Das Kampfgeschwader 27 war ein Verband der Luftwaffe der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Es war nach Oswald Boelcke benannt, einem Jagdflieger des Ersten Weltkrieges. Aufgrund dieses Ehrennamens waren die Geschwaderangehörigen berechtigt am rechten Unterarm einen Ärmelstreifen mit der Aufschrift „Geschwader Boelcke“ zu tragen. Als Kampfgeschwader, ausgestattet mit Bombern, vom Typ Heinkel He 111 führte es Luftangriffe mit Bomben auf zugewiesene Ziele durch. Das Geschwader beteiligte sich am Überfall auf Polen, dem Westfeldzug, der Luftschlacht um England und dem Deutsch-Sowjetischen Krieg. Ab 1945 kam es in der Reichsverteidigung gegen die Westalliierten zum Einsatz. Mit der Umrüstung ab November 1944 auf die Messerschmitt Bf 109K und die Focke-Wulf Fw 190A änderte sich das Einsatzspektrum des Geschwaders zu dem eines Jagdgeschwaders. Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 wurde es aufgelöst.

Aufstellung Das Kampfgeschwader 27 entstand am 1. Mai 1939 nach dem neuen Benennungsschema der Luftwaffe aus dem am 1. April 1937 in Hannover-Langenhagen () aufgestellten Kampfgeschwader 157 „Boelcke“. Die Geschwaderangehörigen trugen seit dem 18. April 1935, am rechten Unterarm einen Ärmelstreifen mit der Aufschrift „Geschwader Boelcke“.Luftwaffen-Verordnungsblatt Jahrgang 1935. S. 80, Nr. 164. Aus dem Geschwaderstab und der I./KG 157 entstanden am 1. Mai 1939 der Stab und die I./KG 27. Aus der II. Gruppe des KG 157 bildete sich in Wunstorf () die II./KG 27. Die III./KG 27 entstand in Delmenhorst-Adelheide () aus der III./KG 157. Im Juni 1940 entstand die IV. (Ergänzungs-)Gruppe in Bourges/Frankreich () und im Januar 1943 formierte sich die 14.(Eis) Staffel, die dem Geschwaderstab direkt unterstellt war. Das Geschwader war von 1939 bis Ende 1944 mit der Heinkel He 111 ausgestattet. Erst in den letzten Kriegsmonaten rüstete es auf Jagdflugzeuge vom Typ Messerschmitt Bf 109 und Focke-Wulf Fw 190 um. Die Geschwaderkennung war 1G.

Gliederung Der Geschwaderstab führte die I. bis IV. Gruppe die wiederum in Staffeln unterteilt waren. Die 1. bis 3. Staffel gehörte der I. Gruppe, die 4. bis 6. Staffel der II. Gruppe, die 7. bis 9. Staffel der III. Gruppe und die 10. bis 13. Staffel der IV. Gruppe an. Die 14. Staffel unterstand dem Geschwaderstab direkt. Jede Staffel, geführt durch ein Staffelkapitän, war in drei Schwärme mit je vier Flugzeugen unterteilt. Daraus ergab sich eine Sollstärke der Bombergruppe von 36 Flugzeugen in den drei Staffeln + ein Flugzeug für den Gruppenkommandeur. (IV. Gruppe mit 4 Staffeln = 49 Flugzeuge) Dies ergab bei vier Bombergruppen eine Sollstärke von 148 Flugzeugen, + 4 Flugzeuge für den Geschwaderkommodore und seinen Stab, + 12 Flugzeuge für die 14. Staffel. Daraus ergibt sich eine Sollstärke von 176 Flugzeugen. Die IV. Gruppe war eine Ergänzungsgruppe und nahm in der Regel nicht an Kampfeinsätzen teil. In ihr wurden frisch ausgebildete oder rekonvaleszente Flieger eine Zeitlang an die Frontbedingungen gewöhnt und geschult, bevor sie in eine der drei Einsatzgruppen wechselten. Darum hatte sie meist ihren Standort in der Heimatbasis des jeweiligen Geschwaders.

Geschichte Überfall auf Polen mini|150px|Eine Heinkel He 111 über Warschau Der Stab, die I., II. und III. Gruppe des Geschwaders nahmen im Rahmen der 1. Fliegerdivision der Luftflotte 1 im Nordabschnitt der Front am Überfall auf Polen teil.Bernhard R. Kroener: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 5/1, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, ISBN 3-421-06232-3, S. 718–719. Der Geschwaderstab und die I. Gruppe lagen in Werneuchen (), die II. Gruppe in Neuhardenberg () und die III. Gruppe griff von Königsberg-Neumark () aus an. Es war ausgestattet mit der Heinkel He 111P-4 einem zweimotorigen Bomber dessen Daimler-Benz DB 601-Motoren zusammen 2200 PS leisteten und ihm eine Höchstgeschwindigkeit von 390 km/h und eine Bombenlast von 2000 kg verlieh.

Am Morgen des 1. September flog das Geschwader vom Fliegerhorst Hannover-Langenhagen aus über eine Anflugstrecke von 725 km in den Raum Warschau und griff dort Flugplätze der polnischen Luftwaffe, andere militärische Einrichtungen und das Flugzeugwerk von Państwowe Zakłady Lotnicze an. Die Bomber wurden durch Messerschmitt Bf 110 geschützt. Aufgrund dessen verloren die angreifenden polnischen Jagdfliegerkräfte unter Führung von Oberst Stefan Pawlikowski rund 17 Prozent ihrer Flugzeuge.E. R. Hooton: Luftwaffe at War: Gathering Storm 1933–1939, Classic Publications. ISBN 1-903223-71-7, S. 86–87E. R. Hooton: Phoenix Triumphant: The Rise and Rise of the Luftwaffe, Arms & Armour, ISBN 1-85409-181-6, S. 187 Anschließend flog das Geschwader seine neuen frontnahen Basen an. In den folgenden Tagen griff das Geschwader Eisenbahnstrecken und -gerät rund um Warschau an.E. R. Hooton: Luftwaffe at War: Gathering Storm 1933–1939, Classic Publications. ISBN 1-903223-71-7, S. 87 Die III. Gruppe leistete der 4. Armee Unterstützung gegen die Poznań-Armee. Weitere Luftangriffe auf die Narewübergänge und die Städte Łódź und Lublin folgten bis zum 27. September.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 99, 103, 107 Anfang Oktober verlegte das Geschwader zurück zu seinen Heimatbasen.

Westfeldzug Während des Westfeldzuges standen alle drei Gruppen unter dem Kommando des IV. Fliegerkorps der Luftflotte 2. Der Geschwaderstab und die I. Gruppe lagen in Hannover-Langenhagen (), die II. Gruppe in Krefeld () und die III. Gruppe in QuakenbrückHenry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders). S. 270–272, 363–364, 543–545, abgerufen am 30. Juni 2022 (). An der Ausstattung hatte sich nichts geändert. Der I. Gruppe standen 36, der II. Gruppe 35 und der III. Gruppe 38 Bomber vom Typ Heinkel He 111P-4 zur Verfügung, davon 93 einsatzbereit.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 99, 103, 107

In den ersten Tagen griff das Geschwader eine Vielzahl von Zielen in Staffelstärke an. Unter anderen wurden Flugplätze und andere militärische Einrichtungen in Lille,H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 107 Antwerpen, Norrent-Fontes, Dünkirchen, Brüssel, Boulogne, Abbeville, Berck, Saint-Inglevert, Cambrai und Namur bombardiert.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 99 Dabei wurden sie durch Jäger der Royal Air Force angegriffen, die der No. 3 Squadron, der No. 607 Squadron und der No. 85 Squadron angehörten. Die Bomber konnten insgesamt vier Hawker Hurricanes abschießen, während das Geschwader sieben Bomber verlor und weitere sieben beschädigt wurden.Ron Mackay: Heinkel He 111 Ramsbury, Marlborough, Wiltshire, UK: Crowood Press. ISBN 1-86126-576-X, S. 57 Um der 6. Armee der Heeresgruppe B den Vormarsch zu erleichtern, führte das Geschwader bis zum 15. Mai weitere Luftangriffe im Raum Lille, Antwerpen, Brüssel und Namur durch. Insbesondere bei der Schlacht von Gembloux griff es zugunsten des XVI. Armeekorps in die Bodenkämpfe ein.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 103 Anschließend unterstützte es die Panzerverbände beim strategischen Durchbruch zur Küste des Ärmelkanals. Dabei wurde am 18. Mai der Gruppenkommandeur der II. Gruppe, Major Reinhold Tamm mit seiner He 111P (Geschwaderkennung 1G+EP) bei Meaux und Couilly durch Flakfeuer abgeschossen. Er stürzte bei Chelles, östlich von Paris ab und geriet in französische Kriegsgefangenschaft. Er kehrte Anfang Juli wieder zurück. In diesem Raum musste sich das Geschwader mit den britischen No. 607 Squadron und No. 242 Squadron auseinandersetzten, die immer wieder Bomber abschossen. So mussten am 14. Mai die 2., 7. und 9. Staffel jeweils einen Bomber durch Abschuss abschreiben. Nachdem Panzerkräfte der Heeresgruppe A am 20. Mai den Ärmelkanal erreichten, entwickelten sich Schlachten um die Hafenstädte Calais und Dünkirchen, bei denen die Briten auch Jagdflugzeuge von der britischen Insel aus einsetzten.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 99 Dabei fiel am 22. Mai der Gruppenkommandeur der III. Gruppe, Hauptmann Ulrich Schirmer der durch Jäger der No. 605 Squadron abgeschossen wurde und bei Bouvigny-Boyeffles aufschlug. Insgesamt hatte die III. Gruppe an diesem Tag drei Totalverluste an Bombern zu beklagen. Am 27. Mai attackierte das Geschwader die belgischen Städte Diksmuide und Ostende um Verkehrsverbindungen zu zerstören. Auch der Kessel von Lille entwickelte sich zum Schwerpunkt für die III. Gruppe.

Am 3. Juni nahm das Geschwader am Unternehmen Paula teil, bei dem die restlichen, der französischen Luftwaffe noch zur Verfügung stehenden Flugplätze bombardiert und die Luftfahrtindustrie attackiert wurde.E. R. Hooton: Luftwaffe at War; Blitzkrieg in the West. London: Chevron/Ian Allan. ISBN 978-1-85780-272-6, S. 85 Nachdem am 5. Juni die zweite Phase (Fall Rot) des Westfeldzugs begann, flogen die I. und die II. Gruppe Luftangriffe auf die Bahnhöfe von Orléans und Rouen und die Hafenstädte Le Havre und Cherbourg. Die III. Gruppe nahm an diesen Einsätzen nicht teil. Sie war eine Zeitlang zur Auffrischung zurückgezogen worden.H. L. de Zeng, D. G. Stankey, E. J. Creek, S. 99, 103, 107 Am 14. Juni flog sie dann mit 20 He 111P bewaffnete Aufklärung um entlang der sich auflösenden französischen Fronten Ziele zu finden.E. R. Hooton: Luftwaffe at War; Blitzkrieg in the West. London: Chevron/Ian Allan. ISBN 978-1-85780-272-6, S. 87 Die II. Gruppe flog noch letzte Einsätze in der Bretagne, als die Kampfhandlungen mit dem Waffenstillstand am 22. Juni endeten.

Luftschlacht um England In der anschließenden Luftschlacht um England blieb das gesamte Geschwader beim IV. Fliegerkorps, nun aber unter dem Kommando der Luftflotte 3. Alle Geschwaderteile hatten Plätze im besetzten Teil Frankreichs bezogen. Der Stab und die I. Gruppe startete von Tours (), die II. von Bourges () und die III. Gruppe von Rennes () aus über den Ärmelkanal. Im Juli stellte das Geschwader auf die He 111H-6 um, was sich über mehrere Monate hinzog. Diese hatte im Vergleich zur bisher verwendeten He 111P-4 zwei Jumo 211-Motoren die zusammen 200 PS mehr leisteten. Damit war eine um 10 km/h höhere Höchstgeschwindigkeit und eine um 500 kg höhere Bombenlast möglich. Insgesamt standen in den drei Gruppen 97 Bomber zur Verfügung, davon 66 einsatzbereit. mini|Heinkel He 111 des Kampfgeschwaders 27 Im Juli flogen sie Luftangriffe gegen südenglische Hafenanlagen und bekämpften Geleitzüge im Ärmelkanal. Dabei wurde am 17. Juli der Geschwaderkommodore, Oberst Bernhard Georgi, mit seiner He 111D von britischen Hurricanes der 145 Squadron 30 km südlich von Bognor Regis abgeschossen und galt seitdem als vermisst.Francis Mason: Battle Over Britain. McWhirter Twins, London. ISBN 978-0-901928-00-9, S. 76 Oberst Dipl.-Ing. Gerhard Conrad ersetzte ihn. Am 30. Juli und am 11. August attackierte die II. Gruppe die Hafenstadt Bristol und die Schifffahrt im Bristolkanal.Francis Mason: Battle Over Britain. McWhirter Twins, London. ISBN 978-0-901928-00-9, S. 201 Dabei wurde sie von Messerschmitt Bf 110 der I. und II./ZG 2 und Messerschmitt Bf 109 der III./JG 2 eskortiert. Dabei schossen Hawker Hurricanes der No. 87 Squadron die He 111 H-3 (Geschwaderkennung 1G+AC) des Gruppenkommandeurs der II. Gruppe, Major Friedrich-Kurt Schlichting ab. Dieser konnte den Bomber bei Dinard noch notlanden, kam dabei aber ums Leben. Mit an Bord befand sich als Gast der Generalstabsoffizier aus der Gruppe Adjutantur im Generalstab der Luftwaffe, Major Hans-Jürgen Brehmer der in Gefangenschaft geriet.Christer Bergström: The Battle of Britain: An Epic Conflict Revisited. Casemate: Oxford. ISBN 978-1-61200-347-4, S. 99