mini|hochkant=1.3|Jede Begegnung fremder Kulturen erfordert Respekt von beiden Seiten und führt bewusst oder unbewusst zu einem Kulturvergleich. Das gilt für Urlauber, Geschäftsreisende, Abenteurer und Wissenschaftler gleichermaßen. (Tourist bei den Maasai)

Kulturvergleichende Sozialforschung oder kurz Kulturvergleich ist eine Sammelbezeichnung für Studien der Sozial- oder Gesellschaftswissenschaften, die Aspekte menschlicher Verhaltensweisen, Darstellungsformen oder Wertvorstellungen aus verschiedenen Gesellschaften miteinander vergleichen. Eine wichtige Rolle spielen Kulturvergleiche vor allem in der Ethnologie (Völkerkunde), Soziologie, Psychologie, Wirtschaftswissenschaft und der Politikwissenschaft. Im weitesten Sinne sind (interdisziplinäre) kulturvergleichende Betrachtungen in nahezu allen Forschungsbereichen zu finden.

Geschichte mini|Hippie-Szene: Eigene Kultur oder Subkultur?

Es gehört zur menschlichen Natur, beim Kontakt mit Fremden unwillkürlich Vergleiche anzustellen, um den Menschen oder die Gruppe zu beurteilen, salopp gesagt: in eine „Schublade zu stecken“ (siehe Personale Kategorisierung). Auf der Ebene früherer Gesellschaften kann man dieses Abschätzen und Einordnen fremder Kulturen als lebensnotwendige Praxis ansehen, denn man musste entscheiden, ob es sich um Freund oder Feind handelte. Solcherart Kategorisierungen polarisieren, sind äußerst subjektiv und liefern demnach fehlerhafte und verzerrte Bilder von „den Anderen“. Dennoch war gerade diese Auseinandersetzung mit fremdem Denken und Handeln die eigentliche Triebkraft für jeglichen Kulturwandel.

Vordenker für eine objektivere Betrachtung gab es bereits in der Antike. Der wissenschaftlich fundierte Kulturvergleich beginnt mit dem 19. Jahrhundert, als man begann, Feldstudien bei den kolonisierten Völkern durchzuführen. In diesem Zusammenhang war Alexander von Humboldt einer der weniger Forscher dieser Zeit, der die fremden Kulturen nicht als Wilde betrachtete. In den 1940er und 50er Jahren war die kulturvergleichende Forschung besonders populär – sicherlich nicht zuletzt im Rahmen der Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges. Bis in die 1970er Jahre war das Interesse daran eher gering, bevor es seit den 1980er Jahren vor dem Hintergrund der großen globalpolitischen Veränderungen wieder stetig zunimmt. Dennoch sind in Deutschland bislang nur sehr wenige kulturvergleichende Studien veröffentlicht worden.

Ein eingängiges Beispiel für den Kulturvergleich seit dem Jahr 2000 sind die bekannten PISA-Studien zum Leistungsstand von Schülern, die sowohl einen bildungspolitischen als auch einen sozialwissenschaftlichen Hintergrund haben.Thamara Nove: Psychische Gesundheit von Schülern im Kulturvergleich. Dissertation Universität Trier, 2011, S. 14 (ubt.opus.hbz-nrw.de PDF).

Der Kulturbegriff mini|Das romantisierende Bild des „edlen Wilden“ zeigt die Auswirkungen kulturvergleichender Forschungen auf die Bevölkerung der frühen Neuzeit: Sie bedienten die Sehnsucht der Menschen nach einem freien Leben in unzerstörter Natur

Eine grundlegende Schwierigkeit für das Verständnis der Ergebnisse von kulturvergleichenden Sozialforschungen sind die weit gefassten Bedeutungsinhalte der Bezeichnung Kultur, für die selbst innerhalb der Humanwissenschaften sehr unterschiedliche Definitionen existieren. Die meisten Bestimmungen gründen entweder auf einem totalistischen Ansatz und beziehen sich allumfassend auf die gesamte Lebensweise eines Volkes, oder sie gründen auf einem mentalistischen Ansatz und betreffen nur die Gedankenwelt, Ideen und Wertvorstellungen eines Volkes.

Kritik Bei den meisten Kritiken geht es um die zentralen Fragen: Sind Kulturen gleichwertig, oder befinden sie sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen? Sind einige Kulturen weiter entwickelt als andere? Müssen einige Kulturen sich erst dahingehend entwickeln, wo andere schon sind?

