mini|Erzählung der Adele Moroder-Lenert über ihre Großeltern auf Grödnerisch-Ladinisch – aus dem Tonarchiv: Archiv Radio Ladin Alex Moroder Als Ladinisch im Sinne von Dolomitenladinisch bezeichnet man eine Gruppe romanischer Dialekte, die in mehreren Alpentälern Oberitaliens gesprochen werden. Als hauptsächliche Verbreitungsgebiete gelten Gröden und das Gadertal in Südtirol, das Fassatal im Trentino sowie das Buchensteintal und Cortina d’Ampezzo in der Provinz Belluno (Venetien). Hinzu kommt eine Reihe weiterer Dialekte im Trentino und in der Provinz Belluno, die in der Forschung teils als semi-ladinische Übergangs- oder Mischformen eingestuft, teils auch dem Ladinischen selbst noch zugeordnet werden. In Hinsicht auf die Stellung zum Italienischen ist strittig, ob das Ladinische den norditalienischen Dialekten einzugliedern ist oder aber zusammen mit dem Bündnerromanischen in Graubünden und dem Furlanischen im Friaul eine sprachliche Einheit bildet (siehe Questione Ladina), die von Vertretern dieser Auffassung insgesamt als Ladinisch oder als Rätoromanisch bezeichnet wird, und innerhalb deren es dann aufgrund seiner geographischen Mittellage als zentralladinische oder zentralrätoromanische Dialektgruppe angesetzt wird.
Soziolinguistisch ist die Situation der Ladinischsprecher, deren Anzahl im Kerngebiet etwa 30.000 Personen beträgt, stark von Multilingualismus (in Südtirol) bzw. Diglossie (im Trentino und in Venetien) geprägt. In Südtirol und im Trentino genießt das Ladinische den Status einer (teilweise territorial begrenzten) Amts- und Schulsprache. Versuche zur Kodifizierung einer einheitlichen Standardsprache mündeten in der Ausarbeitung des Ladin Dolomitan.
Glottonyme mini|Ladinien: die fünf ladinischsprachigen Täler in Norditalien, deren Dialekte unter dem Begriff Sellaladinisch zusammengefasst werden. In Publikationen zum Ladinischen tauchen verschiedene Sprachbezeichnungen auf, die, teilweise je nach Autor und je nach Kontext, unterschiedliche Begriffsumfänge haben.Die Darstellung folgt Dieter Kattenbusch: Rätoromanisch oder Ladinisch? Dolomitenladinisch = Sellaladinisch = Zentralladinisch = Zentralrätoromanisch? Einige Bemerkungen zu einem terminologischen Streit. In: Ladinia. XII (1988), , S. 5–16 (micura.it [PDF; 2,5 MB]).
Sellaladinisch ist ein eng gefasster Begriff, der nach dem Bergstock Sella geprägt wurde, um den sich das Fassa- und das Gadertal, Gröden und Buchenstein gruppieren. Dementsprechend werden nur die in diesen Tälern gesprochenen Dialekte unter diesem Terminus zusammengefasst, gelegentlich wird noch das Ampezzanische hinzugerechnet. Dolomitenladinisch (nach der Gebirgskette Dolomiten) kann etwas weiter als Sellaladinisch verstanden werden und noch angrenzende Dialekte aus dem Cadore umfassen. Zentralladinisch oder Zentralrätoromanisch wird im Kontext einer angenommenen rätoromanischen Sprachgruppe verwendet, da die in diesem Artikel behandelten Dialekte eine geographische Mittelstellung zwischen dem westlich in Graubünden gesprochenen Bündnerromanischen und dem östlich im Friaul beheimateten Furlanischen einnehmen. Graziadio Ascoli subsumierte unter diesem Begriff neben dem Dolomitenladinischen zusätzlich noch die ladino-anaunischen Dialekte.
Externe und interne Gliederung In Hinsicht auf die Stellung zum Italienischen ist strittig, ob das Ladinische den norditalienischen Dialekten einzugliedern ist oder aber zusammen mit dem Bündnerromanischen in Graubünden und dem Furlanischen im Friaul eine sprachliche Einheit bildet (siehe Questione Ladina), die von Vertretern dieser Auffassung auch insgesamt als Ladinisch oder als Rätoromanisch bezeichnet wird und innerhalb derer es dann aufgrund seiner geographischen Mittellage als zentralladinische oder zentralrätoromanische Dialektgruppe angesetzt wird.Luigi Heilmann, Guntram A. Plangg: Ladinisch: Externe Sprachgeschichte. In: Lexikon der Romanistischen Linguistik. III. Band. Tübingen, Niemeyer 1989, ISBN 3-484-50250-9, S. 720–733.
