Estnische Literatur ist die in estnischer Sprache verfasste Literatur. Da die Anzahl der Sprecher relativ niedrig war und ist (heute etwa eine Million Menschen) und das Estnische in den Augen der jeweiligen Machthaber und somit im Schulsystem keinen oder nur geringen Wert hatte, entstand eine estnische Literatur erst relativ spät. Gelegentlich wird auch die von Esten verfasste Literatur in deutscher, russischer oder neuerdings englischer Sprache der estnischen Literatur zugerechnet.

Die frühesten Texte Ein Teil der estnischen VolksdichtungÜberblick bei Oskar Loorits: Estnische Volksdichtung und Mythologie. Tartu 1932. dürfte noch vor der Herausbildung des Estnischen aus dem Kreis der ostseefinnischen Sprachen entstanden sein. Für die Weitergabe dürften im südostseefinnischen Raum – das lässt sich aus Themen und Motiven erschließen – anders als in Finnland und Karelien meist Frauen zuständig gewesen sein, möglicherweise weil die feudale Herrschaft mit ihren Arbeits- und Abgabepflichten in Estland für die Männer weitaus drückender war als in Finnland.Hasselblatt, Geschichte, S. 51, 56. Die Verbreitung der Schrift in Alt-Livland (im Gebiet des heutigen Estland und Lettland) fand im Zuge der deutsch-dänischen Eroberung und christlichen Missionierung durch die Ordensritter vor 1300 ihren Anfang. Die Oberschicht sprach meist Mittelniederdeutsch, also die Sprache der Hanse. Mit der Zeit entwickelte sich eine estnische Zweisprachigkeit, die durch Latein als Bildungs- und Klerikersprache ergänzt wurde. Im mündlichen Sprachgebrauch der unteren Schichten vermischten sich oft das Deutsche und das Estnische, später zum Teil das Russische mit dem Estnischen.Lina Lukas: Zweisprachigkeit in den Literaturen Estlands. In: Interlitteraria 26 (2021) 1, S. 11–30.

Estnische Worte finden sich erstmals in der lateinischen Chronik Heinrici Chronicon Livoniae (um 1227). Das vermutlich erste Buch in estnischer Sprache mit einer lutherischen missa erschien in Lübeck 1525, wurde aber auf dem Weg zur Verschiffung von Travemünde nach Estland vom damals noch katholischen Lübecker Rat konfisziert und verbrannt.Martin Klöker: Erstes gedrucktes Buch in estnischer, lettischer und livischer Sprache auf kulturstiftung.org, abgerufen am 25. Oktober 2024 Das älteste erhaltene Manuskript ist die Handschrift von Kullamaa (1524–1532) mit katholischen Gebeten und dem Glaubensbekenntnis. Das älteste teilweise (11 Seiten) erhaltene estnische Buch ist ein zweisprachiger niederdeutsch-estnischer Katechismus aus dem Jahr 1535, der erst 1929 entdeckt wurde. Diese Bücher und die in den Jahrhunderten darauf folgenden sind fast ausnahmslos von deutschen Geistlichen geschrieben worden, für die Estnisch Fremd- oder Zweitsprache war. Das sprachliche Niveau dieser Literatur ist naturgemäß sehr schwankend. In der Mehrzahl handelt es sich dabei um religiöse Gebrauchstexte.

Beispiele dafür sind die handschriftlich erhaltenen Predigten (1600–1606) von Georg Müller und das erste estnische Gedicht (1637) von Reiner Brocmann (1609–1647) in den für diese Sprache etwas unhandlichen Alexandrinern.Hasselblatt, Geschichte, S. 116 ff. Unter den südestnischen Sprachen bzw. Dialekten ist Võro zu nennen, das durch Johann Gutslaffs Grammatik (1648) zur Schriftsprache wurde. 1686 fertigten Andrea Virginius und sein Sohn Adrian eine Übersetzung des Neuen Testaments in Võro (auch Tartu keel) an, die viele Auflagen erfuhr und bis ins 20. Jahrhundert verbreitet blieb. 1660 verfasste Heinrich Göseken eine Grammatik mit Wörterbuch auf der Basis des westestnischen Dialekts von Kullamaa. Im 17. Jahrhundert wurden auch die ersten volkstümlichen Dichtungen aufgezeichnet.

1708 entstand das Klage- und Mahngedicht Oh! ma waene Tardo Liin („Ach, ich arme Stadt Tartu“) von Käsu Hans (Hans Kes oder Kässo) im vom Niederdeutschen stark beeinflussten Dialekt von Tartu, in der er die Zerstörung der Stadt durch russische Truppen im Großen Nordischen Krieg beklagte, die er auf die Sünden der Städter zurückführte. Das Gedicht, das 32 Strophen im Reimschema ababccdd umfasst, wurde nur in Abschriften überliefert. Käsu Hans ist möglicherweise der erste namentlich bekannte Dichter estnischer Abstammung.

Die Etablierung der Schriftsprache mini|hochkant|August Wilhelm Hupel Langsam etablierte sich eine estnische Schriftsprache, in der ein weitgehend anspruchsloses, teils noch auf deutschen Vorbildern basierendes Bildungsschrifttum verfasst wurde: Von Heinrich Stahl, in anderer Namensform als Stahell bekannt, stammt eine Grammatik, von Bengt Gottfried Forselius ein ABC-Buch, also eine Orthographielehre. Durch die Grammatica Esthonica (1693) des Schulinspektors und späteren Pastors Johann Hornungs (1660–1715) und die von Anton Thor Helle (1683–1748) 1739 veröffentlichte erste vollständige estnische Bibelübersetzung setzte das Nordestnische gegenüber dem Südestnischen als Schriftsprache durch; dieses verschwand in den 1880er Jahren.

In der Zeit der frühen Aufklärung entstanden belehrend-moralisierende Bücher und Wochenschriften, z. B. Lühhike öppetus 1766–1767 des Pastors August Wilhelm Hupel (1737–1819) oder Üks Kaunis Jutto- ja Öppetusse-Ramat, „Ein schönes Geschichten- und Lehrbuch“, 2 Bände, 1782/1787, von Friedrich Gustav Arvelius (1753–1806).

Einen Meilenstein estnischer Literatur bildeten die 1875 bis 1999 herausgegebenen Monumenta Estoniae Antiquae, die weltgrößte Sammlung von Volksliedern (oft alliterierenden reimlosen Achtsilbern) und -sagen, die von Jakob Hurt angeregt wurde.

Zeit des „Nationalen Erwachens“ Über deutsch-baltische Intellektuelle, die in Deutschland studierten, gelangten seit Ende des 18. Jahrhunderts die Ideen der Aufklärung nach Estland. Nachdem das Theater durch deutsche Wanderschauspieler popularisiert worden war, versuchte Friedrich Gustav Arvelius 1794 vergeblich, erstmals ein Theaterstück in estnischer Sprache auf die Bühne zu bringen. Die Welle der aufklärerischen Estnophilie zog seit 1819 einige Theateraufführungen kurzer estnischer Stücke in Tallinn, Pärnu und Narva nach sich.Hasselblatt: Geschichte, S. 205 ff. 1802 wurde die deutschsprachige Universität Tartu als kaiserlich-russische Universität wiedereröffnet, wo neben Deutschbalten eine zunehmende Zahl von Esten studierten.

