Der Begriff der Erdsphäre wird seit dem neunzehnten Jahrhundert regelmäßig in naturwissenschaftlichen Publikationen benutzt. Ab den 1970ern wird er verstärkt verwendet und verdrängt dabei zunehmend einen bestimmten Geosphäre-Begriff, der inhaltlich mit ihm gleichbedeutend ist. Seit seiner Prägung erfuhr der Erdsphäre-Begriff einen einzigen Bedeutungswandel. Der Wandel fand in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts statt. Seitdem ist der Begriff inhaltlich stabil und eindeutig geblieben.
Anfänge Im naturwissenschaftlichen Schrifttum wurde Erdsphäre erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts vermehrt gebraucht. Noch ältere Verwendungen sind sehr selten.P. Shaw: The Philosophical Works of the Honourable Robert Boyle. London 1738, S. 11. Im 19. Jahrhundert war Erdsphäre aber noch gleichbedeutend mit Begriffen wie Erdkugel oder Planet Erde:
Bedeutungswandel mini|280px|links|Ursprünglich bezeichnete Erdsphäre den ganzen Planeten Erde in seiner kugelähnlichen Gestalt. Wie hier zu sehen auf einem Foto der Mondmission Apollo 8.Allerdings war zur Mitte des 19. Jahrhunderts längst ein bestimmter weiterer Sphäre-Begriff bekannt, nämlich der Begriff der Atmosphäre.J. Wilkins: A Discovery of a New World. London 1638, S. 103.J. C. Wagner: Atmosphaera Sublunaris. Augsburg 1682 Außerdem entwickelte sich spätestens in den 1860er und 1870er Jahren der Begriff der Pyrosphäre zu einem geowissenschaftlichen Fachwort.Arthur Mangin: Les mystères de l'océan. Paris 1864, S. 21.Charles Contejean: Eléments De Géologie Et De Paléontologie. Paris, 1874. Zitiert nach F. W. Rudler: CONTEJEAN, CH. In: The Geological Record for 1874. London 1875, S. 353. Weiterhin stellte 1864 der britische Arzt und Universalgelehrte Hugh Doherty sein System der sphärischen Reiche (spheric realms) vor.H. Doherty: Organic Philosophy or Man's True Place in Nature · Volume I – Epicosmology. London 1864. Dohertys Veröffentlichung erwies sich 1871 als die direkte Vorarbeit für die Prägung des Begriffs Geosphäre.S. P. Andrews: The Primary Synopsis of Universology and Alwato. New York 1871, S. 105. Nur vier Jahre später wurden weitere Sphäre-Begriffe vorgestellt – Barysphäre, Lithosphäre, Hydrosphäre und Biosphäre.E. Suess: Die Entstehung der Alpen. Wien 1875, S. 158–159. Ihnen folgten 1899 die Tektosphäre,J. Murray: Address to the Geographical Section of the British Association, 1899. In: Scottish Geographical Magazine. 15, 1899, S. 505–522 oder in J. Murray: Oceanography. In: The Geographical Journal. 14, 1899, S. 426–441. 1901 die ZentrosphäreC. R. Dryer: Lessons in physical geography. New York 1901, S. 27. und schließlich 1905 die PedosphäreA. A. Ярилов: Педология, как самостоятельная естественнонаучная дисциплина о земле. Юрьев 1905. als zehnter Sphäre-Begriff.
Jeder der eben erwähnten Sphäre-Begriffe beschrieb einen bestimmten, hüllartigen Teilaspekt des Planeten Erde. Infolge dieser semantischen Entwicklung konnte der Planet als Ganzes fortan nicht mehr als eine einzige Erdsphäre angesprochen werden. Denn in der Vorstellung war der Himmelskörper nun aus mehreren Erd-Sphären aufgebaut. Darum verlor Erdsphäre seine Bedeutung als Erdkugel-Synonym. Das Wort wandelte sich zu einem Oberbegriff, unter dem Atmosphäre, Geosphäre, Lithosphäre und viele weitere Sphäre-Begriffe gruppiert wurden.
