Die Operation Entebbe, Operation Thunderbolt oder Operation Yonatan (Mivtsa Yonatan) war eine militärische Befreiungsaktion in der Nacht zum 4. Juli 1976 auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda, mit der israelische Sicherheitskräfte die einwöchige Entführung eines Passagierflugzeugs der Air France durch palästinensische und deutsche Terroristen beendeten. mini|Israelische Kommandos nach der Operation beim Entladen des Mercedes-Benz /8 220 Diesel mini|Der Mercedes-Benz 600 von Idi Amin mini|Das Terminal des Flughafens Entebbe mit einer Gedenktafel (2009) Die israelischen Elitesoldaten wurden unerkannt nach Entebbe eingeflogen, wo sie sich nur 90 Minuten aufhielten. 102 überwiegend israelische Geiseln, einschließlich der Air-France-Besatzung, wurden schließlich mit einem Zwischenstopp in Kenia nach Israel ausgeflogen. Bei der Befreiungsaktion wurden alle sieben anwesenden Geiselnehmer getötet. Drei Geiseln, etwa 20 ugandische Soldaten sowie Oberstleutnant Jonathan Netanjahu der israelischen Einsatzkräfte kamen bei Feuergefechten ums Leben. Die in einem Krankenhaus der nahen Hauptstadt Kampala verbliebene Geisel Dora Bloch wurde später von ugandischen Offiziellen entführt und ermordet.

Als Vergeltung für die Unterstützung Kenias für die israelische Befreiungsaktion ließ Ugandas Diktator Idi Amin mehrere hundert in Uganda lebende Kenianer ermorden. Die ugandischen Behörden hatten die Terroristen unterstützt; Amin begrüßte sie nach ihrem Eintreffen persönlich. Von den 253 Passagieren wurden alle 77 israelischen sowie fünf weitere von den Terroristen ausgesondert,Entrevista: La aventura del secuestro de Entebbe, contada por una protagonista. In: El País, 11. Juli 1976 (spanisch); abgerufen am 12. August 2014 während die übrigen bis auf zehn junge Franzosen freigelassen wurden.Claude Moufflet: Otages a Kampala. S. 151.

Zu einer breiteren Debatte über das Verhältnis der Linken zu Antizionismus, Antisemitismus und den linksgerichteten Terrororganisationen RAF und Revolutionäre Zellen kam es in Deutschland erst deutlich später. Die Aktion hatte Debatten im UN-Sicherheitsrat zur Folge und warf völkerrechtliche Fragen auf. mini|Der entführte Airbus A300 der Air France im Jahr 1980 mini|alt=Flughafengebäude mit UN-Fahrzeug im Vordergrund|Altes Terminal des Flughafens Entebbe (1994)

Flugzeugentführung Vorgeschichte Von 1968 an hatte sich innerhalb der militanten Gruppe Volksfront zur Befreiung Palästinas die Entführung von Passagierflugzeugen als neue terroristische Operationsform durchgesetzt, die innerhalb der Bewegung umstritten war. Insbesondere die seit 1972 unabhängige Abspaltung Volksfront zur Befreiung Palästinas – Auswärtige Operationen (Popular Front for the Liberation of Palestine – External Operations, PFLP–EO) setzte verstärkt darauf. Zwischen 1968 und 1977 wurde die PFLP–EO von dem für zahlreiche Flugzeugentführungen verantwortlichen Wadi Haddad angeführt.Robin Bidwell: Dictionary Of Modern Arab History. Routledge, London / New York 2010, S. 167 (englisch).John W. Amos: Palestinian Resistance: Organization of a Nationalist Movement. Elsevier, Amsterdam 1980, S. 232 (englisch).

Die Mitte 1972 gegründete deutsche Terrorgruppe Revolutionäre Zellen (RZ) erwog schon früh Flugzeugentführungen nach palästinensischem Vorbild als Mittel zur Befreiung der inhaftierten Führungsebene der ersten Generation der Rote Armee Fraktion. Spätestens seit 1974 bestanden enge Verbindungen zwischen RZ und PFLP-EO, wie sich aus der Verwendung palästinensischer Namen für die Terroraktionen der RZ ablesen lässt. Parallel warben die RZ in der linksterroristischen Szene der Bundesrepublik für Flugzeugentführungen, stießen dabei aber auf wenig Unterstützung. Spätestens Anfang 1976 waren die RZ-Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann in die Hierarchie der PFLP-EO eingebunden. Unmittelbarer Auslöser für die Flugzeugentführung von Entebbe war ein gescheiterter Anschlag auf ein El-Al-Flugzeug am 25. Januar 1976. Dabei nahm der israelische Geheimdienst ein fünfköpfiges palästinensisch-deutsches Kommando fest. Daraufhin begannen PFLP-EO und RZ die Vorbereitung einer weiteren Entführung.Robert Wolff: Blinde Flecken, Erzählungen, Mythen. Neue Perspektiven auf die Flugzeugentführung nach Entebbe 1976. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 71 (2023), Heft 3, S. 525–555, hier S. 540–544.

