Freund Hein (Untertitel „Eine Lebensgeschichte“) ist ein 1902 erschienener gesellschafts- und vor allem schulkritischer Roman von Emil Strauß. Der Roman handelt von einem sensiblen und musikalischen Jugendlichen, der im Zuge seiner Schullaufbahn der Leidenschaft zur Musik, die seinen Lebenstrieb darstellt, und gleichzeitig dem Leistungsdruck der Schule, insbesondere der Mathematik, nicht mehr standhalten kann. Der Roman lässt sich in einem spezifischen Sinn dem Schul- und Schülerroman der Literatur der Jahrhundertwende zuordnen und behandelt darüber hinaus den Aspekt der Suche Jugendlicher nach Sinn und Identität. Literaturgeschichtlich lässt sich der Roman mit Frank Wedekinds Frühlings Erwachen und Hermann Hesses Unterm Rad vergleichen.

Inhalt und Thema Die Handlung erstreckt sich über zwölf Kapitel, in der Emil Strauß das Leben von Heinrich Lindner von dessen Geburt bis zu seinem Freitod im 18. Lebensjahr erzählt. Heinrich wächst Ende des 19. Jahrhunderts auf. Es ist ein Künstlerroman, der zwischen Künstlertum und Bürgerlichkeit einen unüberbrückbaren Gegensatz beschreibt. Das Motiv des Künstlers, der aufgrund seines Talentes nicht Teil der Gesellschaft sein kann, tritt in Freund Hein ganz früh ein. Bereits Im Motto wird der verkürzte Lebensweg Heinrichs durch Zitate von Petrarca und Hölderlin angedeutet. Das Thema des Romans ist vergleichbar mit Thomas Manns Erzählung Tonio Kröger. Der Prozess der Vervollkommnung des Künstlers ist ein roter Faden im Roman.

Heinrich Lindners Kindheit Heinrich Lindner wächst wohlbehütet in der Sicherheit der Familie und in Vertrautheit des heimischen Gartens, des Waldes und des Feldes in der Nähe einer badischen Stadt am Rhein am Ende des 19. Jahrhunderts auf. Heinrich Lindner wird als Sohn eines erfolgreichen Rechtsanwaltes geboren, der für seinen Sohn eine erfolgreichere Karriere als die eigene anstrebt. Die ersten Worte, die der Vater zu seinem Sohn spricht, sind daher „Der Bub blickt einen durch und durch: der muß mir Staatsanwalt werden“.Emil Strauß, Freund Hein. Eine Lebensgeschichte, 1995, S. 9 Der Wunsch des Vaters, dass sein Sohn ein Staatsanwalt werden soll, geht mit der Voraussetzung einher, dass Heinrich das zu der Zeit elitäre Gymnasium abschließen soll. Heinrich ist jedoch bei seiner Entdeckung der Welt geprägt und angezogen von der Musik, aus der er seine Lebenskraft schöpft. An dieser Spannung zwischen der Empfindsamkeit zur Musik, die übrigens in der Familie liegt, weil bereits Großvater und Vater Lindner begeisterte und leidenschaftliche Musiker waren, und der verordneten Schulpflicht, wird Heinrich Lindner zerbrechen. Heinrich Lindner ist ein angepasstes und rechtschaffenes Kind, das viel Zeit im heimischen Garten verbringt. Schon sehr früh erkennt er seine Leidenschaft für die Musik. Als er seinen Vater bittet Geige lernen zu dürfen, vertröstet dieser Heiner. Zur gleichen Zeit aber beginnt Heiner sich für das Klavier zu interessieren. Seine Mutter spielte manchmal am Klavier und lehrte es auch Heiner. Seit diesem Augenblick war Heiner der Musik verfallen. Eines Tages lernt Heiner Helene kennen. Helene ist die Nachbarin der Lindners und das genaue Gegenteil von Heiner: Helene ist ein wildes und aufrührerisches Mädchen und somit ein Gegensatz. Trotzdem werden die beiden zu besten Spielkameraden und verbringen ihre gesamte Kindheit zusammen. Sie verläuft glücklich und unkompliziert. Heiner darf endlich das Geigespielen erlernen und spielt Helene oft im heimischen Garten sowohl bekannte als auch selbst komponierte Stücke vor.

