mini|hochkant=1.3|„Moin in Niedersachsen! refugees welcome“Transparent am Niedersächsischen Umweltministerium in Hannover, 2015 mini|Willkommenssäule bei einem Flüchtlingswohnheim in Bremen-Osterholz

Der Begriff Willkommenskultur bezeichnet erstens eine positive Einstellung von Bürgern, Politikern, Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Sportvereinen und anderen Institutionen zu Migranten. Zweitens drückt der Begriff den Wunsch aus, dass Migranten allen Menschen, denen sie begegnen, willkommen sein mögen. Drittens bezeichnet das Wort Willkommenskultur die Gesamtheit aller Maßnahmen, durch die eine positive Haltung gegenüber Migranten bei anderen gefördert und dem Gefühl von Migranten, willkommen zu sein, eine Grundlage in der Realität gegeben werden soll.

Ob und inwieweit jemand, der den Begriff Willkommenskultur benutzt, damit auch Wertschätzung gegenüber Menschen ausdrücken will, die sich schon länger im Aufnahmeland aufhalten bzw. hier bereits als Menschen mit Migrationshintergrund geboren wurden (die Bezeichnung „Migrant“ bezieht sich auf Menschen, die persönlich ihr Heimatland verlassen haben), muss im Einzelfall untersucht werden. Neuerdings wird zum besseren Verständnis auch der Begriff Willkommens- und Anerkennungskultur verwendet, der eindeutig Menschen mit einer längeren Aufenthaltsdauer einbezieht. IQ-Netzwerk Niedersachsen

In einigen Überlegungen zum Thema Willkommenskultur geht es um die Anwerbung von Neubürgern aller Art in einer Region, also auch um Neubürger aus benachbarten Regionen und aus anderen Teilen des Inlands einschließlich Menschen ohne Migrationshintergrund.z. B. Torsten Bleich, Lars Mitlacher: Gewinnung und Bindung von Neubürgern in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg. Abschlussbericht. Duale Hochschule Baden-Württemberg Villingen-Schwenningen, November 2012, S. 9–12 Eine zusätzliche Erweiterung erfährt der Begriff Willkommenskultur, wenn er auf Menschen angewandt wird, die sich bislang nicht auf dem Arbeitsmarkt willkommen fühlten und zur Stillen Reserve gehören, bzw. auf Menschen, die für ein Ehrenamt geworben werden sollen.Jan Eisel: Weniger junge Leute wollen zur Feuerwehr. Wir brauchen eine Willkommenskultur für Seiteneinsteiger. Deutscher Bundestag, 28. Januar 2015

Das Wort Willkommenskultur wurde in Österreich im Dezember 2015 zum „Wort des Jahres“ gewählt.. Ö 3. 3. Dezember 2015

Entstehung und Weiterentwicklung des Begriffs Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) definierte den Begriff im Abschlussbericht Runder „Aufnahmegesellschaft“ wie folgt: „Neu-Zuwandernde anhand attraktiver Rahmenbedingungen Willkommen heißen und anerkennend in die Gesellschaft aufnehmen. Willkommenskultur richtet sich an alle legalen Neu-Zuwandernden.“

Anerkennungskultur wird vom BAMF verstanden als „die Anerkennung aller in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund durch die Aufnahmegesellschaft, wobei die Wertschätzung der Potenziale im Mittelpunkt steht“.Netzwerk Integration durch Qualifizierung IQ: Arbeitspapier 2/2013. S. 7

Der Begriff „Anerkennung“ fand in den 1990er Jahren Eingang in die sozialphilosophische Debatte. Den Ausgangspunkt für diese Debatte bildete die Beobachtung, dass politische Forderungen in den neuen Sozialbewegungen (des Feminismus, von ethnischen Minderheiten, von homosexuellen Subkulturen etc.) nicht mehr vornehmlich auf eine ökonomische Gleichstellung oder materielle Umverteilung abzielten, sondern auf die Respektierung derjenigen Eigenschaften, durch die sie sich kulturell verbunden sehen. Auf einen migrationspolitischen Kontext bezogen bedeutet dies, dass Anerkennung über die sozialstrukturelle Integration von Zugewanderten hinaus darauf abzielt, Zugewanderte in ihrer kulturellen Differenz zu respektieren und den Beitrag dieser Kultur zur Ausgestaltung des Gemeinwesens wertzuschätzen.Schader-Stiftung (Hrsg.): S. 105.

