mini|Joseph McCarthy (1954) mini|„Es wird gegen ihn ermittelt; sein Blut ist rot und sein Herz ist links der Mitte!“ „Wenn man das so sieht, kriegen wir alle Ärger …“. Karikatur von Arthur Szyk aus dem Jahr 1949 McCarthy-Ära (auch McCarthyismus) bezeichnet einen Zeitabschnitt der jüngeren Geschichte der Vereinigten Staaten in der Anfangsphase des Kalten Krieges. Sie war durch einen lautstarken Antikommunismus und Verschwörungstheorien geprägtRichard Gid Powers: Not Without Honor. The History of American Anticommunism. Yale University Press 1995, S. 257 f.; Michael Butter: Konspirationistisches Denken in den USA. In: Andreas Anton, Michael Schetsche und Michael Walter (Hrsg.): Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens. Springer VS, Wiesbaden 2014, S. 266 ff. und ist auch als Second Red Scare (deutsch „Zweite Rote Angst“) bekannt. Obwohl der namensgebende Senator Joseph McCarthy nur von 1950 bis 1955 öffentlich in Erscheinung trat, wird der gesamte Zeitraum der Verfolgung echter oder vermeintlicher Kommunisten und deren Sympathisanten, der so genannten Fellow travelers, von 1947 bis etwa 1956 heute als McCarthy-Ära bezeichnet.
Geschichte Vorgeschichte Während des Zweiten Weltkrieges waren die USA und die Sowjetunion in der Anti-Hitler-Koalition verbündet. Der Antikommunismus ging zurück. In dieser Zeit kamen zahlreiche Immigranten aus Deutschland und dem deutsch besetzten Europa ins Land, von denen viele als entschiedene Antifaschisten der politischen Linken zugeneigt waren. Viele befruchteten das geistige Klima ihres Gastlandes, genossen die Freiheiten, die das linksliberale Klima der New-Deal-Ära auch für Kommunisten und Sozialisten bot. Sie engagierten sich im amerikanischen Staatsdienst, wie die jüdischstämmigen Sozialisten Herbert Marcuse und Franz Neumann, die für das OSS, die Vorgängerorganisation der CIA, arbeiteten.Jürgen Heideking, Christof Mauch: Geschichte der USA. 5. Auflage, A. Francke, Tübingen und Basel 2009, S. 272 f.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kühlten die Beziehungen zwischen den beiden Großmächten ab, der Kalte Krieg setzte ein. Mit dem Wechsel des außenpolitischen Feindbilds weg von Nationalsozialisten und Faschisten hin zu den Kommunisten, insbesondere der UdSSR und der Volksrepublik China, wandelte sich auch das innenpolitische Klima:Jürgen Heideking, Christof Mauch: Geschichte der USA. 5. Auflage, A. Francke, Tübingen und Basel 2009, S. 303. Roosevelts New Deal wurde im Wahlkampf zu den Kongresswahlen 1946 von den Republikanern in die Nähe des Kommunismus gerückt und die Demokratische Partei als „rote Faschisten“ (red fascists) beschimpft. Bei den Wahlen errangen die Republikaner die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses.Gary A. Donaldson: The Making of Modern America: The Nation from 1945 to the Present. Rowman & Littlefield, Lanham, Maryland 2012, S. 41.Gary A. Donaldson: Truman Defeats Dewey. University Press of Kentucky, Lexington, Kentucky 1999, S. 8.
Linksgesinnte wurden in der amerikanischen Gesellschaft nun als Bedrohung wahrgenommen. Bereits 1939 hatte der Hatch Act für Anstellungen bei einer Bundesbehörde von allen Bewerbern verlangt, zu schwören, dass sie keiner Organisation angehörten, die für den gewaltsamen Umsturz der verfassungsmäßigen Regierungsform eintrat. 1940 unterzeichnete Präsident Roosevelt den Alien Registration Act, der den Aufruf, die Regierung zu stürzen, unter Strafe stellte. Am 22. März 1947 ordnete Harry Truman mit der Executive Order 9835 eine Überprüfung der politischen Loyalität sämtlicher Angestellten der Bundesbehörden durch ein Loyalty Review Board an.Christof Mauch: Loyalty. In: Rüdiger B. Wersich (Hrsg.): USA Lexikon. Erich Schmidt, Berlin 1996, S. 445. Drei Millionen Staatsbedienstete wurden überprüft, 1.210 entlassen, und weitere 6.000 reichten ihre Kündigung ein.
