mini|Kemal Atatürk, dazu seine letzte Unterschrift als „K. Atatürk“. Dieser Familienname wurde ihm im November 1934 exklusiv durch Gesetz verliehen. rahmenlos|klasse=skin-invert-image

Kemal AtatürkAtatürks Personalausweis von 1934. (bis 1934 Mustafa Kemal Pascha, ; von 1935 bis 1937 Kamâl Atatürk;Atatürks Personalausweis von 1935.Atatürk kehrte ab Mai 1937 zur alten Schreibweise Kemal zurück. Vgl. * 1881 in Selânik, Osmanisches Reich (heute Thessaloniki, Griechenland); † 10. November 1938 in Istanbul, Türkei), auch als Mustafa Kemal Atatürk bezeichnet, war der Begründer der Republik Türkei und von 1923 bis 1938 erster Präsident der nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen modernen Republik.

Seine Verdienste als Offizier bei der Verteidigung der Halbinsel Gallipoli 1915 gegen alliierte Truppen, die die Dardanellen unter ihre Kontrolle bringen wollten, und ab 1921 der Abwehrkampf gegen die nach Anatolien vorgedrungenen Griechen ließen ihn zur Symbolfigur türkischen Selbstbehauptungswillens und Nationalbewusstseins werden. Als Machtpolitiker, der die Modernisierung seines Landes nach westlichem Vorbild beharrlich vorantrieb, schuf er mit der Abschaffung von Sultanat und Kalifat sowie mit weitreichenden gesellschaftlichen Reformen (Einführung des Laizismus, Gleichstellung von Mann und Frau, Türkisierung des Landes etc.) einen in dieser Form einmaligen Staatstypus. Darauf beruhen – trotz teilweiser Kontroversen über sein Wirken – die personenkultartige Verehrung, die ihm in der Türkei bis heute entgegengebracht wird, und die Unangefochtenheit des ihm 1934 vom türkischen Parlament verliehenen Nachnamens Atatürk (Vater der Türken).

Leben und Wirken Herkunft und Jugend mini|Geburtshaus Mustafa Kemals

Geboren wurde Mustafa als Sohn der seit 1871 verheirateten Eheleute Ali Rıza Efendi und Zübeyde Hanım 1881 in Selânik, dem heute griechischen Thessaloniki, das damals Teil des Osmanischen Reiches war. Zugleich war es Heimstatt verschiedener Völker, in der Muslime mit Juden und Christen vorwiegend friedlich zusammenlebten. Die Einwohnerschaft bestand aus 49.000 Juden neben 25.000 Muslimen und 11.000 Christen.Kristina Milz: Republik der Hutbürger. In: FAZ vom 23. Oktober 2023, Seite 6 (online). Mustafas Großvater väterlicherseits hieß Kızıl Hafız Ahmed Efendi. Auch Mustafas Familie und enge Freunde behaupten, er stamme aus Thessaloniki, was die Herkunft seines Vaters Ali Rıza Efendi betrifft. Der Journalist und enge Freund Falih Rıfkı Atay behauptet, Mustafas Vorfahren väterlicherseits stammten aus der Gegend von Söke in der Provinz Aydın. Seine Mutter Zübeyde hingegen stamme aus dem damaligen, wenige Wegstunden von Saloniki entfernten Yörüken-Dorf Sarıyer. Ihr Vater Feyzullah sei 1810 aus dem Bezirk (nahiye) Sarıgöl bei Vodina hergezogen. Ihre Vorfahren seien bereits nach der osmanischen Eroberung Thessaliens in die Gegend gekommen. Zübeyde war 20 Jahre jünger als ihr Ehemann Ali Rıza. Sie hatte zwei jüngere Brüder, Hasan, der in Langaza (heute Langadas) eine Küche betrieb, und Hüseyin, der auf einem Gutsbetrieb eines Angehörigen der Saloniker Oberschicht als subaşı (Verwalter) tätig war und nach dem Tod Ali Rızas für seine Schwester und deren Kinder sorgte.Falih Rıfkı Atay, Çankaya: Atatürk'ün doğumundan ölümüne kadar, Betaş, İstanbul, 1984, p. 17. (türkisch), neuere Ausgabe: Çankaya. Atatürk'ün Doğumundan Ölmüne Kadar. Pozitif, Istanbul 2014, ISBN 978-605-5514-04-4. Es gibt auch Gerüchte, seine Familie stamme aus dem Dorf Kodžadžik in Nordmazedonien.Güler, Ali (1 November 1999). Mustafa Kemal Atatürk'ün Soyu. Atatürk Araştırma Merkezi Dergisi. 15 (45): 969-1009. Seine Mutter war Tochter einer alteingesessenen bäuerlichen Familie des Städtchens Langaza bei Thessaloniki.

