mini|Johann Gottfried Gregorii (Kupferstich von Martin Bernigeroth, um 1715) mini|Doppelseitiger gestochener Titel der zweiten Auflage des ersten Teils der Geographia novissima (1709) mini|Weltkarte aus dem Atlas portatilis (1717) von Melissantes (Autor) und Johann Christoph Weigel (Stecher)
Johann Gottfried Gregorii, selten Gregorius oder Gregory (* 17. Februar 1685 in Toba; † 4. August 1770 in Dornheim) war ein Geograph, Kartographietheoretiker, Historiker, Genealoge, Volksaufklärer und barocker Autor. Er verfasste zahlreiche Bücher mit geographischen Inhalten, Atlanten, Reise- und Regionalführer, Speziallexika, ein Benimmbuch bzw. Psychologieratgeber, eine musikwissenschaftliche Schrift und Drucke mit journalistischen Inhalten. Die meisten seiner Werke veröffentlichte er unter dem Pseudonym Melissantes.
Leben Gregorii wurde als Sohn einer Pfarrerfamilie geboren, deren männliche Vorfahren seit der Reformation als lutherische Geistliche gewirkt hatten. Nachdem er 1697 bereits früh beide Eltern verloren hatte, bekam der begabte Knabe einen der begehrten Freitische an der Stiftsschule Ebeleben. Ab 1703 studierte er mit fürstlichem Stipendium an der theologischen Fakultät der Universität Jena und wurde durch den seinerzeit bedeutenden Historiker Burkhard Gotthelf Struve gefördert.Melissantes: Gemüths vergnügendes Historisches Hand-Buch für Bürger und Bauern …Leipzig, Frankfurt [und Arnstadt] 1744, S. 779 Bereits am 22. September 1705 schloss Gregorii sein erstes Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt als Magister ab.Berndt: Über 300 Jahre Kartenkunde, Bonn 2017, S. 52
Der junge Magister ließ sich dann zunächst als Kandidat der Theologie und Hauslehrer in Arnstadt nieder und ehelichte die 15-jährige Ratsherrentochter Barbara Margaretha Sommer. Dort kam er mit dem Numismatiker Christian Schlegel sowie dem Historiker und Hymnologen Johann Christoph Olearius in Kontakt, welche ihm Zugang zu seltenen Schriftquellen ermöglichten. Ein weiterer Förderer war der Geograph, Historiker und Numismatiker Christian Juncker.Melissantes: Das jetzt florirende Thüringen ..., Erfurt 1711, S. 88 f. Schon 1708, mit nur 23 Jahren, verfasste Gregorii sein erstes geographisches Werk (Geographia novissima generalis, specialis, et specialissima), dem zahlreiche weitere zu verschiedensten Themengebieten folgen.
Mit seiner Schrift Das jetzt florirende Thüringen schuf er 1711 einen der ersten deutschsprachigen Regional- und Reiseführer mit Angaben zu Sehenswürdigkeiten, Geschichte, Hotellerie (z. B. Hotel Elephant in Weimar)Melissantes: Das jetzt florirende Thüringen ..., Erfurt 1711, S. 71 und Bibliotheken (z. B. Bibliotheca AmplonianaMelissantes: Das jetzt florirende Thüringen ..., Erfurt 1711, S. 28 f. oder die herzogliche Bibliothek in Weimar). Mit der Herausgabe der Curieusen Gedancken von den vornehmsten und accuratesten Land-Charten wurde er 1713 zum Mitbegründer der Kartenkunde und initiierte endgültig die Aufarbeitung der Kartographiegeschichte.Edgar [Theodor] Lehmann: Alte deutsche Landkarten, Leipzig 1935, S. 9 Bald kooperierte Gregorii überregional mit bedeutenden Kupferstechern, Kunsthändlern und Verlegern des Reichs wie Johann Baptist Homann und Johann Christoph Weigel in Nürnberg, Johann Benjamin Brühl und Martin Bernigeroth in Leipzig, Johann Adam Jung (Zunners Erben) in Frankfurt am Main oder Johann Michael Funcke in Erfurt. Seine Orographia, oder, Beschreibung der berühmtesten Berge in alphabetischer Ordnung von 1715 gilt als eine der ersten geographischen Spezialenzyklopädien. Zwischen 1716 und 1719 überarbeitete Gregorii umfassend die wohl letzte große Kosmographie des Barockzeitalters von Alain Manesson Mallet, dem französischen Ingenieur, Festungsbaumeister, Pagen-Hofmeister und Mathematiklehrer am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Die opulente zweite deutschsprachige Edition der Beschreibung des gantzen Welt-Kreises mit 650 Kupferstichen erschien 1719 anonym beim Verlag Jung in Frankfurt am Main und markiert einen Höhepunkt in Gregoriis Wirken als Geograph.Berndt: 3. Auflage 2015, S. 63–69 Gregorii war stets bemüht, seine geographischen Schriften durch aktuelle Nachrichten und Schilderungen aus erster Hand, wie zum Beispiel durch Berichte von Bartholomäus Ziegenbalg, dem ersten deutschen evangelischen Missionar in Indien, auf dem aktuellsten Stand zu halten und zu fundieren.Melissantes: GEOGRAPHIA NOVISSIMA, Teil 2, 3. Auflage, Leipzig, Frankfurt [und Erfurt] 1713, S. 269 f.
