Lenzen (Elbe) ist eine Stadt im Landkreis Prignitz (Land Brandenburg). Sie ist Sitz des Amtes Lenzen-Elbtalaue, dem auch die Gemeinden Cumlosen, Lanz und Lenzerwische angehören.
Geografie Die Stadt befindet sich im äußersten Nordwesten Brandenburgs an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen zwischen den Biosphärenreservaten Flusslandschaft Elbe-Mecklenburg-Vorpommern und Flusslandschaft Elbe-Brandenburg. Auf dem Stadtgebiet mündet die Alte Elde in die Löcknitz. Die Elbe fließt entlang der südlichen Stadtgrenze. Nordöstlich der Stadt liegt der Rudower See, der unter anderem vom Nausdorfer Kanal gespeist wird und über einen Abfluss im Südwesten (die sogenannte „Flut“) in die Löcknitz mündet.
Landschaft Rudower See Rambower Moor Löcknitz-Niederung Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg
Stadtgliederung Zu Lenzen (Elbe) gehören die folgenden neun bewohnten Gemeindeteile:
Darüber hinaus gehören sechs Wohnplätze zum Ort: Alt Eldenburg Klein Sterbitz Leuengarten Rudow Sterbitz Ziegelhof
Geschichte Mittelalter mini|Burg Lenzen Seit dem 7. Jahrhundert siedelten slawische Bewohner im Gebiet um das heutige Lenzen. Im 9. Jahrhundert wurde in sächsischen Texten mehrmals der Stamm der Linonen erwähnt. Für den September 929 wurde die Burg Lenzen (Lunzini, slawisch: Luczyn) erstmals genannt, als sächsische Truppen in der Schlacht bei Lenzen unter Führung des Grafen Thietmar und des Legaten Bernhard die Burg eroberten. Seit 983 stand sie nach dem Slawenaufstand wieder unter slawischer Kontrolle. Der Abodritenfürst Gottschalk gründete dort im 11. Jahrhundert eines der ersten Klöster östlich der Elbe. 1066 wurde er in Lenzen ermordet.
Spätestens seit dem späten 12. Jahrhundert war die Burg Mittelpunkt eines Landes Lenzen (terra), einer kleinen Herrschafts- und Verwaltungseinheit. Um 1200 wurde ein steinerner Burgturm errichtet. Seit 1219 befand sich Burg und Land Lenzen im Besitz der Markgrafen von Brandenburg. Die Burg wurde zuerst an die Grafen von Schwerin verlehnt, dann an die von Dannenberg. 1227 war der Dänenkönig Waldemar II. in der Burg gefangen. Um 1237 wurden der Siedlung durch Markgraf Otto III. verschiedene Privilegien, wie das Salzwedeler Stadtrecht verliehen.
1319 ging die Burg und das Land Lenzen an den Bischof von Havelberg, danach wechselten mehrmals die Besitzer. 1382 erwarben erstmals die von Quitzow die Burg, die sie als Ausgangspunkt für Raubzüge in die Umgebung nutzten. Eine steinerne Stadtmauer entstand in der Zeit um 1400. Seit 1484 war Lenzen Sitz eines Amtshauptmanns des Kurfürstentums Brandenburg.
Frühe Neuzeit Tragische Ereignisse waren unter anderem Großbrände 1558 und 1703, die die Stadt fast vollständig zerstörten, sowie Pestwellen zwischen 1566 und 1638, denen etwa 2000 Menschen zum Opfer fielen, darunter 336 Pesttote im Jahr 1625 und 400 im Jahr 1638.Georg Grüneberg: Jahrzehntelang von Truppen ausgeplündert. Lenzener Stadthistorie, Teil 3: Mord und Brandschatzung im 30-jährigen Krieg. In: Märkische Allgemeine, 22. Mai 2004.
Im Dreißigjährigen Krieg zogen 1620 englische Söldner im Dienst des „Winterkönigs“ Friedrich von der Pfalz durch Lenzen. 1626 rückten dänische und mannsfeldische Truppen ein. 1636 plündern kaiserliche und sächsische Soldaten die Stadt. Besonders grausam waren die Schweden, die 1638 kamen. Sie raubten das gesamte Vieh, töten die Bürger, die das zu verhindern suchten, und folterten 50 Lenzener, darunter Kinder, zu Tode. Es dauerte mehr als ein Jahrhundert, bis Lenzen wieder eine Einwohnerzahl wie vor dem Krieg erreichte.
mini|Alte Hamburger Poststraße Berlin-Hamburg von K. Lotter 1758 Nach dem Westfälischen Frieden im Jahre 1648 wurde Lenzen zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt der Postkurse Berlin–Hamburg („Alte Hamburger Poststraße“) und Magdeburg–Hamburg, die in Lenzen zusammentrafen.
