Kardiologie (von , und von „-logie“) ist die Lehre vom Herzen, die sich mit dessen Strukturen und Funktionen im Organismus sowie mit seinen Erkrankungen und deren Behandlung befasst. Als Teilgebiet der Inneren Medizin umfasst die Kardiologie die Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Kinderkardiologie ist in Deutschland und der Schweiz ein eigenständiges Teilgebiet der Kinderheilkunde.

Kardiologe ist in den deutschsprachigen Ländern eine standesrechtlich geschützte Bezeichnung für Herzspezialisten, die nur von Ärzten geführt werden darf, die im Rahmen einer speziellen Weiterbildung besondere Kenntnisse auf dem Gebiet der Kardiologie erworben und nachgewiesen haben.

Geschichte und Entwicklung

Bis 1900 mini|Hölzernes Stethoskop (aus Meyers Konversationslexikon 1890) Menschen empfanden das Herz bereits seit langer Zeit als besonders verwundbares Organ, darauf weisen steinzeitliche Wandmalereien in Spanien hin. Im Altertum und in der Antike widmeten heilkundige Chinesen, Griechen und Römer dem Herzen und zunächst noch weit mehrSusanne Hahn: Kardiologie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 718–722, hier: S. 718. dem Puls als Ausdruck mechanischer Herztätigkeit besondere Aufmerksamkeit. Gegen 500 v. Chr. entwickelte sich in China eine umfangreiche Pulslehre, die 30 verschiedene Pulsarten unterschied und daraus auf Krankheitsdiagnosen schloss. Herophilos von Chalkedon konstruierte um 300 v. Chr. eine Taschenwasseruhr zur Pulsmessung bei Fieberpatienten. Er unterschied verschiedenartige Pulsmerkmale und vermutete, dass die Pulswelle durch eine aktive Ausdehnung (Diastole) und ein passives Zusammenfallen (Systole) von Herz und Schlagadern zustande kommt. Diese Theorie vertrat auch Galen von Pergamon und begründete eine das ganze Mittelalter hindurch geltende Pulslehre.Susanne Hahn: Kardiologie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 718–722, hier: S. 718.Axel W. Bauer: Kardiovaskuläre Erkrankungen. In: Werner E. Gerabeku. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 723. Vor etwa 2000 Jahren beschrieb der römische Literat Seneca der Jüngere seine Angina Pectoris so: „Der Anfall ist sehr kurz und einem Sturm ähnlich. Bei anderen Leiden hat man mit der Krankheit zu kämpfen, hier aber mit dem Sterben.“ Das Mittelalter und die frühe Neuzeit waren in kardiologischer Hinsicht bestimmt von den anatomischen und physiologischen Ansichten Galens, der seine Vorstellungen vor allem aus der Tieranatomie ableitete. Die für Galens Theorien grundlegenden Poren in der Herzscheidewand konnte der Anatom Vesalius an menschlichen Leichnamen jedoch nicht nachweisen.

Der Beginn der modernen Kardiologie kann auf das Jahr 1628 datiert werden, als der englische Arzt William Harvey seine Entdeckung des Blutkreislaufs mit der Schrift De motu cordis et sanguinis veröffentlichte. Harvey erkannte die Systole als das Blut vorantreibende aktive Kontraktion und die Diastole als Blut ansaugende passive Erschlaffung des Herzens. Erforderlich für das Verständnis der Strömungsverhältnisse im Kreislaufsystem und damit für die Entwicklung der Kardiologie waren zudem die von Marcello Malpighi bis 1661 gewonnenen Erkenntnisse über kapilläre arteriovenöse Anastomosen.Friedrich Wilhelm Hehrlein: Herz und große Gefäße. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen: Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 164–185, hier: S. 165 f.

