Die Straßenbahn Schöneiche bei Berlin ist eine Überlandstraßenbahn in und östlich von Berlin. Ihre einzige Strecke ist 14,1 Kilometer lang und hat im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) die Liniennummer 88 erhalten. Sie führt vom S-Bahnhof Berlin-Friedrichshagen über Schöneiche bei Berlin nach Rüdersdorf bei Berlin. Betreiber ist seit dem 1. Januar 1991 die Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn GmbH, abgekürzt SRS, die dem VBB angehört. Seit Januar 2020 betreibt diese auch die benachbarte Straßenbahn Woltersdorf. Die Schöneicher Straßenbahn ist die einzige verbliebene meterspurige Straßenbahn im Berliner Raum.
Geschichte 1910 bis 1945 mini|links|Benzollokomotive 1 „Benzoline“ (Deutz 1910)80 Jahre Straßenbahn Schöneiche (1990 herausgegeben von der Straßenbahn Schöneiche), S. 1–2 mit Beiwagen, 1911
Im Frühjahr 1910 wurde mit den Bauarbeiten zur Schöneicher Straßenbahn begonnen. Die Strecke von Friedrichshagen nach Schöneiche war eingleisig, 5,6 Kilometer lang und wurde in Meterspur (Spurweite 1000 Millimeter) ausgeführt.Die Straßenbahn Schöneiche, in: Stadtverkehr 2/1991, S. 22 ff. Zur Inbetriebnahme am 28. August 1910 standen eine Benzollokomotive und ein zweiachsiger Beiwagen zur Verfügung, mit denen die Strecke im Stundentakt bedient wurde. Für die Verdichtung auf einen 30-Minuten-Takt wurden noch im ersten Jahr eine weitere Benzollokomotive und vier gebrauchte, von der Großen Leipziger Straßenbahn erworbene zweiachsige ehemalige Pferdebahnwagen beschafft.
Am 5. November 1912 wurde die Strecke um 7,7 Kilometer bis nach Kalkberge (ab 1934 Ortsteil von Rüdersdorf) verlängert. Die zunächst selbstständige Straßenbahn Kalkberge schaffte drei weitere Lokomotiven an, zwischen Friedrichshagen und Schöneiche wurde ein Gemeinschaftsbetrieb durchgeführt. Da die kleinen Benzolloks Schwierigkeiten mit den Steigungen in Kalkberge hatten, wurde die Gesamtstrecke elektrifiziert und am 30. Mai 1914 der elektrische Betrieb aufgenommen. Fünf vierachsige Triebwagen (Lindner/AEG) mit je zwei Elektromotoren à 40,4 kW Stundenleistung, mit jeweils 30 Sitz- und 17 Stehplätzen, standen zunächst zur Verfügung, dazu zwei vier- und zwei zweiachsige Beiwagen. Die Bahn erhielt von Anfang an, als eine der ersten, eine Kettenfahrleitung (auf 86 % der Strecke), die Fahrleitungsmasten konnten in Abständen von 90 Metern aufgestellt werden.
Der Erste Weltkrieg unterbrach die weitere Entwicklung der Bahn, nach dem Krieg musste die Straßenbahnverband Schöneiche–Kalkberge GmbH sogar einen Kredit aufnehmen. Sie erhielt ihn von der Berliner Knorr-Bremse AG mit der Auflage, die Fahrzeuge mit Knorr-Druckluftbremsanlagen auszustatten. Daher war die Schöneicher Bahn eine der ersten Straßenbahnen Deutschlands, deren Wagen Druckluftbremsen aufwiesen. Vor diesem historischen Hintergrund testete sie noch bis in die 1980er Jahre Kompressoren für das Berliner Bremsenwerk.
Die wachsenden Einwohnerzahlen und der zunehmende Ausflugsverkehr bewogen das Unternehmen, zwischen 1926 und 1928 den Streckenabschnitt von Friedrichshagen bis Schöneiche zweigleisig auszubauen. Bald darauf folgte der Abschnitt zwischen den Haltestellen Schillerstraße und Grätzwalde, Berghof-Weiche wurde zur Kreuzungsstelle. Damit war die Voraussetzung für einen 20-Minuten-Takt geschaffen, um passende Anschlüsse an die Berliner Straßen- und S-Bahn herzustellen. Das Projekt einer neuen Straßenbahnstrecke von Erkner über Woltersdorf und Rüdersdorf nach Strausberg machte der Zweite Weltkrieg zunichte.
1945 bis 1990 Der Krieg hinterließ zerstörte Fahrzeuge, Oberbau- und Fahrleitungsschäden sowie verbrannte Betriebsunterlagen. Ab dem 19. August 1945 fuhren stündlich wieder Züge zwischen Friedrichshagen und Schöneiche. Am 30. August wurden die Haltestelle Grätzwalde und am 4. Oktober das Depot Rüdersdorf wieder angefahren, am 23. Dezember die Endstelle erreicht und ein zunächst halbstündlicher Verkehr eingeführt. Bald darauf gab es wieder den gewohnten 20-Minuten-Takt. Die veränderten politischen Verhältnisse führten zur Auflösung der GmbH. Bereits 1945 wurde sie in einen Volkseigenen Betrieb umgewandelt und trug ab 1950 die Bezeichnung VEB Verkehrsbetrieb Schöneiche–Rüdersdorf.
Anfang der 1950er Jahre wurden die Gleise in der Friedrichshagener Straße aus dem Straßenraum herausgenommen und auf einen eigenen Bahnkörper verlegt. Die bisherige Haltestelle Knie wurde durch den Halt an der Waldstraße ersetzt. 1959 begannen die Arbeiten im Hinblick auf einen Ersatz der Kuppelendstelle Friedrichshagen, ein Jahr später wurde die Endschleife gebaut. In dieser Zeit wurden die ersten Betonschwellen eingebaut und es entstanden Bahnsteigkanten und moderne Wartehäuschen. Die Wagen erhielten selbsttätige Scharfenbergkupplungen. In den 1960er Jahren wurden in Eigenregie fünf vierachsige Trieb- und drei Beiwagen unter Verwendung von Altteilen neu gebaut, so der Triebwagen 52 (Baujahr 1914; bis 1966 Tw 2, Neubau 1960, 1975 Umbau zum Einrichtungswagen). Diese Maßnahme war mitbestimmend für den Erhalt der Bahn entgegen dem damaligen Trend. 1956 wurden teilweise und 1966 umfassend neue Wagennummern vergeben.
Im Januar 1970 wurde der bis dahin eigenständige Betrieb dem VEB Kraftverkehr Fürstenwalde und somit in der Folge dem Kraftverkehrskombinat Frankfurt (Oder) unterstellt. Der Eigenbau von Straßenbahnfahrzeugen musste eingestellt werden, Tatra-Neufahrzeuge waren jedoch nur für die Frankfurter Straßenbahn vorgesehen. Zwar konnte der Betrieb vom Reichsbahnausbesserungswerk Berlin-Schöneweide Rekowagen beziehen, die zweiachsigen Fahrzeuge mit einem Achsstand von 3200 Millimetern, nicht radial einstellbaren Radsätzen und nur einstufiger Federung wiesen aber ungünstige Laufeigenschaften auf. Sie verursachten erhebliche Gleisschäden, die einen erhöhten Instandhaltungsaufwand zur Folge hatten. Zudem handelte es sich bei Trieb- (TZ 70/1) und Beiwagen (BZ 70/1) um Zweirichtungsfahrzeuge, was angesichts der vorhandenen Wendeschleifen nicht mehr nötig gewesen wäre. In späteren Jahren kamen gebrauchte Gotha- bzw. ČKD-Einrichtungswagen aus Halle und Görlitz sowie TE 70/1 aus Frankfurt (Oder) hinzu.
Da der Ortsteil Kalkberge in den 1970er Jahren einer geplanten Erweiterung des Kalktagebaus im Wege war, wurde das östliche Streckenende verlegt und die Strecke verlängert. Am 15. Oktober 1977 wurde der Betrieb zwischen Post und Karl-Marx-Platz eingestellt, am 5. November desselben Jahres konnte der neue Endabschnitt nach Alt-Rüdersdorf eröffnet werden. Die Gesamtlänge der Strecke betrug nun 14,5 Kilometer. Der VEB Kraftverkehr hatte sich zunächst dagegen ausgesprochen, die neue Straßenbrücke über den Kalkgraben für die Straßenbahn nutzbar zu machen. Letztlich gab die Finanzierung durch das Zementwerk Rüdersdorf den Ausschlag für den realisierten Bau. Die Bahn überquert den Wasserlauf auf einem eigenen Brückenüberbau neben dem Straßenraum.
Beim Bau der Endschleife Alt-Rüdersdorf wurde Gelände für ein neues Depot und den Weiterbau nach Woltersdorf und Herzfelde freigehalten. Gleichzeitig wurde ein einen Kilometer langer zweigleisiger Abschnitt zwischen den Stationen Grätzwalde und Jägerstraße eingerichtet, sodass trotz verlängerter Gesamtstrecke ein 20-Minuten-Takt mit nur fünf Zügen durchgeführt werden konnte.
Von 1979 bis 1983 wurde gemeinsam mit Leipziger Straßenbahnern, großen Widerständen seitens des Kombinats zum Trotz, eine moderne Sicherungsanlage für die eingleisigen Streckenabschnitte entwickelt und realisiert. Personalmangel – unter anderem wurden Straßenbahnfahrer zur BVB nach Berlin abgezogen – führte 1988 zu einer zeitweisen Ausdünnung des Angebots mit einem 40-Minuten-Takt. Erst ab Februar 1990 konnte die Bahn wieder durchgängig im 20-Minuten-Rhythmus verkehren.