Als einer der ersten estnischen Schriftsteller gilt Kristjan Jaak Peterson (1801–1822), der zu Lebzeiten fast unbekannt blieb. Er schrieb eigenständige estnische Lyrik, starb aber sehr jung. Sein lyrisches Werk in estnischer Sprache wurde erst 1922 in seinem 100. Todesjahr veröffentlicht, er erschloss aber die finnischen Mythen durch Übersetzungen ins Deutsche und Schwedische. Sein Geburtstag wird heute als „Tag der estnischen Sprache“ gefeiert. mini|hochkant|Friedrich Reinhold Kreutzwald schuf den Kalevipoeg in den Jahren 1857–1861. mini|hochkant|links|Der Riese Kalevipoeg beim Brettertragen. Gemälde von Oskar Kallis (1914) Seit 1840 begann Friedrich Robert Faehlmann (1798–1850) mündliche Überlieferungen, Sagen, aber auch „Pseudomythen“ in estnischer Sprache zu publizieren, die teilweise in den Kalevipoeg (dt.: Kalevs Sohn), das rekonstruierte Nationalepos der Esten einflossen, das den Gipfel der estnischen Nationalromantik markiert. Es besteht aus rund 20.000 Versen in 20 Gesängen und wurde aufgrund von Faehlmanns Vorleistungen von Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803–1882) zu großen Teilen ergänzt und seit 1857 herausgegeben. Der Kalevipoeg basiert also nur zum Teil auf tatsächlicher mündlicher Überlieferung der Sagen rund um den Riesen Kalevipoeg; er weist auch Parallelen zur Welt der Wikinger und zum altenglischen Widsith-Lied aus dem 10. Jahrhundert auf. Seine lyrische Sprache stellte jedoch eine Innovation für die estnische Literatur dar. mini|hochkant|Lydia Koidula Johann Woldemar Jannsen schrieb 1869 den Text zur estnischen Nationalhymne Mu isamaa, mu õnn ja rõõm. Literaturgeschichtlich wichtiger wurde seine Tochter Lydia Koidula (1843–1886). Sie schrieb patriotische Lyrik und begründete das estnische Drama, auch wenn es sich bei ihren Texten teilweise um Adaptionen deutscher Vorlagen handelte.

Seit den 1880er Jahren setzte ein Prozess der Unterdrückung der estnischen Kultur und der Russifizierung ein. Die Lage verbesserte sich nach der Russischen Revolution von 1905, 1918 erklärte Estland seine Unabhängigkeit. Wichtiger estnischer Schriftsteller dieser Zeit war der Lyriker Juhan Liiv (1864–1913), nach dem heute ein Lyrikpreis benannt ist. Ebenfalls in dieser Zeit wirkte Eduard Vilde (1865–1933), er schrieb realistisch-naturalistische Romane und Dramen.

Von 1905 bis zur Okkupation Um 1900 war die Verstädterung Estlands weit fortgeschritten; das wachsende estnische Bürgertum verdrängte – teils mit russischer Unterstützung – die Deutschen aus zahlreichen Positionen des öffentlichen Lebens. Auch die estnische Literatur trat nun selbstbewusster auf. 1905 wurde die Gruppe Junges Estland (Noor-Eesti, wie Jungletten in Anlehnung an Junges Deutschland) gegründet, die bis 1917 existierte. Zu ihren Mitgliedern zählten der Lyriker Gustav Suits (1883–1956) und Friedebert Tuglas (1886–1971) sowie Villem Grünthal-Ridala (1885–1942), Johannes Aavik (1880–1973) und die finnische Schriftstellerin Aino Kallas (1878–1956). Die Gruppe strebte eine Erneuerung der estnischen Literatur nach europäischen Vorbildern an. In ihren Werken, z. B. bei Suits, finden sich Spuren des deutschen Expressionismus,Hasselblatt, Geschichte, S. 406. der in der Zeit der deutschen Besetzung gegen Ende des Ersten Weltkriegs als Vorbild für jüngere Autoren wirkte. Daneben verdienen der populäre Romancier Oskar Luts (1887–1953) mit Frühling (Kevade) sowie der Lyriker Ernst Enno (1875–1934) Erwähnung.

Als Gegenstück zum eher intellektuellen „Jungen Estland“ formierte sich 1917 die Siuru-Bewegung mit ihren Hauptvertretern Henrik Visnapuu (1890–1951) und Marie Under (1883–1980). Sie schrieben sinnliche symbolistische und expressionistische, damals skandalös erotische Gedichte und mussten beide nach dem Zweiten Weltkrieg ins Exil gehen. Der Bürgerschreck August Alle (1890–1952) konnte sich aufgrund seiner antifaschistischen Haltung mit der sowjetischen Besetzung arrangieren und wurde Chefredakteur der 1923 gegründeten, bis heute bestehenden Literaturzeitschrift „Looming“, die vom seit 1922 existierenden Estnischen Schriftstellerverband herausgegeben wurde. mini|hochkant|Porträt von A. H. Tammsaare (1927) von Nikolai Triik