mini|Abbildung des einäugigen Odin auf Sleipnir mit doppeltem Dreizack aus der isländischen Eddahandschrift NKS 1867 4to von Ólafur Brynjúlfsson aus dem Jahr 1760
Odin oder Wodan (jüngeres Futhark: ᚢᚦᛁᚾ,Ribe cranium Ritzung südgermanisch Wōdan, altisländisch Óðinn, , altsächsisch Uuoden,Oder Woden. Die Quelle für die Form Uuoden ist das sächsische Taufgelöbnis. Die Schreibung des Altsächsischen schwankt dabei zwischen der ostfränkischen Lautung des Althochdeutschen und angelsächsischem Einfluss. Letzterem verdankt sich die Schreibung Uu für W. altbairisch: Wûtan,Ernst Anton Quitzmann: Die heidnische Religion der Baiwaren. 1901, ISBN 978-3-7509-3610-2. altniederländisch Wuodan,W.J.J. Pijnenburg: Bijdrage tot de etymologie van het oudste Nederlands. Eindhoven 1980, hoofdstuk 7 'Dinsdag - Woensdag' althochdeutsch Wuotan, langobardisch Godan oder Guodan,Vgl. Paulus Diaconus: Historia Langobardorum, 8–9. In: . gemeingermanisch *WôðanazJan de Vries: Altnordisches Etymologisches Wörterbuch. S. 416.) ist der Hauptgott in der nordischen und kontinentalgermanischen Mythologie. In der eddischen Dichtung fungiert er als Göttervater, Kriegs- und Totengott, als ein Gott der Dichtung und Runen, der Magie und Ekstase mit deutlich schamanischen Zügen.Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 310, 311 ff.
Etymologie Je nach Kontext sind im Deutschen sowohl die nordgermanische Namensform Odin als auch die südgermanischen Formen Wodan oder, in neuhochdeutscher Lautung, Wotan üblich. Der älteste schriftliche Nachweis des Namens ist eine Runeninschrift auf einer Bügelfibel von Nordendorf aus dem sechsten Jahrhundert n. Chr., die neben anderen Namen Wodan nennt. Die zweite Silbe wurde im Nordseegermanischen zu -en oder -in umgebildet (angelsächsisch Wōden). In den nordgermanischen Sprachen fiel zudem das anlautende W- (wie stets vor o und u) aus. Der früheste Beleg für den Götternamen Odin aus der Zeit um 725 n. Chr. fand sich in der Form uþin auf einem mit Runen beritzten Schädelfragment.Anders Hultgård: Wotan-Odin. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 35. Berlin 2007, S. 759 f.
Beide Namensvarianten gehen auf eine westliche Dehnform zur indogermanischen Wurzel *wat „anblasen, anfachen, inspirieren“,Eintrag „Wut“, in: Friedrich Kluge und Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin und Boston 2012. nach anderen *u̯ā̌t-, *u̯ōt- „geistig angeregt sein“Eintrag „Wut“, in: Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993). Digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 4. Mai 2018. oder *weh₂t- „wütend, erregt, inspiriert“,Eintrag *weh₂t- im englischen Wiktionary. zurück, die auch das altindische ápivátati „bläst an, inspiriert“, das lateinische vatēs „Seher, Dichter, Wahrsager“ und altirisch fāith „Seher, Prophet“ hervorgebracht hat. Die rekonstruierte protogermanische Urform des Götternamens lautet *Wōdanaz. Das althochdeutsche und mittelhochdeutsche wuot „heftige Bewegung, heftige Gemütserregung, Raserei“ und neuhochdeutsch Wut „rasender Zorn“, und niederländisch woede „Wut, Raserei“ lassen sich über gemeingermanisch *wōdaz „besessen, erregt“ (direkt daraus noch gotisch wods „wütend, besessen“ und altenglisch wōd „wahnsinnig, wütend, rasend“) ebenfalls auf diese indogermanische Wurzel zurückführen. Auf parallele Ableitungen derselben Wurzel gehen außerdem altenglisch wōþ „Ton, Stimme, Dichtung, Gesang“ und altnordisch óðr „Erregtheit, Dichtung, Dichtkunst“ zurück, die weitere Charakteristika des germanischen Gottes (seine Verbindung mit Dichtung, Gesang und Magie) beleuchten. Die mit dem Gott Wodan verknüpfte seelische Erregung kann sich ebenso auf die poetische Dichtung beziehen wie auf die Magie und deren mögliche Anwendung im Krieg oder auf die jähzornartige Wut der Berserker. Schon Adam von Bremen fasste in seiner Beschreibung des Tempels von Uppsala in seinen aus dem elften Jahrhundert stammenden Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum das Wesen des Gottes in diesem Sinne zusammen: „Wuodan id est furor“ („Wodan, das heißt Wut“).Karl Hauck: Altuppsalas Polytheismus exemplarisch erhellt. In: Heiko Uecker (Hrsg.): Studien zum Altgermanischen. Ergänzungsband zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 11. De Gruyter, Berlin und New York 1994, S. 224.