Heinrich Lindners Jugend Zu dem Zeitpunkt als Heinrich realisiert, dass er den Anforderungen der Schule nicht gewachsen ist, endet für ihn endgültig die glückliche und wohlbehütete Kindheit. Helene ist mit ihrer Familie weggezogen, und Heinrich verliert dadurch seine beste Freundin. „Schon an Weihnachten erkannte er klar, daß er die Forderungen der Klasse nicht werde erfüllen können, und sagte es seinem Vater.“Emil Strauß, Freund Hein. Eine Lebensgeschichte, 1995, S. 93 Für Heinrich beginnt mit der Adoleszenz eine Zeit, in der er seine Liebe zur Musik und die Pflicht und den Zwang der Schule in Einklang bringen muss. Besonders das Schulfach Mathematik macht Heinrich zu schaffen. Er beschränkt seine sozialen Kontakte auf das allernötigste, um durch Selbstzwang Mathematikaufgaben für die Schule vorzubereiten. Ein weitaus größeres Opfer ist für Heinrich aber die Reduzierung der Zeit, die er für seine Musik verwenden kann. Zusätzlich zu dieser Misere kommt die Entfremdung mit Helene, die weit weg von ihm ein ganz anderes Leben führt und bereits eine junge feine Dame geworden ist und alle schönen Dinge durchlebt, die für ein junges Mädchen interessant sind. „Nun kam sie als fertige, sichere, von Lebenslust strahlende junge Dame aus Kissingen, [...] und wurde nicht müde, von dem glänzenden Badeleben zu erzählen, von Kurpromenaden, Ausflügen, Reunions, [...], von allem, was ein junges Mädchen beim Eintritt in das volle gesellschaftliche blenden kann.“Emil Strauß, Freund Hein. Eine Lebensgeschichte, 1995, S. 118 Helene ist eine junge Dame geworden, und Heiner muss weiterhin die Schule besuchen. Nachdem Heiner zum ersten Mal die Klasse aufgrund seiner schlechten Leistungen in Mathematik wiederholen muss, trifft er in seiner neuen Klasse Karl Notwang. Karl Notwang taucht just in dem Augenblick auf, als der Bruch mit Helene vollzogen ist. Notwang ist das Pendant zu Heiner. Er verachtet das System Schule, muss sie aber besuchen, um studieren gehen zu können. Notwang fällt die Schule nicht schwer und so nimmt er sich Heiners an. Die beiden werden gute Freunde.

Heinrich Lindners Freitod Der Gegensatz von Heiners Liebe zur Musik, die sein Lebenstrieb ist, die Pflicht und der Zwang der Schule werden besonders deutlich, als der Vater ihm verbietet zu musizieren, weil Heiner in Mathematik ein ungenügendes Halbjahreszeugnis bekommt. Das Verbot ist für Heiner ein schwerer Schock und unerträglich, weil er dadurch seines Lebensglückes beraubt wird. „'Vater-!' rief Heiner entsetzt und war ganz blaß.“Emil Strauß, Freund Hein. Eine Lebensgeschichte, 1995, S. 143 Dieses Verbot, das den Vertrauensbruch des Vaters zeigt, dass der Sohn sich nicht genügend auf die Schule konzentriere, lässt den sensiblen Heiner in eine tiefe Krise fallen. Er nimmt das Verbot des Vaters ernst und verzichtet auf die Musik, um seinen Pflichten nachzugehen. Als Heiner jedoch wiederholt nicht versetzt wird, kann er die Scham nicht ertragen und geht nach der Zeugnisvergabe in den ihm so wohlbekannten Wald und schießt sich ins Herz.

