mini|Caroline Y. Robertson-von Trotha (2013) Caroline Y. Robertson-von Trotha (* 22. Februar 1951 in Glasgow, Schottland) ist eine britische Soziologin und Kulturwissenschaftlerin, die in Deutschland arbeitet.
Leben Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters brach Caroline Y. Robertson die Schule 1966 im Alter von 15 Jahren vorzeitig ab, um eine Familienpension einzurichten. Ein Jahr später erhielt sie ein City & Guild-Certificate als Hotelfachfrau und wurde von der Oban Hotel Association mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Eine anschließende Reise als Backpackerin durch Europa führte Robertson nach Deutschland, wo sie sich mithilfe von Nachhilfeunterricht und Gelegenheitsarbeiten finanzierte und die deutsche Sprache erlernte. Parallel dazu bereitete sie sich autodidaktisch auf die Scottish Higher Level Examinations (Abitur) vor, die sie 1972 absolvierte, woran sie ein Studium der Politologie, Soziologie, Philosophie und Geschichte in Heidelberg und Karlsruhe anschloss. Mit Unterstützung eines Stipendiums der Peter-Fuld-Stiftung wurde sie schließlich 1990 zum Thema „Ethnische Identität und politische Mobilisation“ zum Doktor der Philosophie promoviert.
Ihre Habilitation erfolgte 2004 an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Karlsruhe zum Thema „Dialektik der Globalisierung“. 2007 wurde sie vom Rektor des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), vormals Universität Karlsruhe (TH), zur apl. Professorin ernannt.
Sie war Gründungsmitglied (1989) und von 1990 bis 2002 Geschäftsführerin des Interfakultativen Instituts für Angewandte Kulturwissenschaft der Universität Karlsruhe (TH). Seit 2002 leitet sie als Gründungsdirektorin dessen Nachfolgeinstitution, das Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).
Sie war in zweiter Ehe 2003 bis zu dessen Tod 2025 mit Klaus von Trotha verheiratet, der von 1991 bis 2001 Wissenschaftsminister des Landes Baden-Württemberg war.
Forschung Zu Caroline Y. Robertson-von Trothas Forschungs- und Tätigkeitsfeldern gehören die Komplexe Globalisierung und kultureller Wandel, Multikulturalität und Integrationspolitik, Kulturerbe sowie Theorie und Praxis der Öffentlichen Wissenschaft.Peter Weibel: Eine Intellektuelle der Öffentlichen Wissenschaft. In: lookKIT. 2019/1, 2019, S. 62–63. (sts.kit.edu) Mit den Eröffnungsreden der Karlsruher Gespräche von 1997Hermann Glaser (Hrsg.), Caroline Y. Robertson (Red.): Problemkreise der Angewandten Kulturwissenschaft. (= Aspekte aus Wissenschaft und Praxis. Bd. 1). Karlsruhe 1997.Caroline Y. Robertson-Wensauer: Karlsruher Gespräche 1997 STADT-ANSICHTEN – Ein Vorwort. In: Hermann Glaser (Hrsg.): Problemkreise der Angewandten Kulturwissenschaft. In: Aphorismen zu Stadtansichten. Karlsruher Gespräche 1997. Bd. 2, Karlsruhe 1997, S. 1–2. und 1998Caroline Y. Robertson-Wensauer: Karlsruher Gespräche 1998: (Ohn)Macht der Politik – Ein Grußwort. In: Hermann Glaser/dies. (Hrsg.): Problemkreise der Angewandten Kulturwissenschaft. (Ohn)Macht der Politik. Karlsruher Gespräche 1998, Bd. 1. Karlsruhe 1998, S. 12–17. hat Robertson-von Trotha einen neuen Begriff der Öffentlichen Wissenschaft (ÖW) eingeführt: Sie entwarf die klassische Aufgabe der Wissenschaftskommunikation neu, indem sie das Vermitteln von wissenschaftlichen Prozessen und Erkenntnissen nach dialogbasierten und transdisziplinären Prinzipien ausrichtete.C. Y. Robertson-Wensauer: Einleitung. Wozu ‚Angewandte Kulturwissenschaft‘ an einer technischen Hochschule? In: dies. (Hrsg.): Interfakultatives Institut für Angewandte Kulturwissenschaft. Universität Karlsruhe (TH). 