Es gibt verschiedene Vermutungen über Atatürks ethnische Abstammung – nach einigen Berichten soll er albanisch-mazedonischer Herkunft sein, er selbst behauptete später, von den Yörük-Turkmenen abzustammen –, jedoch gibt es für keine dieser Aussagen hinreichende Belege.Mango: Atatürk (1999), S. 27. Gesichert ist, dass seine Eltern und seine nahen Verwandten türkische Muttersprachler waren.Mango: Atatürk (1999), S. 27 bzw. 28.

Sein Vater Ali Rıza war zunächst als Beamter im Amt für religiöse Stiftungen, 1876/77 als Leutnant eines Freiwilligenbataillons, sodann als Zollbeamter und als Holzhändler tätig gewesen.Andrew Mango: Atatürk. 1. Auflage. Overlook Press, Woodstock, N.Y. 2000, ISBN 1-58567-011-1, S. 27/29. Mango weist darin nach, dass die tradierte Geschichte vom harten Leben des Zollbeamten und der Wechsel in den Beruf des Holzhändlers von den Daten her nicht stimmig ist. Von fünf Geschwistern Mustafas erreichte nur die Schwester Makbule das Erwachsenenalter. Mustafa Kemals eigenes genaues Geburtsdatum steht nicht fest. Er selbst wählte dafür später den 19. Mai – das Datum, an dem er 1919 mit 38 Jahren in der anatolischen Küstenstadt Samsun landete, um Kräfte für die Befreiung des Landes von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs und vom Sultanat zu sammeln.

Mustafas Kindheit war von mehreren Umbrüchen bestimmt, in denen mitunter bereits sein ausgeprägter EigenwilleBernd Rill: Kemal Atatürk. Rowohlt, Reinbek 1985, S. 19. und seine Durchsetzungsfähigkeit zur Geltung kamen. Nur wenige Tage besuchte er, vor allem wegen der Aufnahmezeremonie, die von der Mutter gewollte Koranschule. Dann wechselte er mit Unterstützung des Vaters auf eine Privatschule nach westlichem Vorbild. Als er sieben Jahre alt war, starb sein Vater. Die Mutter, die ihre beiden verbliebenen Kinder kaum ernähren konnte, zog zu ihrem Bruder aufs Land, wo keinerlei geregelter Schulbesuch möglich war. Nach zweijähriger Schulpause wurde Mustafa als Halbwaise in die Obhut seiner Tante in Thessaloniki gegeben, damit er wieder am Unterricht teilnehmen und nebenbei das Vieh des Onkels hüten konnte. Schlimme Prügel, verbunden mit blutigen Striemen auf dem Rücken, die er von einem Lehrer bezog, ließen ihn zum wiederholten Male zum Schulabbrecher werden und die Mittelschule relegierte ihn. Als Zwölfjähriger bewarb er sich dann heimlich an der militärischen Mittelschule in Saloniki, bestand die Aufnahmeprüfung und setzte seinen Willen anschließend gegen den Widerstand der Mutter durch. Den Beinamen Kemal (arabisch: Vollendung) hat ihm nach eigenem Bekunden sein dortiger Mathematiklehrer gegeben, den er mit seinen Fähigkeiten beeindruckte. Die Abschlussprüfung 1895 absolvierte er als Viertbester.

Militärische Schulung und politische Anfänge (1896–1905) Seine Ausbildung setzte er 1896, fernab der Familie, im westmazedonischen Manastır (heute Bitola) an der dortigen höheren Militärschule (Kadettenschule) fort. An dieser, wie auch an anderen militärischen Ausbildungsstätten des damaligen Osmanischen Reiches, gab es starke westlich orientierte Reformbestrebungen.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts waren Öffnungstendenzen gegenüber dem Westen – bis hin zu der von Sultan Abdülhamid II. 1876 eingeführten Verfassung (nebst Parlament), die er allerdings zwei Jahre später widerrief – wiederholt von osmanischen Herrschern gefördert worden. Für die jungtürkische Oppositionsbewegung (vor allem an den – von Abdülhamid II. gegründeten – Militärschulen), an die Mustafa Kemal nun in Manastır Anschluss fand, war dies der Ansatzpunkt.

