Das Val Cadlimo (Aussprache []) ist ein abgeschiedenes, unbewohntes Tessiner Bergtal zwischen dem Lukmanierpass und dem Gotthardpass.
Lage Das Val Cadlimo gehört politisch zur Gemeinde Quinto und berührt am untersten Ende die Gemeinde Blenio. Im Norden grenzt das Tal an den Kanton Graubünden.
Das Tal verläuft in West-Ost-Richtung auf einer Länge von rund sieben Kilometern und wird vom Reno di Medel durchflossen.
Die höchsten Punkte des Val Cadlimo sind der Piz Blas () und der Piz Rondadura (). Den tiefsten Punkt bildet der Zusammenfluss des Reno di Medel mit dem Bach des Val Termine bei ca. Die Nordhänge sind sehr steil; auf der Südseite sind die Berge weniger hoch und weniger steil abfallend.
Name Der Schweizer Historiker Aegidius Tschudi nennt 1572 in seinem Werk Gallia comata, dem ersten Werk zur Schweizer Frühgeschichte, einen als Quelle des Reno di MedelAegidius Tschudi. Gallia comata 1572, gedruckt jedoch erst 1758Gallia comata zitiert in: R. Lechner (1882) Mittheilungen der Kaiserlich-Königlichen Geographischen Gesellschaft (des längsten aller Rheinquellflüsse). Es ist unklar, ob mit ein spezifischer Berg oder das ganze Gebirge um die Val Cadlimo gemeint ist. Gelegentlich wird in der Literatur des 19. Jahrhunderts ebenfalls ein Pizzo Cadlimo erwähnt,Beispiel: Jahrbuch des Schweizer Alpenclub, 1882 der jedoch auf den Karten jener Zeit nicht verzeichnet ist.Dufourkarte, Siegfriedkarte. Zuweilen wird der von Tschudi mit dem Passübergang Bocchetta di Cadlimo gleichgesetzt, manchmal mit einem heute nicht mehr identifizierbaren Bergstock westlich des Lukmaniers.Jahrbuch des Schweizer Alpenclub, 1912
Die Alpen des Tales werden schon 1227 unter dem Namen Cadellimi erwähnt. Andere Namensvarianten sind Cadlim, Cadarlim, Cadelimo, Caderlim, Caderlimo, Caderluno, Cadlumi und Catelumi.Lothar Deplazes (1986). Alpen, Grenzen, Pässe im Gebiet Lukmanier-Piora. Staatsarchiv Graubünden
Alpen Die Alpen des flachen Mittelteils des Tales befinden sich auf 2200 bis 2300 Metern Höhe. Die Gebäude am Lago dell'Isra und auf der Alp Stabbio di Mezzo in der Talmitte sind heute verfallen, intakt ist jedoch die Hütte der Alp Stabbio Nuovo anderthalb Kilometer unterhalb von Stabbio di Mezzo.Bild der Alphütte von Stabbio Nuovo; bei Hikr, aufgerufen am 19. Juli 2013. Auch die Cassina la Bolla noch etwas weiter talabwärts ist zerfallen, und die Alpe Scaione etwas erhöht am Talausgang besteht nur aus einer kleinen Schutzhütte.Bild der Alpe Scaione, mit Hütte; bei Hikr, aufgerufen am 19. Juli 2013.
Im Sommer werden die Alpen von ca. 600 Schafen sowie 100 Yaks aus Göschenen als Weideland genutzt. zur Alpnutzung, aufgerufen am 19. Juli 2013. Die Beweidung durch Schafe hat durch das 20. Jahrhundert hindurch immer mehr abgenommen, um 1900 wurden noch 1000 Schafe auf den Alpen der Val Cadlimo gesömmert.Mitteilungen der Geographisch-Ethnologischen Gesellschaft in Basel, Bände 4–7. 1936.
Erschliessung Das Tal ist für Fahrzeuge nicht erschlossen. Wanderwege führen zum Lukmanierpass, zum Ritomsee, nach Airolo und zum Oberalppass mit dortiger Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Der Lukmanierpass unweit des unteren Talendes ist mit dem Postauto im Sommer und Herbst vier bis fünf Mal pro Tag erreichbar.
Der Gotthard-Basistunnel quert das Tal an seinem untersten Ende ca. 1700 m unter der Erdoberfläche.
