mini|Aktie der IOS Ltd. Investors Overseas Services Limited, kurz IOS, war ein bedeutender Offshore-Finanzkonzern in den 1960er Jahren, der mit Aktienfonds, Immobilien und Versicherungen handelte und um 1970 in weltweit aufsehenerregender Weise in Insolvenz ging.
Vorbemerkung Die Geschichte der IOS ist komplex. Durch das systematische Verschleiern von eingezahlten Geldsummen und Geldgebern und die nicht immer zu verfolgende Verwendung von Geldern in einer fast undurchschaubaren Struktur von Dutzenden Tochtergesellschaften, Banken, Versicherungen und Investmentfonds, angesiedelt in den verschiedensten Steuerparadiesen, waren die Ereignisse und Geldflüsse nie restlos zu rekonstruieren. Die Aufklärung aller Vorgänge und die spätere Liquidation der IOS und ihrer Tochtergesellschaften und Investmentfonds wurde durch die Handlungen des letzten Großaktionärs, Robert Vesco, noch einmal erschwert.
Die Anfänge (1956–1959) Die IOS bestand in den ersten Jahren aus Bernard Cornfeld und einigen nach und nach von ihm angeworbenen Mitarbeitern für den Tür-zu-Tür-Verkauf amerikanischer Aktienfonds. Cornfeld kam Anfang 1956 von New York nach Paris. Dort fiel ihm auf, dass es für den Verkauf von Aktienfonds in Europa eine attraktive Zielgruppe gab: die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rund 800.000 stationierten US-Soldaten. Gleichzeitig registrierte er eine große Anzahl von im Ausland lebenden US-Zivilpersonen, die auf der Suche nach einer Beschäftigung waren. Aus dieser Gruppe rekrutierte er zunächst seine Mitarbeiter. Am Anfang wurden von Cornfeld Anteile des IPC-Fonds von Walter Benedick verkauft, bei dem Cornfeld ab 1952 bis zu seinem Umzug nach Paris die Grundzüge des Verkaufs von Aktienfonds und vor allem den Aufbau und die Funktionsweise einer Strukturvertriebsorganisation kennengelernt hatte.
1958 geriet die IOS mit den französischen Behörden in Konflikt, die einen widerrechtlichen Verkauf amerikanischer Fondszertifikate an französische Bürger vermuteten. Als Folge dieses Konfliktes zog Cornfeld im Herbst 1958 mit seinen Mitarbeitern nach Genf um. Cornfeld beschloss, die IOS künftig als Fondsverwaltungsgesellschaft mit eigenen Fonds zu strukturieren. Das nötige Wissen lieferte ihm ein Mann, der schnell zum zweiten Mann der IOS aufstieg und der Kopf hinter der erstaunlichen Expansion der Gesellschaft in den 1960er Jahren sein sollte: Edward M. Cowett. Cowett war Ende 1959 zur IOS gekommen. Als gelernter Rechtsanwalt, der sich auf Wertpapiergesetze spezialisiert hatte und einige Zeit als Berater der Dreyfuss-Fonds tätig war, verfügte er über die notwendigen Kenntnisse, um das Wachstum der Gesellschaft zu organisieren. Die Nummer drei der IOS wurde Allen Cantor, der den Vertriebsapparat mit den Vertretern kontrollierte.
Aufstieg und erster Dachfonds (1960–1964)
Am 9. April 1960 wurde die IOS erstmals formell eingetragen, als IOS Ltd. mit Sitz in Panama. Die Wahl des Geschäftssitzes in den verschiedensten Steuerparadiesen sollte sich wie ein roter Faden durch die weitere Geschichte der IOS ziehen. Neben den steuerlichen Vorteilen existierten in diesen Offshore-Geschäftssitzen wenn überhaupt nur rudimentäre Vorschriften zur Rechnungslegung und zum Erstellen einer Bilanz. Auch Gesetze zur unabhängigen Kontrolle einer Gesellschaft und Schutzbestimmungen zugunsten der Kapitalanleger fehlten oft. Anfang 1960 entwickelten Cornfeld und Cowett ein wichtiges Instrument, um die stetig wachsende Schar der Vertreter eng an die Gesellschaft zu binden, den Stock-Option-Plan. Unter diesem Plan erwarben die Vertreter nach einer komplizierten Formel (je nach Rang und Verkaufserfolgen) Anteile an der Gesellschaft, in der Hoffnung, diese bei einem späteren Börsengang der IOS zu Geld zu machen.
Am 5. Januar 1961 wurde der erste IOS-eigene Fonds in Luxemburg aufgelegt, der IIT (International Investment Trust). Der Wert des IIT fiel vom Ausgabekurs 5 Dollar bis Oktober 1962 auf 3,53 US-Dollar. In späteren Verkaufsprospekten des IIT wurde der Wertverlust verschleiert, indem bei Wertvergleichsberechnungen der Tiefstand des IIT vom Oktober 1962 als Anfangswert angenommen wurde. Der IIT wurde 1967 bis 1969 populär und sollte Ende 1969 mit über 700 Millionen Dollar Fondsvermögen der größte Fonds der IOS sein. Zu diesem Zeitpunkt gehörte mehr als die Hälfte des IIT-Vermögens deutschen Anlegern.
Im Herbst 1962 entwickelten Cornfeld und Cowett die Idee eines Fonds, der zugunsten der Fondsverwaltungsgesellschaft noch höhere Gebühren abwerfen sollte. Dieser Fonds sollte ausschließlich in andere Fonds investieren. Mit seiner Eintragung in Ontario (Kanada) war der Fund of Funds (FOF) geboren, der erste Dachfonds der Investmentgeschichte. In den Folgejahren wurden in diesem Fonds in erheblichem Umfang Anlagegelder entgegen den Kapitalanlagebestimmungen zweckentfremdet und hohen Risiken bei Termingeschäften, Immobilien und in der Rohstofferschließung ausgesetzt. Anfang 1967 kam Cornfeld und Cowett eine Idee zur weiteren Steigerung der Einnahmen der IOS. Die Mittel des Fund of Funds wurden nicht mehr in fremde Fonds investiert, sondern in von der IOS gegründete sogenannte private Besitzerfonds mit nur einem Gesellschafter, der IOS. Durch die diversen Gebühren wurden bis zu 20 Prozent der Kundeneinzahlungen vor der Geldanlage einbehalten. Diese selbst für damalige Verhältnisse große Belastung machte einen überdurchschnittlichen Erfolg dieser Fonds unwahrscheinlich. Ende 1964 verwaltete der FOF bereits ein Kapital von 100 Millionen Dollar. 1969 sollte er kurzzeitig 800 Millionen Dollar von mehr als 188.000 Anlegern verwalten.
1963 gründete die IOS mit der Investors Bank in Luxemburg die erste eigene Bank. 1964 erfolgte der Erwerb der Overseas Development Bank in Genf und der Einstieg ins Immobilien- und Versicherungsgeschäft.
Erfolg und erste Schwierigkeiten (1965–1968) Über die von Martin Seligson seit 1964 geleitete IOS-Immobiliengesellschaft Indevco erfolgte die Ausführung von Großprojekten. 1970 wurde der Hotel- und Appartementkomplex Playamar an der Costa del Sol zwischen Málaga und Marbella fertiggestellt. Ab 1968 verwaltete die Indevco auch den Immobilienfonds des Fund of Funds. Mit der Investors Bank und dem unter Leitung von Richard Hammermann stehenden Versicherungsgeschäft beteiligte sich die IOS an Emissionsgeschäften und in der Versicherungsbranche. In England war die IOS dabei mit dem sogenannten „Dover-Plan“ erfolgreich, einer fondsgebundenen Lebensversicherung. Die Rohstoffinvestitionen der IOS wurden über den Rohstofffonds des Fund of Funds von John M. King geleitet, der Unternehmungen seiner Firma King Resources mit FOF-Geldern finanzierte.
