mini|hochkant|Shlomo Sand 2014
Die Erfindung des jüdischen Volkes – Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (original „?מתי ואיך הומצא העם היהודי“) ist ein Buch des israelischen Historikers Shlomo Sand.
Das Buch, dessen Originaltitel wörtlich übersetzt „Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden?“ bedeutet, löste unter anderem in Israel und Frankreich Kontroversen aus. Im 2009 zur deutschen Ausgabe geschriebenen Vorwort gibt Sand an, „dass die Kluft zwischen meinen Forschungsergebnissen und der in Israel und anderswo verbreiteten Geschichtsauffassung erschreckend groß ist“. Dabei habe er nichts anderes gemacht, als von der israelischen zionistischen Geschichtsschreibung schon lange präsentiertes, aber vergessenes Material zu verarbeiten, wobei in seiner Arbeit „nichts wirklich Neues“ stehe.Seite 16, Seitenangabe nach der 2010 bei Propyläen erschienenen Ausgabe
Inhalt Nach der Einleitung über „Identität und Gedächtnis“ lauten die Überschriften der fünf Kapitel des Buches: „I. Nationen erschaffen: Souveränität und Gleichheit“; „II. Mythohistorie: Am Anfang schuf Gott die Nation“; „III. Die Erfindung des Exils: Bekehrung und Konversion“; „IV. Regionen des Schweigens: Auf der Suche nach der verlorenen (jüdischen) Zeit“; „V. ‚Wir‘ und ‚sie‘: Identitätspolitik in Israel“.
In Kapitel I und II folgt Sand der Kritik des Nationenbegriffs, wie sie von Karl W. Deutsch, Ernest Gellner und Benedict Anderson entwickelt wurde. Dabei beruft er sich auf ein Verständnis von Nation, das vor allem Ernest Renan 1882 vertreten hat.Vgl. Shlomo Sand, De la nation et du „peuple juif“ chez Renan, Les liens qui libèrent, Paris 2009. – In diesem Buch zeigt er, dass Theodor Mommsen im zweiten Band seiner Römischen Geschichte, Marc Bloch und Raymond Aron ein ähnliches Bild vom Judentum entwerfen, wie das bei Renan und bei ihm selbst der Fall ist (S. 39–43).Wie überall im Europa des Nationalismus hätten auch jüdische Intellektuelle bezüglich der Juden eine lange gemeinsame Identitätsgeschichte konstruiert und zu diesem Zweck die Bibel nicht mehr als ein theologisches Werk, sondern als Geschichtsbuch gelesen. Die Deutschen etwa habe die nationale Suche nach Wurzeln zu Arminius geführt, die Franzosen zu Vercingetorix und Chlodwig I.; ähnlich habe das Bedürfnis nach einer weit zurückreichenden Nationalgeschichte auch bei Thomas Jefferson gewirkt. Während die Gründungsgeschichten dieser Nationen inzwischen als überwunden gälten, findet es Sand erstaunlich, dass Vergleichbares für Israel nicht gelte, wo die Bibel weiter als Gründungsbuch gedeutet werde.
In Kapitel III weist Sand die Auffassung vom jüdischen Exil als Zerstreuung der Juden über die Welt infolge der Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) in Jerusalem durch die Römer weitgehend zurück. Dabei beruft er sich vor allem auf das 1918 in New York erschienene Buch Das Land Israel in Vergangenheit und Gegenwart, das David Ben Gurion und Jizchak Ben Zwi, der spätere erste Premierminister und zweite Präsident des Staates Israel, auf Hebräisch schrieben und für das amerikanisch-jüdische Publikum ins Jiddische übersetzten. Bei ihnen findet sich die Überzeugung, dass die modernen Bewohner Palästinas ethnisch eng mit den verstreuten Juden verbunden seien.S. 279–283 Sand folgert in Anlehnung an diese beiden Autoren, dass die Juden sich im Zuge natürlicher und freiwilliger Migrationen verstreut hätten. Zudem hätten sich viele Heiden im Mittelmeerraum zum Judentum bekehrt, auch im Römischen Reich, in dem sich das Christentum bald als Konkurrent des Judentums etabliert habe. In Kapitel IV. geht Sand der Geschichte im jemenitischen Königreich Himyar, bei den Chasaren und den Berbern nach – überall sei es zu Konversionen größerer Bevölkerungsteile gekommen, sodass die gemeinsame Abstammung der heutigen Juden vom antiken Judentum als fragwürdig gelten müsse.
