mini|Blütenreicher Kalkmagerrasen am Walberg bei Walburg (Werra-Meißner-Kreis, Nordhessen) Kalkmagerrasen, alternativ auch Kalktrockenrasen genannt, sind extensiv genutzte, arten- und blütenreiche Grasland- oder Grünland-Biotope auf basenreichen Böden. Sie sind in ihrer Artenzusammensetzung verwandt mit den Steppen Osteuropas und Asiens (der eurasischen Steppe) und sind in Mitteleuropa unter Förderung des Menschen auf Standorten entstanden, die vorher vielfach Wald getragen haben (sogenannte Halbkulturformation). Wegen ihres besonderen Artenreichtums und ihrer Bedrohung durch intensivere Nutzungsformen sind Kalkmagerrasen ein Schutzobjekt des Naturschutzes. Formen von Verbuschten Kalkmagerrasen werden auch Wacholderheide genannt.
Standort Typisch für Kalkmagerrasen ist ihre natürliche Nährstoffarmut, besonders die Armut an Stickstoff und Phosphor. Kalkmagerrasen werden nicht und wurden auch früher nicht gedüngt.
Die Böden der Kalkmagerrasen sind in der Regel kalkreich, auf Kalkstein, Dolomit oder nicht entkalktem Löss. Auf Böden aus anderen basenreichen, aber kalkärmeren Gesteinen bilden sich Übergangsbestände zu den Magerrasen saurer Böden (vegetationskundlich als Silikatfels- und Sandmagerrasen gefasst). Diese Übergangsbestände sind aber selten, weil entsprechende Böden sich leicht landwirtschaftlich meliorieren lassen und daher in der Kulturlandschaft kaum erhalten sind. Kalkmagerrasen kommen meist auf flachgründigen Böden vor, oft in mehr oder weniger steiler Hanglage, typischer Bodentyp ist hier eine Rendzina, bei Steppenrasen auf Löss oft eine Schwarzerde (Tschernosem). Je nach Ausprägung und Typ ist der Boden trocken oder mit im Durchschnitt mittlerer Wasserversorgung (frisch), dann aber meist mit einer ausgeprägten Trockenperiode, der die Pflanzen zeitweise erhöhtem Trockenstress aussetzt. Entscheidend für das Vorkommen ist aber der Nährstoff-, nicht der Wassergehalt des Bodens. Bei Stickstoffdüngung können Kalkmagerrasen daher auch ohne Wasserzufuhr in Fettwiesen umgewandelt werden. Pflanzen der Kalkmagerrasen sind meist extrem lichtbedürftig und fallen selbst bei moderater Beschattung aus, wenige ihrer Arten kommen aber noch im Unterwuchs lichter Wälder, vor allem Kiefernwälder, vor. Diese Spezialisierung wurde von Ellenberg als „lichtliebende Hungerkünstler“ umschrieben.
Der Boden eines Kalkmagerrasens liefert den Pflanzen nach ökologischen Messungen nur etwa 20 bis 30 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr zurück, dieser Wert liegt niedriger als in einem Kalkbuchenwald auf vergleichbarem Standort. Diese beruht auf einer tiefergründige Aufschließung der Waldböden, auf dem besseren Erhalt der Nährstoffe durch die Zersetzung der Laubstreu und z. T. auch auf den am Bestand beteiligten Leguminosen. Ein wichtiger Grund ist, neben der durch Trockenheit gehemmten Mineralisierung, der jahrhundertelange Nährstoffentzug durch die menschliche Nutzung.
Die Bestände sind daher landwirtschaftlich ertragsarm und werden im Kataster meist als „Ödland“ geführt. Die jährliche Heuernte liegt bei 10, selten bis 30 Doppelzentnern pro Hektar und ist damit kaum halb so hoch wie in gut gedüngten Fettwiesen, auch wenn die Bestände teilweise recht hochrasig sind. Auch der Anteil an Eiweiß im Heu ist ganz erheblich niedriger. Ein erheblicher Teil des Zuwachses der Pflanzen wird in die Wurzeln investiert und ist daher für den Menschen und sein Vieh nicht nutzbar.
Nutzung Je nach Typ und Landschaft wurden Kalkmagerrasen traditionell zur Heugewinnung gemäht oder beweidet. Während in einigen Regionen noch eine Weidenutzung erfolgt, ist die landwirtschaftliche Mahd heute kaum noch üblich, weil der Aufwand auf den meist steilen Hängen hoch und der Ertrag gering ist. Die meisten Flächen werden daher von Landwirten gegen Ausgleichszahlungen und unter bestimmten zum Erhalt der Vielfalt notwendigen Naturschutzauflagen bewirtschaftet oder auch direkt von Naturschutzverbänden gepflegt (Extensive Grünlandwirtschaft, Biotopgrünland).
