Kulturpessimismus bezeichnet allgemein einen Pessimismus gegenüber gegenwärtigen Tendenzen und zukünftigen Entwicklungen in der Kultur. Die Erscheinung ist seit der Antike bekannt, doch etablierte sich der Begriff als Gegenpol zum Fortschrittsglauben und Kulturoptimismus erst im Europa des späten 19. Jahrhunderts. Seitdem wird der Begriff Kulturpessimismus auch im Zusammenhang mit ideologischen Positionen kritisch verwendet, die mit pessimistischen Vorstellungen von politischen Kulturen verbunden sind.Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland. Stuttgart 2000, ISBN 3-608-94136-3.; Kirsten Wechsel: Grenzüberschreitungen zwischen Realität und Fiktion. Göttingen 2001, S. 10, ISBN 3-525-20587-2; Jin-Sung Chun: Das Bild der Moderne in der Nachkriegszeit. Die westdeutsche „Strukturgeschichte“ im Spannungsfeld von Modernitätskritik und wissenschaftlicher Innovation 1948–1962. München / Oldenbourg 2000, S. 24, ISBN 3-486-56484-6.

Kulturpessimisten deuten und kritisieren Gesamtentwicklungen und/oder bestimmte Zeiterscheinungen als Anzeichen eines generellen oder speziellen Niedergangs (Dekadenz) von „Zivilisation“, „Kultur“, einer bestimmten Gesellschaftsordnung oder einer Nation. Diese Haltung kann sich auf verschiedenste Aspekte in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Technik, Kunst, Kulturindustrie und Massenmedien beziehen.

Kulturpessimisten wie Kulturoptimisten vertreten oft einen geschichtsphilosophischen Determinismus, so dass sich „Kultur-“ und „Geschichts“-Pessimismus überschneiden.

Griechische Antike Bereits in der Antike waren besonders während sozialer Krisen kulturpessimistische Haltungen und Lehren eines Niedergangs der eigenen Kultur verbreitet. Der griechische Dichter Hesiod sprach im 7. vorchristlichen Jahrhundert in seinem Epos Werke und Tage von einem ehemaligen, nun aber verlorenen goldenen Zeitalter, das sich bis zu seiner Gegenwart über das silberne in ein eisernes (kriegerisches) Zeitalter gewandelt habe.

Dieses Motiv wurde später von griechischen Philosophen, z. B. von Platon und im Hellenismus, oft aufgegriffen.

Eine extreme Form des kulturpessimistischen Diskurses in der Antike repräsentiert der griechische Philosoph und Physiker Anaximander von Milet. Nach dieser Version des Kulturpessimismus ist es nicht nur die Kultur, die zu Grunde gehe und gehen müsse, sondern alle Dinge:

Diese Theorie wurde später von Autoren interpretiert und kommentiert, die nach dem Stand der Forschung als Wegbereiter des Nationalsozialismus (Nietzsche)Steven E. Aschheim. Nietzsche, der Antisemitismus und der Holocaust und Vertreter des Faschismus (Heidegger)Emmanuel Faye. Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie. zu interpretieren sind.

Aufklärung

Der Hauptstrom des Denkens im Zeitalter der Aufklärung war optimistisch gegenüber Natur und Geschichte eingestellt und setzte auf einen Fortschritt der Vernunft. Einige Gedanken von Aufklärern wie Jean-Jacques Rousseau werden jedoch als Kulturpessimismus gedeutet:Katja Mann: Pädagogische, psychologische und kulturanalytische Traditionen und Perspektiven im Werk Ellen Keys. Inauguraldissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, 14. Kapitel Zusammenfassung

Giambattista Vico bediente sich organischer Metaphern wie Altern und Tod zur Beschreibung kultureller Niedergangsprozesse.

19. Jahrhundert

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfiel die Fortschrittsvorstellung, wie sie die Aufklärung und das neunzehnte Jahrhundert beherrscht hatte, mit dem Aufkommen der Romantik und später des Fin de siècle und wich nicht nur bei konservativen Autoren einer radikalen Kritik. Ein Ende der gegenwärtigen Misere, so die der gnostischen Apokalyptik folgende Argumentation, sei nicht durch einen kontinuierlichen Prozess, sondern allenfalls durch einen apokalyptischen Umbruch zu erwarten.Michael Plauen: Dithyrambiker des Untergangs – Gnostizismus in Ästhetik und Philosophie der Moderne, Akademie-Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-05-002659-6, Seite 8 ff.

