Als baltisches Deutsch oder Baltendeutsch wird in der Sprachwissenschaft das Idiom der deutschsprachigen Minderheit in Lettland und Estland vor allem aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Charakteristisch für das Idiom der Deutsch-Balten ist neben der besonders gefärbten Aussprache eine Vielzahl von Lehnwörtern, die ihren Ursprung bei den Nachbarvölkern haben. Darüber hinaus gibt es Eigenheiten in der Satzstellung und Regionalismen.epa.oszk.hu (PDF; 534 kB) Víghné Szabó Melinda: Lexikalisch-semantische Untersuchung des Baltendeutschen mit dem Standarddeutschen.

Geographische Zuordnung mini|Karte der russischen Ostseeprovinzen Estland, Livland und Kurland Der Begriff wird eingegrenzt auf das Territorium der heutigen Staaten Estland und Lettland (mit Ausnahme von Lettgallen), etwa gleichbedeutend mit den historischen russischen Ostseegouvernements. Zur Zarenzeit gab es einen deutschbaltischen Bevölkerungsteil, der sich in Sankt Petersburg niedergelassen hatte. Litauen wird zwar geografisch zum Baltikum gezählt, hatte aber eine wesentlich geringere Deutsch sprechende Bevölkerung und stand lange unter polnischem Einfluss. Lediglich im Memelland gab es einen größeren deutschen Einfluss, der aber dem Bereich des Preußischen Wörterbuchs zuzuordnen ist.

Entstehung Seit Beginn des 13. Jahrhunderts kam die Mehrheit der deutschen Einwanderer aus den niederdeutschen Sprachgebieten. Dies ist ein bedeutender Einfluss auf die Entwicklung des baltischen Deutsch. Bis etwa 1600 galt die mittelniederdeutsche Sprache, danach setzte sich Hochdeutsch mit vielen niederdeutschen Elementen durch. Die späteren Einwanderer kamen aus verschiedenen Deutsch sprechenden Ländern, außerdem aus Skandinavien und Russland. Dzintra Lele-Rozentāle erklärt die Einflüsse zur Bildung des „Baltischen Deutsch“ im 18. Jahrhundert wie folgt:

Im 18. Jahrhundert ereignete sich der abschließende Übergang vom Niederdeutschen ins Hochdeutsche. Woldemar von Gutzeit berichtet rückblickend aus dem Jahr 1864:

Neben diesen Einflüssen gab es eine ständige Wechselwirkung mit den indigenen Völkern der Letten und Esten und anderen sprachlichen Minderheiten, vor allem den Russen. Diese Wechselwirkung bereichert einerseits den Wortschatz, andererseits wirkt sie in die Stellung der Wörter im Satz ein und hinterlässt Spuren in der Aussprache. Gisela Brandt: Geschichte der deutschen Sprache im Baltikum. In seiner Schrift „Wie man in Riga spricht“ hat Guido Eckardt die regionalen Unterschiede des baltischen Deutsch hervorgehoben, aber besonders die größte Stadt im Baltikum als Referenz für seine Wörtersammlung genommen.Guido Eckardt: Wie man in Riga spricht. Eine Plauderei. Verlag Jonck und Poliewsky, Riga 1904. Das deutschbaltische Wörterbuch von Oskar Masing ist infolge von Kriegseinwirkung nicht vollendet worden; das Material ist weitgehend verloren. Die nach 1958 von Walther Mitzka begonnene und von Alfred Schönfeldt weitergeführte Sammlung von baltendeutschem Wortmaterial befindet sich im Herder-Institut (Marburg),dspace.utlib.ee Dissertationes Philologiae Germanicae Universitatis Tartuensis. Reet Bender: Oskar Masing und die Geschichte des Deutschbaltischen Wörterbuchs ist aber inzwischen digitalisiert abrufbar.Digitales Wörterbuch Baltischdeutsch Der Philologe Wolfgang Laur unterscheidet die sozialen Schichten der Deutsch-Balten in ihrer Sprechweise als hochdeutsch, kleindeutsch und halbdeutsch sprechend. Die akademische Oberschicht orientierte sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts an einem an der Universität Dorpat (Tartu) gepflegten Standard-Deutsch.Wolfgang Laur: Über die deutsch-baltische Sprechweise In: Baltische Hefte. 4. Jahrgang, Heft 4, Juli 1958, S. 203.

