miniatur|Kirsopp Lake

Kirsopp Lake (* 7. April 1872 in Southampton, England; † 10. November 1946 in South Pasadena) war ein englischer anglikanischer Geistlicher und Theologe.

Lake war ein Neutestamentler und Winn Professor für Kirchengeschichte an der Harvard Divinity School. Er hatte ein ungewöhnlich breites Spektrum von Interessen und publizierte bahnbrechende Monographien zur neutestamentlichen Textkritik, zur griechischen Paläographie, zu Theologie und Archäologie. Im englischen Sprachraum ist er besonders bekannt durch sein fünfbändiges Werk The Beginnings of Christianity, einen ausführlichen Kommentar über die Apostelgeschichte und das frühe Christentum, den er zusammen mit F. J. Foakes-Jackson (1855–1941)Frederick John Foakes Jackson (*10. August 1855; † 1. Dezember 1941) war ein Kirchenhistoriker. Er lehrte 34 Jahre am Jesus College, Cambridge, war dort Dekan von 1895 bis 1916. Mit 61 wurde er Professor am Christian Institution am Union Theological Seminary, New York City. entwarf und herausbrachte.

Kindheit und Jugend Kirsopp Lake wurde als älteres von zwei überlebenden Kindern von George Anthony Kirsopp Lake, einem Arzt, and Isabel Oke Clark geboren. Sein Vater hatte schottische Wurzeln und Kirsopp war der Familienname der Großmutter väterlicherseits.Bruce Metzger: Lake, Kirsopp. In: J. A. Garraty, E. T. James (Hrsg.): Dictionary of American Biography: Supplement Four 1946–1950. New York: Charles Scribner’s Sons 1974, S. 467–469. Er ging zur St Paul’s School in London und ging dann an das Lincoln College in Oxford, wo er sich 1891 immatrikulierte. Er begann als ExhibitionerEin Exhibitioner ist ein Student, der eine Art von Geldpreis oder Stipendium aufgrund von Leistungen bekommen hat. und war Scholar der Skinners Company 1893 und schloss 1895 ab mit B.A. second class, der zweitbesten Note in Theologie. Er besuchte auch das Cuddesdon Theological College 1895.F. C. Grant: revised (2004). Lake, Kirsopp. In: H. C. G. Matthew, B. Harrison (Hrsg.): The Oxford Dictionary of National Biography, 60 Bände, Bd. 32, S. 246. Oxford: Oxford University Press.R. B. Gardiner (Hrsg.): The Admission Registers of St. Paul’s School from 1876 to 1905. London: George Bell and Sons 1906, S. 205.A. W. Holland (Hrsg.): The Oxford and Cambridge Yearbook, Pt. I. Oxford. London: Swan Sonnenschein 1904, S. 355.Who Was Who, 1941–1950, S. 653–654. London: Adam & Charles Black. Ursprünglich wollte er Vorlesungen über Rechtswissenschaften halten und eine Karriere in der Politik verfolgen. Jedoch machte er nach einer Grippeinfektion zu früh Übungen, die sein Herz angriffen und seine Ärzte erklärten ihm, dass Jura und Politik nicht mehr in Frage kommen. Nach den Angaben seines Sohns hatte er eine zerbrechliche Konstitution und die Kirche schien ihm eine Möglichkeit zu eröffnen ein Leben zu führen, das gemäß seinen Neigungen einen gewissen Einfluss auf die Öffentlichkeit hat.G. K. Lake: Biographical Note. In: R. P. Casey et al. (Hrsg.): Quantulacumque: Studies Presented to Kirsopp Lake by Pupils, Colleagues and Friends. London: Christophers 1937, S. vii-viii.

Kurat in England mini|links|hochkant|alt=University Church of St Mary the Virgin|St. Mary the Virgin in Oxford, wo Lake von 1897 bis 1904 Kurat war.

Nach seiner Graduierung wurde Lake 1895 ordinierter Diakon der Church of England und war Kurat, eine Art Hilfspfarrer, in Lumley, Durham, in Nordengland, wo er für die Gruben- und Minenarbeiter predigte. „Ich glaube nicht, dass die Theologie eine große Rolle in seinen Predigten gespielt hat“ erinnert sich sein Sohn, „aber er führte den Mikado auf und er erzählte immer die Geschichte des muskulösen Grubenarbeiters, der ihn vor dem Angriff eines betrunkenen Bauarbeiters aus dem Nachbarort rettete und der die Situation so kommentierte: 'Mon, he’s no much to look at, but has he no a bonny tongue?!'“ (Mann, an dem ist nicht viel dran, aber er hat eine mächtige Zunge). Nach einem Dienstjahr wurde er 1896 ordinierter Priester, aber er hatte weiterhin Herzprobleme und entschied sich zum weniger harten Klima weiter im Süden nach Oxford zurückzukehren, um seine Gesundheit zu unterstützen.

Er erlangte den M.A. 1897 und seit diesem Jahr war er bis 1904 Kurat an St. Mary the Virgin in Oxford, in einer viel akademischeren Umgebung. In diesen Jahren nahm er eine Arbeit an, um über die Runden zu kommen, indem er die griechischen Manuskripte der Bodleian Library katalogisierte. Diese Arbeit weckte in ihm das Interesse für das Synoptische Problem und die Fragen der Textkritik des Neuen Testaments. Er veröffentlichte ein sehr nützliches Handbuch The Text of the New Testament (1900). Ungefähr 60 Jahre später beschreibt Stephen NeillStephen Neill (1900–1984), ein Gelehrter aus Schottland, anglikanischer Missionar in Tamil Nadu und 1939 Bischof in Tirunelveli. die sechste Ausgabe von 1928 als „immer noch die beste kurze Einführung zur Textkritik des Neuen Testaments, die es in irgendeiner Sprache gibt“.Stephen Neill: The Interpretation of the New Testament 1861–1961. London: Oxford University Press 1964, S. 165–167.

Es war aller Wahrscheinlichkeit nach Frederick Cornwallis Conybeare (1856–1924)Frederick Cornwallis Conybeare (1856–1924) war ein britischer Orientalist, Mitglied des University College und Professor für Theologie in Oxford., Mitglied des University College in Oxford, der Lakes Entwicklung maßgeblich beeinflusst hat. Conybeare führte Lake in die Geheimnisse und Probleme der Paläographie und der Textkritik des Neuen Testaments ein.H. D. A. Major: In Memoriam Kirsopp Lake. In: The Modern Churchman 36, 1947, S. 302–305.

mini|alt=Codex Basilensis A. N. IV. 2, auch bekannt als Minuskel 1 mit dem Text von Lukas 1,1-2.|Codex Basiliensis A.N.IV.2, Lukas 1,1-2 dessen Text Lake 1902 veröffentlichte, zusammen mit anderen Lesarten der Familie 1.

Lakes paläographische Interessen führten dazu, dass er nach mehr Manuskripten suchte. 1898 reiste er zu den Bibliotheken in Basel, Venedig und Rom. Die Früchte dieser Reise veröffentlichte er 1902 in Codex 1 of the Gospels and Its Allies (1902). Lake hatte eine Textfamilie von neutestamentlichen Manuskripten entdeckt, die heute als Familie 1 oder als Lake Gruppe bezeichnet wird. Zu dieser Familie gehören die Minuskelhandschriften 1, 118, 131 und 209. In den Sommern 1899 und 1903 (und später weiteren) unternahm er Reisen auf der Suche nach Manuskripten zu den griechischen Klöstern auf dem Athos. Er veröffentlichte 1903, 1905 und 1907 Ausgaben mehrerer Manuskripte, die er dort aufgestöbert hatte, einen Katalog aller untersuchten Manuskripte und sogar eine Geschichte der Klöster selbst 1909. 1902 gewann er den Arnold Essay Preis der Oxford University für seine Studie The Greek Monasteries in South Italy, die in vier Folgen im Journal of Theological Studies, Band 4 und 5 veröffentlicht wurde.Harvard College Class of 1894: Twenty-fifth Anniversary Report 1894–1919, S. 521, 584. Plimpton Press, Norwood, MA 1919.

Am 10. November 1903 heiratete er Helen Courthope Forman (* 1874; † 22. Oktober 1958), die Tochter von Freda Gardiner und Sidney Mills Forman, einem Geschäftsmann aus Newcastle upon Tyne in Northumberland. Sie hatten zwei Kinder, Gerard Anthony Christian Kirsopp Lake (* 27. Dezember 1904; † 3. September 1972) und Agnes Freda Isabel Kirsopp Lake (31. Juli 1909; † 3. November 1993). Es war während dieser späteren Jahre seiner Amtszeit, als Lake anfing, die Lehren der Kirche anzuzweifeln und mehr in historischen und exegetischen Zusammenhängen dachte als in theologischer oder klerikaler Richtung. Sein Sohn berichtete, dass sein Vater an den Wendepunkt seines Glaubens an die Kirche kam, als sein Vikar vorschlug, dass in Vespergottesdiensten für einen Mr. Brown gebetet werden sollte, denn der Arzt hatte gerade verlauten lassen, dass es für ihn keine Hoffnung gibt. Diese Geschichte erscheint nicht eindeutig, aber sie zeigt seine Sichtweise an. Seine Tochter Agnes war da etwas direkter und benutzte das Wort „Häresie“.J. Linderski: Agnes Kirsopp Michels and the Religio. In: Classical Journal 92, 1997. S. 324–325. Diese Denkweise kann auch in der Familie verbreitet gewesen sein, denn Lake sagte Alfred North Whitehead 1922, dass sein Vater, der Arzt, als er gefragt wurde, was er meistens getan hat in seinem Leben, um das menschliche Leiden zu mildern antwortete „Anästhesie und die Zerstörung der christlichen Theologie“.A. N. Whitehead: Dialogues of Alfred North Whitehead. S. 171–72. Boston: David R. Godine 1954, repr. 2001.

Professor in Leiden mini|links|alt=Das Akademiegebäude der Universität Leiden|Akademiegebäude der Universität Leiden, wo Lake von 1904 bis 1914 Professor war.

In Übereinstimmung mit diesen neuen Interessen und Aktivitäten nahm Lake 1903 einen Ruf als ordentlicher Professor für neutestamentliche Exegese an der Universität Leiden an, der ältesten Universität der Niederlande. Er lehrte dort für zehn Jahre von 1904 bis 1914. Seine Antrittsvorlesung war auf Englisch und lautete The Influence of Textual Criticism on the Exegesis of the New Testament. Am Ende der Vorlesung schaute er seine Studenten an und sagte „Es tut mir sehr leid, dass ich für ein paar Monate von meiner Unfähigkeit eure Sprache zu benutzen gehindert bin, aber ich hoffe, dass ich bis nächsten September in der Lage bin auf Niederländisch zu lehren, zumindest teilweise, obwohl es vielleicht nötig ist mich für häufige Sprachfehler und unvollkommene Aussprache zu entschuldigen.“Notes of Recent Exposition. Expository Times 15 (1904): 289–95. Er hielt sein Versprechen und lernte schnell auf Niederländisch zu lesen. Die Vorlesung wurde 1904 veröffentlicht und erwies sich als eine bahnbrechende Studie, obwohl Elliott notierte: „Es dauerte fast ein Jahrhundert für seine allgemeine These, dass Textvarianten unschätzbare Quellen zum Studium der Geschichte der Kirche sind, bis sie Früchte trug.“J. K. Elliott: Lake, Kirsopp. In: D. K. McKim (Hrsg.): Dictionary of Major Biblical Interpreters. Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 2. Auflage 2007, S. 636–640.