Das Konzept der „Anerkennung“ ist inzwischen auch umgekehrt als eine Anerkennung der Gesetze und Wertevorstellungen des Gastlandes seitens der Gäste interpretiert worden. So erklärte der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière im Herbst 2015 im Bundestag: „Wenn wir mit unseren Bürgern über eine Willkommenskultur sprechen, müssen wir von denen, die zu uns kommen, auch eine Anerkennungskultur einfordern“. Dazu gehöre, die Rechts- und Werteordnung zu akzeptieren und gegenüber Behörden den richtigen Namen und das Herkunftsland zu nennen.

Zu einer Anerkennungskultur gehört es auch zu verdeutlichen, dass auch früher Eingewanderte zu der Gruppe gehören, die frisch Eingewanderte willkommen heißen. Die willkommen heißende Aufnahmegesellschaft sollte also laut BAMF als „multikulturelle Aufnahmegesellschaft“ bezeichnet werden.Neue deutsche Medienmacher / Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Dokumentation des Workshops »Neue Begriffe für die Einwanderungsgesellschaft« am 29. und 30. April 2013 in Nürnberg (PDF; 576 kB) S. 16

Der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoguz, geht die Forderung nach einer Willkommenskultur nicht weit genug: „Wir brauchen im Grunde […] keine Willkommenskultur. Wir brauchen vielmehr eine Kultur der Teilhabe.“Aydan Özoguz hält Willkommenskultur für unnötig. Welt Online, 18. März 2014 Ihr Appell aus dem Jahr 2014 kann in dem Sinne interpretiert werden, dass auch ein „nachholendes Willkommen“ erforderlich sei, um der Entstehung einer „Gastgeber-Gast-Dichotomie“ zu entgehen, wie sie nach der Welle von Einwanderungen von Arbeitsmigranten bis 1973 entstanden sei.Yvonne Szukitsch: Willkommens- und Anerkennungskultur. Hintergrund, Ansatzpunkte und Informationsmaterialien für Unternehmen. Verein Charta der Vielfalt

Verschiedene Sichtweisen Politischer Wille Das deutsche Bundesministerium des Innern erklärt auf seiner Homepage: „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und eines sich abzeichnenden Fachkräftemangels ist es wichtig, Deutschland langfristig als ‚Lebensstandort‘ für Menschen mit Migrationshintergrund attraktiv zu gestalten. Diese Herausforderung nimmt die Bundesregierung sehr ernst. Daher stellt die Stärkung der Willkommens- und Anerkennungskultur ein wichtiges Vorhaben des Koalitionsvertrags für die 18. Legislaturperiode dar.“Bundesministerium des Innern: . Abgerufen am 7. April 2017

Politische Debatte während der Flüchtlingskrise ab 2015 Die Grünen lehnten bei ihrem Bundesparteitag in Halle im November 2015 Obergrenzen ab und forderten Milliardeninvestitionen für die Integration von Flüchtlingen.

Aus dem Ergebnis der Landtagswahlen im März 2016 zog Sahra Wagenknecht, Oppositionsführerin im 18. Deutschen Bundestag, die Schlussfolgerung, dass das schlechte Abschneiden der Linken bei diesen Wahlen vor allem damit zusammenhänge, dass viele Anhänger der Linken meinten, die Partei bewerte Flüchtlinge zu positiv und vernachlässige die Interessen prekär lebender Deutscher.Wundern über Sahra. In: Der Spiegel. Ausgabe 13/2016. 26. März 2016, S. 32

Religiöse und moralische Gebote Zu den 5 Säulen des Islam gehört die Zakāt, die Verpflichtung 2,5 % des Vermögens an bestimmte Personengruppen zu spenden.