Wechselwirkung mit indigenen Sprachen Da die deutschbaltische Minderheit gleichzeitig die Verwaltung, Kirchen und Schulen dominierte, lernten viele Letten und Esten die deutsche Sprache, um Zugang zu Bildung und Wohlstand zu erhalten, und übernahmen gleichzeitig viele deutsche Ausdrücke in ihre eigenen Sprachen.kirj.ee (PDF; 156 kB) Külli Habicht: Infinite Konstruktionen in der Estnischen Schriftsprache der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. (Über deutsche Einflüsse auf die ältere estnische Schriftsprache).Sabine Jordan: Niederdeutsches im Lettischen. Untersuchungen zu den mittelniederdeutschen Lehnwörtern im Lettischen. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 1995, ISBN 3-89534-144-4.Johann Sehwers: Die deutschen Lehnwörter im Lettischen. Inaugural-Dissertation an der Universität Zürich, 1918. In den Ostseeprovinzen des Zarenreiches war Deutsch die Sprache der „Privilegierten“ und „Literaten“, die das autochthone Volk als „undeutsch“ ansahen, das erst durch den Erwerb von Deutschkenntnissen zu „Halbdeutschen“ aufsteigen konnte. Die Düna Zeitung veröffentlichte am 16. August 1906, während der Russischen Revolution, eine sehr moderate Stellungnahme zu den Begriffen undeutsch, halbdeutsch und knotendeutsch unter dem Titel: Wer ist Deutscher, wer Lette oder Este? Im gewerblichen und landwirtschaftlichen Leben entwickelten sich Pidgin-Sprachen, die meist abwertend als „Halbdeutsch“,Jürgen Beyer: H as in Jerne. In: Stig Örjan Ohlsson, Siiri Tomingas-Joandi (Hrsg.): Den otidsenlige Urban Hiärne. Föredrag från det internationella Hiärne-symposiet i Saadjärve, 31 augusti – 4 september 2005 (= Nordistica Tartuensia, Band 17). Greif, Tartu 2008, S. 15–24 (Festrede mit ausführlichen Anmerkungen über Das ›Halbdeutsch‹ der Esten). „Knotendeutsch“, „Kullendeutsch“, „Ljurbendeutsch“, „Kadakdeutsch“, „Kaddikdeutsch“ oder „Wacholderdeutsch“ bezeichnet wurden. Aus lettischer Sicht wurde dieser Personenkreis „kārkļu vācieši“ oder „mazvācieši“ genannt. Ein typischer Vertreter dieser Gattung ist die Figur des „Švauksts“ aus dem Roman Mērnieku laiki der Brüder Reinis und Matīss Kaudzīte.Deutsche Ausgabe: Reinis Kaudzīte und Matīss Kaudzīte: Landvermesserzeiten. Verlag Kaspars Kļaviņš, Salzburg 2012.

Im Umgang der deutschsprachigen Händler und Handwerker mit der Mehrheit der Bevölkerung entwickelte sich ein Jargon, der „Kleindeutsch“ und speziell in Riga „Dinakantisch“ genannt wurde.Valentin Kiparsky: Fremdes im Baltendeutsch (Mémoires de la société néo-philologique de Helsingfors XI). 1936; Rezension in Baltische Monatshefte vom 1. Juni 1937: . Schanno von Dinakant: Dein Bix is weck; in Riga am Sonntag, 24. Mai 1931. Nachruf auf Jeannot / ›Schanno‹. In: Deutsche Zeitung im Ostland. 28. September 1941.

August Wilhelm Hupel berichtet aus dem Baltikum der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: „Ohne auf die verschiedenen Stände zu sehen, theilt man des Landes Einwohner in zwo Hauptklassen, in Deutsche und Undeutsche. Unter den lezten versteht man alle Erbleute, oder mit einem Wort die Bauern. Wer nicht Bauer ist, heißt ein Deutscher, wenn er auch kein deutsches Wort sprechen kann, z. B. Russen, Engländer […] Zu dieser Klasse gehören der Adel, die Gelehrten, Bürger, Amtleute, freygebohrene Bedienten, auch sogar Freygelassene, sobald sie ihre vorige Kleidung mit der deutschen verwechseln.“August Wilhelm Hupel: Topographische Nachrichten von Lief- und Ehstland. Band I, Riga 1774, S. 174.

Wortschatz mini|August Wilhelm Hupel (1737–1819) beschreibt den Wortschatz der Deutsch-Balten (1795) mini|Woldemar von Gutzeit (1816–1900) beschreibt den Wortschatz der Deutsch-Balten (zwischen 1859 und 1898). Die Buchstaben W bis Z blieben unvollendet.

Baltisches Deutsch ist in mehr oder weniger umfangreichen Wörterbüchern aus dem Abschnitt Literatur dokumentiert. Dabei gibt es Unterschiede in der Zeit, der Region und der sozialen Ebene. Entsprechend der wechselnden Herrschaft sind die häufigsten etymologischen Quellen das Niederdeutsche, Lettische, Estnische, Livische, Russische, Polnische und Schwedische.

Der lettische Etymologe Konstantins Karulis (2000) zeigt zahlreiche Beispiele von Einflüssen des Lettischen auf das Baltische Deutsch. Die Einflüsse sind von dreierlei Art: lexikalisch (Entlehnung, Wortbildung), syntaktisch und phonetisch.

Stegmann (1951) zeigt ein Potpourri typischer Wörter aus dem Küchenmilieu:

Gebrauch von Diminutiven Verkleinerungsformen bekannter Wörter sind im baltischen Deutsch ebenso beliebt wie z. B. im Lettischen: „Kleining, Pupping, Sohning, Tanting, Tochting“.

Kohl (1841) beschreibt, wie die Deutschen den Gebrauch der Diminutive aus der lettischen Sprache übernehmen:

Besonderheiten in der Grammatik Das baltische Deutsch zeigt ähnliche Abweichungen von der Standardsprache wie andere Mundarten. Einige Veränderungen folgen dem allgemeinen Trend einer Vereinfachung, die als Modernisierung der deutschen Sprache begriffen werden kann. Die folgenden Beispiele sind Auszüge aus Kobolt (1990).

Artikel Das Genus einzelner Substantive kann mehrdeutig sein, so dass folgende Beispiele entstehen: Das Chor, das Draht, der Benzin, der Stroh, der Kabel. Durch Wegfall der femininen Endung entstehen neue Maskulina: Der Bork[e], der Sülz[e], der Kress[e], der Papp[e].

Substantiv Bei der Pluralbildung können Endungen entfallen und Umlaute gebildet werden: Die Hemde[n], die Lichte[r], die Doktore[n], die Pastore[n], die Böte, die Bröte. Der Genitiv wird durch eine Dativkonstruktion ersetzt im Beispiel: „Dem Lehrer seine Mutter“ statt „Die Mutter des Lehrers“. Ein zweiteiliges Objekt erscheint als Pluralform wie: Hosen, Brillen, Zangen. (Diese Entwicklung hat Parallelen im Russischen, Estnischen und Lettischen).

Verb Starke Konjugation findet sich in Atavismen wie: schrauben – geschroben. Beim Imperativ kann der Vokal unverändert bleiben wie in: werf!, sprech! Buchstabenvertauschung beobachtet man bei der Beugung einiger Verben nach dem folgenden Beispiel: rechnen, ich rechen, du rechenst, er rechent, wir rechen, ihr rechent, ich rechente, gerechent,… Die Konjugationsformen können eingeschränkt sein. Dadurch kann das Futur 1 durch Präsens ausgedrückt und das Perfekt durch das Präteritum verdrängt werden.

Typische Aussprache Neben dem „Zungen-R“ charakterisieren zwei Besonderheiten die Aussprache der Deutschbalten: Der Diphthong „ei“ wird als „äi“ gesprochen und das „g“ klingt wie „ch“Die Grapheme „g“ und „ch“ repräsentieren jeweils mehrere Phoneme. Je nach der Stellung zum Vokal innerhalb einer Silbe gelten unterschiedliche Ausspracheregeln. Details bietet das Kapitel Lautbestand und Aussprache in Kobolt (1990).. Siegfried von Vegesack gibt indirekt zu erkennen, wie die Deutsch-Balten mit dem „g“ umgehen, wenn er es im Reim mit „ch“ paart wie in den folgenden Auszügen: Und ich hör die alte Standuhr schlagenund ihr Räuspern nach dem Stundenschlagso als wollte sie uns sagen:„Jetzt paßt auf, – und zählt auch richtig nach!“ Und die braune Jauche steigtwer eine Nase hat, entfleucht. wie in einem Buch,Zug um Zug,Franz Baumer: Siegfried von Vegesack. Heimat im Grenzenlosen. Eine Lebensbeschreibung. Eugen Salzer Verlag, Heilbronn 1974, ISBN 3-7936-0191-9, S. 24, 94, 131. Auch der Dichter Werner Bergengruen bekundete (mündlich), eine seiner Tanten habe ihren Nachnamen um 1900 immer noch betont „Berjengrien“ ausgesprochen.Bosse (1987), S. 61. Etwas übertrieben mundartlich klingen die folgenden Neckverse von livländischen Studenten über ihre Kommilitonen aus Riga (hier werden die Umlaute karikiert):Alt-Riga ist’s wonach wir heißen.Ha! welche Stadt hält dieser stand!Wie kennen wir in Teenen preisenden scheenen Ort am Dinastrand!Die Große Gilde und die Beerse,Wie greifen tief sie ins Gemiet!Drum singen froh wir diese Verse;Froh sind wir nur, wenn Riga blieht!Bosse (1987).