Im Zeitalter der Industrialisierung und der neuen Massenmedien entstand in vielen Staaten Europas um 1800 eine Kulturkritik aus unterschiedlichsten Ansätzen heraus, welche sich teilweise auch mit Nationalismus, Antisemitismus und Opposition zum Liberalismus verband.

Seit der Gründerzeit gewannen diese Auffassungen, speziell in Neuromantik und Heimatkunst, in Deutschland an Boden. Wilhelm Marr verband Kulturpessimismus und völkisch geprägten Rassismus. In seinem Bestseller Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum. Vom nicht-confessionellen Standpunkt aus betrachtet von 1879 konstruierte er einen fundamentalen Gegensatz zwischen einem angeblich jüdischen Materialismus und Internationalismus und einer primär auf Ideen beruhenden abendländischen Kultur:

Das Judentum habe eine nicht mehr revidierbare kulturelle Dominanz erzielt:

Ein ähnliches Werk war Édouard Drumonts 1880 in Frankreich erschienenes La France Juive (deutscher Titel: Das verjudete Frankreich).

In der Philosophie von Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche findet man ebenfalls eine kritische Sicht der Kulturentwicklung. So konstatiert Nietzsche 1878:Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, Bde. I und II herausgegeben von G. Colli und M. Montinari, dtv-Taschenbuch, 1999, ISBN 3-423-30152-X, S. 244

Emil Hammacher beschreibt in Hauptfragen der modernen Kultur den kulturellen Niedergang als ein universales Phänomen der Zeit.

Analysen eines zivilisatorischen Endes der westlichen, vom Kapitalismus beherrschten Kultur finden sich in der 1887 erschienenen und 1912 (mit der 2. Auflage) populär werdenden Studie Gemeinschaft und Gesellschaft von Ferdinand Tönnies. Dieser wehrte sich jedoch stets gegen das Etikett eines „Pessimisten“, da er einen – wenngleich skeptischen – Reformismus als immer anzustrebenden Ausweg ansah.

20. Jahrhundert Jahrhundertwende Sigmund Freuds Schriften sind von einem starken Kulturpessimismus und einer als „peinlich verspürten Unvollkommenheit der Kultur“zitiert nach: Rüdiger Safranski: Das Böse oder das Drama der Freiheit, Frankfurt am Main: Fischer-TB 1999, ISBN 3-596-14298-9, S. 247 geprägt. Die herrschende Sexualmoral sieht er auf Dauer als der Kulturentwicklung abträglich an. 1908 schrieb er dazu:In: Sigmund Freud, Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität, in: Achim Thom (Hrsg.): Psychoanalyse – Ausgewählte Schriften, Reclam, Leipzig 1984, ISBN 3-379-00535-5, S. 345

In seinem sozialphilosophischen bzw. kulturtheoretischen Werk Das Unbehagen in der Kultur (1930) befasste er sich mit der allgemeinen Frage, warum Menschen oft eine Abneigung gegen ihre eigene Kultur hätten. Die Bedürfnisse der Kultur stehen nach Freud im Gegensatz zum Todestrieb des Menschen.

Obwohl Kulturpessimismus allgemein eher im Konservatismus beheimatet ist, vertraten auch in der Tradition des Marxismus stehende Autoren wie Georges Sorel teilweise kulturpessimistische Sichtweisen:zitiert nach Kurt Lenk: Das Problem der Dekadenz seit Georges Sorel. In: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn, Jobst Paul: Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt - Analysen rechter Ideologie, Unrast-Verlag, 2005, ISBN 3-89771-737-9, S. 54

Zwischen den Weltkriegen In der öffentlichen Meinung der krisengeschüttelten Weimarer Republik fanden ältere und neuere kulturpessimistische Schriften größere Publikumsbeachtung: darunter Paul de Lagardes Deutsche Schriften, Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher von 1890, oder Arthur Moeller van den Brucks Das Dritte Reich von 1923. Diese Autoren gelten heute teilweise auch als Vertreter des Faschismus und werden als Wegbereiter des Nationalsozialismus interpretiert.

