mini|Blick über das Augustusbad in Richtung Radeberg, Postkarte ca. 1910 Augustusbad ist die Bezeichnung eines ehemaligen, 1719 eröffneten Heilbads und namensgebender Teil des Radeberger Ortsteils Liegau-Augustusbad in Sachsen. Die erhalten gebliebenen Gebäude und das ehemals parkähnliche Gelände des einstigen Kurbades stehen unter Denkmalschutz. Auf dem Gelände des Augustusbades wurde 1875 das erste Kindererholungsheim Deutschlands eröffnet. Während der DDR-Zeit waren auf dem Areal eine Polizeischule und ein Altenheim untergebracht. Neue Nutzungspläne nach der Deutschen Wiedervereinigung scheiterten aus verschiedenen Gründen.
Vorgeschichte Bergbau bei Radeberg Mitte des 16. Jahrhunderts wurden zwischen Wachau, Liegau und Radeberg verschiedene Rohstoffvorkommen, unter anderem Silber, entdeckt. In die aufgrund des Fundes Silberberg genannte, damals zum Amt Radeberg gehörende Erhebung zwischen den Orten wurden im Tannengrund, einem rechten Seitental der Großen Röder am Nordhang des Silberberges, daraufhin Stollen zur Förderung des Edelmetalls getrieben. Der Abbau erwies sich jedoch etwa ab 1580 als unrentabel, der Bergwerksbetrieb wurde Ende 1584 eingestellt, die Gebäude und Stollen verfielen.Budaeus: Medicinischer Bericht von Dem Mineralischen Bergwercks-Brunnen. 1722, S. 5 ff. Die überlieferten Aufzeichnungen des für die Gebiete östlich der Elbe zuständigen Bergamtes Glashütte aus den Jahren um 1550 zählen drei Zechen für das Gebiet auf: Gottesgnaden, Auf dem Sonnenglanz und Die heiligen 3 Könige. Freiesleben nennt als weitere Gruben: St. Peterszeche, Segen Gottes, Wunderbarlich Glück Gottes und Unser lieben Frauen Empfängnis, weiterhin erwähnt er eine Vitriol- und eine Schwefelhütte. In den Dokumenten des Bergamtes Glashütte wird die Gewinnung von Vitriol in Radeberg beschrieben. Die Förderung von eisenhaltigen Erzen wird nicht erwähnt. Auch der deutsche Wissenschaftler Georgius Agricola beschrieb 1546 in seinem Werk De natura fossilium die Radeberger Vitriolherstellung.Lothar Simon: Über Bergbau und Bergbauversuche in Radeberg. In: Große Kreisstadt Radeberg in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Stadtgeschichte (Hrsg.): Radeberger Blätter zur Stadtgeschichte. Band 10, Radeberg 2012.
Stadtbrand 1714 Am 13. Juli 1714 verwüstete ein Stadtbrand den größten Teil der Stadt Radeberg. Für den Wiederaufbau wurden große Mengen an Baumaterialien benötigt, welche vor allem in der näheren Umgebung gesucht wurden. Der damalige Radeberger Bürgermeister Christoph SeydelIn manchen Quellen ist der Name in der Schreibweise Seidel überliefert. (1670–1747), der ein erfahrener Mineraloge war, erwarb 1716 die Rechte, den Bergbau in den historischen Stollenanlagen wieder aufzunehmen. Er vermutete im Tannengrund Kalkstein und stieß auf die ehemaligen Stollen und Bergwerkseinrichtungen. Bei der Öffnung der alten Stollen am 13. Februar 1717 fand er statt des erhofften Kalksteins Eisenspat und fasste den Plan, diesen abzubauen und kommerziell zu verwerten. Dazu ist es jedoch wegen der nicht abbauwürdigen Mengen nicht gekommen.