Obwohl sich die meisten Wissenschaftler bemühen, keine Bewertungen vorzunehmen, ist eine gewisse psychologische Voreingenommenheit gegenüber fremden Kulturen (Ethnozentrismus) alleine schon durch die in den westlichen Wissenschaften geprägten Begrifflichkeiten kaum vermeidbar (siehe auch Eurozentrismus, Evolutionismus).

So kritisieren vor allem Ethnologen eine zu leichtfertige globale Verallgemeinerung der Ergebnisse von Einzelstudien, die beispielsweise mit Managern oder Studenten aus verschiedenen Ländern durchgeführt wurden. Dabei entstünde der Eindruck, es handele sich um Verhaltensweisen, die für alle Menschen gelten würden, obwohl sie tatsächlich nur etwas über nationale Kulturen aussagen, nicht jedoch über beispielsweise indigene Kulturen.Alois Moosmüller: Die Schwierigkeit mit dem Kulturbegriff in der Interkulturellen Kommunikation. In: Rainer Alsheimer (Hrsg.): Lokale Kulturen in einer globalisierenden Welt. Perspektiven auf interkulturelle Spannungsfelder. Waxmann, Münster 2000, ISBN 3-89325-926-0, S. 15–32, hier S. ??..

Abgrenzungsproblematik Für jede kulturvergleichende Studie muss zuerst festgelegt werden, welche soziale Gruppen untersucht und verglichen werden sollen. Bei ethnologischen Arbeiten, die beispielsweise räumlich weit voneinander getrennt lebende indigene Völker untersuchen, ist die Abgrenzung recht einfach. Schwieriger wird es, Subkulturen eindeutig abzugrenzen (siehe Subkultur: Abgrenzungsprobleme). Größere Probleme bereitet es, wenn die Studie beispielsweise die Unterschiede in der Wertekultur aller sozialer Schichten mehrerer Länder vergleichen soll. Lassen sich diese Schichten klar umreißen und miteinander vergleichen? Können die kulturellen Einflüsse von Migranten herausgefiltert werden? Gibt es in einem Land eine besonders intensive Ausrichtung auf die Religion, wodurch die Ergebnisse verfälscht werden könnten? Viele dahingehende Fragen muss sich ein kulturvergleichender Wissenschaftler vor Beginn seiner Arbeit stellen, und viele werden ihm Kritiker nach seiner Veröffentlichung stellen.

Einige Soziologen – wie beispielsweise der Norweger Stein Rokkan oder der Amerikaner Melvin Kohn – halten die Ergebnisse von Studien, die nur durch Vergleiche verschiedener Gesellschaften der westlichen Kultur gewonnen wurden, für ungeeignet, um daraus allgemeingültige Schlussfolgerungen abzuleiten. Sie treten dafür ein, immer die auch „nicht westlich geprägten, traditionellen Kulturen“ einzubeziehen, um aussagekräftige Theorien zu erarbeiten.

Letztendlich beruht jeder Kulturvergleich zwangsläufig auf der Sichtweise desjenigen kulturellen Zusammenhangs, dem der Wissenschaftler selber angehört.

Methodik Datensammlung mini|Die Ethnologin Frances Densmore macht Tonaufnahmen mit dem Blackfoot-Häuptling Mountain Chief (1916)

Die ursprüngliche Methode war das Aufzeichnen beobachteter Verhaltensweisen bei fremden Völkern. Zur Zeit des Sozialdarwinismus gab es zudem großangelegte anatomische Vermessungsaktionen (z. B. die Kraniometrie). Man ging davon aus, dass auch die Kultur den Menschen in den Genen liegt und versuchte daher, dies anhand typischer Körpermaße der verschiedenen Menschenrassen zu belegen. Es ist nicht verwunderlich, dass die meisten kulturvergleichenden Studien des 19. Jahrhunderts aus der Perspektive einer angeblich überlegenen europäischen Kultur verfasst wurden.