Nach dem „Vorläufer“ Carl Friedrich Vollgraff (1794–1863), der die Entwicklung der Völker und der menschlichen Kultur überhaupt schon „pessimistisch“ beurteilt hatte, wurde besonders häufig Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes (Bd. I 1918, Bd. II 1922) als Kulturpessimismus gedeutet. Spengler entwirft hier ein Modell abgeschlossener, zyklischer Kultureinheiten, die in Analogie zur Biologie den Stadien von Geburt, Jugend, Erwachsensein, Reife und Tod unterworfen sind. Hierbei sieht er Zivilisation als Spätstadium und scharfen Gegensatz zur vorhergehenden Kultur. Diesen Übergang verortet Spengler für die Antike im 4. und für die abendländische Kultur im 19. Jahrhundert: Die Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal einer Kultur. […] Zivilisationen sind die äußersten und künstlichsten Zustände, deren eine höhere Art von Menschen fähig ist. Sie ist ein Abschluß; sie folgen dem Werden als das Gewordene, dem Leben als der Tod …Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. 10. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1991, ISBN 3-423-00838-5, S. 43 f.

Spengler beklagt diese Entwicklung nicht, sondern konstatiert sie nur, fasst sie als naturgesetzlich auf, lehnt daher die Bezeichnung Pessimismus für sein Werk ab („Pessimismus?“, 1919) und fordert vielmehr dazu auf, positive Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Der Möglichkeit schöpferischer, künstlerischer Arbeit im Zeitalter der Zivilisation steht er zwar skeptisch gegenüber, sieht die Potentiale dieser Epoche aber auf technisch-naturwissenschaftlichem Gebiet.Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. 10. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1991, ISBN 3-423-00838-5, S. 62 ff.

Spengler vertrat weder ein aufwärts oder abwärts gerichtetes Geschichtsmodell wie der Kulturoptimismus und -pessimismus, sondern ein zyklisches Geschichtsbild. Er wehrte sich aber gegen die pessimistischen Auslegungen seines Buchtitels:

Die teilweise auf Nietzsche aufbauende TheseAn dieser Stelle sei nun sein Begriff der Masse eingeführt, den er „als Kulturkritiker“ anwendete und mit dem er „den Wertewandel der Moderne“ zu „sondieren“ versuchte. Dieser Masse kann man den im Ohne-Sinn vor sich hin lebenden und von Nietzsche kritisierten Bürger zuordnen. Laut Renate Reschke habe Nietzsche zwar gewusst, dass die Masse zum Erhalt der Kultur notwendig ist, er habe sie allerdings als unfähig angesehen, selbst Wertsetzungen vornehmen zu können. auf einer „Kulturverflachung“ aufgrund zunehmender Bedeutung der „Massen“ gegenüber den „kulturtragenden Eliten“ früherer Epochen ist ein wesentliches Element von José Ortega y Gassets 1929 erschienenem Werk La rebelión de las masas (dt. 1930: Der Aufstand der Massen) sowie vieler seine Gedankengänge fortführender Autoren. So schreibt er:

Ein „Abstieg der Kultur“ (und in seiner Folge ein Aussterben des Bildungsbürgertums) wurde von vielen Wissenschaftlern und Schriftstellern konstatiert. So schrieb André Gide 1938 in sein Tagebuch:

Nach 1945 1953 veröffentlichte der Historiker Fritz Stern sein weithin als bahnbrechend anerkanntes Werk Kulturpessimismus als politische Gefahr. Darin zeigte er Kontinuitätslinien von der späten Kulturkritik der Kaiserzeit über deren Rezeption in der Weimarer Zeit bis zum Nationalsozialismus.

Adorno beschrieb die Kulturindustrie, die das Bewusstsein der Menschen so „verdinglicht“ habe, dass diese durch die Abspeisung mit sinnentleerten Produkten zur Affirmation des Bestehenden verführt würden. Die Menschen seien im „Verblendungszusammenhang“ gefangen.

Ein Aufgreifen von Gassets Figur des „Kulturverfalls“ durch zunehmenden Einfluss der „Massen“ ist bis in jüngste Zeit festzustellen:

Roger Griffin analysierte 2007 verschiedene Typen von Kulturpessimismus, die er allerdings nicht vereinfachend mit Faschismus gleichsetzt:

Auch in aktuellen Diskussionen taucht der Begriff in vielfältigen Zusammenhängen, wie zum Beispiel der Kritik an zunehmender Technikfeindlichkeit und einer übertriebenen Angst vor Globalisierung auf. So meint der Wirtschaftssenator des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft Michael Müller: