Der Evangelikalismus ist ein theologischer Sammelbegriff für mehrere Frömmigkeits- und Reformbewegungen innerhalb des Protestantismus, die stark beeinflusst sind vom deutschen Pietismus, vom britischen Puritanismus, vom englischen Methodismus sowie von den amerikanischen Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Der Evangelikalismus breitete sich konfessionsübergreifend aus. Anhänger dieser Strömungen werden heute als „Evangelikale“ bezeichnet.

Die Glaubenshaltung der Evangelikalen besteht in einer „persönlichen Beziehung“ zu Gott als ihrem Vater sowie zu Jesus Christus als ihrem „Herrn und Erlöser“. Initiiert werde diese Gottesbeziehung durch geistliche Erfahrungen, die zur Bekehrung führen. Es folgt eine persönliche, oft auch öffentlich gemachte Glaubensentscheidung, künftig in der Nachfolge Jesu leben zu wollen. In den meisten Freikirchen ist diese Entscheidung auch mit der sogenannten Gläubigentaufe verbunden.

Zentral für Glauben und Leben ist im Evangelikalismus die Berufung auf die als zuverlässig bezeichnete Lehrautorität der Bibel. Hier gilt die Überzeugung: „Die Bibel lebt, denn Gott redet durch sie.“So die baptistische Rechenschaft vom Glauben, Teil 1, Kap. 6: Gottes Wort – die Bibel.

mini|Ulrich Parzany als Hauptredner bei ProChrist 2009

Das zugehörige Adjektiv „evangelikal“ wird von dem umfassenderen Begriff „evangelisch“ unterschieden. Evangelikale Christen gibt es in verschiedenen protestantischen Konfessionen; sie können anglikanisch, baptistisch, lutherisch, methodistisch, uniert, reformiert, adventistisch oder pfingstlich sein.Reinhard Hempelmann: Pfingstbewegung, Website der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, August 2021 (abgerufen am 9. Februar 2023). Manche fühlen sich, im pietistischen Sinne, konfessionsübergreifenden Bewegungen zugehörig. Der Begriff „evangelikal“ bezeichnet also keine bestimmte Konfession.Erich Geldbach: Evangelikale Bewegung. In: Evangelisches Kirchenlexikon. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1986, Bd. 1, Sp. 1186. Im deutschsprachigen Raum sind die Evangelikalen überwiegend in Freikirchen oder in Landeskirchlichen Gemeinschaften organisiert.Erich Geldbach: Evangelikale Bewegung. In: Evangelisches Kirchenlexikon, Bd. 2. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1989, Sp. 1186–1191, hier Sp. 1190. Jedenfalls wird betont, wie wichtig und wertvoll es ist, Teil einer lokalen Gemeinde zu sein. Die Evangelische Allianz bildet einen organisatorischen Rahmen für die Evangelikalen.

Begriffsgeschichte Die im Deutschen relativ junge Bezeichnung evangelikal bedeutet „auf das Evangelium zurückgehend“. Heute versteht man darunter eine Form des Christentums, die sich umfassend an der Bibel orientieren möchte und daher auch „bibeltreu“ genannt wird. Daraus folgt eine Distanz gegenüber dem jeweiligen Zeitgeist sowie einer liberalen Theologie im weiten Sinn, womit bestimmte Tendenzen eines historisch-kritischen Umgangs mit der Bibel gemeint sind.Franz Graf-Stuhlhofer: Elf Merkmale des historisch-kritischen Umgangs mit der Bibel, in: Jahrbuch für Evangelikale Theologie 30 (2016), S. 196–208.

Die Geschichte des Begriffes beginnt in England, wo er bereits vor der Reformation verwendet wurde.Hans Hauzenberger: Einheit auf evangelischer Grundlage. Von Werden und Wesen der Evangelischen Allianz. Gießen 1986, S. XIV. Im England des 16. Jahrhunderts diente evangelical als Bezeichnung für Protestanten innerhalb des Anglikanismus und bedeutete zunächst nichts anderes als die deutsche Bezeichnung evangelisch. Der Begriff wurde hier später durch die Bezeichnung protestantisch verdrängt.Klaus Kienzler: Der religiöse Fundamentalismus: Christentum, Judentum, Islam. 4. Ausgabe, C. H. Beck, 2007, S. 39.

Mitte des 18. Jahrhunderts tauchte der Ausdruck evangelical wieder auf. Er diente jetzt als Attribut für die Vertreter der methodistischen Erweckungsbewegung. Methodists und Evangelicals wurden als austauschbare Bezeichnungen verwendet.Fritz Laubach: Aufbruch der Evangelikalen. Witten 1972, ISBN 3-417-00401-2, S. 13 f. Mit der Gründung der Evangelischen Allianz (englisch: Evangelical Alliance) wurde der verdrängte Begriff erneut aufgenommen. Diese Gründung erfolgte 1846 bei einer Konferenz in London. Es nahmen 921 internationale Vertreter teil, vor allem aus Großbritannien und den USA aus verschiedenen protestantischen Kirchen. Die Gründungsväter der Allianz repräsentierten nur jenen Teil des Protestantismus, der im Pietismus sowie in der Erweckungs- und Evangelisationsbewegung wurzelte. Deshalb nannten sie ihr Bündnis nicht Protestant Alliance, sondern in Abgrenzung dazu Evangelical Alliance.Vergleiche dazu: Erich Beyreuther: Der Weg der Evangelischen Allianz in Deutschland, Wuppertal 1969, S. 10 ff.

In den USA wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versucht, den Begriff evangelical neu zu definieren, allerdings zunächst vor einem anderen kirchlichen Hintergrund als in England. So unterschied zum Beispiel Robert Baird in seinem Buch Religion in America (1844) zwischen evangelical und unevangelical. Mit evangelical bezeichnete er alle Protestanten, die an der Bibel als verbindlicher Richtschnur festhielten. Unevangelicals waren für ihn die Katholiken, Unitarier, Swedenborgianer, Juden, Atheisten und Sozialisten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als innerhalb des amerikanischen Protestantismus die Auseinandersetzung mit dem theologischen Liberalismus aufbrach, verwandelte sich auch hier der Begriff evangelical von der protestantischen Sammelbezeichnung hin zum „Markennamen“ einer besonderen Richtung innerhalb des Protestantismus.Denton Lotz: The Evangelization of the World in this Generation. The Resurgence of a Missionary Idea among the Conservative Evangelicals. Hamburg 1970, S. 66 ff.

In Deutschland wurde der Begriff evangelikal erst in den 1970er Jahren eingeführt. Bis dahin stellte der englische Begriff evangelical seit dem 16. Jahrhundert einfach die Übersetzung des deutschen Begriffs evangelisch dar. Seit den 1970er Jahren bezeichnet der Begriff „evangelikal“ im deutschen Sprachraum zunehmend Erweckungsbewegungen und pietistische, reformatorisch-bekennende Bewegungen innerhalb von evangelischen Landes- und Freikirchen.Rolf Hille: Exkurs: Was heißt eigentlich „evangelikal“? In: Christian Herrmann (Hrsg.): Wahrheit und Erfahrung: Themenbuch zur Systematischen Theologie. Band 1. R. Brockhaus, 2004, ISBN 3-417-29484-3, S. 210–214.

Im deutschen Sprachraum konnte man die wörtliche Rückübersetzung evangelisch für den gleichen Begriff nicht verwenden, da der Begriff bereits seit der Reformation im 16. Jahrhundert besetzt ist. Daher kam es zur Wortschöpfung evangelikal, vor allem nach dem Missionskongress in Berlin 1966. Evangelikale Christen sehen sich in der Regel auch als evangelisch (im Sinne von „sich auf das Evangelium berufend“). Da aufgrund der geistlichen Liberalität des größten Teils der den Landeskirchen verbundenen Menschen evangelisch eher in der Ausnahme auch gleichzeitig „bibeltreu“ bedeutet, verwendet man den Begriff evangelikal zur Abgrenzung von nichtbibeltreuen Richtungen.Friedhelm Jung: 1.1 Der Begriff Evangelikal.

Im Englischen hat evangelical gegenwärtig zwei Bedeutungen:

Zum einen wird es mit evangelikal gleichgesetzt, zum anderen (seltener) einfach mit evangelisch, wie beispielsweise in der „Evangelical Lutheran Church in America“ (ELCA), der evangelisch-lutherischen Kirche der USA, die keineswegs „evangelikal“ ist.