Vegetation Die Kalkmagerrasen gehören im pflanzensoziologischen System in die Klasse Festuco-Brometea. Die weitere Gliederung erfolgt nach dem Standort (trocken oder frisch) und nach der Region, mit ihrem jeweiligen Klima. So werden Kalkmagerrasen der subozeanischen Region (Westeuropas) und der subkontinentalen Region (Osteuropas) unterschieden. Auch die Bestände im Norden und Nordosten (Baltikum, Südskandinavien, zum Beispiel die Alvare auf Öland) und diejenigen Südeuropas (Balkan und Südalpen) sind voneinander und von den mitteleuropäischen verschieden. Dabei sind mehrere Systeme der Gliederung im Gebrauch, bei denen teilweise deutlich unterscheidbare Bestände unter demselben Namen aufgeführt sind oder bestimmte Namen nur national angewendet werden, und in anderen Ländern einen anderen Namen erhalten. Das System ist daher teilweise unklar und widersprüchlich. Die folgende Darstellung orientiert sich vor allem an den Verhältnissen in Mitteleuropa.
Trespen-Trockenrasen Für das nordwestliche Mitteleuropa typisch sind Kalkmagerrasen, die nach der charakteristischen Grasart Aufrechte Trespe (Bromus erectus) Trespentrockenrasen genannt werden. Im pflanzensoziologischen System bilden sie die Ordnung Brometalia erecti (von einigen Autoren wird stattdessen aus nomenklatorischen Gründen der Name Brachypodietalia pinnati, benannt nach der Fieder-Zwenke Brachypodium pinnatum, bevorzugt). Weitere Charakterarten sind zum Beispiel Gewöhnlicher Hufeisenklee Hippocrepis comosa, Gelbes Sonnenröschen Helianthemum nummularium agg., Echter Wundklee Anthyllis vulneraria, Kartäusernelke Dianthus carthusianorum, Gewöhnliche Kuhschelle Pulsatilla vulgaris.
Nach der Trockenheit des Standorts wird unterschieden ein „echter“ oder „Volltrockenrasen“, Xerobrometum, in Deutschland nur in Süddeutschland verbreitet, gefährdet (Rote Liste 3) und ein „Halbtrockenrasen“, Mesobrometum oder Brometum, in Deutschland stark gefährdet (Rote Liste 2).
Xerobrometum Der echte Trespen-Trockenrasen, das Xerobrometum, ist an extrem trockenwarme Fels- oder Kies-Standorte gebunden, geographisch kommt er nur im südwestlichen Mitteleuropa, in der Schweiz, im Elsass, im Oberrheintal und der westlichen Schwäbischen Alb vor. Die Grasnarbe ist lückig strukturiert, es kommen zahlreiche Zwergsträucher vor. In den Lücken finden sich neben Flechten und Moosen verbreitet Frühjahrs-Annuelle. Zu den Charakterarten gehören nach Oberdorfer Echte Kugelblume Globularia punctata, Schmalblättriger Lein Linum tenuifolium, Gewöhnliches Nadelröschen Fumana procumbens, Blaugrüner Faserschirm Trinia glauca, Berg-Gamander Teucrium montanum.
mini|Kalkmagerrasen auf der Schwäbischen Alb (NSG Eichhalde)
mini|links|„Naturschutzgebiet Digelfeld“. Große Wacholderheide nordwestlich von Hayingen
Mesobrometum Die sogenannten Halbtrockenrasen des Verbands Mesobromion sind viel weiter verbreitet als der echte Trespen-Trockenrasen und kommen insbesondere weiter nach Norden und Westen hin vor. Die Grasnarbe ist fast immer geschlossen, der Bestand ist hochwüchsiger und wiesenartiger. Zu den charakteristischen Arten zählen Flaumiger Wiesenhafer Helictotrichon pubescens, Zittergras Briza media, Tauben-Skabiose Scabiosa columbaria, Saat-Esparsette Onobrychis viciifolia, Knolliger Hahnenfuß Ranunculus bulbosus, Raues Veilchen Viola hirta, Großblütige Braunelle Prunella grandiflora, Golddistel Carlina vulgaris, Wiesensalbei Salvia pratensis (auch in artenreichen Fettwiesen auf Kalk), Echte Schlüsselblume Primula veris (auch in Wäldern auf Kalk). In Mitteleuropa sind (ehemals) beweidete und gemähte Halbtrockenrasen meist anhand der Artenkombination gut erkennbar. Während die Aufrechte Trespe den beweideten Rasen fehlt, treten hier die Gräser Fiederzwenke und Großes Schillergras Koeleria pyramidata sowie eine Reihe von niedrigwüchsigen, dornigen, stacheligen oder giftigen Weideunkräutern hervor, darunter Stängellose Kratzdistel Cirsium acaule, Deutscher Fransenenzian Gentianella germanica, Gewöhnlicher Fransenenzian Gentianopsis ciliata und Kriechende Hauhechel Ononis repens. Dafür wurde eine eigene Assoziation, der „Enzian-Schillergras-Rasen“ (Gentiano-Koelerietum) unterschieden. Mit dem Aufhören der Nutzung (Brache) gleicht sich die Artenkombination aber immer mehr an. Von Westen (Irland) bis ins östliche Mitteleuropa lässt sich bei gemeinsamen Artengrundstock eine Abfolge charakteristischer Artenkombinationen ausmachen, die vielfach als eigene Assoziationen aufgefasst werden. Die Assoziation Mesobrometum, die vor allem in Süddeutschland vorkommt, deckt davon nur einen Teil ab.