Im Jahr 1733 konnte der englische Pfarrer und Wissenschaftler Stephen Hales erstmals „blutig“, d. h. invasiv, den Blutdruck messen, indem er eine Kanüle in die Halsschlagader eines Pferdes einführte und mit einem Glaszylinder verband. Ab den 1840er Jahren konnte der Blutdruck mit dem von dem um 1850 die moderne Herz- und Kreislaufphysiologie begründenden Physiologen Ludwig entwickelten Kymographen aufgezeichnet werden. Das älteste herzwirksame Medikament ist Digitalis, dessen Nutzen für die Behandlung der durch das erkrankte Herz verursachten „Wassersucht“ 1785 William Withering beschrieb.Vergleiche auch Roger Rullière: Die Kardiologie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. In: Illustrierte Geschichte der Medizin. Deutsche Bearbeitung von Richard Toellner u. a., Sonderauflage in sechs Bänden, 1986, Band II, S. 1054–1103. 1816 erfand der Franzose René Laënnec das Stethoskop, zunächst in Form recht einfacher hölzerner Zylinder, die eine Auskultation möglich machten. Die Auskultation des Herzens beschreibt er in seinem 1819 veröffentlichten Traité de l’auscultation médiate. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts waren Stethoskope mit flexiblen Schläuchen für beide Ohren verbreitet. Bedeutsam für die Entwicklung der Kardiologie war zudem die von Leopold Auenbrugger (1761 dargestellt in Inventum novum) und Jean-Nicolas Corvisart eingeführte, von Josef von Škoda weiterentwickelte und 1839 in einer Abhandlung über Perkussion und Auskultation publizierte Diagnosetechnik der Perkussion.Friedrich Wilhelm Hehrlein: Herz und große Gefäße. In: Franz X. Sailer, F. W. Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen: Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 164–185, hier S. 165–166. Eine verlangsamend auf das Herz wirkende Vagusreizung wurde 1845 von Eduard Weber und Ernst Heinrich Weber (1795–1878) bekanntgegeben.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, S. 36. Ein frühes Gerät der indirekten „unblutigen“, d. h. nichtinvasiven Blutdruckmessung war z. B. der Sphygmograph des deutschen Physiologen Karl von Vierordt (1818–1884). Das erste Sphygmomanometer wurde vom österreichischen Pathologen Samuel Siegfried Karl Ritter von Basch (1837–1905) erfunden. 1896 beschrieb der italienische Arzt Scipione Riva-Rocci ein einfaches Gerät zur Blutdruckmessung mit einer Armmanschette, das von Harvey Williams Cushing verbessert wurde, und dessen Messmethode 1905 vom russischen Militärarzt Nikolai Sergejewitsch Korotkow abgewandelt wurde. Heutzutage wird nur noch selten nach der Methode von Riva-Rocci gemessen. Dann wird der so gemessene Blutdruck mit (RR) benannt. Fälschlicherweise wird der heutzutage nach Korotkow gemessene Blutdruck in der Praxis aber immer noch mit „RR“ bezeichnet.

Das 20. Jahrhundert mini|Altersabhängige Prävalenz von Herz-Kreislauferkrankungen (Angaben geschätzt für die USA)J.M. Gaziano: Global Burden of Cardiovascular Disease. In: D.P. Zipes u. a. (Hrsg.): Braunwald’s Heart Disease: A Textbook of Cardiovascular Medicine. 7. Auflage. W.B. Saunders Company, Philadelphia 2004, ISBN 1-4160-0014-3. mini|Herzdiagnostik an einem Herzkatheter-Koronarangiographie-Arbeitsplatz, 1989 Im Laufe des 20. Jahrhunderts gewannen die Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich an Bedeutung. Zu Beginn waren sie weltweit für weniger als 10 % der Todesfälle verantwortlich, gegen Ende für knapp 50 % in den Industrieländern und 25 % in den Entwicklungsländern. Diese Verschiebung wird mit dem selteneren Auftreten von Infektionskrankheiten und Mangelernährung als zuvor häufigsten Todesursachen und der steigenden Lebenserwartung erklärt. Da Herz-Kreislauferkrankungen im höheren Alter häufiger auftreten, erklärt schon der Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung – in den USA von 49,2 Jahren im Jahr 1900 auf 76,9 Jahre im Jahr 2000 – einen Großteil des Zuwachses.