Umsetzung Am Vormittag des 27. Juni 1976 wurde der Flug 139 der Air France, der von Tel Aviv über Athen nach Paris führen sollte, kurz nach dem Start in Athen entführt. Noch in der Luft wurden die Ausgänge des Flugzeugs mit Sprengsätzen versehen und Ausweisdokumente der Passagiere eingesammelt. Die Trennung von israelischen und anderen Passagieren begann ebenfalls während des ersten Flugabschnitts.Robert Wolff: Blinde Flecken, Erzählungen, Mythen. Neue Perspektiven auf die Flugzeugentführung nach Entebbe 1976. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 71 (2023), Heft 3, S. 525–555, hier S. 544 f. Die mit 12 Personen Besatzung und 258 Fluggästen besetzte Maschine vom Typ Airbus A300 wurde zum Flughafen Bengasi in Libyen umgeleitet, wo sie nach drei Stunden Flugzeit ankam und sich mehr als sechs Stunden aufhielt. Eine Passagierin fügte sich selbst eine blutende Unterleibsverletzung zu und gab akute Schwangerschaftskomplikationen vor, woraufhin die Luftpiraten sie als einzige Geisel in Bengasi freiließen.Entebbe thirty years on: Mancunian on board. In: Jewish Telegraph Online von 2006, abgerufen am 11. August 2014 (englisch). Das Flugzeug wurde aufgetankt und startete, ohne dass der Pilot über das Flugziel informiert wurde. Der lange Aufenthalt in Bengasi hing offenbar mit Kommunikationsproblemen zwischen den Entführern und dem PFLP–EO–Kommandeur Wadi Haddad zusammen.Robert Wolff: Blinde Flecken, Erzählungen, Mythen. Neue Perspektiven auf die Flugzeugentführung nach Entebbe 1976. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 71 (2023), Heft 3, S. 525–555, hier S. 545 f. Nach fünfstündigem Flug und einer abgelehnten Landeanfrage im sudanesischen KhartumRobert Wolff: Blinde Flecken, Erzählungen, Mythen. Neue Perspektiven auf die Flugzeugentführung nach Entebbe 1976. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 71 (2023), Heft 3, S. 525–555, hier S. 546. landete es schließlich am Morgen des 28. Juni auf dem Flughafen Entebbe in der Nähe von Kampala, der Hauptstadt Ugandas.Hijacking of Air France Airbus …. (PDF; 10 Seiten) S. 1. In: Keesing’s Record of World Events. 1976 (englisch)

Die Entführer waren zwei (PDF-Datei; 5,5 MB) Terroristen der PFLP-EO sowie Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, zwei Gründungsmitglieder der Revolutionären Zellen. Sie nannten ihre Einheit zu Ehren des im Gefecht mit israelischen Soldaten getöteten PFLP-Kämpfers Mohammad al-Aswad (1946–1973)Jean-Pierre Filiu: Gaza: A History. Oxford University Press, Oxford / New York 2014, S. 396 (englisch). „Kommando Guevara (von) Gaza“.von Radio Uganda verbreitetes PFLP-Kommuniqué vom 6. Juli 1976, dokumentiert in: Materialsammlung zu Markus Mohr (Hrsg.): Legenden um Entebbe. (PDF; 1,9 MB) Website des Unrast-Verlags, Mai 2016; abgerufen am 19. Januar 2017. Das Quartett, das gemeinsam mit weiteren Passagieren in Athen zugestiegen war, war mit im Bordgepäck mitgeführten Schusswaffen, Handgranaten und Sprengstoff bewaffnet. Anführer des Kommandos war Böse, der sich den Passagieren vom Cockpit aus unter dem Decknamen „Basil al-Kubaisy“ (nach einem 1973 ermordeten Führungsmitglied der PFLP) als neuer Kapitän des Flugzeugs vorstellte, das nun in Haifa umbenannt wurde.Yehuda Ofer: Operation Thunder: The Entebbe Raid. S. 6. Die 1948 Teil Israels gewordene Küstenstadt war nach Aussage einer israelischen Geisel Geburtsort eines der beiden palästinensischen EntführerPassengers Comment on Air France Hijacking. (PDF), Vermerk der US-Botschaft Tel Aviv vom 8. Juli 1976, abgerufen über The National Archives am 12. August 2014 (englisch). und Heimat Haddads. Am Flughafen Entebbe schlossen sich den vier Entführern weitere bewaffnete Kämpfer der PFLP-EO an.Raffi Berg: Recollections of Entebbe, 30 years on. In: BBC News vom 3. Juli 2006, abgerufen am 17. Juli 2014 (englisch). Fais Dschaber – bereits seit PFLP-Gründung enger Vertrauter Haddads – übernahm von Böse die Befehlsgewalt.Saul David: Operation Thunderbolt. S. 72.

Inwieweit der 1971 mit israelischer Hilfe an die Macht gelangte Idi Amin,Helen Epstein: Idi Amin’s Israeli Connection. In: New Yorker, 27. Juni 2016 (englisch); abgerufen am 20. Januar 2017. der sich 1972 zum scharfen Kritiker Israels gewandelt hatte,Idi Amin and Israel: First Love, Then Hate. Jewish Telegraphic Agency, 20. August 2003 (englisch); abgerufen am 20. Januar 2017. nicht bloß als spontan eingetretener Vermittler, sondern als eingeweihter Unterstützer der Geiselnehmer agierte, ist umstritten. Israel warf Amin später vor, vor dem Eintreffen der Air-France-Maschine seien auf seine Veranlassung fünf Terroristen mit seinem persönlichen Flugzeug zur Verstärkung nach Entebbe geflogen worden. Amin selbst gab an, nicht vorab über die Geiselnahme informiert gewesen zu sein und die Landegenehmigung aus humanitären Gründen angesichts eines wegen Treibstoffmangels andernfalls drohenden Absturzes erteilt zu haben.Gerald Utting: The Israeli raid: ‘I forgive everybody’. In: The Montreal Gazette vom 16. Juli 1977, abgerufen am 19. Juli 2014 (englisch). Eine von Journalisten der Zeitung Le Monde erstellte Auswertung von Akten der französischen Botschaft in Uganda, die 2016 nach vierzigjähriger Sperrfrist freigegeben wurden, stützt diese Position.Quarante ans après la prise d’otages d’Entebbe, les révélations des archives diplomatiques. In: Le Monde, 28. Dezember 2016 (französisch). Andererseits deuteten mehrere Geiseln die Tatsache, dass die Terroristen sich in Anwesenheit zahlreicher ugandischer Soldaten auf dem Flughafengelände zahlenmäßig verstärken, mit zusätzlichen Waffen versorgen und ungehindert bewegen konnten, als Anzeichen für eine vorherige Absprache.Saul David: Operation Thunderbolt. S. 61.

Das Flugzeug wurde in den älteren Teil des Flughafens dirigiert und von ugandischen Truppen umstellt. Zugleich rief die ugandische Armee auf Befehl Idi Amins den örtlichen Vertreter der Palästinensischen Befreiungsorganisation hinzu, der kurz darauf im Kontrollturm des Flughafens anwesend war und im Verlauf des Morgens mit den Entführern sprach, von diesen aber nicht als Verhandlungspartner akzeptiert wurde. Im Verlauf des Vormittags erreichten die Ugander und der inzwischen persönlich eingetroffene Idi Amin schließlich, dass die Insassen aus dem aufgeheizten Flugzeug in die alte Transithalle des Terminals wechseln konnten. Dort stießen kurz darauf drei weitere Palästinenser zu den Entführern, was diesen ermöglichte, sich bei der Bewachung der Geiseln abzuwechseln und in Schichten zu schlafen.Robert Wolff: Blinde Flecken, Erzählungen, Mythen. Neue Perspektiven auf die Flugzeugentführung nach Entebbe 1976. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 71 (2023), Heft 3, S. 525–555, hier S. 548 f.

Mit der Flugzeugentführung sollte die Freilassung von insgesamt 53 Inhaftierten aus Gefängnissen in Israel, Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz erpresst werden. Darunter waren Mitglieder der Rote Armee Fraktion, der Bewegung 2. Juni sowie Kōzō Okamoto von der Japanischen Roten Armee. Aus Sicht der Revolutionären Zellen war das strategische Ziel, den Kampf verschiedener internationaler Stadtguerillagruppen auf eine internationale Ebene zu heben, nachdem jeweils nationale Aktionen nicht die erhoffte Befreiung von Gesinnungsgenossen erreicht hatten.Robert Wolff: Blinde Flecken, Erzählungen, Mythen. Neue Perspektiven auf die Flugzeugentführung nach Entebbe 1976. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 71 (2023), Heft 3, S. 525–555, hier S. 540. Außerdem forderten die Entführer fünf Millionen US-Dollar von der französischen Regierung für die Rückgabe des Flugzeuges.

Trennung der jüdischen von den nichtjüdischen Geiseln