mini|Reinhard Strecker vor Erhalt des Bundesverdienstkreuzes am 24. August 2015 zur Würdigung und als Anerkennung seiner Verdienste um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit Reinhard Strecker (* 8. September 1930 in Zehden an der Oder; † 2. August 2026Freie Universität Berlin trauert um Reinhard Strecker in Berlin-FriedenauFreie Universität Berlin trauert um Reinhard Strecker. Nachruf auf der Homepage der FU Berlin vom 4. August 2026.) war ein deutscher politischer Aktivist, Mitglied der SPD und des einstigen SDS, Publizist und Hauptorganisator der studentischen Ausstellung Ungesühnte Nazijustiz Ende der 1950er- bis Anfang der 1960er-Jahre. Diese Ausstellung begleiteten politische Aktionen, die im In- und Ausland eine umfassende BerichterstattungEtwa im Nachrichtenmagazin Der Spiegel, Nr. 3/1960 vom 13.01.1960, unter der Überschrift www.spiegel.de: NS-Richter: Auf Photokopien. auslösten und tiefgreifende justiz- und personalpolitische Debatten auf Bundes- und Landesebene anstießen.

Familie Reinhard Strecker entstammte einer Juristenfamilie. Der Großvater Otto Strecker arbeitete am BGB mit. Vater Walther Strecker (* 1890) war in den 1930er und 1940er Jahren Kammergerichtsrat in Berlin.

Leben und Ausbildung Reinhard Strecker wurde im September 1930 in Zehden (Oder) geboren und wuchs u. a. in Celle auf. Er erwarb in Paris die Hochschulreife (Baccalauréat universitaire) an der École internationale des langues orientales (EILO). Im Jahr 1954 kehrte er nach Deutschland zurück und begann an der Freien Universität Berlin das Studium der indogermanischen Sprachen. Neben dem Studium war er als wissenschaftliche Hilfskraft von Jacob Taubes tätig. 1957 gehörte Strecker zu den Gründungsmitgliedern der Deutsch-Israelischen Studiengruppe an der Freien Universität Berlin.Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 174. Später arbeitete Strecker für das Berliner Goethe-Institut. Mit seiner Familie lebte er von April 1971 bis zu seinem Tod im August 2026 mehr als 55 Jahre lang in Berlin-Friedenau.

Politisches Wirken Ausstellung 1959 bis 1962 Reinhard Strecker war Initiator der „Aktion Ungesühnte Nazijustiz“ des SDS und der Ausstellung Ungesühnte Nazijustiz. In Zusammenarbeit mit politischen Jugendgruppen und Studentenverbänden – u. a. dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), dem Liberalen Studentenbund Deutschlands (LSD), der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) – erstellte er mit fotografischen Kopien nationalsozialistischer Sondergerichtsakten eine Wanderausstellung, die in den Jahren 1959 bis 1962 an zehn Hochschulstandorten in Westdeutschland und West-Berlin gezeigt wurde, erstmals am 27. November 1959 in Karlsruhe, dem Sitz des Bundesverfassungsgerichts. Nach ihrer Premiere in Karlsruhe wanderte die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ nach West-Berlin, wo sie vom 23. Februar 1960 bis zum 7. März 1960 in der Galerie Springer am Kurfürstendamm im Stadtbezirk Charlottenburg zu sehen war. An beide Ausstellungen, die Karlsruher von 1959 und die Berliner von 1960, wurde 60 Jahre später auch von offizieller Seite erinnert (siehe Auszeichnungen und Würdigungen).

Auf dem Ausstellungsmaterial basierende Ausstellungen wurden anschließend an die Berliner Schau in Leiden, Amsterdam, Utrecht und Oxford durchgeführt, zudem wurden auf Einladung eines von Barbara Castle und Sydney Silverman initiierten All-Party Committees im Frühjahr 1960 Übersetzungen des Materials im House of Commons, dem Britischen Unterhaus, den Abgeordneten präsentiert.

Petition Im Rahmen der Vorbereitungen initiierte Strecker zwei Petitionen an den Deutschen Bundestag, in denen die mangelhafte juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Medizinverbrechen und Justizverbrechen sowie die Weiterbeschäftigung der an den Verbrechen beteiligten Mediziner und Justizjuristen kritisiert wurde. 1958 verabschiedete und unterstützte der Allgemeine Studentenausschuss (AStA) der Freien Universität Berlin die Petition.