Seit 1990 Seit den 1990er Jahren werden der Oberbau, die Fahrleitung, der Wagenbestand und der Betriebshof modernisiert. Von 1999 bis 2011 wurden insgesamt vierzehn sechsachsige Gelenktriebwagen von der Straßenbahn Heidelberg übernommen. Insgesamt zehn dieser Wagen wurden nach und nach für den Einsatz in Schöneiche umgebaut, es waren allerdings nie alle gleichzeitig im Einsatzbestand. Zwei Fahrzeuge hiervon sind nach schweren Unfällen ausgemustert worden, andere schieden nach Ablauf der Untersuchungsfristen aus.
Die Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn GmbH gehört seit 2001 zu 70 Prozent der Niederbarnimer Eisenbahn AG, einer Beteiligungsgesellschaft der Captrain Deutschland. Jeweils 15 Prozent gehören den beiden Gemeinden Schöneiche und Rüdersdorf. Der bestehende Verkehrsvertrag gilt bis Ende 2024.
2008 nutzte der Hersteller Stadler Rail die Strecke der SRS wiederholt zu Probefahrten für neue Variobahn-Triebwagen, bevor diese an die BOGESTRA ausgeliefert wurden, da sich in Schöneiche die einzige Meterspur-Straßenbahn im Umkreis des Berliner Werks befindet und dieses über keine entsprechende eigene Teststrecke verfügt. Im Jahr 2010 wurde die Übernahme von drei KTNF6 aus Cottbus bekanntgegeben, wodurch erstmals auf der Strecke Fahrzeuge mit Niederfluranteil eingesetzt wurden. Mit der Übernahme des ersten der beiden Transtech-Artic-Prototypen aus Helsinki wurde ab Herbst 2018 der Anteil der Niederflurfahrzeuge weiter erhöht. Der ehemalige Helsinkier Triebwagen 402 wurde in Schöneiche unter der Nummer 52 in den Fuhrpark eingereiht. Ein weiteres, diesmal fabrikneues Fahrzeug des Typs Transtech Artic wurde 2020 geliefert und erhielt die Betriebsnummer 53. Weiterhin erfolgte bereits im Jahr 2014 die Übernahme des ehemaligen Cottbuser KTNF6 Nr. 172, welcher von dort 2009 nach Szeged verkauft wurde. Ein Umbau auf Regelspur scheiterte in Szeged. Das Fahrzeug wurde Fahrwerk- und Wagenkastenseitig bei der Heiterblick GmbH in Leipzig komplett untersucht, die Endmontage erfolgt direkt in der Werkstatt der SRS. Nach Ankunft und Inbetriebnahme des Helsinkier TW 401 wird der Fuhrpark in Schöneiche aus vier Wagen mit Niederflurmittelteil, drei durchgängig niederflurigen Fahrzeugen und einigen GT6ZR bestehen.
Die Wagen der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn GmbH befahren die Strecke heutzutage werktags im 20-Minuten-Takt und ab 21 Uhr im 30-Minuten-Takt. Am Wochenende wird im 30-Minuten-Takt und abends im 60-Minuten-Takt gefahren.
Strecke
Ausgangspunkt der Bahn ist die Haltestelle Friedrichshagen auf Berliner Gebiet, in unmittelbarer Nachbarschaft des S-Bahnhofs Berlin-Friedrichshagen und zweier Berliner Straßenbahnlinien. Sie ist Teil der – gegen den Uhrzeigersinn befahrenen – Endschleife, die 1960 die Kuppelendstelle ersetzte. Von dort verläuft die Strecke zweigleisig parallel zum schnurgeraden, weitgehend im Wald verlaufenden Straßenzug Schöneicher Straße / Schöneicher Landstraße. Kurz vor der Landesgrenze vollzieht sie, sich von der Landstraße nach Süden abwendend, eine langgezogene S-Kurve und erreicht den bereits im Bundesland Brandenburg befindlichen Ort Schöneiche. Die Strecke verläuft zunächst in Straßenlage durch die Kirschenstraße und Puschkinstraße. Am Pyramidenplatz wird die Strecke eingleisig und verläuft auf eigenem Gleiskörper, vorbei am Betriebshof, weiter durch die Dorfstraße.
Nach einer 90-Grad-Kurve wird das Fredersdorfer Mühlenfließ überquert, dann folgt die Strecke der Schöneicher Straße in Seitenlage auf eigenem Bahnkörper. An der Haltestelle Schillerstraße beginnt erneut ein zweigleisiger Abschnitt, der aktuell bis zur Station Kalkberger Straße reicht. Die nächste „Doppelspurinsel“ liegt zwischen den Haltestellen Berghof Weiche und Berghof. Nach der Unterquerung der Bundesautobahn 10 (Berliner Ring) wird am Ortsrand von Rüdersdorf die erste nennenswerte Steigung erreicht.
Hinter der Haltestelle Torellplatz, die als Ausweichstelle ausgeführt ist, wechselt die Bahn die Straßenseite und führt in Seitenlage entlang der Straße der Jugend eingleisig über das Strausberger Mühlenfließ und weiter entlang bergauf. Unmittelbar neben der Haltestelle Marktplatz, die ebenfalls über zwei Gleise verfügt, befindet sich das nicht mehr genutzte Gebäude des Depots Rüdersdorf.