In seinem 1715 erschienenen Curieusen Affektenspiegel gab er schon mehr als 70 Jahre vor Adolph Knigge allgemeine Verhaltensregeln für die Öffentlichkeit, Erziehungsratschläge, Handlungsempfehlungen an Regierungsoberhäupter, berufsethische Grundsätze und frühe Ansätze zur Berufsorientierung heraus. In diesem Werk übte er bereits Kritik an den lange Zeit noch üblichen gewaltbetonten Erziehungsmethoden.Melissantes: Curieuser AFFECTen-Spiegel, Oder auserlesene Cautelen und sonderbahre Maximen, Gemüther der Menschen zu erforschen, Und sich darnach vorsichtig und behutsam aufzuführen, Frankfurt, Leipzig [und Arnstadt] 1715. Bayerische Staatsbibliothek München, S. 627 In der musikwissenschaftlichen Abhandlung Gottgefälliger Glantz der Warheit bewies der Musikliebhaber die umstrittene Verfasserschaft des Ewigkeitsliedes Wer weiß, wie nahe mir mein Ende durch Gräfin Aemilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt. Dieses beliebte Lied verarbeitete nur wenige Jahre später der gleichaltrige Johann Sebastian Bach in drei Kantaten (BWV 27, BWV 84 und BWV 166). Den Extrakt seiner hymnologischen Schrift veröffentlichte Gregorii unter dem Pseudonym Tobario in der Zeitschrift Remarquable Curiosa.Julius Leopold Pasig: Der Gräfin Aemilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt geistliche Lieder, Halle 1855, S. XXVI
Die Schriften von Gregorii enthalten eine beeindruckende Fülle von Darstellungen bewegender Ereignisse seiner Zeit, beispielsweise Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen, Stürme, Himmelserscheinungen, Kometen, aber auch Gedanken über Zahlenmystik, Diskussionen über das ewige Leben oder den Wettstreit der Technik mit der Natur. Gern ließ er die Leser an eigenen Erlebnissen wie zum Beispiel der Zurschaustellung von Siamesischen Zwillingen am Rande der Leipziger Ostermesse 1709 teilhaben.
Gregoriis über Jahrzehnte oft in mehreren Auflagen erschienene Schriften hatten den Charakter von Standardwerken. Im Lexikon von Johann Heinrich Zedler verwiesen nicht nur mehrere Artikel auf Schriften von Gregorii, sondern es erschien darin bereits drei Jahrzehnte vor seinem Ableben ein Beitrag über den Universalgelehrten. Immer noch informativ sind seine damals kritisierten Exkurse und Darstellungen seiner persönlichen Wahrnehmungen wie zum Beispiel Nationalitätenstereotype, Berufsbeschreibungen (etwa Orgelbauer), ein Ranking der besten OrganistenMelissantes: Gemüths vergnügendes Historisches Hand-Buch für Bürger und Bauern …, Leipzig, Frankfurt [und Arnstadt] 1744, S. 756 f. (z. B. Bach und sein Lieblingsschüler Johann Ludwig Krebs), die Einführung des Kaffees oder ein Verzeichnis der Biersorten. Er schöpfte bei der Erstellung seiner Lehrbücher, Kompendien oder Lexika aus den Buchbeständen der herzoglichen Bibliothek in Gotha und der Universitätsbibliothek Jena, nutzte unveröffentlichte Manuskripte und pflegte zur Informationsgewinnung nicht immer erfolgreichen Schriftverkehr mit Fürstenhäusern in ganz Europa. Fehler und Mängel der Quellen pflanzten sich in seinen Büchern fort, so dass er heftige und zum Teil berechtigte Kritik ertragen musste. Gottlieb Emanuel von Haller kritisierte beispielsweise die Beschreibung der Schweiz in der Cosmographia novissima mit den Worten: „[...] von S. 801. bis 947. steht eine ziemlich umständliche Beschreibung von der Schweiz. Sie ist voll von groben und zum Theil sehr lächerlichen Fehlern.“Gottlieb Emanuel von Haller: Bibliothek der schweizer-geschichte und aller theile so dahin bezug haben: systematisch-chronologisch geordnet, Band 1. Bern 1785, S. 149. Eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche
Seit 1720 war Gregorii lutherischer Pfarrer in Siegelbach und Dosdorf, ab 1733 schließlich in der Traukirche von Bach in Dornheim, wo er 1770 im Alter von 85 Jahren starb.Website über Gregorii in Dornheim (online)
Wirkung und Rezeption mini|Gedenktafel an Gregorius’ Geburtsort in Toba
In seiner Hauptschaffenszeit informierte der freischaffende Sach- und Lehrbuchautor seine Landsleute z. B. über den Englischen Parlamentarismus, die Hugenotten in Frankreich, das Leben von Zar Peter I., Ludwig XIV. und August dem Starken, Kriegsgeschehnisse oder die Verschenkung des Bernsteinzimmers, diskutierte aber auch über okkulte Themen wie zum Beispiel in Faustens Höllenzwang in der Angermühle zu Leipzig den Pakt mit dem Teufel.