Moderne Ethnologen müssen jegliche Bewertung fremder Verhaltensweisen vermeiden, wenn ihre Datensammlungen für vergleichende Untersuchungen herangezogen werden sollen – soweit das vor dem eigenen „kulturellen Erbe“ der Forscher möglich ist. Darüber hinaus können Angehörige traditioneller Kulturen, die erst wenige Kontakte zur westlichen Welt hatten, durch den Besuch von Wissenschaftlern beeinflusst werden, so dass einerseits die Ergebnisse verfälscht werden und andererseits ein ungewollter Kulturwandel eintreten kann. Es erfordert daher ein hohes Maß an Respekt vor der fremden Lebensweise und die Bereitschaft, sich anzupassen.

Kulturvergleichende Forschungen innerhalb des westlichen Kulturraumes basieren zumeist auf Befragungen.

Das HRAF-Projekt 1949 gründete der US-amerikanische Anthropologe George P. Murdock (1897–1985) an der Yale University eine groß angelegte Datenbank für holistische Kulturvergleiche, die heute auf den Namen „Human Relations Area Files“ (HRAF bzw. eHRAF für die Online-Version) läuft. HRAF möchte einen vollständigen Überblick über die Vielfalt aller Kulturen liefern, die Daten für die Forschung vergleichbar und statistisch auswertbar machen. Dazu wurde die Welt in 60 Kulturareale (macro-culture areas) eingeteilt und 88 übergeordnete Kulturkategorien geschaffen, die wiederum vielfach untergliedert sind. Die Ausgangsdaten von den rund 400 erfassten Völkern stammen von einer großen Zahl verschiedener Ethnologen. HRAF hat heute 300 Mitglieder-Organisationen aus den USA und 20 anderen Ländern. Das HRAF stellt eine wichtige Grundlage für kulturvergleichender Arbeiten dar und mit Hilfe der Datenbank entstand bereits eine Vielzahl von Veröffentlichungen über die unterschiedlichsten Aspekte.Geschichte des HRAF-Projektes: History and Development of the HRAF Collections. In: Human Relations Area Files – Cultural information for education and research. New Haven CT, USA, ohne Datum, abgerufen am 3. November 2018 (englisch).Dieter Haller: Dtv-Atlas Ethnologie. 2. Auflage. dtv, München 2010, S. 149.

Kulturstandards mini|Gemeinsames Tai Chi in der Öffentlichkeit: Auch wenn dies ein bekanntes Bild aus China ist, handelt es sich dabei um ein „typisch chinesisches Verhalten“ – einen sogenannten Kulturstandard? Der Psychologe Alexander Thomas hat den Begriff der „Kulturstandards“ eingeführt, der für vergleichende Verhaltensstudien und zum Erwerb einer interkulturellen Handlungskompetenz verwendet wird. Thomas versteht Kultur als Orientierungsrahmen einer Gesellschaft, der das Fühlen, Denken und Handeln seiner Angehörigen bestimmt. Demnach erfordert es kompetentes Einfühlungsvermögen und das Wissen um die jeweiligen Standards, um vorurteilsfrei und verständlich mit Menschen anderer Kulturen kommunizieren zu können. Die Kulturstandards sollen die Mentalität einer Bevölkerung in Worte fassen.

„Unter Kulturstandards werden alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handelns verstanden, die von der Mehrzahl der Mitglieder einer bestimmten Kultur für sich persönlich und andere als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden. Eigenes und fremdes Verhalten wird auf der Grundlage dieser Kulturstandards beurteilt.“Alexander Thomas (Hrsg.): Psychologie interkulturellen Handelns. Hogrefe, Göttingen 1996. ISBN 3-8017-0668-0

In erster Linie ist es ein Versuch, die typischen Verhaltensmuster der Mehrheit der Angehörigen eines Kulturraumes oder einer National­kultur in bestimmten Situationen zu beschreiben. Um dabei zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen, werden die Eigen-Aussagen der untersuchten Gruppe mit den Aussagen von Angehörigen eines anderen Kulturraumes über die untersuchte Gruppe verglichen: Wie gut stimmen Selbstbild und Fremdbild überein? Führt man diese Untersuchung wechselseitig durch, entsteht ein relativer Vergleich der Standards zweier Kulturen bzw. Kulturareale. Relativ deshalb, weil daraus nicht hervorgeht, ob die erfassten Kulturstandards in allen menschlichen Kulturen existieren, sprich: auf universale menschliche Verhaltensdimensionen zurückzuführen sind. Eine Qualifizierung und Klassifizierung ist bei dieser Betrachtung demnach noch nicht möglich; die Untersuchung endet bei der „Begriffsbildung“.