Ausführende Organe Kennzeichnend für die McCarthy-Ära waren Vorladungen und Verhöre politisch Verdächtiger vor parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, z. B. dem Komitee für unamerikanische Umtriebe (offiziell House Committee on Un-American Activities oder HCUA, meist und in diesem Artikel jedoch House Un-American Activities Committee oder HUAC) des Repräsentantenhauses, in dem sich besonders der Demokrat Martin Dies Jr. (Leiter von 1938 bis 1944) und der Republikaner Richard Nixon hervortaten. Die ursprüngliche Aufgabe dieses Komitees bestand darin, gegen Personen mit kommunistischen oder faschistischen Verbindungen zu ermitteln.George McKenna: The Puritan Origins of American Patriotism. Yale University Press, 2007, S. 261. Ein weiteres war das 1952 gegründete Permanent Subcommittee on Investigations des Senats (Ständiger Unterausschuss für Untersuchungen),Geschichte des Komitees auf dessen offizieller Website, abgerufen am 28. Dezember 2012. dem der Republikaner McCarthy vorstand. McCarthy war bereits 1950 erfolgreich gewesen mit einer Verschwörungstheorie über angebliche Unterwanderungen von Regierungsbehörden durch Kommunisten. Er behauptete, er besitze eine Liste mit 205 Namen von aktuellen oder ehemaligen Mitgliedern der Kommunistischen Partei, die mit vollem Wissen von Außenminister Dean Acheson im State Departement beschäftigt seien. Diese Liste existierte nicht.Mike O’Connor: McCarthy, Joseph. In: Peter Knight (Hrsg.): Conspiracy Theories in American History. An Encyclopedia. ABC-CLIO, Santa Barbara / Denver / London 2003, Bd. 2, S. 462.
Beide Ausschüsse arbeiteten eng zusammen mit dem von J. Edgar Hoover geleiteten FBI.Arthur J. Sabin: In Calmer Times: The Supreme Court and Red Monday. University of Pennsylvania Press, 1999, S. 118. Staatsbedienstete wurden ebenso auf ihre Gesinnung überprüft wie Personen des öffentlichen Interesses und Künstler. Unterstützung erhielten diese Ausschüsse von antikommunistischen Privatorganisationen und Interessenverbänden wie der American Business Consultants Inc., der AWARE Inc. oder der Motion Picture Alliance for the Preservation of American Ideals (MPA), einem Zusammenschluss von Filmschaffenden.
Ermittlungen gegen die Kommunistische Partei Präsident Truman tat 1948 die 60.000 Mitglieder zählende Kommunistische Partei der USA (CPUSA) als „eine verachtenswerte Minderheit in einem Land der Freiheit“ („a contemptible minority in a land of freedom“) ab. Das FBI und das Justizministerium sammelten bereits ab 1946 belastendes Material gegen die Partei. 1949 wurden elf ihrer führenden Mitglieder wegen Verstoßes gegen den Smith Act angeklagt und im so genannten Foley Square Trial (benannt nach dem Veranstaltungsort des Prozesses, dem Foley Square in New York) zu Geld- und Haftstrafen verurteilt. Anschließend verurteilte Richter Harold Medina auch noch die Anwälte der Angeklagten zu Haftstrafen von bis zu sechs Monaten.Michal R. Belknap: American Political Trials: Revised, Expanded Edition. Praeger Publishers, Westpoint 1994, S. 207 ff.
1948 brachten die republikanischen Vertreter im HUAC, Karl Earl Mundt und Richard Nixon, einen Gesetzesantrag ein, die so genannte Mundt-Nixon-Bill, die alle Mitglieder der Kommunistischen Partei zwingen sollte, sich namentlich beim Generalbundesanwalt registrieren zu lassen. Der Antrag passierte das Repräsentantenhaus, wurde aber nicht vom Senat gebilligt, unter anderem weil Truman angekündigt hatte, sein Veto einzulegen. Ein zweiter Antrag, die Mundt-Ferguson-Bill, scheiterte ebenfalls, bildete aber die Grundlage für den so genannten Internal Security Act oder McCarran Internal Security Act (benannt nach dem Antragsteller, dem demokratischen Senator Pat McCarran), der 1950 in Kraft trat.Francis H. Thompson: Frustration of Politics: Truman, Congress, and the Loyalty Issue, 1945–1953. Fairleigh Dickinson University Press, 1979, S. 79 ff. Das ausdrücklich der Bekämpfung des Kommunismus auf amerikanischem Boden dienende Gesetz gestattete unter anderem die Festnahme und Internierung von Personen, bei denen „berechtigter Grund zur Annahme besteht, dass diese allein oder im Rahmen einer Verschwörung mit anderen Spionage oder Sabotage betreiben werden“.„[…] The detention of persons who there is reasonable ground to believe probably will commit or conspire with others to commit espionage or sabotage.“ – Der McCarran Internal Security Act im Wortlaut auf Historycentral.com, abgerufen am 11. Juni 2012.Thesenpapier (PDF; 312 kB), abrufbar auf der Website der Louisiana State University, abgerufen am 11. Juni 2012. Truman legte vergebens sein Veto ein, das er unter anderem mit der Feststellung begründete, das Gesetz sei eine „Gefahr für die Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit“.„[…] greatest danger to freedom of speech, press, and assembly […]“ – Wortlaut des auf Trumanlibrary.org, abgerufen am 11. Juni 2012. Der Kongress genehmigte die Errichtung von sechs Internierungslagern (detention camps), die aber nicht genutzt wurden.
Ermittlungen gegen Künstler und die „Schwarze Liste“ mini|hochkant|Antikommunistischer Aufruf der 1950er
1947 erklärten der Schauspieler Robert Montgomery und Mitglieder der Motion Picture Alliance wie Robert Taylor, Adolphe Menjou, Gary Cooper und Ginger Rogers vor Ausschüssen des HUAC, dass Hollywood von Kommunisten unterwandert sei. In der Folge wurden linker Sympathien verdächtigte Filmschaffende vor das HUAC geladen und vor die Wahl gestellt, mit diesem zusammenzuarbeiten oder Gefängnisstrafen zu riskieren. Die ersten zehn namhaften Vorgeladenen und später Verurteilten, darunter Dalton Trumbo und Edward Dmytryk, wurden unter dem Begriff Hollywood Ten bekannt.Wheeler Winston Dixon, Gwendolyn Audrey Foster: A Short History of Film. Rutgers University Press 2008, S. 178–182. Gleichzeitig beschloss eine Gruppe von Repräsentanten von Hollywood-Filmstudios, darunter Dore Schary, Samuel Goldwyn und Walter Wanger, unter Verdacht stehende Filmkünstler nicht mehr zu beschäftigen, was dem beruflichen Aus in der Filmindustrie gleichkam. Dies war die Ausgangsbasis für die so genannte Schwarze Liste.Brian Neve: Film and Politics in America. A Social Tradition. Routledge, Oxon, 1992, S. 89–90, 171, 174.
Walt Disney, Vizepräsident der MPA, nannte bei seiner Zeugenaussage vor dem HUAC am 24. Oktober 1947 drei Mitarbeiter, die sich an einem Streik in seinem Unternehmen beteiligt hatten und seiner Meinung nach eine Bedrohung für seine Geschäfte darstellten.Steven Watts: The Magic Kingdom: Walt Disney and the American Way of Life. University of Missouri Press, 2001, S. 284. Einer der drei, der aktive Gewerkschafter Herbert Sorrell, wurde nach der Öffnung der russischen Archive 1991 tatsächlich als Kontaktmann des sowjetischen Geheimdienstes, nach anderen Quellen als Spion enttarnt.Carol Berkin u. a. (Hrsg.): Making America: A History of the United States. Wadsworth, 2010, S. 624.Peter Schweizer: Reagan’s War: The Epic Story of His Forty-Year Struggle and Final Triumph Over Communism. Doubleday, New York 2002, ISBN 0-385-50471-3, S. 6. Auch Howard Hughes von RKO Pictures passte sich dem vorherrschenden Klima an, kündigte die „Säuberung“ seiner Produktionsgesellschaft von Kommunisten an und gab die Produktion des Films I Married a Communist (später erschienen als The Woman on Pier 13) in Auftrag.Donald L. Barlett, James B. Steele: Howard Hughes: His Life & Madness. W. W. Norton & Company, New York 1979, S. 180. Zuvor hatte er noch eines seiner Flugzeuge zur Verfügung gestellt, damit Mitglieder des Committee for the First Amendment, eines Zusammenschlusses von Vertretern des liberalen Hollywood wie Humphrey Bogart, Danny Kaye und John Huston, nach Washington fliegen und gegen die Vorladung der Hollywood Ten protestieren konnten.John Huston: An Open Book. Da Capo Press, Cambridge (MA) 1994, S. 132. Das demokratische HUAC-Mitglied John E. Rankin suchte im Gegenzug Kritiker wie Kaye, Edward G. Robinson und Melvyn Douglas zu diskreditieren, indem er auf ihre jüdische Herkunft verwies.Brenda Murphy: Congressional Theatre: Dramatizing McCarthyism on Stage, Film, and Television. Cambridge University Press, 1999, S. 17–18.