Der Wechsel zwischen beiden Erdsphäre-Begriffen – fort vom Erdkugel-Synonym, hin zum Erdsphären-Oberbegriff – erfolgte fließend zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Auf der einen Seite kam noch für einige Jahrzehnte der ältere Erdsphäre-Begriff zum Einsatz. Ein spätes Beispiel findet sich in dem Lehrbuch des österreichischen Geologen Franz Toula (1845–1920).F. Toula: Lehrbuch der Geologie: Ein Leitfaden für Studierende. Wien 1900 bzw. 1906 bzw. 1918. Auf der anderen Seite hatte bereits die Ära des neuen Erdsphäre-Begriffs begonnen, geprägt vom deutschen Geographen Alfred Hettner:
Entwicklungen im englischen und russischen Sprachraum Im englischen Sprachraum fand der neue Erdsphäre-Begriff zunächst wenig Beachtung. Das lag an einem anderen Begriff, der ungefähr zur gleichen Zeit geprägt worden und inhaltlich deckungsgleich mit dem neuen Erdsphäre-Begriff war: Der schottische Meeresforscher John Murray (1841–1914) prägte 1908 mit dem Ausdruck geospheres (im Plural !) seinen eigenen Geosphäre-Begriff.J. Murray: The Deep Sea. In: Scottish Geographical Magazine. 26, 1910, S. 617–624. Dieser bestimmte Geosphäre-Begriff wurde aufgegriffen vom russischen Geowissenschaftler Wladimir Iwanowitsch Wernadski (1863–1945).V. I. Vernadsky: Geochemie in ausgewählten Kapiteln. Leipzig 1930, S. 51.V. Vernadsky: The Biosphere. New York 1998, S. 91. Auf diese Weise gelangten Murrays Geosphären in den Sprachgebrauch der russischen Geowissenschaftler. Unter ihnen sollte der Begriff viele Jahrzehnte hindurch gepflegt werden.E. Winkler: Zu zwei neueren geographischen «Grundbegriffen». In: Geographica Helvetica. 15, 1960, S. 48 Link Russischsprachige Wissenschaftler prägten seither zahlreiche Bezeichnungen für diverse, einzeln anzusprechende Geosphären.Л. В. Пустовалов: Петрография осадочных пород. Москва́ 1940, S. 41.G. A. Maximovich: Porosity of Geospheres. In: Comptes rendus de l'Académie des sciences de l'URSS. 37, 1942, S. 216–217.C. B. Калесник: Общая гляциология. Ленинград, 1939.E. M. Лавренко: Значение биогеохимических работ акад. Вернадского для познания растительного покрова Земли. In: Природа. 5, 1945, S. 40–44.A. F. Kapustinskii: Geospheres and chemical Properties of Atoms. In: Geochemistry International. 1956, S. 44.V. N. Sukachev: General principles and procedure in the study of forest types. 1958, S. 7.И. М. Забелин: Теория физической географии. Москва́ 1959.В. В. Ковальский: Возникновение и эволюция биосферы. In: Успехи современной биологии. 55, 1963, S. 45–67.А. Г. Исаченко: Основы ландшафтоведения и и физико-географическое районирование. Москва́ 1965.V. V. Beloussov: Some Problems of Development of the Earth’s Crust and Upper Mantle of Oceans. In: L. Knopoff, C. L. Drake, P. J. Hart (Hrsg.): The Crust and Upper Mantle of the Pacific Area. Richmond 1968, S. 449.V. M. Zhmakin: Evolution of Gases in the Protoplanetary Cloud and the Interior Planets Subsurface. UDC identifier 523,4: 550.43:552.112/.3, 2010, S. 2.
Von geospheres zu earth’s spheres Die semantische Vorherrschaft von Murrays geospheres war jedoch auch innerhalb der englischsprachigen Geowissenschaften nicht ausschließlich. So wurde während der 1920er in wenigen Fällen von earth spheres geschrieben.C. R. Dryer: Genetic Geography: The Development of the Geographic Sense and Concept. In: Annals of the Association of American Geographers. 10, 1920, S. 9.D. C. Ridgley: Geographic principles. Boston 1925, S. 46. Auch in späteren Jahrzehnten finden sich vereinzelte Belege dieses Ausdrucks.F. E. Lumley: Principles of sociology. New York 1935.N. A. Bengtson, v Royen W: Fundamentals of economic geography. New York 1950, S. 26.