1989–1999 Zehn Jahre interdisziplinäre Institutsarbeit. Karlsruhe 1999, S. 19–23.Interfakultatives Institut für Angewandte Kulturwissenschaft der Universität Karlsruhe (TH) [= IAK] (1998): Öffentliche Wissenschaft. In: iak newsletter. Jg. 1, Heft 1, S. 3–4.Peter-André Alt: Wenn Freiheit zu Anarchie wird. In: Frankfurter Rundschau. 27. Dezember 2017. (fr.de) Anstöße hatte sie aus der Tradition der britischen PUS-Initiative (Public Understanding of Science) und der Förderung des in Nordamerika entwickelten Verständnisses einer Scientific Literacy (zu Deutsch in etwa: ‚naturwissenschaftliche Grundbildung‘) aufgenommen. In der Folge setzte Robertson-von Trotha ihre Konzeption in Bezug zum PUSH-Memorandum der 1999 gegründeten gemeinnützigen GmbH Wissenschaft im Dialog (WiD), eine Initiative des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft,C. Y. Robertson-von Trotha: ‚Öffentliche Wissenschaft‘ – ein notwendiger Dialog. In: J. Klaus, H. Vogt (Hrsg.): Wissensmanagement und wissenschaftliche Weiterbildung. Dokumentation der Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium an der Universität Karlsruhe (TH). Hamburg 2007, S. 7–20.Silke Vergara Gomez: Erfolgsfaktoren von Weiterbildungsstudiengängen: eine empirische Analyse. (= Kasseler Management Forum. Band 6). Kassel 2011, S. 31–32. und führte im Jahr 2012 eine erste von mehreren Analysen der ÖW „im Spiegel der Web 2.0-Kultur“C. Y. Robertson-von Trotha: Öffentliche Wissenschaft im Spiegel der Web 2.0-Kultur. In: C. Y. Robertson-von Trotha, Jesús Muñoz Morcillo (Hrsg.): Öffentliche Wissenschaft und Neue Medien. Die Rolle der Web 2.0-Kultur in der Wissenschaftsvermittlung. Karlsruhe 2012, S. 19–35. (zak.kit.edu) durch.C. Y. Robertson-von Trotha, Jesús Muñoz Morcillo: Öffentliche Wissenschaft in Sonderforschungsbereichen: Inside Science]. Erweiterter Abschlussbericht des DFG-Pilotprojekts SFB 588 TP Ö. Berichtszeitraum vom 1. Juni 2010 bis 30. Dezember 2013. In: EVA STAR, Karlsruher Institut für Technologie, 2014. (digbib.ubka.uni-karlsruhe.de) Zugleich etablierte sie als Gründungsdirektorin des ZAK | Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale ihr Programm einer Öffentlichen Wissenschaft in Theorie und Praxis auch institutionell: Neben der Forschung und der Lehre bildet diese eine der drei gleichberechtigten Säulen, auf denen das Zentrum basiert.Sibylle Orgeldinger: Zentrum an der Uni fördert den Dialog der Wissenschaften. Institut für Kulturwissenschaft fusioniert mit Studium generale. In: Badische Neueste Nachrichten. 16. Juli 2002.Klaus Rümmele: Schwer auf ZAK. In: UNIKATH. 33. Jahrgang, Heft 4, 2002, S. 40–41.
Wirkungsfelder Caroline Y. Robertson-von Trothas vielfältiges Engagement zeichnet sich insbesondere durch eine Verbindung des theoretischen (sozial- und kulturwissenschaftlichen) mit dem praktischen (soziokulturellen und sozialpolitischen) Tätigkeitsfeld aus. Eines ihrer zentralen Anliegen besteht in der Vermittlung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, wobei internationale und interkulturelle Zusammenhänge im Fokus stehen.
Konzeptionelle Tätigkeit Ihr Kernkonzept, die Öffentliche Wissenschaft, entwickelte sie im Rahmen des Interfakultativen Instituts für Angewandte Kulturwissenschaft (IAK), das sie 1989 mitbegründet hatte und das zu jener Zeit „eine in Deutschland einmalige Einrichtung“Caroline Y. Robertson-Wensauer (Hrsg.): IAK 1989–1999: Zehn Jahre interdisziplinäre Institutsarbeit. Festschrift zum 10jährigen Bestehen des IAK. Karlsruhe 1999. war. Dabei ging es vor allem darum, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die Bedeutung der Wissenschaft zu erhöhen und auf diese Weise einen Austausch im Sinne einer Bürgergesellschaft zu ermöglichen. Zu den konzeptionellen Schlüsselbegriffen gehören Scientific/Cultural Literacy sowie Scientist Citizen/Citizen Scientist.C. Y. Robertson-von Trotha: Öffentliche Wissenschaft im Spiegel der Web 2.0-Kultur. In: C. Y. Robertson-von Trotha, Jesús Muñoz Morcillo (Hrsg.): Öffentliche Wissenschaft und Neue Medien. Die Rolle der Web 2.0-Kultur in der Wissenschaftsvermittlung. Karlsruhe 2012. (zak.kit.edu) In diesem Verständnis einer Öffentlichen Wissenschaft konzipierte Robertson-von Trotha zunächst als Geschäftsführerin des IAK und anschließend als Gründungsdirektorin des ZAK unterschiedliche und vielgestaltige Formate, die einerseits die theoretischen Grundlagen der Öffentlichen Wissenschaft weiter ausformulieren und andererseits Möglichkeiten ihrer praktischen Umsetzung darstellen. Nach den Karlsruher Gesprächen, die seit 1997 ausgerichtet und als das „Flaggschiff der Öffentlichen Wissenschaft“Caroline Y. Robertson-von Trotha (Hrsg.), Marco Ianniello: Dialogue in Progress. Wissenschaft. Kultur. Gesellschaft. Stimmen aus 20 Karlsruher Gesprächen. Karlsruhe 2017. bezeichnet werden, sind dies vor allem die Weiterentwicklung des Colloquium Fundamentale (seit dem WS 2002/2003), die Jean Monnet Keynote Lecture (seit dem SS 2008), die Stadtgespräche (seit 2015) sowie seit dem WS 2016/2017 die Wissenschaftsgespräche und das World Science Café. Zudem gehörte sie 2019 zu den Erstunterzeichnenden der Charta Öffentliche Kommunikationswissenschaft.Charta Öffentliche KommunikationswissenschaftVgl. auch Öffentliche Soziologie
Analog zu ihrem integrativen Ansatz auf dem Feld der Wissenschaftskommunikation forscht und engagiert sich Robertson-von Trotha im Bereich der gesellschaftspolitischen Integration. Bereits in ihren frühen Publikationen Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre hat sie Themen und Thesen zur Multikulturalität und zur Integration entwickelt, die seit der Jahrtausendwende für die Forschung und die Politik an immer größerer Bedeutung gewonnen haben. Beispielsweise beschreibt sie in ihrer Dissertation von 1991 ausführlich, wie ethnische Identität zur Mobilisierung für verschiedene politische Ziele instrumentalisiert werden kann, und welche Gefahren damit einhergehen.Caroline Y. Robertson-von Trotha: Ethnische Identität und politische Mobilisation. Das Beispiel Schottland. 1991. Zunächst ist es etwa der Soziologe und Politologe Alf Mintzel, der Robertson-von Trothas Arbeit rezipiert und darin ein „zentrales Theorem“ erkennt.Siehe Alf Mintzel: Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika. Konzepte, Streitfragen, Analysen, Befunde. S. 34: „Ein Satz in ihren [Robertson-von Trothas] grundsätzlichen Gedanken und Argumenten enthält indes ein zentrales Theorem, wonach moderne, hochkomplexe Gesellschaften aus sozialwissenschaftlicher Sicht als multikulturelle Gesellschaften betrachtet werden.“ Vgl. auch Klaus von Beyme: Kulturpolitik in Deutschland. Von der Staatsförderung zur Kreativwirtschaft. 2012, S. 14.
Dementsprechend war sie im Jahr 2001 in der Funktion einer wissenschaftlichen Beraterin und Co-Autorin maßgeblich am Strategiepapier Bündnis für Integration des Stadtrats Stuttgart beteiligt, das 2004 von der UNESCO mit dem Cities for Peace Prize ausgezeichnet wurde; sie konzipierte 2016 das Format World Science Café, wo Geflüchtete über ihre wissenschaftliche Arbeit berichten, und sie publiziert regelmäßig zum Thema, etwa im Praxisleitfaden des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Interkultur für alle von 2015Caroline Y. Robertson-von Trotha: Interkulturelle Kulturarbeit. Aufgabe und Auftrag. In: Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (Hrsg.): Interkultur für alle. Ein Praxisleitfaden für die Kulturarbeit. Stuttgart 2015, S. 82–91. (mwk.baden-wuerttemberg.de) oder 2017 den Artikel „Gelingensbedingungen für (kulturelle) Integrationsprojekte mit Geflüchteten“.Caroline Y. Robertson-von Trotha: Gelingensbedingungen für (kulturelle) Integrationsprojekte mit Geflüchteten. In: LKJ Baden-Württemberg (Hrsg.): Kulturelle Bildung mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Baden-Württemberg. (AT) 2017.
Kuratorische und publizistische Tätigkeit