Mit der Zweiten Lautverschiebung wurde aus dem südgermanischen Wodan althochdeutsch Wuotan und langobardisch Wotan bzw. in romanischer Schreibweise G(u)odan.Erika Timm: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten. 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet. Hirzel, Stuttgart 2003, S. 71. In der Neuzeit, vor allem im Zuge der Romantik, wurde der Name im Deutschen wieder aufgenommen. Richard Wagner verwendete zunächst die westgermanische Lautform Wodan (so im II. Akt des Lohengrin), ab etwa 1860 entschied er sich jedoch für die zwischen Wodan und Wuotan vermittelnde Schreibweise Wotan.W. Schild: Staatsdämmerung: zu Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ (= Juristische Zeitgeschichte, Kleine Reihe 15). Berliner Wiss.-Verlag, Berlin 2007. S. 13 (Google Bücher). Diese Namensform, die im Frühmittelalter nur im Langobardischen einmal belegt ist, wurde durch den Einfluss seiner Opern zur gebräuchlichen Schreibweise des südgermanischen Namens.Edward R. Haymes: Wagner’s Ring In 1848: New Translations of the Nibelung Myth and Siegfried’s Death. Camden House, Rochester NY 2010, S. 26. (), Abfrage Wotan (Häufigkeitsklasse 15) und Wodan (Häufigkeitsklasse 20) am 3. Mai 2012. – Vgl. dazu die historische Entwicklung im Google-Ngram-Viewer.
Der Name des Mittwochs nimmt in anderen germanischen Sprachen in Anlehnung an das römische Vorbild dies Mercurii „Tag des Mercurius“, auf Wodan Bezug (vgl. Interpretatio Romana). Der „Wodanstag“ oder auch „Odinstag“ wurde im Niederländischen zum Woensdag, im Englischen zum Wednesday, im Friesischen zum Wernsdey, im Dänischen und Schwedischen zum onsdag. Die Entlehnung hängt mit der Übernahme der römischen Siebentage-Woche durch die kontinentalen Germanen des zweiten bis dritten Jahrhunderts zusammen.
Darstellung mini|Odin auf einem Thron sitzend, um 900 n. Chr., Fund aus Gammel Lejre, Dänemark (Wikingerschiffsmuseum Roskilde) mini|Hölzerner Odinskopf aus Gamlebyen, 12. oder 13. Jahrhundert n. Chr. (Kulturhistorisk Museum, Oslo)
Odin wird häufig als göttlicher Reiter auf seinem achtbeinigen Ross Sleipnir dargestellt. Charakteristisch ist daneben seine Einäugigkeit, die in einer Sage dahingehend erläutert wird, dass er Mimir ein Auge als Pfand überließ, um in die Zukunft sehen zu können.
2009 wurde bei Ausgrabungen in Gammel Lejre in Dänemark eine 1,75 cm hohe und 1,98 cm breite vergoldete Figur aus Silber gefunden. Das Museum Roskilde datiert den einzigartigen Fund auf 900–1000 n. Chr. Es handelt sich dabei um eine Darstellung von Odin und seinem magischen Thron Hlidskialf mit den Raben Hugin und Munin. Der Thron befähigt Odin, alle neun Welten zu sehen. Odin trägt einen Umhang, einen Schmuck um Hals und Brust, bei dem es sich möglicherweise um den Goldring Draupnir handelt. Die Rückenlehne ist mit zwei Köpfen verziert, die als Odins Wölfe Geri und Freki interpretiert werden. Dass das linke Auge auf manchen Abbildungen schlecht zu sehen ist, verweist hier jedoch nicht auf das Auge, das Odin opferte, um Weisheit zu erlangen. Die linke Gesichtshälfte wurde nur nachträglich etwas blanker geschliffen.Tom Christensen: Odin fra Lejre. In: ROMU, museets årskrift. 2009, S. 15. Kleine Throne wurden auch bei anderen archäologischen Ausgrabungen gefunden, darunter auch in Haithabu. Jedoch fehlt auf diesen eine Person. Der Fund in Gammel Lejre ist die älteste bekannte Darstellung von Odin und seinem magischen Thron Hlidskialf.Tom Christensen: (PDF) In: ROMU, museets årskrift, 2009, S. 7–25 (dänisch), vgl. auch die englische Seite auf der Internetseite des Museums Roskilde; abgerufen am 15. April 2012.