mini|Die älteste Fotografie mit Mustafa Kemal zeigt ihn 1901 in Gesellschaft seiner Schulkameraden der Militärschule (sitzend von links nach rechts: Kâzım Özalp, Mustafa Kemal und Ali Fuat) Nach wiederum hervorragend bestandener Abschlussprüfung gelangte Mustafa Kemal 1899 als Offizieranwärter an die Militärakademie in Istanbul. Hier wurde er wegen oppositioneller politischer Umtriebe auffällig, profitierte aber von der Protektion des liberalen Akademiedirektors. Bald nach dem Ende seiner Offiziersausbildung geriet er in die Fänge des Geheimdienstes, musste mehrere Monate im Gefängnis verbringen und kam nur durch die neuerliche Fürsprache des Direktors der Militärakademie wieder auf freien Fuß. Die Geheimdienstakte seiner Verfehlungen verzeichnete nicht nur politische Unbotmäßigkeit, sondern u. a. auch den als unehrenhaft geltenden Umgang mit Prostituierten und Alkoholkonsum.Dietrich Gronau: Mustafa Kemal Atatürk oder die Geburt der Republik. Fischer, Frankfurt am Main 1994, S. 54. Der übermäßige Konsum von Rakı, einem Schnaps, und Zigaretten, dem der unter Schlafstörungen Leidende zusprach, sollte in der Tat späterhin zu einem lebensverkürzenden gesundheitlichen Problem werden. 1902 schloss er die Kriegsschule als Achtbester ab und wurde zur Stabsausbildung zugelassen. Zugleich wurde er zum Unterleutnant befördert.

Die Militärakademie hatte er Anfang 1905 unter vierzig Absolventen seines Jahrgangs als Fünftbester im Dienstrange eines Hauptmanns (Yüzbaşı) beendet, was eine Karriere als Stabsoffizier erwarten ließ.

Militärische Laufbahn (1906–1919) Bis er nach den Niederlagen des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg als Reorganisator der türkischen Gesellschaft wirken konnte, hatte Mustafa Kemal eine ganze Reihe vergeblicher Anläufe genommen, zu einer staatlichen Führungsposition zu gelangen.

mini|Mitglieder von Vatan ve Hürriyet. Von links nach rechts: Halil, Mustafa Kemal und Lütfi Müfit (Beirut, 1906) Wegen Aktivitäten für die Geheimzeitung „Vatan“ (türkisch Vaterland) und der Organisation heimlicher Versammlungen wurde er verhaftet und nach einer wochenlangen Inhaftierung in Einzelhaft 1906 fernab der politischen Brennpunkte auf einen Außenposten in Damaskus abkommandiert.Bernd Rill: Kemal Atatürk. 9. Auflage. Rowohlt, 2008, ISBN 978-3-499-50346-7, S. 25 f. Dort ging er gegen die aufständischen arabischen Drusen im Hauran vor. In Damaskus kam Mustafa Kemal in Kontakt mit einem Anhänger der oppositionellen Jungtürken, der an einem gescheiterten Attentat auf Sultan Abdülhamid II. beteiligt gewesen war. Durch einen Buchladen handelte er u. a. mit verbotenen französischen Schriften. Mustafa Kemals Gruppierung „Vatan ve Hürriyet Cemiyeti“ fusionierte mit dem jungtürkischen Komitee für Einheit und Fortschritt, für das Mustafa Kemal in Jerusalem, Jaffa und Beirut weitere Mitglieder anwarb. Ende 1906 gab ihm sein militärischer Vorgesetzter Rückendeckung für eine verdeckte Reise zurück nach Saloniki, wo Mustafa Kemal eine Zweigstelle seiner Geheimgesellschaft gründete, aber vergeblich Zugang zu den führenden Köpfen der jungtürkischen Opposition suchte. Der Gefahr, hier als Deserteur entdeckt zu werden, begegnete er durch seine rechtzeitige Rückreise nach Syrien.

mini|hochkant|links|Mustafa Kemal mit 26 Jahren, 1907 Nach seiner Beförderung zum „kolağası“ wurde er im September 1907 nach Mazedonien versetzt. Doch auch das verschaffte ihm keinen Eintritt in den Führungszirkel des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt. So war es der um ein Jahr jüngere jungtürkische Offizier und sein langjähriger politischer Rivale Enver, der den Sultan mit einer Militärrevolte zwang, die Verfassung von 1876 wieder in Kraft zu setzen, und der Mustafa Kemal dann für lange Zeit politisch im Abseits hielt.

Die politischen Ziele Envers und Mustafa Kemals unterschieden sich vor allem in zwei Punkten. Während Enver die militärischen Verbindungen zum Deutschen Kaiserreich möglichst eng halten und im Kriegsfall mit den Deutschen „gemeinsame Sache“ machen wollte, lehnte Mustafa Kemal dies ab und strebte die unabhängige Reorganisation der osmanischen Armee an. Und während Enver für die Zukunft ein pantürkisches Reich unter Einschluss der Turkvölker Mittelasiens avisierte, waren Mustafa Kemals nationalstaatliche Vorstellungen von vornherein in etwa an der heutigen Ausdehnung des türkischen Staatsgebietes orientiert. 1908 wurde er dem Generalstab des Armeekorps in Saloniki zugeteilt.