mini|hochkant|Clara Katharina Pollaczek (um 1920) Clara Katharina Pollaczek (geboren als Clara LoebDen zweiten Vornamen Katharina erwarb sie erst 1918. In: Stephan Kurz, S. 15. am 15. Januar 1875 in Wien; gestorben am 22. Juli 1951 im Wiener Gemeindebezirk Döbling) war eine österreichische Schriftstellerin von Unterhaltungsliteratur, Theaterstücken und Lyrik. In der Literaturgeschichte ist sie vor allem als letzte Lebensgefährtin Arthur Schnitzlers bekannt. Nach seinem Tod arbeitete Pollaczek auf der Grundlage ihrer Tagebücher, die sie von 1924 bis 1931 geführt hatte, und der Korrespondenz mit Schnitzler den Lebensabschnitt mit ihm auf. Ihr 990 Seiten umfassendes Typoskript stellte sie unter den Titel Arthur Schnitzler und ich. Forschung zum Werk der Schriftstellerin, die sie aus dem „Schatten Schnitzlers“ heraustreten lässt, steht bislang aus.
Leben und Werk Biografie Clara Loeb wuchs mit zwei Brüdern, Alfred und Otto, und einer Schwester, Anna, in einer großbürgerlichen, säkularen jüdischen Familie in Wien auf. Ihr Großvater war als Textilfabrikant, der die Armee der Habsburger während der napoleonischen Kriege mit Kleidung ausgestattet hatte, zu Wohlstand gekommen. Ihr Vater Louis war Bankier. Ihr Onkel war Theodor Ritter von Taussig. Als Tochter aus gutem Hause erhielt Clara Privatunterricht und verbrachte mit ihrer Familie die Ferien oft in Bad Ischl.Stephan Kurz: Im Schatten Schnitzlers. Leben und Werk von Clara Katharina Pollaczek. in: Michael Rohrwasser, Stephan Kurz (Hrsg.) unter Mitarbeit von Daniel Schopper: Stephan Kurz: Im Schatten Schnitzlers. Leben und Werk von Clara Katharina Pollaczek. In: Michael Rohrwasser, Stephan Kurz (Hrsg.) unter Mitarbeit von Daniel Schopper: „A. ist manchmal wie ein kleines Kind.“ Clara Katharina Pollaczek und Arthur Schnitzler gehen ins Kino. S. 12.
Hochgebildet und künstlerisch begabt begann sie mit 19 Jahren gegen den Willen ihrer Eltern unter männlichen Pseudonymen Unterhaltungsliteratur zu schreiben. Im April 1897 erschien in der Literaturzeitschrift Neue Deutsche Rundschau Claras Szenenfolge Mimi. Schattenbilder aus einem Mädchenleben unter dem Pseudonym „Bob“ mit einem Prolog von Hugo von Hofmannsthal. Mimi gilt als weibliches Gegenstück zu Arthur Schnitzlers Anatol und wurde der größte Erfolg ihres literarischen Schaffens. Im Mittelpunkt steht ein schüchternes Mädchen, das sich zu einer selbstbewussten jungen Frau entwickelt, die ihr Leben genießen möchte und kritisiert, dass ihre Eltern für sie einen Ehemann aussuchen. In einer Folge erlebt die Protagonistin eine „amouröse Plänkelei mit einem Schriftsteller auf einem Ruderboot am nächtlichen Millstätter See“.Stephan Kurz: Konnotierte Bibliografie zu Clara Katharina Pollaczek. S. 35. Die Eltern Loeb erfuhren durch einen anonymen Brief, dass sich hinter dem Pseudonym ihre Tochter verbarg. Hofmannsthal musste beim S. Fischer Verlag den geplanten Buchdruck verhindern.Andreas Tallian: Im Schatten des Todes: die Beziehung zwischen Arthur Schnitzler und Clara Katharina Pollaczek. Universität Wien 2010, S. 6. Die Schnitzler-Biografin Renate Wagner vermutet, dass die Eltern auf eine baldige Eheschließung Claras mit Otto Pollaczek drängten, dem Erben der größten Rohlederhandlung der Monarchie, um die skandalträchtige Laufbahn ihrer Tochter als Schriftstellerin zu unterbinden und zugleich für eine standesgemäße Verbindung zu sorgen.Stephan Kurz: Im Schatten Schnitzlers. Leben und Werk von Clara Katharina Pollaczek. S. 14.