Seine Sagenüberlieferung wurde später durch Christian August Vulpius, die Brüder Grimm,Hans-Jörg Uther: Deutsche Sagen / Brüder Grimm, München 1993, Bd. 1 und 2, S. 606 f. Ludwig Bechstein, Achim von ArnimMax Hartmann: Ludwig Achim von Arnim als Dramatiker, 1. Teil, Breslau 1910, S. 53 und andere rezipiert.
Vor dem Erscheinen der heute bekannten deutschen Sagensammlungen hatte 1809 der mit Jacob und Wilhelm Grimm befreundete Schriftsteller Achim von Arnim in einem Brief an den Altertumsforscher Wilhelm Dorow in Königsberg Melissantes als wichtige Sagenquelle,Wilhelm Dorow: Reminiscenzen. Goethes Mutter; nebst Briefen und Aufzeichnungen, Leipzig 1842 benannt, was kaum verwundert, wenn man bedenkt, dass Melissantes bedeutende Sagen und Legenden wie z. B. über den Rattenfänger von Hameln, Kaiser Friedrich I. im Kyffhäuser, Wilhelm Tell, Martin Luthers Tintenfleck auf der Wartburg oder die Geschichte vom HeckthalerMelissantes: Die traurige Schaubühne, Frankfurt, Leipzig [und Arnstadt] 1716, S. 243–246 mit seinen in deutscher Sprache verfassten und weit verbreiteten Büchern unter das Volk gebracht hat. Johann Wolfgang von Goethe beschäftigte sich noch 1829 als 80-Jähriger mit dem Erneuerten Alterthum (2. Aufl. 1721) von Melissantes.Elise von Keudell: Goethe als Benutzer der Weimarer Bibliothek, Weimar 1931, S. 323
Gregorii hatte bereits 1708 seinen Wunsch nach einer Deutschen Einheit zur Überwindung der Kleinstaaterei publiziert.Melissantes: GEOGRAPHIA NOVISSIMA, Teil 1, 1. Auflage, Frankfurt, Leipzig [und Erfurt] 1708, S. 1126 Ein Jahrhundert später, in Zeiten napoleonischer Besatzung, erinnerte sich eine Gesellschaft von Weimarer Gelehrten um Friedrich Johann Justin Bertuch an die gesamtdeutsche Sichtweise des Vordenkers: … allein mit dem sonst so fabelreichen Joh. Gottfried Gregorius (unter dem angenommenen Namen Melissantes) bildete sich schon zu Anfang des XVIII. Jahrhunderts eine Ansicht, die würdig gewesen wäre, weiter verfolgt zu werden, wenn sie überall gleich grosse Empfänglichkeit gefunden hätte. Seine curiöse Beschreibung einiger vormals berühmten, theils verwüsteten und zerstörten, theils aber wieder neu aufgebaueten Bergschlösser in Teutschland, verbunden mit seinem neu eröffneten Schauplatz denkwürdiger Geschichte, auf welchem die Erbauung und Verwüstung vieler berühmter Städte und Schlösser präsentirt wird (2. Th. 1715) war für ein Vaterland berechnet, das nicht von den engen Gränzen der landesherrlichen Territorien beschränkt ward, aber da das Vaterland dem Vaterlande fehlte, so wie der Mensch dem Patrioten, so ging das allgemeine Interesse, das dieser erregen wollte, in dem besondern, und das besondere in dem Mangel am allgemeinen unter …Friedrich Justin Bertuch: Allgemeine geographische Ephemeriden: Bd. 34, Weimar 1811, S. 71/72 mini|Kupferstich Frontispiz aus MELISSANTES, GEOGRAPHIA NOVISSIMA, Teil 2, Frankfurt, Leipzig [und Erfurt] 1713 mit Darstellung einer Poststation und ankommender reitender Post um 1708