Passübergänge Die heute für Wanderer wichtigsten Passübergänge sind: Bocchetta di Cadlimo, : Val Canaria (Airolo) Bocchetta della Miniera, : Val Piora Passo dell’Uomo, : Val Piora Bassa del Lago Scuro, : Val Piora
Der Plattenweg von der Alp Stabbio Nuovo zum Passo dell’Uomo wurde ins Inventar Via Storia (IVS) aufgenommen. der Via Storia, aufgerufen am 19. Juli 2013; Swisstopo.Andrea und Andreas Strauß (2010) Tessin. Lago Maggiore, Luganersee, Comersee. Bergverlag Rother, München. ISBN 978-3-7633-3052-2. Er ist Teil einer historischen Alpaufzugsroute vom Valle Leventina her durch das Val Cadlimo und über den Passo Vecchio () ins Val Curnera. Dieses vorderrheinische Seitental war trotz der Höhe des Passes von der Val Cadlimo her leichter zu erreichen als vom vorderrheinischen Tschamut aus. Am 12. Juli 1540 verkaufte der Abt Paulus Nicolai des Klosters Disentis die Val Curnera an einen Besitzer in Faido in der Leventina. Erst 1913 gelangte das Tal wieder in vorderrheinische Nutzung durch die Gemeinde Tujetsch.Informationen zur Val Curnera, aufgerufen am 19. Juli 2013.
Historisch wurde auch der Pass Nalps (auch Passo dell'Elvas, ) zwecks vorderrheinischer Alpnutzung von den Tessinern begangen. Pass Nalps und Passo Vecchio waren auf der Siegfriedkarte noch etablierte Routen. Heute fehlen die dortigen Wege in der Landeskarte, und diese Pässe werden nur noch von geübten Bergwanderern begangen.
Gewässer Fliessgewässer Der Reno di Medel sammelt sich aus mehreren Quellbächen des Tales, durchfliesst die Alpgebiete und gelangt durch eine KlusBild der Klus bei Panoramio, aufgerufen am 19. Juli 2013. – vereinigt mit dem Bach des Val Termine – in den Stausee Lai da Sontga Maria am Lukmanierpass. Von da fliesst das Wasser, soweit nicht durch Stollen abgeleitet und von den Kraftwerken in Rueras und Tavanasa genutzt, durch die Val Medel als Froda, später als Rein da Medel in den Vorderrhein.
Das Val Cadlimo gehört orographisch zum Vorderrheintal. Das Val Cadlimo, das südlich benachbarte Val Termine und der oberste Teil des Reusstales unterhalb des Gotthardpasses entwässern als einzige Täler des Kantons Tessin nach Norden über den Rhein in die Nordsee.
Allerdings wird ein wesentlicher Teil des Reno di Medel unterhalb der Alpen mit einer 35 Meter breiten und ca. vier Meter hohen Mauer gestaut.Bild der Wasserfassung des Reno di Medel bei Bolla, Pt. 2228. Ein ca. ein Kilometer langer Stollen führt das gefasste Wasser mit einem Höhenverlust von wenigen Metern zum Passo dell'Uomo, dem Passübergang des benachbarten Val Termine in die Val Piora.Swisstopo Dort wird das Wasser in einem Kanal an der Oberfläche über den Pass geleitet und dem Bach Murinascia Grande zugeführt, der seinerseits in den Ritomsee mündet.Swisstopo; Google Earth; (PDF; 105 kB) vom 17. Juli 2011. Da das Wasser des Ritomsees im Kraftwerk in Piotta im Talgrund der Leventina genutzt wird, gelangt somit das meiste Wasser der Val Cadlimo am Ende wie alle anderen Tessiner Gewässer ins Mittelmeer.
Diese auch als Cadlimo-Stollen bezeichnete Ableitung des Reno di Medel wurde bereits 1906 in Fachkreisen diskutiert.W. A. Müller, E. Josse (1906). Zeitschrift für das Gesamte Turbinenwesen. Im Februar 1914, im Vorfeld des Baus der Staumauer des Ritomsees, wurde der Stollen von der Regierung des Kantons Graubünden noch abgelehnt.Wasser und Energiewirtschaft, Band 6. 1913. Erst in den Sommern 1929 und 1930, zwölf Jahre nach der Inbetriebnahme des Ritomstausees, wurde der Stollen schliesslich gebaut. Aufgrund der fehlenden verkehrstechnischen Erschliessung des Val Cadlimo wurde eine provisorische Luftseilbahn auf Holzjochen errichtet. Damit konnte der erforderliche Zement von Sta. Maria, dem Hospiz des Lukmanierpasses, nach Stabbio Nuovo transportiert werden. Seit 1968 liegt der Standort der damaligen Talstation auf dem Grund des Lai da Sontga Maria.Schweizerische Bauzeitung (1931). Band 98, S. 195.
Seen mini|Lago Lisera mit Piz Taneda (Bild aus dem Jahr 1914 von Leo Wehrli) mini|Lago Stabbio (historisches Bild von Leo Wehrli)Die Val Cadlimo ist, wie auch das benachbarte Val Piora, reich an Bergseen: des Centro di dialettologia e di etnografia, Bellinzona, aufgerufen am 19. Juli 2013.