Laut dem Bertelsmann-Religionsmonitor haben sich 44 % der regelmäßig praktizierenden Muslime finanziell und persönlich im Rahmen der Flüchtlingskrise in Deutschland ab 2015 für Flüchtlinge engagiert. Ihr Beitrag gilt als besonders wichtig. Da 3/4 der Flüchtlinge muslimischen Glaubens sind, können die in Deutschland lebenden Muslime als Spezialisten für die herkunftskulturellen und seelsorgerlichen Belange gelten.Bertelsmann-Stiftung, Die Rolle der Religion für die Flüchtlingshilfe, S. 24 ff

Die Kirchen in Europa bemühten sich um eine koordinierte Antwort auf die Flüchtlingskrise und traten für den Schutz der Würde jedes Menschen ein. Sowohl von katholischer als auch von evangelischer Seite sehen sich die Kirchen in Deutschland mit Bezug auf die Integration von Flüchtlingen und die Willkommenskultur in einer zentralen Rolle. Kritiker sehen die Kirchen hingegen als „letzte Vertreter einer unbegrenzten Willkommenskultur“ und bemängeln, die Kirche vertrete in dieser Hinsicht einen „überschießende[n] Moralismus“. Evangelische und katholische Kirchen in Deutschland gewähren solchen Menschen Kirchenasyl, denen eine Abschiebung aus Deutschland wegen eines fehlenden Aufenthaltsstatus droht.Aktuelle Zahlen: Kirchenasyle bundesweit. Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche Als Begründung für diese Praxis werden in der Regel die folgenden beiden Passagen aus der Bibel angeführt:Kirchenasyl. Handreichung für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland. (PDF; 357 kB) Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, 2009, S. IIPeter Kossen: . Pressemitteilung des Landkreises Ammerland. Februar 2016 Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott. (3. Mose 19,33f.) Jesus sagt: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. […] Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,35–40)

Bei den regelmäßig praktizierenden Christen blieb der finanzielle und persönliche Einsatz für Flüchtlinge deutlich hinter dem sonstigen ehrenamtlichen Engagement zurück.Bertelsmann-Stiftung, Die Rolle der Religion für die Flüchtlingshilfe, S. 25

Im Dezember 2011 mahnte der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, politisch Verantwortliche und die Zivilgesellschaft (Deutschlands) seien „aufgerufen, aktiv eine Willkommenskultur zu etablieren und damit die Bevölkerung für die besondere Notsituation von Flüchtlingen zu sensibilisieren.“UNHCR: November 2011, S. 3

Idee eines „Weltbürgerrechts“

mini|Ein Detail der Willkommenssäule in Bremen-Osterholz ist die Inschrift: „Menschen befugt sind zu leben wo immer sie wollen“

Seyla Benhabib, Professorin für Politikwissenschaften und Philosophie an der Yale University in den USA, sagte 2008 voraus, dass die grenzüberschreitende Migration nach UN-Angaben bis 2048 um 40 Prozent steigen könnte. Millionen von Menschen, die sich beispielsweise als Flüchtlinge in ihnen bisher unbekannten Ländern niederlassen, benötigten einen klaren rechtlichen Status, der ihnen eine politische Zugehörigkeit als Rechtssubjekte verschaffe. Das Ziel einer globalen Gerechtigkeit impliziere das Recht auf Zugehörigkeit als Menschenrecht. Keine Papiere zu haben sei in westlichen Gesellschaften eine Form des zivilen Todes. Daher müsse es in der Tradition Immanuel Kants ein „Weltbürgerrecht“ geben, bei dem die Gastfreundschaft ein Schlüsselmotiv bilde, als „Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines anderen wegen, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden“. Erst wenn im Sinn einer globalen Gastfreundschaft das Recht, Asyl zu suchen, und die Pflicht, Asyl zu gewähren, als die beiden selbstverständlichen Teile eines Weltbürgerrechts begriffen würden, könne man von internationaler Zugehörigkeitsgerechtigkeit sprechen. Die Staatsgrenzen, so Benhabib, müssten „bedingt durchlässig“ werden. Im Sinne einer Anerkennungskultur müsse es einen an nur minimale Bedingungen geknüpften, für jeden offenen Zugang zur Staatsbürgerschaft eines jeden Landes geben.Martin Conrads: In: fluter – Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung 16. Januar 2009