Besonders reich sind die Trespen-Trockenrasen an Orchideenarten. Typische Arten sind Helm-Knabenkraut Orchis militaris, Dreizähniges Knabenkraut Neotinea tridentata, Brand-Knabenkraut Neotinea ustulata, Bocks-Riemenzunge Himantoglossum hircinum, Fliegen-Ragwurz Ophrys insectifera, Bienen-Ragwurz Ophrys apifera und zahlreiche weitere.
Steppenrasen mini|Steppenrasen (Pálava, Südmähren) mini|Steppenrasen in Österreich (NSG „Haulesbergen“ bei Mistelbach) mit Zwerg-Schwertlilie Iris pumila Im nordöstlichen und östlichen Mitteleuropa werden die Trespen-Trockenrasen ersetzt durch Steppenrasen. In Deutschland können sich Steppenlebensräume in Regionen mit in der Regel unter 500 bis 600 mm Jahresniederschlag ausbilden. Sie gehen graduell in die echten Steppen Osteuropas und des anschließenden Asiens über, im Gegensatz zu diesen sind sie aber nicht von Natur aus, aufgrund zu geringer Niederschläge, waldfrei, sondern haben ihren Baumbestand durch menschliche Nutzung verloren. Beide sind aber in ihrer Artenzusammensetzung so verwandt, dass sie im pflanzensoziologischen System in dieselbe Ordnung Festucetalia vallesiacae gestellt werden (wobei es innerhalb der Steppen auch verbreitet auch Flächen anderer Vegetationstypen gibt, zum Beispiel auf sandigen oder auf salzbeeinflussten Böden). Benannt ist diese nach dem Walliser Schwingel Festuca valesiaca, einer Art aus dem Artenaggregat des Schaf-Schwingels. Außerdem typisch ist Zierliches Schillergras Koeleria macrantha. Auffallender für die Steppenrasen sind aber die Federgräser, vor allem Echtes Federgras Stipa pennata und Haar-Pfriemengras Stipa capillata. Diese kommen aber nur in initialen oder gestörten Steppenrasen, mit teilweise offenem Boden, oder in Felssteppen zur Vorherrschaft. Steppenrasen kommen in Mitteleuropa vom Mitteldeutschen Trockengebiet, Rheinhessen, der Gegend um Würzburg, dem östlichen Frankenjura und dem unteren Donautal an ostwärts vor. Weiter westlich gedeihen sie nur in den inneralpinen Trockentälern wie dem Wallis oder dem Vinschgau, die ebenfalls eher Kontinentalklima besitzen. In Österreich konzentriert sich die Steppenvegetation auf das Weinviertel in Niederösterreich, das Wiener Becken und das nördliche Burgenland, die größten erhaltenen Steppen liegen im Steinfeld bei Wiener Neustadt. Die Steppenregion wird als pannonische Florenprovinz gefasst.
Nach der Trockenheit des Standorts wird unterschieden der echte Steppenrasen (Verband Festucion valesiacae, alle Gesellschaften in Deutschland stark gefährdet (Rote Liste 2) und der Kratzdistel-Zwenkenrasen (Cirsio pannonici-Brachypodion pinnati) auf frischeren und tiefgründigeren Standorten, in Deutschland stark gefährdet (Rote Liste 2). Zu den Charakterarten gehören Wiesen-Kuhschelle Pulsatilla pratensis subsp. nigricans, Frühlings-Adonisröschen Adonis vernalis, Stängelloser Tragant Astragalus exscapus, Zottiger Spitzkiel Oxytropis pilosa, Sand-Fingerkraut Potentilla incana, Pferde-Sesel Seseli hippomarathrum, Ohrlöffel-Leimkraut Silene otites.
Kalkmagerrasen Nordeuropas