Der Lago di Dentro (, wörtlich Innerer See, früher Lago di Cadlimo) liegt zuhinterst im Tal unmittelbar vor dem Übergang Bocchetta di Cadlimo ins Val Canaria (Airolo).Bild bei Hikr, aufgerufen am 19. Juli 2013. Ein gleichnamiger, jedoch um einiges grösserer See befindet sich drei Kilometer entfernt im benachbarten Val Piora. Der Lago Scuro (, wörtlich Dunkler See) ist fast kreisförmig und mit sieben Hektar der grösste See des Tales. Der Lago dell'Isra (, zwei Hektar, früher auch Lago LiseraSiegfriedkarte, Dufourkarte.) befindet sich im Talgrund und ist von einem grösseren Feuchtgebiet umgeben.Bild des Lago d'Isra bei Hikr, aufgerufen am 19. Juli 2013. Auf Piatto della Miniera, einer 600 Meter langen Hochebene an der Südseite des Tales, befinden sich sieben kleine Seen zwischen 2515 und Die Europäische Hauptwasserscheide verläuft zwischen den beiden südlichsten Seen. des grössten Sees auf dem Piatto della Miniera, mit Yaks über dem Schneefeld; bei Hikr, aufgerufen am 19. Juli 2013. In der Foppa della Rondadura befinden sich drei kleine Seen mitten in der steilen Flanke des Piz Rondadura auf Bild von zwei der Seen der Foppa della Rondadura auf Hikr, aufgerufen am 19. Juli 2013. Ebenfalls besonders hoch gelegen ist mit der kleine Lago di Schenadüi im Sattel des Piz Schenadüi.
Der relativ grosse Lago dello Stabbio () ist von den gleichnamigen Alpen des Tals, Stabbio di Mezzo und Stabbio Nuovo, für Wanderer und Hirten viel leichter zu erreichen als von der Val Piora aus. Sein Abfluss führt jedoch ins Val Piora, weshalb der See orographisch nicht zum Val Cadlimo gehört.
Bergbau Mineralien Der Abbau von Mineralien fand im Val Cadlimo seit dem 15. Jahrhundert statt. Das Val Cadlimo ist einer der seltenen Danburit-Fundorte in der Schweiz.Brandl, H (2008). Der historische Bergbau im Val Piora und Val Cadlimo – Interaktionen zwischen Mikroorganismen und Metallen. In: Peduzzi, R; Tonolla, M; Boucher-Rodoni, R. Milieux alpins et changement global. Vol. 1: Recueil de contributions à l’Ecole doctorale. Piora, 107–112 Danburit ist ein Kristall mit der chemischen Zusammensetzung Ca[B2Si2O8].
Elemente Phosphor-, Blei- und Silbervorkommen gibt es auf dem Piatto della Miniera auf
Für den Galenit- (Blei) und Silberabbau wurden drei Gänge in Nord-Süd-Richtung in den Berg getrieben. Allerdings lag der Silberertrag bei lediglich 243 bis 320 Gramm pro Tonne, der Standort war nur etwa zwei Monate pro Jahr schneefrei, und es gab keine Zubringerstrasse. Der Abbau wurde 1910 eingestellt.Paul Boettcher (1936). Das Tessintal. Versuch einer länderkundlichen Darstellung. H.R. Sauerländer & Co.
Die Apatitvorkommen wurden 1700 entdeckt und 1954 auf 20'000 Tonnen geschätzt. Damit handelt es sich um eines der grössten Phosphatvorkommen der Schweiz. In den Kriegsjahren 1944 und 1945 wurde ein Abbau vom Bureau für Bergbau des eidgenössischen Kriegs-, Industrie- und Arbeitsamtes in Erwägung gezogen.Zweifel H., de Quervain F. (1954) Der Biotit-Apatitschiefer des P. Corandoni (Val Cadlimo, Tessin). Beiträge zur Geologie der Schweiz. Geotechnische Serie 32. des Bergbauvereins Silberberg, aufgerufen am 19. Juli 2013.
Noch heute sind Ruinen der Knappenhäuser an zwei Stellen des Piatto della Miniera sichtbar.
Schweizerischer Alpenclub mini|Cadlimohütte am oberen Ende des Val Cadlimo () Die Cadlimohütte auf am obersten Ende des Tales bei der Bocchetta di Cadlimo wird normalerweise von Ende Juni bis Ende Oktober bewartet und bietet 82 Schlafplätze. Im Winter steht ein Raum mit zehn Schlafplätzen zur Verfügung. Die Wanderzeit vom Lukmanierpass beträgt mindestens dreieinhalb Stunden, von der Seilbahn beim Ritomsee etwa drei Stunden.Website der Cadlimohütte, aufgerufen am 26. Dezember 2020.
Es ist die höchstgelegene Hütte im Kanton Tessin. von Ticino Switzerland, aufgerufen am 19. Juli 2013.
Flora und Fauna Der Boden ist mehrheitlich flachgründig und bietet Raum für eine typische alpine Rasenflur. In der Nähe des Reno di Medel und am Lago dell'Isra sind Feuchtgebiete vorhanden.
Abgesehen von den untersten Metern befindet sich das ganze Tal oberhalb der Baumgrenze, die im Bereich des Lukmanierpasses bei liegt.
Im Tal kommen Alpensteinböcke und Murmeltiere vor.Swisstopo.Wanderbericht, aufgerufen am 19. Juli 2013.