Strafanzeige gegen ehemalige NS-Richter Im Januar 1960 erstattete Strecker gemeinsam mit Wolfgang Koppel im Auftrag des SDS-Bundesvorstandes Strafanzeige gegen 43 wiederamtierende ehemalige NS-Richter wegen des Verdachts auf Rechtsbeugung in Tateinheit mit Totschlag.Der Tag dieser Mitte Januar 1960 einzeln verschickten 43 Strafanzeigen ist nicht eindeutig zu bestimmen. Der Historiker Stephan Alexander Glienke schreibt im Oktober 2003 in einem Aufsatz über seine Ermittlungsergebnisse: „Die Strafanzeigen selber sind undatiert, trafen jedoch in den vom Verfasser untersuchten Einzelfällen üblicherweise am 19.01.1960 bei den betreffenden Staatsanwaltschaften ein.“ (Aspekte des Wandels im Umgang mit der NS-Vergangenheit. Als PDF auf ResearchGate online verfügbar, Seite 110, Fußnote 26 – als Datum des Eintreffens gilt ihm der Eingangsstempel der jeweiligen Staatsanwaltschaft.) Der 18. Januar 1960 als Datum des Abschickens der Anzeigen ist auch deshalb plausibel, weil an diesem Tag in West-Berlin eine Demonstration gegen die „antisemitische Schmierwelle“ vom Dezember 1959 stattfand. Über diese Aktionen wurde in der lokalen, nationalen und internationalen Presse umfassend berichtet.Etwa im Nachrichtenmagazin Der Spiegel, Nr. 8/1960 vom 17. Februar 1960, unter der Überschrift NS-Richter: Leichte Fälle? Zahlreiche Staatsanwaltschaften im gesamten Bundesgebiet nahmen die Ermittlungen gegen amtierende Justizjuristen auf und der Bundestagsrechtsausschuss debattierte basierend auf den von Strecker vorgelegten Aktenkopien die Neufassung von §116 Deutsches Richtergesetz (DRiG), das die vorzeitige Pensionierung politisch belasteter Richter ermöglichen sollte.

Dokumente zu Hans Globke In einer gedruckten Sammlung von Dokumenten präsentierte Strecker im Jahr 1961 Aktenauszüge, die die Funktion des damaligen Kanzleramts-Chefs Hans Globke als Jurist im NS-Staatsdienst belegten. Die Akten zeigten beispielsweise, dass Globke an der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz mitwirkte, durch die das Vermögen von in den Osten deportierten Juden ans Deutsche Reich fiel. Globke klagte gegen die Veröffentlichung des Buches und erreichte, dass nach der ersten keine weitere Auflage gedruckt wurde. Inzwischen ist das Buch vergriffen. Der Bundesnachrichtendienst hatte sich zuvor von Streckers Planungen berichten lassen durch seinen Informanten Eckart Heinze. Seit Januar 2021 ist allerdings eine historische Kopie der Originalausgabe aus dem Rütten & Loening Verlag Hamburg unter dem Titel Dr. Hans Globke. Aktenauszüge, Dokumente. Herausgegeben von Reinhard-M. Strecker online verfügbar.Dr. Hans Globke. Aktenauszüge, Dokumente. Herausgegeben von Reinhard-M. Strecker. 290 Seiten. Auf: FragDenStaat. Das Buch lässt sich online lesen oder als PDF herunterladen. Sie ist Teil des neuen Dossiers Schreibtischtäter Globke, das die Internetplattform FragDenStaat am 22. Januar 2021 veröffentlichte.Schreibtischtäter Globke: Neues Dossier zur Nazi-Vergangenheit des Kanzleramtschefs. 22. Januar 2021 – Exklusiv. Auf: FragDenStaat. Von Arne Semsrott, Journalist und Projektleiter von FragDenStaat. Zu dem Dossier zur Nazi-Vergangenheit des Kanzleramtschefs gehört auch die zweibändige Personalakte GlobkesDokumente zu Hans Globke: Personalakte Band 1. 234 Seiten. Personalakte Band 2. 130 Seiten. Außerdem: Besoldungsakte Globke. 75 Seiten. Alle auf: FragDenStaat. aus dem Bestand des Bundesarchivs, die FragDenStaat nach eigener Angabe erstmals öffentlich zugänglich macht.Schreibtischtäter Globke. Beschreibung der Dokumente durch den Dossier-Verantwortlichen auf FragDenStaat. Als weitere Dokumente publiziert das Dossier den „Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung“ von Hans Globke gegen Reinhard Strecker sowie die Klageschrift und weiteren Schriftverkehr.Einstweilige Verfügung Globke Strecker. Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung von Hans Globke gegen Reinhard Strecker sowie Klage und weiterer Schriftverkehr. 113 Seiten. Auf: FragDenStaat.

