mini|Exhumierung der 57 Leichen sowjetischer Zwangsarbeiter außerhalb Suttrops durch deutsche Zivilisten. Ein Captain der US-Armee nimmt Informationen zur Identifikation eines Mordopfers auf. Aufnahme vom 3. Mai 1945.
Das Massaker im Arnsberger Wald war ein Endphaseverbrechen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Es fand im Arnsberger Wald bei den Orten Warstein, Suttrop und Eversberg statt. Zwischen dem 20./21. und dem 23. März 1945 ermordeten Angehörige einer aus Waffen-SS und Wehrmacht zusammengesetzten Abteilung, die unter dem Kommando des SS-Obergruppenführers und Generals der Waffen-SS Hans Kammler stand, in mehreren Tötungsaktionen im Raum Warstein und bei Eversberg 208 männliche und weibliche Zwangsarbeiter sowie zwei Kinder.Arnsberger Rundschau. 13. Februar 1958. Nach dem Einmarsch der US-Armee wurden die Massengräber entdeckt, die Leichen durch deutsche Zivilisten exhumiert und in Einzelgräbern beigesetzt. 1957/58 fand vor dem Arnsberger Landgericht ein Prozess gegen sechs Mittäter statt. Der Prozess fand große Resonanz in der Öffentlichkeit; die überregionale Presse berichtete ausführlich darüber. Die insgesamt milden Urteile wurden von den Berichterstattern und Politikern durchweg kritisiert. Revisionsprozesse führten zu einer Erhöhung des Strafmaßes für die drei Hauptangeklagten.
Vorgeschichte Der „Endkampf“, den NSDAP-Mitglieder, die Waffen-SS und Teile der Wehrmacht zu führen gedachten, war verbunden mit der Tötung „unerwünschter Elemente“. Dazu zählten insbesondere sowjetische Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter. Bis kurz vor dem Einmarsch der Alliierten kam es an zahlreichen Orten an Rhein und Ruhr zu Massenerschießungen, entsprechend dem Vorgehen der Einsatzgruppen an der Ostfront.Ralf Blank: Nerobefehl (Online-Version).
In diesen Zusammenhang gehört auch die Mordaktion im Sauerland. Die Region liegt an der Peripherie des östlichen Ruhrgebiets. Seit dem Sommer 1944 gab es im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, je nach der Art der Unterkunft, drei Gruppen von Zwangsarbeitern. Die größte davon bildeten die nach wie vor in Lagern festgehaltenen und zur Arbeit gezwungenen Personen. Daneben gab es zahlreiche Zwangsarbeiter, deren Lager durch Bombenangriffe zerstört waren und die sich in den Ruinen der Städte bis zu ihrer Befreiung verbargen. Eine dritte Gruppe hatte auf eigene Faust die Städte verlassen und versuchte in der ländlichen Umgebung, etwa im Münsterland, im Bergischen Land oder im Sauerland, bis zum Kriegsende zu überleben.
Ende 1944 begannen die deutschen Behörden, solche Zwangsarbeiter, die durch die Bombenangriffe ihre Arbeitsplätze und ihre Unterkunft verloren hatten, ostwärts zu verlagern. Die Zwangsarbeiter wurden in Gruppen eingeteilt und bewacht. Jedoch setzten sich die Wachen häufig nach ein paar Tagen ab, und die Arbeiter strandeten im Sauerland und wurden von der Gestapo und anderen Sicherheitskräften als Marodeure verfolgt. Die Zahl der aus dem Ruhrgebiet herausgeführten Zwangsarbeiter nahm Anfang 1945 stark zu; deshalb erstellte das Regierungspräsidium in Arnsberg einen Plan für einen ordentlichen Verlauf der Evakuierungen mit bestimmten Routen, Rast- und Übernachtungsstellen.
Anfang März 1945 durchliefen etwa 1000 Personen pro Tag die Stationen auf der Marschroute. Weil der Weitermarsch auf Schwierigkeiten stieß, stauten sich die Menschen in der Gegend um Meschede und wurden dort zunächst auf verschiedene Dörfer und Städte verteilt. Die Unterbringungsmöglichkeiten waren bald erschöpft, und es mangelte an Nahrung. So flüchteten viele Zwangsarbeiter in die Wälder, um sich dort bis zur Ankunft naher Truppen der US-Armee durchzuschlagen. Zum Überleben stahlen sie Hühner von den Höfen oder begingen Felddiebstähle. Außer solchen kleineren Diebstählen kam es in dieser Zeit zu keinen Raubüberfällen oder gewaltsamen Übergriffen.Ulrich Herbert: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Berlin/Bonn 1985, ISBN 3-8012-0108-2, S. 339f. Laut Aussage des damaligen Gauleiters und obersten Reichsverteidigungskommissars für Westdeutschland, Albert Hoffmann, im späteren Prozess um die Tötungsaktionen im Arnsberger Wald gab es einen Befehl, alle plündernden und marodierenden Zwangsarbeiter zu erschießen.Westfalenpost. 15/1958 vom 17. Januar 1958.
Tatverlauf Mordauftrag mini|hochkant|Hans Kammler (1932)
In Suttrop, einer Ortschaft 2 km von Warstein entfernt, lag auf dem Gelände der örtlichen Schule der Stab der Division z.V. (zur Vergeltung). Der Name kommt vom nationalsozialistischen Propagandabegriff „Vergeltungswaffe“. Diese bezeichneten den Marschflugkörper V 1 und die Rakete V 2, die diese Einheit noch bis Anfang März in den Niederlanden auf die anrückenden Alliierten abfeuern konnte. Die Truppe setzte sich aus Wehrmachtssoldaten und Angehörigen der Waffen-SS zusammen. Kommandiert wurde die Einheit von dem SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Hans Kammler, der außerdem auch als Sonderkommissar für die technische Kriegsführung außerhalb von Suttrop reichsweit tätig war. Auf einer Fahrt nach Warstein wurde er auf die große Zahl der auf den Straßen marschierenden Zwangsarbeiter aufmerksam. Als sein Auto wegen einer solchen Gruppe halten musste, äußerte er zu seinen Begleitern, man müsse dieses „Gesindel“ eliminieren. Einige Tage später stieß der General im Wald auf eine Gruppe von kampierenden Zwangsarbeitern, die gerade dabei waren, gestohlene Hühner zu rupfen. Kammler rief daraufhin am 19. oder 20. März 1945 seinen Stab zusammen. Er bezeichnete die Zwangsarbeiter als großes Sicherheitsrisiko, gegen das Maßnahmen ergriffen werden müssten. Die Gefahr könne nur durch die Dezimierung der Ostarbeiter verringert werden. Er berichtete über bereits vorgekommene angebliche oder tatsächliche Ausschreitungen von Zwangsarbeitern im Reichsgebiet. Zwar sei es „in dieser Gegend noch nicht dazu gekommen, diese seien aber unbedingt zu erwarten, und dem müsse vorgebeugt werden.“ Im Übrigen sei auch die Nahrungsmittelversorgung kritisch, und die Vorräte für die Deutschen würden durch die Fremdarbeiter noch verringert. Daher sei es nötig, die „Fremdarbeiter zu dezimieren“.Ulrich Herbert: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Berlin/Bonn 1985, ISBN 3-8012-0108-2, S. 340. Ders.: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. München 2001, S. 181.
Die Umsetzung überließ Kammler, der wegen seiner anderen Aufgaben aus Suttrop abreiste, seinen Untergebenen, die dabei weitgehend selbstständig handelten. In der Schützenhalle auf dem Herrenberg in Warstein und neben der Schule im benachbarten Suttrop bestanden behelfsmäßige Lager, wo die Zwangsarbeiter vorübergehend untergebracht und dürftig verpflegt wurden. Aus diesen Unterkünften wurden die Opfer geholt.Die Mörder sind unter uns. In: Der Spiegel. Nr. 50, 1957 (Online-Version).
Tatorte Suttrop und Warstein mini|Gedenkstein und Mahnmal in Erinnerung an den Russenfriedhof und den Ort der Endphasen-Kriegsverbrechen im Langenbachtal Eine Aktion richtete sich gegen die am Rand des Schulgeländes untergebrachten Personen. Unklar ist, wer das Tötungskommando aus Unteroffizieren und Mannschaften des Stabes zusammenstellte und die Aktion kommandierte. Ein Zeuge der Tat war der damalige SS-Untersturmführer Heinz Zeuner. Der in der Schule in Suttrop untergebrachten Gruppe aus 35 Männern, 21 Frauen und einem Kind wurde befohlen, sich zum Abtransport bereit zu machen.
Daneben wurden auch erste Opfer unter den Zwangsarbeitern in Warstein ausgesucht. Der SS-Oberfeldrichter Wolfgang Wetzling ließ zusammen mit SS-Untersturmführer Bernhard Anhalt und Ernst-Moritz Klönne durch einen Dolmetscher den 800–1000 in der Schützenhalle zusammengepferchten Zwangsarbeitern verkünden, dass er Freiwillige suche, die in ein anderes besseres Lager gebracht werden würden. Daraufhin meldeten sich 14 Männer und 56 Frauen. Von diesen hatte eine ein einjähriges Kind bei sich. Auch diese Gruppe wurde ermordet.Jürgen Funke: Erinnerung an ein barbarisches Kriegsverbrechen im Sauerland. In: Sauerland – Zeitschrift des Sauerländer Heimatbundes. 2/1995, S. 43 (; abgerufen am 16. Oktober 2013; PDF; 4,3 MB).
Den Exekutionsplatz im Langenbachtal hatten Wetzling und Klönne am 20. März ausgesucht. Klönne war der Sohn eines Dortmunder Unternehmers, der in Warstein eine Villa besaß. Er unterstand nicht Kammler und beteiligte sich freiwillig an dem Unternehmen. Für die Tötungsaktion hatten die Soldaten im Waldstück Im Stein zwischen Suttrop und Körtlinghausen ein Massengrab vorbereitet. Die Menschen mussten sich am Grubenrand aufstellen und wurden per Kopfschuss hingerichtet. Aus der letzten Gruppe konnte sich ein Mann lösen und lief auf den SS-Mann Zeuner zu, der ihn mit mehreren Schüssen tötete. Ein Großteil des Mordkommandos hatte Skrupel, das einzige Kind der Gruppe zu töten. Ein SS-Mann erklärte sich dazu bereit und zerschmetterte den Kopf des Kindes an einem Baumstamm. Angesichts der großen Anzahl von Frauen kamen Zeuner offenbar Zweifel, ob es sich tatsächlich um Plünderer handeln konnte. Er sagte zu Kammler am nächsten Morgen: „Es waren viele Frauen und Kinder dabei.“ Dieser antwortete: „Man kann von diesem Zeug nicht genug umlegen.“ Der Oberfeldrichter Wetzling sagte später in dem Prozess gegen ihn aus, dass er sich über die große Zahl von Frauen Gedanken gemacht habe. „Ich habe dann auch sehr darauf geachtet, dass bei der nächsten Exekution nur Männer erschossen wurden, damit die Parität wieder hergestellt war …“ Zum Gedenken an die Opfer befindet sich am Exekutionsplatz ein Mahnmal (;).
Den Opfern wurden Wertsachen, Papiere und verwertbare Kleidungsstücke abgenommen und gegen Quittung beim Oberzahlmeister abgeliefert. In der Nacht vom 22. auf den 23. März brannte die Schützenhalle ab, in der die sowjetischen Zwangsarbeiter und französische Kriegsgefangene untergebracht waren. In Warstein wird vermutet, dass dafür auch die SS-Leute verantwortlich waren. Im größeren Teil, der fest verrammelt war, waren die Zwangsarbeiter und in einem anderen Teil die Kriegsgefangenen untergebracht. In diesem Bereich war nur die Tür verschlossen. Die Franzosen rissen ein Loch in die Bretterwand, welche die beiden Bereiche trennte. So konnten alle Menschen dem Feuer entkommen.Fritz Schumacher: Heimat unter Bomben. Der Kreis Arnsberg im Zweiten Weltkrieg. Gebrüder Zimmermann, Balve 1969, S. 104.
Tatort Eversberg mini|hochkant|Sowjetische Stele auf dem Waldfriedhof Fulmecke
In der Nacht vom 22. auf den 23. März 1945 wurden weitere 80 Männer aus dem Lager in der Warsteiner Schützenhalle ermordet. Diese Tat fand bei Eversberg statt, etwa dort, wo heute von der B 55 die Straße nach Eversberg abzweigt. Der Wehrmachtsoffizier Helmut Gaedt wurde, wie er später als Angeklagter aussagte, zum Ersten Generalstabsoffizier der Division, Johann Miesel, befohlen. Dieser sagte, es seien Russen beim Plündern erwischt worden. Diese seien zu erschießen. Auf die Frage, was er als Waffenoffizier damit zu tun habe, antwortete Miesel: „Sie sind Offizier wie jeder andere auch.“ Weitere Anweisungen erhielt er von Oberfeldrichter Wetzling, der den Befehl bestätigte. Ein offizielles Standgerichtsurteil wegen Plünderns gab es nicht; vielmehr sollten pauschal 80–100 Zwangsarbeiter hingerichtet werden.