drei bis fünf Minuten mit einer Sinkgeschwindigkeit von etwa 5 m/s. Gesteuert wird der Flächenfallschirm durch eine rechte und eine linke Steuerleine, durch welche die Kappe jeweils einseitig abgebremst wird. Durch gleichzeitiges Ziehen an beiden Steuerleinen wird das Profil der Gleitfallschirmkappe verändert, der resultierende dynamische Auftrieb verringert kurzzeitig die Sinkgeschwindigkeit (bis auf null – sogar das Steigen um einige Meter ist möglich) als auch die Vorwärtsfahrt. So kann eine stehende und sanfte Landung erreicht werden.
Bei einer Öffnungsstörung oder einem Totalversagen des Fallschirms kann die Hauptkappe durch ein Trennkissen (bei Rundkappen durch Kappentrennschlösser) abgetrennt und durch das Betätigen einer zweiten Öffnungsvorrichtung der Reserveschirm geöffnet werden. Folgende zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen sind möglich und üblich: Die Reserve Static Line (RSL) ist eine Verbindung zwischen der Hauptkappe und der Öffnungsvorrichtung für den Reservefallschirm, die automatisch beim Trennen der Hauptkappe den Reservefallschirm öffnet. Ein Öffnungsautomat misst ständig Höhe und Fallgeschwindigkeit des Springers und öffnet automatisch die Reserve, wenn unterhalb einer definierten Höhe eine definierte Sinkgeschwindigkeit überschritten wird.
BASE- und Ballonfallschirmsprüngen ist gemeinsam, dass der Springer keine Luftanströmung durch die Eigengeschwindigkeit des Absprungobjekts hat – ein Heißluftballon driftet nur langsam mit dem Wind dahin. Bei beiden ist eine Mindestfreifallstrecke zum Aufbauen der Fallgeschwindigkeit für die Öffnung und eine Mindestöffnungshöhe von 200 m Höhe über Grund erforderlich. Die Aktivierung des Reserveschirmes ist beim BASE-Sprung durch die mögliche Höhe des Objekts auch bei einer Öffnungsstörung meist nicht vorgesehen, da dazu der Hauptschirm abgetrennt werden muss.
Ausbildung und Lizenz mini|Ausbildungswege mini|Simulator mit virtueller Realität
Fallschirmspringen ist in Deutschland nur mit einer gültigen Lizenz oder in der Ausbildung erlaubt. Voraussetzung für die Ausbildung sind eine Tauglichkeitsbescheinigung vom Hausarzt, der Nachweis eines Erste-Hilfe-Kurses und ein Mindestalter von 14 Jahren (eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten vorausgesetzt).
Während der Ausbildung springt der Fallschirmsprungschüler nur unter Aufsicht eines geprüften Fallschirmsprunglehrers. Das schließt unter anderem einen Ausrüstungscheck vor dem Besteigen des Flugzeuges ein. In Deutschland sind als Ausbildungsmethode die konventionelle Fallschirmausbildung und die AFF-Methode zugelassen. Während der Ausbildung führt der Schüler bei beiden Methoden Sprünge mit Fallschirmsprungaufträgen durch. Dies sind die Absprungart (Verlassen des Flugzeuges u. a. durch Hechtabsprung), Drehungen im Freifall und eine Ziellandung. Während der Ausbildung ist das Tragen eines Hartschalenhelms und ein automatisches Öffnungsgerät für den Fallschirm Pflicht.
Zum Erhalt der Lizenz muss ein Schüler in Deutschland eine theoretische Prüfung ablegen (Multiple Choice) und zwei Prüfungssprünge aus 1200 m und mindestens 3000 m absolvieren. Der Schüler muss bis dahin mindestens 23 Sprünge vorweisen können und mindestens 16 Jahre alt sein. In Österreich müssen mindestens 28 Sprünge nachgewiesen werden, damit der Schüler einen Prüfungssprung und die schriftliche Prüfung ablegen kann.Ausbildung in Österreich, Fallschirmspringerclub Skydive Tirol In anderen Ländern kann es daher je nach den dortigen Luftfahrtgesetzen weitere Abweichungen geben.
Die einmal erworbene Lizenz ist unbeschränkt gültig. Regelmäßige medizinische Kontrolluntersuchungen sind nicht vorgeschrieben. Es sind mindestens zwölf Sprünge in den letzten zwölf Monaten nachzuweisen. Sollte diese Sprungzahl nicht erreicht werden, kann die Lizenz durch Überprüfungssprünge jederzeit wieder reaktiviert werden. Somit kann eine Fallschirmsprunglizenz in Deutschland nicht verfallen.
Als Trockenübung wird das Bodyflying in einem Vertikalwindtunnel (Rundturm mit starkem, nach oben gerichtetem Luftstrom) durchgeführt.