Im ladinischen Kerngebiet (auch Ladinien genannt) lassen sich sechs Dialekte unterscheiden: Maréo (Ennebergisch) Badiot (Gadertalisch/Abteitalisch) Gherdëina (Grödnerisch) Fascian (Fassanisch) Anpezan (Ampezzanisch) Fodom (Buchensteinisch)
Daneben werden mehrere weitere Dialekte im Trentino und in Venetien aufgrund ihrer Affinität zum eng gefassten Sellaladinischen hinsichtlich ihres Lexikons, Lautstands oder ihrer Morphologie als mehr oder weniger ladinisch bzw. ladinisierend klassifiziert.Guntram A. Plangg: Ladinisch: Interne Sprachgeschichte I. Grammatik. In: Lexikon der Romanistischen Linguistik. Band III. Niemeyer, Tübingen 1989, ISBN 3-484-50250-9, S. 646–667. In Überblicksdarstellungen zum Ladinischen wird auf ihre Randstellung hingewiesen, da sie zum einen nur reduzierte Anteile ihrer Grammatik mit dem Sellaladinischen gemeinsam haben, zum anderen ethno- und soziolinguistisch deutlich von den Kerngebieten geschieden sind.Hans Goebl: Externe Sprachgeschichte der romanischen Sprachen im zentral- und Ostalpenraum. In: Gerhard Ernst, Martin-Dietrich Gleßgen, Christian Schmitt, Wolfgang Schweickard (Hrsg.): Romanische Sprachgeschichte. Ein internationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen. 1. Teilband. De Gruyter, Berlin und New York 2003, ISBN 978-3-11-019412-8, S. 747–773. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Dialektgruppen:Die Darstellung folgt Roland Bauer: Ladin (Dolomitenladinisch, Zentralladinisch, Zentralrätoromanisch). In: Nina Janich, Albrecht Greule (Hrsg.): Sprachkulturen in Europa. Narr, Tübingen 2002, ISBN 3-8233-5873-1, S. 144–149.
Ladino-cadorisch im Cadore bzw. Ladino-comelicanisch im Comelico, Ladino-venedisch im Cordevole-Tal und im Val di Zoldo. Ladino-anaunisch im Nonstal und im Sulztal, unterteilt in Nones und Solander.
Es existieren verschiedene Gliederungsversuche, die wiederum einzelne Dialekte zu größeren Gruppen zusammenfassen.
Sprecherzahlen mini|hochkant=1.3|Minderheitensprachen im Trentino,Volkszählung 2011
Anlässlich der alle zehn Jahre stattfindenden Volkszählung werden die Bürger in Südtirol und im Trentino (nicht in der Provinz Belluno) aufgerufen, ihre Sprachgruppenzugehörigkeit zu deklarieren. Im Jahr 2011 haben sich in Südtirol 4,1 % und im Trentino 3,5 % der Einwohner als Ladinischsprecher erklärt, darunter auch Einwohner des Nonstals und des Val di Sole (Sulztal o. Sulzberg). Bei der Volkszählung 2011 haben sich 23,19 % der Nonstaler als Ladinischsprecher erklärt, im Jahre 2001 waren es noch 17,54 % gewesen. In Südtirol ist die Sprachgruppenzugehörigkeit für Zwecke des ethnischen Proporzes relevant.
Provinz 2001 2011 Südtirol 18.736 20.548 Trentino 16.462 18.550
In der Provinz Belluno gibt es keine Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung. Daher ist die angegebene Zahl von 30.000 Ladinischsprechern im ladinischen Kerngebiet nur auf der Grundlage von Schätzungen möglich.
Status mini|Dreisprachiges Straßenschild Ladinisch ist in den Südtiroler Gemeinden mit ladinischer Bevölkerung als lokale Behörden- und Schulsprache anerkannt. Zu diesen Gemeinden gehören Wolkenstein/Sëlva, St. Ulrich/Urtijëi, St. Christina/Santa Cristina, Abtei/Badia, Corvara, Enneberg/Mareo, St. Martin in Thurn/San Martin de Tor und Wengen/La Val. Für unbefristete Anstellung im öffentlichen Dienst ist dort zumeist ein Dreisprachigkeitsnachweis nötig.
Die ladinische Sprache wird auch in den Gemeinden des Fassatals im Trentino an Schulen unterrichtet.
Bislang fehlt es an Minderheitenrechten für die Ladiner in der Region Venetien. Deswegen streben Ladiner in Cortina d’Ampezzo, Livinallongo del Col di Lana und Colle Santa Lucia eine Neugliederung der Verwaltungsgrenzen an. Das würde die Orte, die schon früher zu Tirol bzw. zur Diözese Brixen gehört haben, der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol zuschlagen. Viele Kinder in Cortina d’Ampezzo verstehen zwar Ladinisch, weil ihre Eltern oder Großeltern es noch sprechen, kommunizieren untereinander jedoch nur mehr Italienisch. Da Lehrpersonen landesweit nach Rangordnung eingestellt werden, kommen meist solche ohne Ladinischkenntnisse zum Zug. Ladinisch ist in Cortina nicht Unterrichtssprache.