Sand beendet sein Buch mit einem Plädoyer für einen Staat Israel, in dem sich die Staatsbürgerschaft nicht mehr auf die Religion bezieht und aus der Ethnokratie eine wirkliche Demokratie werde, damit Nicht-Juden wie Juden darin gleichberechtigt leben könnten.
Rezeption des Buches Rezeption in Israel Der Historiker Israel Bartal von der Hebräischen Universität Jerusalem zeigte sich irritiert von Sands Behauptung, eine zionistisch motivierte Geschichtsklitterung habe die Chasaren totgeschwiegen. Vielmehr seien diese und die missionarische Phase des Judentums beispielsweise bereits in den 1950er Jahren in dem vom israelischen Bildungsministerium empfohlenen Standardwerk Mikhal Encyclopedia dargestellt worden. Sand erwähne auch nicht aktuelle israelische Forschungsprojekte zu dem Thema. Bartal stimmt zwar mit Sand überein, dass einige staatliche israelische Stellen Geschichte instrumentalisierten, um Ungleichbehandlung von Minderheiten zu rechtfertigen, doch Sand vermische Methodologie und Ideologie, arbeite intellektuell oberflächlich und belege seine Thesen mit verkürzten oder bearbeiteten Passagen aus Werken anderer Autoren. In seinem Bemühen, zionistische Historiker als ethnozentrische Nationalisten und Rassisten zu entlarven, kümmere sich Sand zu wenig um die Fakten und sei nicht immer auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand auf dem Gebiet der Nationentheorien. Sands Quellenarbeit bezeichnet Bartal als beschämend: In einem Fall habe er eine literarisch-satirische Quelle aus dem 18. Jahrhundert als nonfiktionalen Text ausgewertet, ein andermal mache er einen als Beleg angeführten Literaturprofessor zum Geschichtsprofessor. Bartal sagte jedoch der traurigen Kombination aus aggressiver eindimensionaler Begrifflichkeit und eklatantem Ignorieren von Details großen Zuspruch in den elektronischen Medien voraus.Israel Bartal: Inventing an invention in Haaretz, 7. Juni 2008, online:
In anderen Rezensionen fanden einige von Sands Überlegungen Zustimmung, darunter seine Thesen zu den Ursachen dafür, warum viele heutige Juden nicht von solchen des biblischen Israel abstammen, zum Nichtvorhandensein einer gemeinsamen Sprache und Kultur im Judentum sowie zum Problem der Selbstdefinition des Staates Israel, in dem Judentum in Begriffen traditionellen religiösen Rechts definiert werde.Hillel Halkin: Jewish Peoplehood Denied, While Israel’s Foes Applaud in Forward, 24. Juni 2009 Der Leser habe jedoch Mühe, wissenschaftlich schlüssige Passagen von längst bekannten Banalitäten zu unterscheiden, behauptet z. B. der Historiker Simon Schama; Sand schlage auf Türen ein, die bereits offen stünden.Simon Schama: The Invention of the Jewish People - Review in Financial Times, 14. November 2009, In Auszügen online Shlomo Sand Ridiculed by Historian Simon Schama Andere Kritiker des Buches befanden, der tatsächliche genetische Befund sei darin nicht hinreichend berücksichtigt.Anita Shapira: The Jewish-people deniers in The Journal of Israeli History, Vol. 28, No. 1, March 2009, 63–72, online Nadav Shragai: in Yisrael Hayom, 5. März 2010Seth J. Frantzman: Shlomo Sand's Revisionist Pseudo-History of the Jewish People 5. Dezember 2008 Die Rückführung der sephardischen Juden auf Berberstämme wird als absurder Fehlschluss kritisiert.