„Polen – ein Schauermärchen“ und die Gründung der deutsch-polnischen Schulbuchkommission Das Buch Polen – ein Schauermärchen oder Gehirnwäsche für Generationen. Geschichtsschreibung und Schulbücher. Beiträge zum Polenbild der Deutschen. Herausgegeben von Günter Berndt und Reinhard Strecker erschien im Jahr 1971, zehn Jahre nach Streckers Globke-Dokumentation von 1961, und sollte sich als Anstoß erweisen, das überwiegend negative Polenbild in deutschen Schulbüchern grundlegend zu verbessern.

Den Impuls zur Erarbeitung dieses Sammelbandes hatte der Mitherausgeber Günter Berndt, seit Oktober 1969 Studienleiter der Evangelischen Akademie Berlin, gegeben, indem er gleich zu Beginn seiner Amtszeit im November 1969 im Rahmen der Polnischen Wochen zu einer Studientagung mit dem Thema „Polen im Unterricht“ in die Akademie einlud, an der auch Reinhard Strecker teilnahm, der durch seine Recherchen der 1960er-Jahre in den Archiven von Warschau über gute Kontakte nach Polen und über profunde Kenntnisse der Geschichte des Landes verfügte. Die Schulbuchtagung der Evangelischen Akademie vom 25. bis 27. November 1969 endete mit der Verabschiedung einer Resolution, in der die Teilnehmer „die sofortige Vorbereitung einer polnisch-deutschen Schulbuchkonferenz zur Ausarbeitung neuer Kriterien für die Behandlung Polens im deutschen Schulbuch“ forderten.Resolution der Schulbuchtagung „Polen im Unterricht“ vom 27. November 1969, gezeichnet Günter Berndt, Studienleiter der Ev. Akademie. In: Polen – ein Schauermärchen oder Gehirnwäsche für Generationen. Geschichtsschreibung und Schulbücher. Beiträge zum Polenbild der Deutschen. Herausgegeben von Günter Berndt und Reinhard Strecker. rororo aktuell Band 1500, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1971, S. 108.

Nach der Tagung vom November 1969 „beschlossen einige Teilnehmer, eine gründlichere Untersuchung zu erarbeiten, statt nur die Protokolle und Ergebnisse der Tagung zu publizieren“Das schreiben Günter Berndt und Reinhard Strecker im Juni 1971 in ihrem Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen Sammelband Polen – ein Schauermärchen, S. 7, der diese „gründlichere Untersuchung“ beinhaltet. und gründeten einen Arbeitskreis, „der unter dem Namen Arbeitskreis Nachbar Polen bekannt wurde“.Das berichtet Krzysztof Ruchniewicz in seinem Online-Essay Die politischen Hindernisse im Kulturaustausch zwischen der Volksrepublik Polen, der Bundesrepublik Deutschland und der DDR – am Beispiel der Arbeit der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission in den Jahren 1972-1989. Text vom 2. Januar 2013, veröffentlicht auf bpb online – Bundeszentrale für politische Bildung. „Ein Jahr später, im November 1970, organisierte Berndt eine zweite Konferenz zum Thema ‚Deutschland im polnischen Schulbuch’. An dieser Konferenz nahmen zum ersten Mal polnische Wissenschaftler teil.“Krzysztof Ruchniewicz, ebenda. Drei Wochen später, am 7. Dezember 1970, ereignete sich der Kniefall von Warschau, als der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt die Stadt besuchte, um dort den Warschauer Vertrag zu unterzeichnen.