Verwendung des Begriffs Der Begriff hat sich gegenüber ähnlichen Begriffen wie bibeltreu oder pietistisch durchgesetzt, da er vom Wort her die Verbindung sowohl zum Evangelium als auch zu einer internationalen Bewegung stark bibelorientierter Protestanten herstellt.

Begriffsklärung Nach dem vom britischen Historiker David Bebbington geprägten „Bebbington-Quadrilateral“ können Evangelikale anhand von vier Grundüberzeugungen beschrieben werden:

ihrer Betonung der Vertrauenswürdigkeit der Bibel der Zentralität des Versöhnungswerks Christi am Kreuz der Notwendigkeit einer persönlichen Bekehrung dem aktiven Einsatz zur Ausbreitung des Evangeliums.Tagungsbericht: Pietismus – Neupietismus – Evangelikalismus. Bericht des 4. Symposiums der Forschungsstelle Neupietismus, März 2015. In: afet.de, abgerufen am 1. Januar 2020.

Jürgen Werth, ehemaliger Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD), charakterisiert die evangelikalen Christen gemeinsam mit Fritz Laubach folgendermaßen: „Sie sammeln sich um Bibel und Gebet und betonen die Notwendigkeit einer bewussten Glaubensentscheidung. Leben im Glauben bedeutet für sie gemeinsames missionarisches Zeugnis und soziales Engagement. Kritischen Anfragen an den christlichen Glauben und das kirchliche Bekenntnis stehen sie offen gegenüber, sind aber nicht bereit, beim Fragen stehen zu bleiben, sondern wollen zu konstruktiven Antworten kommen. Sie halten an der Vertrauenswürdigkeit der Bibel und am Bekenntnis fest.“ Er definiert weiter evangelikal als evangelisch im Ursprungssinne des Sola fide, sola scriptura, sola gratia, solus Christus. Diese Punkte eignen sich aber nur bedingt zur Unterscheidung von anderen Christen, denn sie sind gut evangelisch. Das Charakteristische sei eher, wie diese Punkte gefüllt, betont und miteinander verbunden werden.John Stackhouse: Evangelical Theology Should Be Evangelical. In: John Stackhouse: Evangelical Futures. A Conversation on Theological Method. IVP/Baker, Grand Rapids 2000, S. 429.

Der Theologe Joel Edwards, ehemaliger Leiter der britischen Evangelical Alliance, spricht sich für eine Rehabilitierung des Begriffes evangelikal als „gute Nachricht“ aus: Es gebe kein passendes Synonym dafür; vielmehr gehe es darum, den Begriff positiv mit Inhalten zu füllen.Joel Edwards: Unwiderstehlich. Kirche, die Jesus verkörpert. Neufeld Verlag, Schwarzenfeld 2010, S. 69 ff.

Abgrenzung zum christlichen Fundamentalismus Fundamentalismus kann grundsätzlich auf verschiedene religiöse Richtungen und Weltanschauungen bezogen werden.Evangelikalismus auf der Website der Informationsstelle Kirchen – Sekten – Religionen der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, Zugriff am 6. September 2011. In der medialen Berichterstattung beziehungsweise der öffentlichen Debatte in Deutschland wird Evangelikalismus häufig mit Pietismus, Biblizismus und christlichem Fundamentalismus gleichgesetzt.Klaus Kienzler, s. v. Fundamentalismus II.2. Christentum. In: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage. (Studienausgabe) UTB, Bd. 3, S. 415.James Barr: Fundamentalismus. In: Evangelisches Kirchenlexikon. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1986, Bd. 1, Sp. 1404.

Klaus Kienzler etwa nennt als Gemeinsamkeiten eine Ablehnung der liberalen Theologie und der historisch-kritischen Exegese und den Glauben an eine Verbalinspiration der Heiligen Schrift.Klaus Kienzler, s. v. Fundamentalismus II.2. Christentum. In: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage. (Studienausgabe) UTB, Bd. 3, S. 415. Ebenso werden das persönliche Bekehrungserlebnis und die Ablehnung anderer Religionen, die als Irrwege bezeichnet werden, angeführt.Oda Lamprecht, Christian Baars: Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin 2009, S. 15 f.

Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber hält es indes für falsch, Evangelikalismus und Fundamentalismus gleichzusetzen bzw. den Evangelikalismus für einen Neuimport aus Amerika zu halten: