mini|hochkant=1.5|Komplexität bezieht sich vor allem auf die veränderlichen Verknüpfungen zwischen Elementen: beispielsweise den 100 Billionen Synapsen im Gehirn eines erwachsenen Menschen, die sich etwa durch Lernprozesse ständig auf-, ab- und umbauen (Neuronale Plastizität)

Komplexität (, Partizip Perfekt Aktiv von „umschlingen“, „umfassen“ oder „zusammenfassen“) bezeichnet eine große Anzahl und Unterschiedlichkeit von Elementen, die untereinander in vielfältigen Wechselbeziehungen, Strukturen und Prozessen in einem Gesamtzusammenhang stehen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch fand das Wort seit den 1970er Jahren zunehmende Verbreitung. Neben dem „hohen Maß an Vielschichtigkeit“ wird das Adjektiv komplex häufig im Sinne von kompliziert verwendet,Nönnig, S. 86–87.Straubinger, S. 6. obwohl Letzteres von Komplikation abgeleitet ist und meist die subjektive Bewertung einer Situation betrifft, während Komplexität eine objektive Eigenschaft verschiedener Systeme erfasst; beide Begriffe demnach nicht synonym sind.

Praktisch alle Wissenschaften setzen sich heute mit komplexen Phänomenen auseinander. Fachsprachlich wird demnach eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffsdefinitionen angeboten. Aufgrund der Tiefgründigkeit des Begriffes, der nicht auf einfache Prinzipien reduziert werden kann,Nönnig, S. 87–88, 97–98. ist die folgende Beschreibung lediglich als exemplarische Zusammenfassung der häufig übereinstimmenden Merkmale zu verstehen:

Komplexität ist ein nicht trennscharf abgrenzbarer und nicht vollständig beschreibbarerNönnig, S. 77, 86—87, VIII. Zustand uneinheitlicher und sich im Zeitablauf ständig wandelnder Vorgänge oder entsprechender komplexer Systeme,Nönnig, S. 94–95.Straubinger, S. 16. die einen Gesamtzusammenhang aus einer unmessbaren Vielzahl von miteinander auf mannigfaltige Art und Weise wechselwirkenden Elementen bilden.Nönnig, S. 95–96.Straubinger, S. 11. Komplexität tritt in vernetzten Strukturen auf – sodass auch bei kleinsten Eingriffen immer mehrere Einzelteile betroffen sindNönnig, S. 91 93.Straubinger, S. 12. – und komplexe Prozesse sind nichtlinear und diskontinuierlich.Nönnig, S. 72. Infolgedessen sind sie nur in Grenzen vorhersagbar, da es nicht nur eine geradlinig festliegende Entwicklungsmöglichkeit gibt, sondern unzählige – mit völlig unterschiedlichen Auslösern, Rückkopplungen, PhasenübergängenBernhard Waltl: Beschreibung, Modellierung und interdisziplinäre Analogien von Komplexität und komplexen Systemen. Dissertation an der Technischen Universität München, 2013, PDF, S. 3, 6–7 und gänzlich neuen Eigenschaften bis hin zur „Aufweichung von Ursache-Wirkungsketten“.Nönnig, S. 91–93.Straubinger, S. 12.

Komplexe Ordnungen sind ständig im Wandel. Die Zunahme von Komplexität wird als „positive“, die Abnahme als „negative“ Komplexifikation bezeichnet.Nönnig, S. 72.

Oftmals offenbart sich die tatsächliche Komplexität eines Sachverhaltes durch den Aufwand (Anzahl der Methoden, Werkzeuge und Medien), der zu seiner modellhaften Darstellung betrieben werden muss. Dies wird als deskriptive Komplexität bezeichnet.Nönnig, S. 98. Es gibt auch Stimmen, die Komplexität nicht für eine objektive Eigenschaft halten, sondern für eine subjektive Einschätzung eines Beobachters sowie der Sprache, die gewählt wird, um dies zu beschreiben.Straubinger, S. 16.

In der Regel ist die Vielzahl von Elementen nur die Grundlage für Komplexität. Erst die weitaus höhere Zahl von Verknüpfungen zum Informations-, Stoff- oder Energieaustausch zwischen den Elementen führt zu Komplexität.Nönnig, S. 95–96.Straubinger, S. 11. Sie sind aus verschiedenen Gründen deutlich schwieriger zu untersuchen als die Elemente: Zeitliche Vorgänge sind in solchen Zusammenhängen entscheidender als die räumlichen Strukturen.Nönnig, S. 92. Die ständigen Veränderungen unterliegen intrinsischen – oftmals chaotischen – Gesetzmäßigkeiten, die dem Zusammenhalt eines Ganzen dienen,Straubinger, S. 16. sodass ein Verständnis nur entstehen kann, wenn die Grenzen des Ganzen und seine Regeln bekannt sind. Selbst dann bleiben jedoch viele Wirkungen unverstanden oder werden dem Zufall zugeschrieben.

Einige Autoren sind der Ansicht, dass Komplexität nicht definiert werden kann, weil sie keine objektive Eigenschaft sei, sondern vor allem von der Auffassung und sprachlichen Beschreibung eines Beobachters abhängt.Straubinger, S. 6, 8, 16.

Verständnis Eine wesentliche Voraussetzung zur Beschreibung komplexer Zusammenhänge, die zwangsläufig mit einer hohen Abstraktion einhergehen müssen, ist daher die Verwendung einer sehr präzisen Sprache mit klar definierten Begriffen ohne herkömmliche Vorstellungen.Straubinger, S. 9. Ein Beispiel ist die häufige Vermischung der Begriffe Struktur, Ordnung und Organisation.

Komplexität ist ein Phänomen, dessen wissenschaftliche Untersuchung gleichsam immer komplexeres Denken verlangt und fördert:Nönnig, S. 78–79. Die verbreitete reduktionistische Methodik („Untersuche die Teile, um das Ganze zu verstehen“) ist dabei nicht zielführend, da bei der Analyse der Einzelteile die Wirkungen zwischen den Teilen verloren gehenReinhard Wagner: Vermittlung systemwissenschaftlicher Grundkonzepte. Diplomarbeit, Karl-Franzens-Universität Graz, Berlin 2002, PDF abgerufen am 25. September 2023. S. 2–3. (vergleiche Ganzheitlichkeit und Holismus). Dies gilt auch in dem Sinne, dass die Grenzen zwischen Beobachter und Beobachtetem verschwimmen, je tiefer man „in die Materie“ eindringt.Patrick Spät: Panpsychismus: ein Lösungsvorschlag zum Leib-Seele-Problem. Dissertation, FreiDok der Universität Freiburg, Freiburg 2010, PDF, abgerufen am 17. Juni 2023. S. 121, 137–138.

Komplexe Phänomene erfordern in der Kommunikation ein hohes Maß an Vorstellungsvermögen, da sie in unserer herkömmlichen Erfahrungswelt häufig als unverständlich und überfordernd wahrgenommen werden. Dies illustriert etwa die irrtümliche Gleichsetzung von Wetter und Klima und der daraus folgende Trugschluss einiger Klimawandelleugner, dass Klimaprognosen für viele Jahrzehnte unmöglich seien, da bereits Wettervorhersagen über mehr als 14 Tage als unseriös gelten. Dabei wird die tägliche Erfahrung aus der Wettervorhersage – der „Mikroebene“ – auf das Klima – die „Makroebene“ – übertragen. Es fehlt die Vorstellung, dass die riesige Zahl unterschiedlichster Wetterereignisse auf der Erde zusammengenommen das irdische Klimasystem bilden, für das als komplexes Ganzes wiederum ganz andere Gesetzmäßigkeiten gelten als für das wechselhafte Wetter an einem beliebigen Ort. Wetterprognosen beziehen sich auf konkrete Ereignisse, die für kurze Zeiträume relativ gut vorhersagbar sind – Klimaprognosen ermitteln hingegen Wahrscheinlichkeiten für Entwicklungen, die (nach heutigem Kenntnisstand und langjährigen Abgleichen früherer Prognosen) eine sehr große Treffsicherheit erzielen. Das Nicht-Verstehen von Komplexität ist ein wesentlicher Grund für Wissenschaftsleugnung.

Begriff Bei dem Begriff handelt es sich um ein Kompositum aus der Präposition „mit“, oder „zusammen mit“ und „flechten“ oder „ineinanderfügen“ im Sinne von „verflochten“, „verwoben“, „verschlungen“. Im Laufe der Zeit wurde das Wort Complexus verwendet, um etwas zu bezeichnen, das aus verschiedenen Teilen besteht, die miteinander verbunden und voneinander abhängig sind.

Während der Begriff im Alltagsgebrauch oftmals synonym für Kompliziertheit, Zufall oder Chaos verwendet wird und seit den 1970er Jahren immer beliebiger genutzt wird, liegt die Bedeutung in der Bildungssprache eher bei „Vielschichtigkeit“ oder „hohem Vernetzungsgrad“.

Als wissenschaftlicher Fachbegriff wird Komplexität 1934 von dem französischen Philosophen Gaston Bachelard eingeführt, der für die Wissenschaft eine Abkehr vom cartesianischen Denken fordert, bei dem komplizierte Situationen in ihre Bestandteile zerlegt werden, um sie zu verstehen. Kompliziertheit bezog er dabei auf im Grunde einfache Sachverhalte mit linearen, kontinuierlichen und bis ins Detail vorhersehbaren Entwicklungen, die lediglich nicht offensichtlich sind und die Aufwand erfordern, um sie erkennbar zu machen. Die Aufgabe der modernen Wissenschaft sah er jedoch darin, die vielen komplexen Situationen zu erforschen, die einen gewissen Mangel an Einfachheit sowie ein chaotisches Verhalten aufweisen, sodass sich ihr Verhalten nicht allein aus dem Verständnis der Einzelteile ableiten lasse.

1948 veröffentlichte der Informationswissenschaftler Warren Weaver den bahnbrechenden Artikel „Science and Complexity“, der Bachelards Forderung für die Physik konkretisierte. 1968 schuf der Biologe Ludwig von Bertalanffy die erste Systemtheorie als Grundlage zur Erforschung komplexer Phänomene.Enrica Piccardo: Sprachenunterricht im Zeichen der Komplexität: Rückblick und Ausblick. In Hans Drumbl, Antonie Hornung (Hrsg.): IDT 2013. Band 1, Hauptvorträge, bu,press, Bozen 2015, ISBN 978-88-6046-078-3, PDF abgerufen am 7. Oktober 2023. S. 70–72.

Komplex und/oder kompliziert In der Alltagssprache werden beide Bezeichnungen zumeist synonym verwendet, bisweilen mit dem Unterschied, das komplizierte Dinge noch enträtselt werden können, während komplexe sich jeglicher Erkenntnis entziehen. Da wir die wenigsten Dinge wirklich verstehen, wird komplex zu einer inhaltsleeren Vokabel, die nur noch unser Unvermögen ausdrückt.

Kompliziertheit drückt vor allem einen subjektiven Eindruck von einer Sachlage aus, der einem Beobachter unklar erscheint. Insofern sagt der Begriff vor allem etwas über die Person aus, der möglicherweise Wissen, Können, Intelligenz oder Hilfsmittel fehlen, um den Sachverhalt erfassen zu können.

Fachsprachlich handelt es sich jedoch um zwei klar voneinander getrennte Begriffe, die verschiedene Dimensionen betreffen:

Kompliziert kommt von Komplikation und benennt Situationen, die sehr viele Aspekte haben, womit sie entweder ineffektiv sind (wenn viele Aspekte davon unnötig wären) oder bei der neue Aspekte auftreten, die eine Situation nachträglich (unerwartet) verändern. Entscheidend ist dabei, dass solche Situationen trotz allem – mit zusätzlichem Aufwand – ausreichend verstanden oder beherrscht werden können.

Komplexe Situationen hingegen entziehen sich der Beherrschung vollends und lassen nur ein modellhaftes Verständnis zu, da ihre Gesetzmäßigkeiten, Wirkungen und Entwicklungen nicht aus den einzelnen Aspekten selbst hervorgehen, sondern als gänzlich neue Phänomene erst durch das Zusammenwirken verschiedener Aspekte entstehen (siehe Emergenz). Daher reicht die Kenntnis der Teile auf der Mikroebene nicht aus, um daraus das Verhalten auf der Makrobene ableiten zu können.

Nach dieser begrifflichen Differenzierung kann es sowohl komplexe Situationen geben, die nicht kompliziert sind – als auch nicht komplexe Situationen, die kompliziert sind. Ersteres liegt zum Beispiel vor, wenn man das Verhalten von Menschen im Straßenverkehr analysiert: Die Bedingungen sind aufgrund der vorgegebenen Verkehrsregeln einfach zu durchschauen und damit nicht kompliziert. Das Verhalten der Verkehrsteilnehmer ist jedoch je nach Verkehrsdichte sehr unterschiedlich, sodass die Verkehrsströme unterschiedliche Muster bilden. Dies wird als Selbstorganisation bezeichnet und ist ein Merkmal komplexer Systeme. Zweiteres wäre etwa die Handlung eines Romans mit vielen Akteuren, etlichen Handlungssträngen und unerwarteten Wendungen: Dies ist kompliziert, da der Text jedoch unveränderlich in einem Buch steht und die Worte jederzeit das Gleiche bedeuten, kann von Komplexität keine Rede sein.

Definitionen

Der Begriff wird je nach Autor und Wissenschafts­gebiet unterschiedlich definiert. Da Begriffe Abgrenzungen benötigen, veränderliche und unklare Grenzen jedoch zum Wesen von Komplexität gehören, gibt es keinen allgemein anerkannten Komplexitätsbegriff. Nach Niklas Luhmann kann eine Definition grundsätzlich über die beiden Begriffe „Element“ und „Beziehung“ erfolgen.Straubinger, S. 8.