Sands Argumentation basiert zum Teil auf Hypothesen zu den Chasaren, die bereits von Arthur Koestler in seinem Buch Der dreizehnte Stamm vertreten wurden. Demnach sind die osteuropäischen, aschkenasischen Juden Abkömmlinge konvertierter Chasaren. Dies wurde in der Fachwissenschaft als unhaltbar bezeichnet. Koestler selbst war Zionist, seine Thesen wurden jedoch von Neo-Nazis, Holocaustleugnern und staatlichen iranischen Quellen zu Propagandazwecken missbraucht.Lee Kaplan: 5. Oktober 2009 Es gibt archäologische und andere Belege, dass auch nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem und dem Bar-Kochba-Aufstand Juden in größerer Zahl in der Levante lebten. Sand zufolge ist das Konzept von einem jüdischen Volk eine Erfindung des jüdischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts, doch tatsächlich hat sich das Judentum schon früher als Volk begriffen, was unter anderem in der Vorstellung vom auserwählten Gottesvolk zum Ausdruck kommt. Kaum eine andere Nation kann für die Konstruktion ihrer nationalen Identität auf eine 2500 Jahre währende Tradition zurückgreifen.
Sand wird vorgehalten, einzelne Zitate isoliert von ihrem textlichen und historischen Kontext zu begreifen und für sonst nicht belegbare Hypothesen zu missbrauchen. Auch neige er dazu, seine Argumentation auf esoterische, besonders umstrittene Interpretationen zu gründen. Da er sich in seiner früheren Arbeit vor allem mit der marxistischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigt hat, wird von einigen seiner Kritiker seine Expertise bezüglich des antiken Judentums generell infrage gestellt,Ofri Ilani: in Haaretz, 21. März 2008Martin Goodman: , Buchrezension in: The Times Literary Supplement 26. Februar 2010. und er wird als Pseudowissenschaftler und sein Buch als Fiktion verspottet.
Internationale Stimmen Für den französischen Historiker Maurice Sartre reicht es nicht aus, das als polemischen Essay aufgefasste Buch wegen faktischer Irrtümer zu verwerfen, sondern es sei zu untersuchen, ob seine allgemeinen Thesen Bestand hätten. Tatsache ist für ihn, dass für die Juden wie für andere Völker des Nahen Ostens die fünf oder sechs Jahrhunderte nach der Eroberung durch Alexander den Großen eine Periode außergewöhnlichen kulturellen, sozialen und religiösen Wandels waren. Es sei eine Zeit der Öffnung und Vermischung gewesen, aus der alle in weitem Maßstab verändert hervorgegangen seien. Die genetische Forschung habe diesbezüglich noch keine Klärung gebracht. Außerdem würde man, auf diesen Forschungszweig vertrauend, der Stabilität des Menschen den Vorrang vor der Dauer der Kulturen geben. So sei etwa unklar, wie viele Juden sich im 4. Jahrhundert zum dominierenden Christentum bekehrt hätten, zumal die Vervielfältigung der Christen in Palästina nicht nur mit der Bekehrung von Heiden erklärt werden könne. Hier herrsche weiter Forschungsbedarf.Maurice Sartre, „A-t-on inventé le peuple juif?“, S. 178, 184, in: Le débat, janvier-février 2010, numéro 158, hrsg. von Pierre Nora, Gallimard, Paris 2010, S. 177–184.
Tony Judt hält fest, dass Sand die traditionelle Rechtfertigung Israels als jüdischen Staat infrage stelle. Das Überleben des Staates Israel hänge nicht von der Glaubwürdigkeit der Erzählung über seine ethnischen Ursprünge ab. Ein erhebliches Handicap bestehe vielmehr darin, dass er auf der exklusiven Forderung nach einer jüdischen Identität bestehe. Dieses Insistieren auf Abstammung führe dazu, dass nicht-jüdische Einwohner, auch wenn sie israelische Staatsbürger seien, zu Menschen zweiter Klasse herabgestuft würden. Denn was als Jüdischsein definiert werde, habe fatale Auswirkungen auf alle, die als diesem nicht teilhaftig angesehen würden. Die implizite Schlussfolgerung aus Sands Buch sieht Judt darin, dass Israel besser daran täte, sich als Israel und nicht als Judenstaat zu identifizieren und sich an allgemeingültigen ethischen und politischen Prinzipien messen zu lassen. Staaten würden aufgrund ihrer bloßen Existenz anerkannt, solange sie sich aufrechterhalten und schützen könnten; eines Abstammungsmythos bedürfe es zur Selbstrechtfertigung nicht.Tony Judt, Israël et les juifs, S. 174–175, in: Le débat, janvier-février 2010, numéro 158, hrsg. von Pierre Nora, Gallimard, Paris 2010, S. 172–176.