Die Reuss ist ein 164 Kilometer langer Fluss in der Schweiz mit einem Einzugsgebiet von 3426 Quadratkilometern. Damit ist sie nach Rhein, Aare und Rhone der viertgrösste Fluss der Schweiz.

Die Reuss entspringt im Gotthardmassiv im Südwesten des Kantons Uri und mündet bei Windisch und Gebenstorf im Kanton Aargau als rechter Nebenfluss in die Aare. Sie ist deren grösster und längster Nebenfluss.

Name Der Fluss wurde vor dem Jahr 840 als Rusa erstmals schriftlich erwähnt. Im 16. bis 19. Jahrhundert erscheint er bisweilen als Ursa. Der Name könnte von der germanischen Wortwurzel *rūs- mit der Bedeutung «eilen, rasen, toben, lärmen» abgeleitet sein oder auch vorgermanischen Ursprungs sein. Im letzteren Fall könnte der Name mit der indogermanischen Wurzel *reu̯s- «graben, wühlen» bzw. vorromanisch/gallisch *rusia «Gletscher» in Verbindung stehen. Der Oberlauf der Reuss hiess früher wahrscheinlich *Sila, wie zur Erklärung des Ortsnamens Silenen vorausgesetzt wird.Gabrielle Schmid: Silenen UR (Uri). In: Dictionnaire toponymique des communes suisses – Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen – Dizionario toponomastico dei comuni svizzeri (DTS|LSG), Centre de dialectologie, Université de Neuchâtel, Verlag Huber, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2005, ISBN 3-7193-1308-5 und Éditions Payot, Lausanne 2005, ISBN 2-601-03336-3, S. 833f.

In schweizerdeutschen Dialekten wird der Fluss meist Rüüss [] (auch Rüs oder Rüss) genannt. Lokale Varianten bilden Rüäss (Muotathal) oder Ryss (Basel, Uri). Vereinzelt wurde der Name mit scharfem s, Reuß geschrieben.

Geographie Verlauf Der Flusslauf der Reuss wird in Abhängigkeit von den grossen vom Fluss durchquerten Landschaften in vier Abschnitte eingeteilt: die alpine Reuss, die subalpine Reuss, die Mittellandreuss und die Jurareuss.

Die Reuss entspringt mit mehreren Quellflüssen im Gotthardmassiv. Die Quelle der Furkareuss liegt auf im Oberen Schwärziseeli oberhalb des Furkapasses. Nach 19 Kilometern vereinigt sich die Furkareuss bei Hospental im Urserental mit der Gotthardreuss und wird von da an nur noch Reuss genannt. Wichtigster Zufluss der Furkareuss ist die Witenwasserenreuss. Bei Andermatt erreicht die Unteralpreuss, die im Tal zwischen dem Rotstock und dem Pizzo Barbarera entspringt und im Urserental die vom Oberalppass kommende Oberalpreuss aufnimmt, den Hauptfluss.

Bei Andermatt biegt der Fluss nach Norden ab und passiert die Schöllenenschlucht mit der alten Häderlisbrücke kurz vor Göschenen. Die steile Schlucht im oberen Bereich mit ihren hohen Granitwänden war im Mittelalter das grösste Hindernis für die Erschliessung des Gotthardpasses, das nur durch kühne Kunstbauten wie den Stiebenden Steg und die Teufelsbrücke und später das Urnerloch überwunden werden konnte. Hier bemerkenswert ist der Reussfall.Reussfall auf ETHorama. In der Schöllenen befinden sich das Suworow-Denkmal, das dem russischen General Suworow gewidmet ist und an die Schlacht von 1799 zwischen Russen und Franzosen im Zweiten Koalitionskrieg erinnert, und das monumentale Felsengemälde von Heinrich Danioth.

Bei Göschenen liegen die Nordportale des Gotthardtunnels der Eisenbahn und des Gotthard-Strassentunnels der Autobahn A2. Beim Bahnhof Göschenen mündet die Göschenerreuss und bei Wassen die Meienreuss in den Hauptfluss. In diesem Talabschnitt sinkt der Fluss bis Amsteg mit einem starken Gefälle und durch mehrere Schluchten, unter anderem beim Pfaffensprung, in nördlicher Richtung, bis er bei Erstfeld die breite Ebene des nördlichen Urner Reusstals erreicht.

In einem Kanal mit hohen Seitendämmen fliesst die Reuss zwischen Altdorf und Attinghausen neben der Autobahn über die Ebene nach Norden und erreicht bei Flüelen und Seedorf das Mündungsgebiet im Reussdelta am Vierwaldstättersee. Bei Attinghausen mündet von rechts der Schächen und bei Seedorf von links der Palanggenbach in den Reusskanal.