In den 1960ern und 1970ern wurden russische naturwissenschaftliche Publikationen verstärkt auf Englisch verlegt. In diesen Publikationen fand sich gelegentlich der Begriff der earth’s spheres.A. P. Vinogradov, A. A. Yaroshevsky: Physical Conditions of Zone Melting in the Earth’s Spheres. In: Geochemistry 7, 1965, S. 779–790.The Interaction of sciences in the study of the earth. Moskau 1968, S. 158.V. V. Kesarev: Motive forces in the development of the Earth and planets. Springfield 1969, S. 81, 99. Dieser Begriff erinnerte zwar an den Erdsphäre-Begriff von Alfred Hettner. Trotzdem war earth’s spheres keine verspätete Übernahme aus der deutschsprachigen Geographie. Stattdessen war der Ausdruck eine naheliegende Übersetzungsmöglichkeit für geospheres. wie sie durch Wernadski ins Russische eingeführt worden waren:M. Goncharuk (Hrsg.): Soviet studies in the history of science. Moskau 1977, S. 230. Earth’s spheres war eine Übersetzung von Wernadskis Geosphäre-Begriff. Nun hatte ja Wernadski den Begriff einst vom englischsprachigen Meeresforscher John Murray übernommen. Demzufolge stellten die jetzt auftauchenden Earth’s spheres. letztlich Rückübersetzungen von Murrays geospheres. wieder ins Englische dar. Dabei waren Murrays geospheres. nach wie vor synonym zu Hettners Erdsphären. Deshalb besaßen die seit den 1960ern publizierten earth’s spheres. den gleichen Bedeutungsinhalt wie die bereits im Jahr 1903 geprägten Erdsphären.
Eigene angloamerikanische Autoren verwendeten earth’s spheres erstmals wahrscheinlich 1972.J. W. Morris, O. W. Freeman (Hrsg.): World Geography. New York 1972. Schon etwas früher wurde zudem der ältere Ausdruck earth spheres wiederbelebt.H. J. Warman: Globalism: A Concept and its Development. In: Journal of Geography. 69, 1970, S. 6–7.S. I. Rasool: Chemistry of the lower atmosphere. New York 1975, S. 179.J. Tomikel: A summary of earth processes and environments. California 1975, S. 11.
Aktuelle Situation 280px|mini|Der Verbund der Erdsphären Seit den beginnenden 1970ern werden sowohl earth’s spheres als auch earth spheres häufiger in naturwissenschaftlichen Veröffentlichungen verwendet. Sie sind inhaltlich gegeneinander austauschbar und entsprechen Alfred Hettners Erdsphären. Weitere, nahe verwandte Ausdrücke für den gleichen Begriffsinhalt lauten spheres of the earth system,H. J. de Blij, P. O. Muller: Physical Geography of the Global Environment. New York 1993, S. 13. earth layersH. J. de Blij, P. O. Muller: Physical Geography of the Global Environment. New York 1993, S. 16. oder Sphären der Erde.A. H. Strahler, A. N. Strahler: Physische Geographie. Stuttgart 2006, S. 32–33.
Keiner der eben vorgestellten Begriffe war allerdings in der Lage, den synonymen Geosphäre-Begriff nach John Murray vollständig zu verdrängenV. I. Ferronsky, V. A. Polyakov: Isotopes of the Earth’s Hydrosphere. Dordrecht 2012, S. 229.D. Möller: Chemistry of the Climate System. Berlin, 2010, S. 118. – obwohl neben Murrays noch mindestens neun weitere Geosphäre-Begriffe existier(t)en und darum die Verwendung von Geosphäre entsprechend große Missverständnismöglichkeiten birgt.E. Winkler: Zu zwei neueren geographischen «Grundbegriffen». In: Geographica Helvetica. 15, 1960, S. 47–49.
Siehe auch Geschichte des Begriffs Geosphäre Geschichte des Begriffs Biosphäre
Literatur H. Carol: Zur Diskussion um Landschaft und Geographie. In: Geographica Helvetica. 11, 1956, S. 111–132. E. Winkler: Zu zwei neueren geographischen «Grundbegriffen». In: Geographica Helvetica. 15, 1960, S. 47–49.
Einzelnachweise
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