Der Schülerroman Emil Straußens Roman Freund Hein kann zur Schulliteratur oder zum Schülerroman gezählt werden, weil er in der Tradition von schülerzentrierten Werken wie Frank Wedekinds Frühlings Erwachen steht. Allerdings werden in der Jahrhundertwende, das als erste literarische Moderne gelten kann, aufgrund der Vielfalt der literarischen Strömungen, viele Epochen-Begriffe und Stil-Bezeichnungen verwendet, wovon allerdings keiner dieser Begriffe die Literatur und Kultur der Jahrhundertwende zureichend erfassen und beschreiben kann.Vgl. Kimmich, Dorothee / Wilke, Tobias, Einführung in die Literatur der Jahrhundertwende, 9. Der Begriff Schülerroman wird Emil Straußens Freund Hein nicht vollends gerecht, weil die Bedeutung der Schule „als eine öffentliche Instanz nur (oder erst) dann in ihrer Bedeutung erfaßt wird, wenn sie zugleich als Medium und Vorposten der Gesellschaft, vor allem der zivilisierten Gesellschaft betrachtet“ wird.Li, Wenchao, Das Motiv der Kindheit und die Gestalt des Kindes in der Deutschen Literatur der Jahrhundertwende, 95. Allerdings umfasst der Begriff Schülerroman den wichtigsten Aspekt des Romans, nämlich die Rolle des Schülers in einem verkrusteten, auf die Leistung reduzierten Schulsystem. Daher passt der Schülerroman in die Epoche der Jahrhundertwende, weil er einen speziellen, sozialkritischen Aspekt aufnimmt, nämlich die Kritik am Wilhelminischen Kaiserreich, dem Beamtenapparat und vor allem der Institution Schule. Der Schülerroman Freund Hein greift die gesellschaftlichen Probleme der Moderne auf, die sich besonders im autoritären, oberflächlichen und auf die mathematische Vernunft reduzierten, gegen die Natur gerichteten Schulsystem zeigen und dadurch die Entwicklung der Ich-Persönlichkeit gefährden.Brenner, Peter J., Neue deutsche Literaturgeschichte, 205. Der Roman richtet besonders den Blick auf psychische und soziale Verirrungen Heiner Lindners, der an der Konditionierung durch die Fächer Mathematik und Griechisch leidet und daran zugrunde geht. Der Schülerroman Freund Hein zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er den erzieherischen Aspekt an die zentrale Stelle, wobei der Schüler und seine Misere besondere Beachtung finden. Die Erziehung durch die Schule wird in Freund Hein als gegen die Natur aufgefasst. Heiner Lindner leidet an der Institution Schule und besonders am Fach Mathematik.

Form Erzählanlage Fokalisierung Zu Beginn des Romans Freund Hein ist die Erzählanlage so aufgebaut, dass der Text sich eines allwissenden Erzählers bedient. Der Text ist also aus der Perspektive einer Nullfokalisierung geschrieben. „Als Heiner an einem kalten Winterabend wie ein geduldiger Passagier ohne viele Umstände, wenn auch einen halben Monat zu früh, nahm ihn sein herbeigerufener Vater, nicht ohne die Hände zuvor noch an den braunen Ofenkacheln gewärmt zu haben, behutsam auf, um den erfreulichen Erstling zu mustern; da öffneten sich zwei große blaue Augen und sahen ihn ernst und starr, unnachgiebig wie die Wahrheit an, so dass er sagte: 'Der Bub blickt einen durch und durch: der muß mir Staatsanwalt werden.“ Der Erzähler weiß also mehr als Heiner, und er kann auch von den Gefühlen und Gedanken der Protagonisten sprechen. Im Laufe der Geschichte weicht die Nullfokalisierung der internen Fokalisierung. Das bedeutet, dass aus der Sicht einer bestimmten Person erzählt wird und Ereignisse, die dieser Person nicht bekannt sind, können und werden auch nicht erzählt. In Freund Hein ist diese Person Heiner. Die Szene, in der er sehnsüchtig am Bahnsteig auf Helenes Rückkehr hofft und wartet, zeigt die interne Fokalisierung, weil der Leser genau so wenig über Helenes Aufenthaltsort weiß wie Heiner selbst. „'So ist's! Nichts, gar nichts! Kann sie nicht kommen?!-Unsinn! Sie kommt nicht! Sie lacht irgendwo anders, wo es keinem Menschen was nützt. So ist's! Es ist zum Heulen! Wenn ich nur wüßt', wie ich das los werde.“Emil Strauß, Freund Hein. Eine Lebensgeschichte, 1995, S. 105

Stil Der Stil des Romans kann als klar und verständlich beschrieben werden. „Jean Amery charakterisiert die Straußsche Prosa als 'poetisch erhöhten, darum aber die Dinge nicht verschleiernden Realismus, ein Stil von großer Einfachheit und Noblesse.“Karst, Theodor: Nachwort. In: Freund Hein (1902), Emil Strauß. Stuttgart: Reclam 1995, S. 215 Emil Strauß schreibt seinen Roman Freund Hein im Stil eines distanzierten Berichts eines allwissenden Erzählers. Dadurch wird die emotionale Seite eines Ich-Erzählers verringert, weil die Geschichte von einem allwissenden Erzähler beschrieben wird. Im Gegensatz zu Goethes Die Leiden des jungen Werther, der als Briefroman konzipiert ist und dadurch dem Leser den Eindruck eines personalen Berichts mit emotionaler Nähe vermittelt. Durch den auktorialen Erzähler kann Emil Strauß den Eindruck einer objektiven Kritik am Schulsystem wecken. Dadurch wird die Kritik der Subjektivität durch eine Person enthoben. Außerdem verhindert die Hochsprache des auktorialen Erzählers die Profilierung einer Person mit der Geschichte und erreicht wiederum den Eindruck von Objektivität.