Entdeckung der Heilquelle mini|hochkant|Die Entdeckung der Quelle im ehemaligen Bergwerksstollen Seydel und seine zwei Helfer, der Steiger Klemm und Seidels Schwager, der Schlosser StelznerKarl Gautsch: Das Augustusbad bei Radeberg. Eine kurze Beschreibung. Verlag von Conrad Weiske. Dresden 1873, untersuchten 1717 den verfallenen Stollen Auf dem Sonnenglanz. Sie fanden in den ehemaligen Bergwerksanlagen nicht die gewünschten Bodenschätze, jedoch größere Mengen Wasser und eine Quelle und stellten fest, dass das Wasser eine lindernde Wirkung bei verschiedenen Symptomen besaß. Seydel begann mit der Nutzung und Vermarktung des Heilwassers. Spätere Untersuchungen, unter anderem durch den Medizin- und Physikprofessor Johann Christian Lehmann an der Universität Leipzig bestätigten einen leichten Kohlensäure- sowie einen hohen Mineraliengehalt der Quelle.
Die Wirkung des Wassers beschrieb der zeitgenössische Mediziner Gottlieb Budaeus wie folgt:
Budaeus empfahl das bei Radeberg gefundene Heilwasser sowohl zur inneren als auch zur äußeren Anwendung, pur als Trink- und Badekur sowie zur Zubereitung von Speisen, Tee und Kaffee.Budaeus: Medicinischer Bericht von Dem Mineralischen Bergwercks-Brunnen. 1722, S. 14 ff.
1768 entdeckte der Bergmann Häcker eine zweite Quelle und fasste diese ein. 1783, 1802 und 1812 wurden im Tannengrund, in der Nähe von Lotzdorf, weitere 3 Quellen entdeckt und gefasst. Deren Wasser wurde ebenfalls heilende Wirkungen attestiert, die Quellen wurden in das Augustusbad integriert. Die Zahl der Bade- und Kurgäste stieg stetig an.
Heilbad Im Jahr 1719 eröffnete Seydel das erste Gesundbad, das Bad im Tannengrunde, an der ersten entdeckten Quelle, die er Stollenquelle nannte. Diese Quelle wurde ihm am 4. November 1720 vom Bergamt Glashütte verliehen. Eine Besonderheit seines Bades war, dass das Wasser unterirdisch durch eine von ihm erbaute Vorrichtung bereits im Stollen erhitzt wurde und dadurch als warmes Wasser an die Oberfläche trat. Das erste Badehaus mit erwärmtem Heilwasser wurde 1720, Wohn- und weitere Zweckgebäude wurden 1721 errichtet. Diese damaligen ersten Anlagen befanden sich auf dem Gebiet des Amtes Radeberg, deshalb erhielt das Bad vom Bürgermeister Seydel den Namen Radeberger Bad. Die Qualität und Wirkung des Heilwassers wurde im Umland bekannt, auch der sächsische Kurfürst August der Starke ließ sich regelmäßig Wasser an seine Wohn- und Regierungssitze liefern. Zu seinen Ehren erhielt das Heilbad dann 1724 die Namen Augustusbrunnen bzw. etwas später Augustusbad. Alle 3 Namen waren bis in das 19. Jahrhundert hinein parallel gebräuchlich und wurden in der Literatur verwendet, bis sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts der alleinige Name Augustusbad herausbildete. Die ruhige Lage des Bades am westlichen Rande des Waldgebietes der Landwehr und die schnelle Erreichbarkeit von Dresden aus machten das Augustusbad in kurzer Zeit zu einem bekannten und beliebten Kur- und Heilbad.Schwenke: Unterricht von dem Augustusbrunnen bey Radeberg. 1766, S. 4 f. Die Zahl der Kurgäste überstieg schnell die Beherbergungs-Kapazitäten der Einrichtung, so dass die benachbarten Dörfer Liegau und Lotzdorf zu beliebten Logier-Orten für die Gäste wurden. Viele wohlhabende Kurgäste verbrachten oft und wiederholt den ganzen Sommer, z. T. mit ihren Familien, im Bad, z. B. Anfang des 19. Jahrhunderts Gerhard von Kügelgen, Carl Gustav Carus, Caspar David Friedrich, Carl August Richter, Adrian Ludwig Richter, Theodor Körner u. v. a.Renate Schönfuß-Krause: Lotzdorfer Impressionen: Badescene im Raederflus. In: , Ausg. 38, 23. September 2016, teamwork-schoenfuss.de (PDF; 1,0 MB).