In Luzern fliesst die Reuss bei der Seebrücke aus dem Vierwaldstättersee und durchquert den Hügelzug Zimmeregg-Greterwald; hier erreicht sie das Mittelland. Zwischen dem Luzerner Stadtteil Reussbühl und Emmenbrücke nimmt sie die Kleine Emme auf und strebt dann in nordöstlicher Richtung durch das flache Tal von Emmen an Buchrain, Inwil und Root vorbei, bis sie bei Honau den Punkt erreicht, an dem sich die Grenzen der Kantone Luzern, Zug und Aargau treffen. Von da an fliesst sie als mäandrierender Fluss gegen Norden durch das Reusstal und bildet zunächst die Grenze zwischen dem aargauischen Freiamt und dem Kanton Zug und später dem Kanton Zürich. Bei Maschwanden mündet von rechts die Lorze in die Reuss, bei Obfelden der Lindenbach und bei Jonen der aus dem Tal von Affoltern am Albis und dem Jonental kommende Jonenbach. Als linksseitige kleinere Zuflüsse sind nördlich von Luzern vor allem der Rotbach und der Wissenbach zu erwähnen.

Bei Unterlunkhofen ist am Fluss 1975 mit dem Neubau des Kraftwerks Bremgarten der Flachsee entstanden. In einer weiten Flussschlaufe umschliesst die Reuss die Altstadt und die Fläche der Au von Bremgarten. Die gedeckte Holzbrücke von Bremgarten ist einer der ältesten Flussübergänge an der Reuss und liegt an der Hauptstrasse 1.

Unterhalb von Bremgarten fliesst die Reuss durch Schwemmebenen oberhalb von Hügelzonen mehrerer Endmoränen des eiszeitlichen Reussgletschers; im Flussbett liegen zahlreiche aus den Moränen ausgewaschene Findlinge. In der kleinen Schwemmebene südlich des Moränenzuges vom Maximalstand der Würmeiszeit liegt die Stadt Mellingen mit dem alten Flussübergang der Strasse von Lenzburg nach Baden. Bei Mellingen befindet sich die hydrometrische Station «Reuss-Mellingen» der Landeshydrologie.Max Werder (u. a.): Kanton Aargau. Sanierung der Reusstalebene. Ein Partnerschaftswerk. Aarau 1982, S. 11–14. Auf ihrem weiteren Lauf durchquert die Reuss bis Birmenstorf die Schotterflächen östlich des Birrfelds in einem kräftig eingetieften Flusstal.

Im Siedlungsgebiet von Windisch und Gebenstorf durchschneidet die Reuss die südlichste Kalkkette des Jura und mündet schliesslich östlich von Brugg in die Aare.

Einzugsgebiet Die wichtigsten Reuss-Seitentäler sind: im Kanton Uri: Unteralptal, Oberalp (mit Oberalppass), Göscheneralptal, Maderanertal, Erstfeldertal, Schächental, Isental im Kanton Schwyz: Riemenstaldertal, Muotatal im Kanton Nidwalden: Engelbergertal im Kanton Obwalden: Sarneraatal im Kanton Luzern: Tal der Kleinen Emme/Entlebuch im Kanton Zug: Lorzetal und Zugersee

Zuflüsse

Grössere direkte Zuflüsse von links sind die Göschenerreuss, die Meienreuss und die Kleine Emme, von rechts der Chärstelenbach, der Schächen und die Lorze.

Die Muota, die Engelberger Aa und die Sarneraa münden als wichtige Zuflüsse in den Vierwaldstättersee.

Flussbau Regulierung Zur Regulierung des Abflusses aus dem Vierwaldstättersee dient in Luzern das Nadelwehr des Kraftwerks Mühlenplatz.

Flusskorrektion Im Jahr 1662 suchten die Kantone Zürich, Luzern und Zug in einer Konferenz eine Lösung für die an den Reussufern im Gebiet der Ortschaften Maschwanden und Merenschwand entstandenen Erosionsschäden.

Von 1851 bis 1861 baute der Kanton Uri nach einem Projektplan der Ingenieure M. Hegner, Richard La Nicca und Karl Emanuel Müller für den Fluss in der Reussebene einen Kanal von Attinghausen bis zur Mündung in den Urnersee.Peter Püntener: Hochwasser im Kanton Uri. Ein historischer Rückblick und das Hochwasser vom 24./25. August 1987. In: Schweizer Ingenieur und Architekt. 2000, S. 752–755.

Im Jahr 1810 erteilte der Kanton Aargau dem Badener Wasserbauingenieur Johann Gottfried Tulla den Auftrag für eine Studie über Korrektionsmassnahmen an der Reuss. 1811 begannen die Bauarbeiten mit dem Durchstich einer Flussschlaufe bei Fischbach-Göslikon unterhalb von Bremgarten. Doch auch nach dem Abschneiden eines zweiten Mäanders blieben weitere Erosionsschäden an den Flussufern nicht aus. Aus weiteren Gutachten der Ingenieure Richard La Nicca von 1851 und Conradin Zschokke von 1905 gingen neue flussbauliche Vorschläge hervor. Während die ursprünglich geplante Begradigung der Reuss im Gebiet der weiteren grossen Schlaufen bei Eggenwil unterblieb, liess der Kanton Aargau zwischen 1905 und 1950 die Ufer in diesem flachen Flussabschnitt stellenweise sichern und mit Mauern, Betonverkleidungen und Wuhren verstärken.Franz Studer: Reusskorrektion. In: Gemeinde Fischbach-Göslikon: Dorfchronik. 1991, S. 103–115.

Nach einer Konvention der Kantone Zug und Aargau von 1825 galten neue Vorschriften für die Uferverbauungen in der Ebene an der Lorze. Nach einem grossen Hochwasser im Jahr 1846 wurde die Reussverordnung von 1847 erlassen. Nach dem Gutachten von Richard La Nicca von 1851 liess der Kanton Zug den Binnenkanal rechts der Reuss von Cham bis Maschwanden ausführen und 1872 den Reussdamm verstärken. Mit dem Gesetz vom 13. Februar 1915 über den Hochwasserschutz an der Reuss initiierte Zug ein grosses Flussbauprojekt, das bis 1924 dauerte.Ernst Zumbach: Zugerische Reussverbauung in alter und neuer Zeit. Zug 1924.

1910, 1912 und 1953 kam es wegen Hochwassers zu Dammbrüchen und zu Überschwemmungen in der Reussebene südlich von Bremgarten. Bei Rottenschwil ereignete sich 1972 nochmals eine Überschwemmung der Allmend. Am 14. Dezember 1969 wurde in einer Volksabstimmung im Kanton Aargau das Reusstalgesetz angenommen, das zur Sanierung der flussbaulichen Anlagen, der Errichtung des neuen Kraftwerks Bremgarten und der Ausscheidung zahlreicher Naturschutzgebiete in der Reussebene führte.Max Werder (u. a.): Kanton Aargau. Sanierung der Reusstalebene. Ein Partnerschaftswerk. Aarau 1982, S. 54.

Die Reuss zwischen Bremgarten und der Einmündung in die Aare ist der einzige Abschnitt eines grösseren Flusses in der Schweiz, der im 19. Jahrhundert nicht begradigt wurde.

Hydrologie Abflussdaten

Hochwasser Im Einzugsgebiet der Reuss ereigneten sich immer wieder Hochwasser. Als Jahrhundert-Hochwasser gelten die Hochwasser von 1994, 1999 und 2005. Beim Hochwasser von 2005 kam es im Gebiet des Kantons Luzern entlang der Kleinen Emme und der Reuss zu Schäden in Höhe von 345 Millionen Franken. Infolgedessen lancierte der Kanton Luzern zwei Hochwasserschutz- und Renaturierungsprojekte. Im Jahr 2022 hat der Luzerner Regierungsrat die zwei Projekte bewilligt und die nicht bereinigten Einsprachen abgelehnt. Vier Beschwerden beim Bundesgericht von Umweltverbänden sind noch hängig.

Temperatur Der Allzeitrekord bei der Geissmattbrücke in Luzern wurde am 27. Juni 2026 (Hitzewelle in Europa im Juni 2026) mit einer Wassertemperatur von 26,4 Grad gemessen. Die bisherige Höchsttemperatur wurde mit 26,2 Grad am 5. August 2018 (Dürre und Hitze in Europa 2018) registriert. Im Hitzesommer 2003 hatte das Thermometer, ebenfalls im August, bis zu 25,7 Grad erreicht. Im Jahr 2026 wurde die 20-Grad-Marke zum ersten Mal bereits im Mai überschritten (Dürre und Hitze in Europa 2026).

Natur und Umwelt Gewässerökologie Neue Untersuchungen haben gezeigt, dass die biologischen Verhältnisse in der Reuss unterhalb des Vierwaldstättersees vor allem wegen der intensiven Siedlungsentwässerung teilweise gemäss den Anforderungen der Gewässerschutzverordnung ungenügend sind.Biologische Untersuchung der Mittelland Reuss, Kleinen Emme und Unteren Lorze. Kurzbericht. Gewässerschutzfachstellen der Kantone Aargau, Luzern, Zug und Zürich, 2013.

Renaturierung Im Jahr nach dem Alpenhochwasser 2005 wurde mit der Projektierung einer Renaturierung begonnen, welche auf einem rund 13 Kilometer langen Abschnitt umgesetzt werden soll. Mit Stand vom Februar 2024 sind nach wie vor Beschwerden gegen die Renaturierung hängig.

Naturschutzgebiete