Anfang des 20. Jahrhunderts kristallisierte sich die Kardiologie als eigenständiges Forschungsgebiet innerhalb der Inneren Medizin heraus. 1907 wurde in Paris die erste Ausgabe der Fachzeitschrift „Archives de Maladies du Coeur et des Vaisseaux“ veröffentlicht, 1909 in Wien das Zentralblatt für Herzkrankheiten und die Erkrankung der Gefäße. In England folgte 1910 die Zeitschrift Heart, in den USA 1925 das American Heart Journal. Ebenfalls 1925 wurde in den USA als erste kardiologische Fachgesellschaft die American Heart Association gegründet. Sie wurde 1927 von der Deutschen Gesellschaft für Kreislaufforschung als erster Fachgesellschaft in Europa gefolgt, deren Mitgliederzahl in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens von 180 auf 300 anwuchs.G. Arnold: The German Cardiac Society from its foundation as the German Society for Circulation Research to the present: its history, structure and targets. In: Zeitschrift für Kardiologie (2002) 91 Suppl 4, S. IV/1–IV/8.

1903 entwickelte der Holländer Willem Einthoven den Elektrokardiografen (EKG). Hände und Füße der Patienten wurden damals zur Ableitung der Herzströme in Salzlösung getaucht, erst in den 1940er Jahren erfolgte die Registrierung mit Hilfe von Metallscheiben an den Hand- und Fußgelenken, die durch Drähte mit dem von Einthoven entwickelten Registriergerät, dem Saitengalvanometer, verbunden wurden. Die heutige Behandlung von Herzrhythmusstörungen basiert u. a. auf der Arbeit des Japaners Sunao Tawara, der 1906 während seiner Tätigkeit beim Marburger Pathologen Ludwig Aschoff die Grundzüge des Erregungsleitungssystems des Herzens veröffentlichte. 1914 hatte Karel Frederik Wenckebach seine grundlegenden Studien über HerzrhythmusstörungenPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, S. 59. veröffentlicht.

Im Jahr 1929 kam es zur ersten Herzkatheterisierung, als sich der damalige chirurgische Assistenzarzt und spätere Urologe Werner Forßmann in Eberswalde einen HarnleiterkatheterFriedrich Wilhelm Hehrlein: Herz und große Gefäße. In: Franz X. Sailer, F. W. Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen: Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 164–185, hier: S. 165. durch seine Armvene in den rechten Vorhof schob. Zu dieser Zeit publizierte Frank Norman Wilson die nach ihm benannten Brustwandableitungen zur Ableitung der Herzstromkurve beim EKG.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1960, S. 64. 1941 veröffentlichte André Frédéric Cournand seine Erfahrungen mit der Herzkatheterisierung als diagnostische Methode. 1956 erhielten Forßmann und Cournand u. a. für diese Verdienste zusammen mit Dickinson Woodruff Richards, der 1941 ebenfalls am Ausbau der Herzkatheteruntersuchung zur klinischen Routinemaßnahme beteiligt war, den Nobelpreis. Ab etwa 1938 (J. Steinberg) fand dann die Angiokardiographie aus der sich dann die Koronarographie vor allem durch Sones in Cleveland entwickelte, Eingang in die kardiologische Diagnostik.Friedrich Wilhelm Hehrlein: Herz und große Gefäße. 1973, S. 166.

Die erste Herzoperation wurde am 9. September 1896 von dem Frankfurter Chirurgen Ludwig Rehn vorgenommen. Er nähte das Herz eines Frankfurter Gärtnergesellen, das bei einer Messerstecherei verwundet worden war. Vorangegangen waren tierexperimentelle Versuche, die gezeigt hatten, dass der Herzmuskel zur Regeneration fähig war.Hermann Mannebach: Hundert Jahre Herzgeschichte. Entwicklung der Kardiologie 1887–1987. Springer-Verlag, 1988, S. 108. In den USA folgte die erste Herzoperation eines offenen Ductus Botalli 1938 durch den amerikanischen Chirurgen Robert E. Gross, die erste Operation am offenen Herzen 1952 durch F. John Lewis.