Die folgende Tabelle zeigt die regionalen Unterschiede im täglichen Gebrauch der ladinischen Sprache gemäß einer Studie aus dem Jahr 2006:
Tal Anteil der Bevölkerung (%), der …sich der ladinischen Sprachgruppe zugehörig fühltLadinisch am besten beherrschtLadinisch mit den eigenen Eltern sprichtLadinisch mit eigenen Kindern sprichtLadinisch mit fremden Kindern sprichtLadinisch auf Behörden benutzt Gadertal958791969793 Gröden796473788475 Fassatal665970767363 Buchenstein787991938988 Ampezzo333353504227
Geschichte mini|Kurat Josef Anton Vian, Verfasser der ersten ladinisch-grödnerischen Grammatik, 1864Die Anfänge der ladinischen Literatur. In: micura.it. Istitut Ladin „Micurá de Rü“, abgerufen am 4. Januar 2016. Mit dem erfolgreichen Feldzug des römischen Heerführers Nero Drusus wurde das Gebiet der Alpenvölker in verschiedene römische Provinzen unterteilt. Daraufhin haben sich auch Bürger des Römischen Reichs angesiedelt. Daher wird die Bezeichnung vom Lateinischen hergeleitet, da es sich beim Ladinischen um eine vulgärlateinische Sprachvariante des romanisierten Alpenraums handelt. Das Ladinische wird als Überbleibsel vulgärlateinischer Mundarten häufig dem Rätoromanischen zugerechnet. Ob es jedoch eine überregionale rätoromanische Ursprache gab, ist unter Wissenschaftlern umstritten und wurde als Questione Ladina diskutiert. Die seit dem 6. Jahrhundert aus dem Norden vorrückenden Bajuwaren verdrängten das rätoromanische Idiom aus weiten Teilen seines ehemaligen Verbreitungsgebietes.
Anhand von alten Textquellen und der Analyse der Familien-, Hof-, Flur- und Ortsnamen sowie der Siedlungsformen (romanisches Haufendorf) lässt sich dieses jedoch gut rekonstruieren. Das Eisacktal zwischen Bozen und Brixen, das äußere Villnößtal, das Lüsner Tal sowie die Gegend um Kastelruth wurden im Laufe des Spätmittelalters germanisiert. In dieser Zeit verschwand das Ladinische auch aus den Siedlungen am Nordhang des Kronplatzes sowie den zur Gemeinde St. Lorenzen gehörenden Fraktionen im Gadertal. In der Frühen Neuzeit kam es zudem im inneren Villnößtal und im Eggental (Welschnofen) außer Gebrauch. Die ausgestorbene Eggentaler Varietät war ein eigener Dialekt, der eng mit der Grödner Mundart verwandt war.
Später wich dieser Sprachraum auch im Süden zugunsten des Italienischen allmählich zurück. Dieser Prozess schritt soweit fort, dass die Sprache heutzutage nur noch in wenigen Tälern gesprochen wird. Mit Ende des Ersten Weltkriegs und Angliederung des südlichen Teils Tirols an Italien fielen die Ladinisch sprechenden Gebiete des aufgelösten Österreich-Ungarn an Italien.
Die italienische Nationalbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts sah im Ladinischen fast immer einen italienischen Dialekt, was von den meisten Ladinern abgelehnt wurde. Im Gruber-De-Gasperi-Abkommen von 1946 war kein Schutz der Ladiner vorgesehen.Werner Pescosta: L’Accordo De Gasperi-Gruber e i ladini. Dinamiche sociali e politiche fra primo e secondo dopoguerra. In: Leander Moroder, Hannes Obermair, Patrick Rina (Hrsg.): Lektüren und Relektüren – Leggere, riflettere e rileggere – Nrescides letereres y letures critiches. Studia Prof. Ulrike Kindl septuagenariae die XVI mensis Oct. anni MMXXI dicata. Istitut Ladin Micurá de Rü, San Martin de Tor 2021, ISBN 978-88-8171-141-3, S. 395–428, hier S. 420–422. Erst durch das 2. Autonomiestatut für Südtirol 1972 erlangten die Ladiner in diesem Gebiet Minderheitenrechte.Daniel Perathoner: Mehrsprachigkeit in Südtirol aus dem Blickwinkel ladinischsprachiger Kinder. Diplomarbeit 08/2010, S. 6–10, doi:10.25365/thesis.10834 (univie.ac.at [PDF; 1,7 MB; abgerufen am 15. März 2016]).