Die IOS hatte zunächst vornehmlich auf US-Militärangehörige als Kunden gesetzt. Danach folgten im Ausland lebende zivile US-Amerikaner und wohlhabende im Ausland lebende Geschäftsleute. Bald machte die IOS in allen Ländern auch Geschäfte mit wohlhabenden Inländern, die ihr Geld entgegen den Steuergesetzen und Devisenbestimmungen ihrer Heimatländer ins Ausland transferieren wollten. Es war zum großen Teil dieses illegal von der IOS ins Ausland geschaffte Geld, das maßgeblich zum Wachstum der IOS bis Mitte 1967 beitrug. Nach Schätzungen waren von den bis 1967 bei der IOS angelegten etwa 700 Mio. Dollar bis zu 400 Mio. Dollar auf illegalem Weg vor allem aus Südamerika und dem Nahen Osten auf die IOS-Konten gewandert.
1965 und 1966 gingen diese lukrativen Märkte für die IOS fast vollständig verloren. Aufgrund der fortgesetzten Verstöße gegen Steuer- und Devisenbestimmungen wurden die IOS-Niederlassungen in Brasilien, Kolumbien und weiteren Ländern geschlossen, einige Mitarbeiter entgingen nur durch Flucht ihrer Verhaftung.
Ein weiterer Konflikt bahnte sich für die IOS seit 1965 mit der US-amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC an. Die Behörde forderte im November 1965 die Offenlegung aller Unterlagen über die US-amerikanischen Kunden der IOS. Die IOS weigerte sich, dieser Forderung nachzukommen. Nach einer gerichtlichen Niederlage einigte sich die IOS im Mai 1967 mit der SEC auf einen Vergleich, welcher der IOS jegliche Betätigung in den USA untersagte. Diese Vereinbarung wurde von der IOS in der Folgezeit dadurch umgangen, dass die IOS-Aufträge über eine Londoner Firma abgewickelt wurden.
Auch in ihrem Stammsitz, der Schweiz, geriet die IOS in Schwierigkeiten. Nachdem sich die schweizerische Bankiersvereinigung über aggressives Gebaren und mangelnde Aufklärung der Kunden beschwert und der Schweizer Bundesrat die illegale Beschäftigung von IOS-Mitarbeitern in der Schweiz sowie die widerrechtliche Bezeichnung der IOS als Schweizer Gesellschaft festgestellt hatte, musste sich die IOS im Herbst 1968 verpflichten, einen großen Teil ihres Verwaltungsapparates aus Genf zu verlagern. Die IOS entschied sich für das französische Dorf Ferney-Voltaire, nur drei Kilometer vom Genfer Flughafen entfernt, und errichtete dort in kurzer Zeit einen großen Verwaltungskomplex.
Um politische Entscheidungen zu beeinflussen und das Image der Gesellschaft nach außen zu verbessern, bemühte sich die IOS ab 1966 vermehrt um die Verpflichtung von Diplomaten, Politikern und Prominenten. Dazu wurde eigens die Gesellschaft IOS-Development gegründet. Ein großer Erfolg gelang Cornfeld 1966 mit der Verpflichtung des ältesten Sohnes von Franklin D. Roosevelt, James Roosevelt. In England engagierte die IOS den ehemaligen Generaldirektor des GATT, Sir Eric Wyndham White. In Deutschland misslang die gewünschte Verpflichtung von Ludwig Erhard, aber mit Erich Mende konnte im September 1967 der ehemalige Vizekanzler und Vorsitzende der FDP gewonnen werden. Mit Victor-Emanuel Preusker wurde ein weiterer ehemaliger Minister Mitarbeiter der IOS. Preusker übernahm die Leitung der IOS-eigenen Orbis-Bank in München. Die Prominenten hatten kaum Einfluss in der IOS. In den Ländern bestimmten die Generalmanager den Kurs der IOS, während in Genf Cornfeld, Cowett und Cantor die Entscheidungen fällten.
Da die IOS die Kunden in Südamerika und im Nahen Osten verloren hatte, mussten neue Absatzmärkte erschlossen werden. Besonders erfolgreich war die IOS dabei in Italien und Deutschland. In Italien zog der am 26. September 1967 aufgelegte Fonds Fonditalia in kurzer Zeit große Summen Anlagekapital an (fast 200 Mio. Dollar). Auch in Italien setzte die IOS wie in anderen Ländern ihre Praxis fort, neben der offiziellen Betätigung Gelder illegal ins Ausland zu transferieren, der illegale Transfer soll dabei mindestens die Höhe der legalen Einzahlungen erreicht haben.