Interpretation
Metaphysisch Die drei Figuren Hárr (Hoch), Jafnhárr (Gleichhoch) und Þriði (Dritter) in Snorris Prosa Edda, deren Rollen in der nominellen Erzählung rein didaktischer Natur sind, könnten Odin, Vili und Vé sein, aber es ist genauso wahrscheinlich, dass sie unter drei verschiedenen Formen Odin sind, da alle drei Namen in altnordischer Dichtung an anderer Stelle auf Odin angewandt werden, und er sich bei der ersten Offenbarung an die Menschen als Odin, Vili und Vé vorstellte. Dies würde auf die Dreifaltigkeit Odins hindeuten.
Die erste Form Odins bzw. Wotans ist laut dem Schweizer Begründer der Psychoanalyse Carl Gustav Jung der Archetyp des „Rastlosen Wanderers.“C. G. Jung: Wotan. In: Gesammelte Werke, Band 10, § 374. Dieser Wanderer existiert immer noch als Mensch, und deshalb kann jeder Mensch Odin in seiner ersten, physischen Form sein. Wir existieren als Menschen am offensichtlichsten und gröbsten auf der physischen Ebene.
Die zweite Form Odins ist der Geist. Die Gleichhohe Ebene ist körperlos, was hier auf die Lebenskraft, die Inspiration hinter Kunst und Poesie hinweist. Die Namen von Odin werden oft mit „Wut“, „Geist“, „Ekstase“ übersetzt. Ekstase wird aus dem Griechischen übersetzt in „außerhalb seiner selbst stehen“. Als solche beginnen wir zu erkennen, dass unser Bewusstsein uns zu mehr als nur einer biologischen Maschine macht, zu mehr als nur ultrahoch entwickelten Affen. Die Gleichhohe Ebene drückt ihre Natur sowohl durch inspirierte Raserei (Kampf, künstlerisches Schaffen) als auch durch die integrierende Erfahrung wahrer Meditation aus. Das Wort „Gleich“ in „Gleichhoch“ zeigt an, dass diese beiden Ebenen gleichberechtigt sind. Die Gleichhohe Geistige Ebene inspiriert das physische Gefäß des Menschen, über seine Grundbedürfnisse hinauszugehen.
Die dritte Ebene von Odin ist die höchste, der oberste, der König der Götter. Hier finden wir die transzendentale Ebene, die Quelle und Ursache allen Lebens. Es gibt nichts, in das sie sich weiter aufspaltet, sie ist nicht weiter reduzierbar. In dieser Ebene finden wir die Polaritäten des Lebens hochgezogen, welche sich im Transzendentalen treffen, absorbieren in ihm und werden gleichzeitig von ihm geschaffen. Totales Sein und totale Leere, (sanskrit bodhi). Die metaphorische Idee des Gottes Odin mit drei verschiedenen Seinszuständen – Hoch, Ebensohoch und Dritter – deutet auf ein Dreieck hin. Jene dreifache Form spiegelt unter anderem die christliche Dreifaltigkeit wider. Dreifaltige Götter sind auch in den alten keltischen Überlieferungen im Überfluss vorhanden.
Herkunft Als früheste Nachweise der germanischen Gottesvorstellung wurden Felsbilder in Skandinavien gedeutet, die übermannsgroße Figuren in phallischer Pose und mit einem Speer bewaffnet zeigen.Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. Bd. 2, § 373. Diese Deutungen sind aber umstritten und beruhen auf den spätheidnisch-skandinavischen schriftlichen sowie bildhaften Darstellungen Odins als einer mit einem Speer attributierten Gottheit neben Thor mit seinem Hammer und Tyr als Schwertgott.