Zum Wiederaufbau der verwüsteten Stadt und im Zuge des Landesausbaus ließ Kurfürst Friedrich Wilhelm 1649 niederländische, vor allem friesische Fachleute und Bauern anwerben,Barbara Beuys: Der große Kurfürst. Der Mann, der Preußen schuf. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1979, ISBN 3-498-00456-5, S. 133. die die Elbdeiche verstärkten und die sumpfigen Elbniederungen rund um Lenzen trockenlegten und urbar machten.Reinhard Peesch, Wolfgang Rudolph: Mecklenburgische Volkskunst. Seemann, Leipzig 1988, ISBN 3-363-00358-7, S. 7. 1651 wurde der holländische Admiral Arnold Gijsels van Lier (1593–1676) zum Amtmann in Lenzen ernannt, der wegen seiner Leistungen im Deichbau, des Schaffens von Ordnung und Sauberkeit, des Wirkens gegen Hexenverbrennungen und für die Einführung regelmäßiger Schulbesuche der Kinder der Amtsdörfer zu hohen Ehren gelangte.
Das Amt Lenzen war ein königlich-preußisches Domänenamt. 1719 wurde ihm vom Kurfürsten die Herrschaft Eldenburg hinzugefügt, die der Familie von Quitzow entzogen worden war. 1769 wurde der Amtssitz von der Burg Lenzen auf die Burg Eldenburg verlegt und das Amt in Amt Eldenburg umbenannt. 1872 wurde das Amt aufgelöst.
19. Jahrhundert 1807/1808 bekam das Lenzener Postamt eine hohe Bedeutung aufgrund seiner Lage an der Grenze zum Herzogtum Mecklenburg-Schwerin und zum Kurfürstentum Hannover. Die wirtschaftliche Rolle der Stadt wurde von 1819 bis 1828 durch die Verlegung des Wasserzolls nach Wittenberge und des Landzolls an die Chaussee zwischen Berlin und Hamburg, die heutige B 5, größtenteils eingebüßt. Lenzen gehörte seit 1817 zum Kreis Westprignitz in der preußischen Provinz Brandenburg.
Lenzen war bis 1849 Sitz des Land- und Stadtgerichtes Lenzen. 1849 wurde hier eine Zweigstelle (Gerichtskommission) des Kreisgerichtes Perleberg eingerichtet. Von 1879 bis 1951 war Lenzen Sitz des Amtsgerichtes Lenzen.
1874 erhielt Lenzen Bahnanschluss an der Bahnstrecke Wittenberge–Buchholz, die 1945 durch die Zerstörung der Elbebrücke Dömitz nicht mehr bedient wurde. 1948 wurden die Gleise auf ostdeutscher Seite demontiert und als Reparationszahlung in die Sowjetunion verbracht.
20. und 21. Jahrhundert 1945 wurde Lenzen durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland dem damals neugebildeten Land Brandenburg zugeordnet. Mit der Auflösung der Länder in der DDR kam Lenzen 1952 zum Kreis Ludwigslust im Bezirk Schwerin. Im Juni 1952 und nach dem Mauerbau 1961 wurden zahlreiche Familien, darunter Geschäftsleute, Kleinhandwerker und Bauern, innerhalb weniger Stunden aus Lenzen zwangsausgesiedelt. Ab 1961 wurden die Grenzanlagen an der innerdeutschen Grenze immer weiter ausgebaut. Alle Bewohner bekamen halbjährlich einen Vermerk in den Personalausweis, Ortsfremde konnten die Stadt nur nach vorheriger Beantragung und Genehmigung eines Passierscheins über die mit Schlagbäumen gesperrten Zugangsstraßen erreichen. Die Genehmigung wurde in der Regel nur Verwandten ersten Grades erteilt. Seit dem 1. September 1972 gehörte die Stadt Lenzen nicht mehr zum Sperrgebiet.
Am 25. Juni 1969 kam es bei einer Erdgasbohrung in der Nähe von Lenzen zu einer schweren Gasexplosion, bei der ein Mann starb und sechs schwer verletzt wurden, woraufhin diese Bohrungen eingestellt wurden.Susanne Schrammar: Salzstock Gorleben: Warnung vor neuen Risiken auf dradio.de vom 20. September 2010, abgerufen am 20. März 2011
Nach der Öffnung der Grenzen 1989 wurde ein provisorischer Fährbetrieb über die Elbe mit Busanschluss nach Gartow eingerichtet. Erst mit der Wende wurde 1990 mit der Wiedereinrichtung der Fährverbindung nach Pevestorf eine Möglichkeit zur Elbüberquerung geschaffen.
Lenzen gehörte bei dessen Neugründung 1990 zunächst zum Land Mecklenburg-Vorpommern. Nach einem im Jahr 1991 abgehaltenen Volksentscheid kamen die Stadt und die umliegenden Gemeinden am 1. August 1992 jedoch wie vor 1952 zum Land Brandenburg zurück und wurden in den Landkreis Perleberg eingegliedert, bevor dieser im Zuge der brandenburgischen Kreisreform am 6. Dezember 1993 im neuen Landkreis Prignitz aufging.
Lenzen ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“ des Landes Brandenburg. Die Altstadt wird seit 1995 schrittweise saniert.