Clara Loeb beugte sich dem Wunsch ihrer Eltern, gab die Schriftstellerei auf und verlobte sich Anfang 1898 mit dem in Prag geborenen Otto Pollaczek, einem Sohn des Kommerzialrates Wilhelm Pollaczek. Die Heirat fand am 10. Mai 1898 in der Synagoge Seitenstettengasse statt. Clara kommentierte die Eheschließung in ihrem Tagebuch: „Da ich aber durchaus heiraten wollte, gewöhnte ich mich langsam an O.P. der schließlich jung war und einen unleugbaren Charm hatte, trotz seiner großen Ungezogenheiten.“Zitiert von Stephan Kurz: Im Schatten des Todes: die Beziehung zwischen Arthur Schnitzler und Clara Katharina Pollaczek. S. 14. 1899 wurde ihr erster Sohn, Hermann Erich, geboren, 1902 der zweite, Karl Friedrich. Die Familie wohnte in einem eigenen Haus in der Blumauergasse im 2. Wiener Gemeindebezirk. Claras Sohn Karl berichtete in seinen 1982 erschienenen Memoiren, dass die Ehe nicht glücklich gewesen sei. Otto Pollaczek betrog seine Frau schon bald nach ihrer Heirat. Während ihrer zweiten Schwangerschaft machte er Sommerferien, in die er seine Geliebte mitnahm. 1907 geriet sein Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Als er sich am 17. April 1908 das Leben nahm, wohnte Clara schon nicht mehr im gemeinsamen Haus. Er ließ sie ohne Einkünfte und mit wenigen Reserven zurück. Nach dem Ersten Weltkrieg verschlechterte sich ihre finanzielle Lage, da sie in Kriegsanleihen investiert hatte. Sie musste ihren Schmuck versetzen, die Familienwohnung ihrer Eltern in der Peregringasse, in die sie nach dem Tod ihrer Mutter 1918 wieder gezogen war, vermieten und schließlich 1928 verkaufen. Aus den historischen Meldeakten im Wiener Stadt- und Landesarchiv erschließen sich vier Meldeadressen zwischen 1911 und 1928.Stephan Kurz: Im Schatten Schnitzlers. Leben und Werk von Clara Katharina Pollaczek. S. 15. Zeitweise lebte sie in einem Hotel, später mit ihren beiden Söhnen in einer kleinen Wohnung im 18. Bezirk, wo sie bis November 1932 gemeldet war.Stephan Kurz: Im Schatten Schnitzlers. Leben und Werk von Clara Katharina Pollaczek. S. 19. mini|hochkant|Grabstätte von Clara Katharina Pollaczek auf dem Sieveringer Friedhof Über eine schriftstellerische Tätigkeit Pollazceks nach ihrer Heirat bis in die 1920er Jahre ist nichts überliefert. Sie begann aufgrund ihrer prekären finanziellen Lage wieder zu schreiben. In den zwanziger und dreißiger Jahren veröffentlichte sie in der angesehenen Wiener Tageszeitung Neue Freie Presse Erzählungen und Novellen, Gedichte, Dramentexte sowie mehrere umfangreiche Fortsetzungsromane, die sich beim Publikum großer Beliebtheit erfreut haben sollen. Dabei habe sie sich, so Konstanze Fliedl, in einem Grenzbereich literarischer Tätigkeit befunden.Konstanze Fliedl: Verspätungen. Schnitzlers „Therese“ als Anti-Trivialroman. In: Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft 33 (1989), S. 330, Anmerkung 33. Zitiert von Stephan Kurz: Im Schatten Schnitzlers. Leben und Werk von Clara Katharina Pollaczek. S. 16. 1927 wurde ihr der „Volkstheaterpreis“ zuerkannt.
Unter dem Nationalsozialismus wurde Clara Katharina Pollaczek als Jüdin verfolgt. Ihr Überleben verdankte sie ihrem tschechoslowakischen Pass, in dessen Besitz sie durch ihre Heirat mit Otto Pollaczek gekommen war. Zwei Tage nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich konnte sie nach Prag ausreisen, wo sie eine Weile lebte. Als 1939 nach der deutschen Besetzung der Tschecho-Slowakischen Republik durch das NS-Regime das Protektorat Böhmen und Mähren errichtet wurde, war sie gerade auf Urlaub bei Freunden in der Schweiz; dort blieb sie bis Kriegsende. Verwandte unterstützten sie finanziell. In dieser Zeit konvertierte sie zum Katholizismus.Stephan Kurz, S. 23.Andreas Tallian, S. 5. 1945 zog sie zu ihrem Sohn Karl nach Gillingham. Ihr Bruder Otto arrangierte 1948 ihre Heimreise nach Wien.Stephan Kurz: Im Schatten Schnitzlers. Leben und Werk von Clara Katharina Pollaczek. S. 25.
An ihre schriftstellerischen Erfolge konnte sie nicht mehr anknüpfen. Alle ihre literarischen Kontaktpersonen, die sie vor 1938 gekannt hatte, waren tot oder emigriert. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie mit Hilfe ihres Sohnes Karl und einer Schwägerin. Drei Jahre später starb sie nach längerem Leiden.Laut Kary Poles Memoiren, zitiert von Andreas Tallian, starb sie an den Folgen einerlange Zeit unentdeckten Krebserkrankung, s. Im Schatten des Todes: die Beziehung zwischen Arthur Schnitzler und Clara Katharina Pollaczek. Wien 2010, S. 10. In der Sterbeurkunde ist als Todesursache „Osteochondrose der Wirbelsäule, Spondylose und Herzmuskelentartung“ eingetragen. In: Stephan Kurz: Im Schatten Schnitzlers. Leben und Werk von Clara Katharina Pollaczek. S. 25. In der Neuen Freien Presse vom 25. Juli 1951 findet sich eine Notiz über die „verstorbene Mitarbeiterin Pollaczek“, die als Schriftstellerin zum Kreis um Arthur Schnitzler gehörte und durch ihre frühen feuilletonistischen Essays bekannt geworden war. Am 26. Juli wurde Clara Katharina Pollaczek in einem ehrenhalber gewidmeten Grab der Stadt Wien auf dem Sieveringer Friedhof bestattet (Gruppe 30, Reihe 1, Nummer 14).Stephan Kurz, S. 26, S. 25.
Ihren Sohn Karl Pollaczek, der als Arzt praktizierte, verhaftete die Gestapo 1938. Nach seiner Freilassung floh er am 20. Juni 1938 mit seiner Frau und Tochter in die Schweiz, von dort nach Großbritannien. Im englischen Exil nannte er sich Kary Pole. In seiner 1982 erschienenen Autobiografie Two halves of a LifeK.F. M. (Kary Frederick Michael) Pole: Two Halves Of A Life. The autobiography of a Viennese doctor who escaped from Nazi-occupied Austria and built up a new life and medical career in England. Meresborough Books, Gillingham 1982. schilderte er die Geschichte seiner Familie und das Leben seiner Mutter während des Zweiten Weltkriegs. Nach seinen Angaben wurde Claras Schwester Anna, die ebenfalls literarisch tätig war, im KZ Theresienstadt ermordet. Ihr Bruder Otto, ein Anwalt, überlebte in Wien: wie Kary Pole vermutete aufgrund seiner Verdienste im Ersten Weltkrieg. Der österreichische Literaturwissenschaftler Stephan Kurz hält es für wahrscheinlicher, dass ihn seine Ehe mit einer Katholikin, die sich nicht scheiden ließ, schützte.Stephan Kurz, S. 24. Er konnte als „Konsulent, zugelassen zur rechtlichen Beratung von Juden“ weiterarbeiten.Stephan Kurz, S. 32, Anmerkung 81 Ihr Bruder Alfred war als Maler Mitglied im Hagenbund. 1939 hatte er nach einem Eintrag im Allgemeinen Künstlerlexikon seinen Wohnsitz in London. Er starb 1945 in einem Kloster.Stephan Kurz, S. 24. Clara Pollaczeks ältester Sohn Herrmann war schon 1931 über Hamburg nach Argentinien ausgewandert.Stephan Kurz, S. 32, Anmerkung 71
Beziehung mit Arthur Schnitzler mini|hochkant|Arthur Schnitzler (um 1900) Clara Loeb begegnete Arthur Schnitzler 1896 zu Silvester auf einer der Hauspartys ihrer Eltern, zu denen sie bedeutende Künstler und Literaten ihrer Zeit einluden. Dort lernte sie auch Hugo von Hofmannsthal kennen. In ihren und Schnitzlers Tagebüchern finden sich Hinweise auf eine Affäre mit Hofmannsthal.Stephan Kurz, S. 13 und S. 29, Fn. 29 Beide Dichter ermunterten sie zu ihrem literarischen Schreiben. In seinem Tagebuch nannte Schnitzler sie „das liebe kleine Mädel mit großen Augen“.Arthur Schnitzler: Tagebuch 1893–1902 (Anm. 6) S. 167. Zitiert von Andreas Tallian, S. 13. Bis zu Clara Loebs Heirat im Jahr 1898 korrespondierten sie miteinander. Dabei diskutierte sie mit ihm auch schriftstellerische Themen. Im Rahmen der Familie sahen sie sich häufig. Sie schrieb, dass sie Treffen arrangieren wolle, die sie als „nervöse Zusammenkünfte“ bezeichnete, doch ob es zu Begegnungen zu zweit kam, ist nicht gewiss. Ihre Eltern missbilligten ihren Umgang mit Schnitzler wie auch mit anderen Männern. Während ihrer Ehe brach ihre Korrespondenz mit Schnitzler ab.