Aufgrund der Lage an der Elbe hatte die Stadt in ihrer Geschichte oft gegen Hochwasser zu kämpfen. So war bis zuletzt auch beim Elbehochwasser 2002 der „Böse Ort“ ein kritischer Deichabschnitt. Der Fluss macht an diesem bisherigen Engpass einen Bogen von etwa 90°, so dass der Wasserdruck nicht seitlich, sondern frontal auf dem Deich lastete. Von September 2005 bis August 2009 wurde der Deich weiter ins Hinterland der Lenzen-Wustrower Elbniederung verlegt, der Elbe dadurch 430 Hektar mehr Überflutungsfläche geboten und knapp 77 HektarDeichrückverlegung Lenzen-Wustrow – Geschichte und Umsetzung im Rahmen eines Naturschutzgroßprojektes (PDF; 430 KB) Christian Damm, KIT-WWF Auen-Institut, Rastatt, 2013; BAW Mitteilungen Nr. 97, S. 31; Auf: izw.baw.de (pdf, deutsch, 430KB) Auwald angelegt.
Eingemeindungen Bäckern kam am 1. Juli 1961 zu Lenzen. Gandow folgte am 22. Juli 1965. Nausdorf wurde am 1. April 1971 eingegliedert.Gemeinden 1994 und ihre Veränderungen seit 01.01.1948 in den neuen Ländern. Verlag Metzler-Poeschel, Stuttgart 1995, ISBN 3-8246-0321-7, Herausgeber: Statistisches Bundesamt Die Orte Eldenburg und Mellen wurden am 26. Oktober 2003 nach Lenzen (Elbe) eingemeindet.Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2003. StBA
Bevölkerungsentwicklung Jahr Einwohner 1875 2 844 1890 2 793 1910 2 559 1925 2 709 1933 2 705 1939 2 700 Jahr Einwohner 1946 3 480 1950 3 584 1964 3 147 1971 3 132 1981 2 927 1985 2 838 Jahr Einwohner 1990 2 761 1995 2 541 2000 2 378 2005 2 622 2010 2 363 2015 2 219 Jahr Einwohner 2020 2 075 2021 2 058 2022 1 993 2023 2 021 2024 2 031 2025 2 000
Gebietsstand des jeweiligen Jahres, Einwohnerzahl: Stand 31. Dezember (ab 1991)Historisches Gemeindeverzeichnis des Landes Brandenburg 1875 bis 2005. Landkreis Prignitz (PDF) S. 22–25Bevölkerung im Land Brandenburg von 1991 bis 2017 nach Kreisfreien Städten, Landkreisen und Gemeinden, Tabelle 7Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Statistischer Bericht A I 7, A II 3, A III 3. Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsstand im Land Brandenburg (jeweilige Ausgaben des Monats Dezember), ab 2011 auf Basis des Zensus 2011, ab 2022 auf Basis des Zensus 2022
Religion Die evangelische Stadtkirche von Lenzen, die St.-Katharinen-Kirche, gehört zum Pfarrsprengel Lenzen-Lanz-Seedorf im Kirchenkreis Prignitz der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.Sankt-Katharinen-Kirche Lenzen. Evangelischer Pfarrsprengel Lenzen-Lanz-Seedorf, abgerufen am 16. März 2025.
Nachdem sich im Zuge der Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa infolge des Zweiten Weltkriegs im seit der Reformation evangelisch-lutherisch geprägten Lenzen eine größere Zahl von Katholiken niedergelassen hatte, bildete sich in Lenzen eine katholische Gemeinde, die zur Pfarrei Wittenberge gehörte und anfangs rund 800 Mitglieder umfasste. Ihre erste Heilige Messe fand 1946 am Fest Christi Himmelfahrt im Schützenhaus von Lenzen statt. Später wurde die Sakristei der evangelischen St.-Katharinen-Kirche für katholische Gottesdienste genutzt. Am 8. September 1947 wurde eine Kapelle eingeweiht, die im Sitzungssaal der in der Hamburger Straße befindlichen Stadtsparkasse eingerichtet worden war, der dafür angemietet wurde. Am 1. Oktober 1953 erfolgte die Gründung der Kuratie Lenzen, die zur Pfarrei Wittenberge gehörte und bis 1970 noch einen eigenen Geistlichen hatte. 1991 wurde die Kapelle aufgegeben und im benachbarten Pfarrhaus eine neue Kapelle eingerichtet,Lenzen. Dekanat Wittenberge, abgerufen am 16. März 2025. die das Patrozinium Maria Trösterin der Betrübten trug. Am 23. Februar 2025 fand in der Kapelle der letzte Gottesdienst statt, da die Zahl der Gottesdienstbesucher zuletzt nur noch gering gewesen war und der Mietvertrag für die Kapelle auslief.Oliver Gierens: In Lenzen wurde der letzte katholische Gottesdienst gefeiert. Nordkurier, 25. Februar 2025, abgerufen am 16. März 2025.