Seydel wurde durch einen kurfürstlichen Erlass zum Eigentümer des Bads und der von ihm errichteten Gebäude und Kuranlagen erklärt. Im Gegenzug gewährte er allen Bürgern Radebergs und deren Verwandten die kostenfreie Nutzung des Heilwassers. Im Jahr 1747 starb Seydel, das Augustusbad ging in den Besitz seines Sohnes Johann Christoph über. Er starb 1759, die Anstalt wurde fortan von seiner Witwe geleitet. Diese zeigte allerdings kein großes Interesse für die Anlage, so dass das Bad 1765 zwangsversteigert werden musste. Eigentümer wurde der Oberkonsistorialrat Gottschalk. Das Heilbad wurde mehr und mehr kommerziell ausgerichtet, die Privilegien für die Radeberger Bürger verschwanden.
mini|Das Palais-Hotel Der Radeberger Badearzt Dr. med. Böhme, der ab 1857 für die Leitung des dem Liegauer Rittergutsbesitzer Johann Georg Herrmann gehörenden Herrmannbades bzw. Kurbades zuständig war, initiierte bereits 1851 die Bildung eines Fonds, um mittellosen Patienten die Aufnahme und den Aufenthalt im Augustusbad zu ermöglichen. Dieser Fonds wurde kurz darauf in eine amtliche Armenstiftung umgewandelt, um die Hilfsbedürftigen dauerhaft unterstützen zu können. Im Jahr 1864 erhielt die Armenstiftung den Namen Seydelstiftung. Im gleichen Jahr wurde Benjamin Siegel Besitzer des Bads. Er ließ die gesamte Kurbadanlage erneuern und erweitern; Gebäude, Außenanlagen und Wasserleitungen wurden saniert und verbessert. So entstanden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Häuser im Schweizerstil, Verwaltungs-, Unterkunfts- und Badegebäude, Restaurationsgebäude und das Palais-Hotel. Die Gebäude erhielten Bezeichnungen wie Radeberger Haus, Dresdner Haus, Berghaus, Schweizerhaus und Eremitage. In der Parkanlage wurde der Schwanenteich angelegt. Ursprünglich neben dem Areal des Augustusbads entstand in den 1870er Jahren der Gutshof Luisenhof.
Das grosse Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände von Julius Meyer beschreibt 1844 fünf starke vitriolige Eisenquellen im Augustusbad und gab ihm außerdem das Prädikat ziemlich besucht. Die Chronik des Heimatforschers Praßer aus dem Jahr 1869 zählt sogar sechs Heilquellen im Augustusbad auf. Im Handbuch der Balneotherapie … von 1892 beschreibt Flechsig „… sechs ziemlich reine Eisenquellen mit ca. 0,026 bis 0,031 g Bicarbonat im Liter Wasser … und einer Temperatur von 8 bis 8,5 °C …“ und benennt „… als weitere Curmittel: electrische Bäder, Wasserheilanstalt, Moorbäder, Milch und Molken.“ Es werden vier Badehäuser mit 40 Badestuben, darunter ein Moorbadehaus, ein Kurhaus und ein Hotel benannt, als Wohnungen für Kurgäste sind 13 große Logierhäuser aufgeführt.
Die Ernst-Thälmann-Straße in Radeberg sollte auf Beschluss des Stadtrats vom 1. November 1990 zu Ehren des ehemaligen Bürgermeisters und Gründers des Augustusbads in Christoph-Seydel-Straße umbenannt werden. Dieser Beschluss wurde in dieser Form nicht realisiert, die in Richtung Augustusbad führende Ernst-Thälmann-Straße erhielt wieder ihren bis 1933 gültigen Namen „Badstraße“. Stattdessen erhielt die 1992/1993 erbaute nordöstliche Umgehungsstraße Radebergs den Ehrennamen „Christoph-Seydel-Straße“, diese ist heute Teil der Staatsstraße 177.
Dr. Willmar Schwabesche Heimstätten-Stiftung mini|hochkant|Willmar Schwabe Der Apotheker und Mitbegründer der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Leipzig, Willmar Schwabe, erwarb 1896 das Augustusbad. Die Einrichtung wurde nun vorrangig Mitgliedern der AOK Leipzig zur Verfügung gestellt. Er gründete 1904 die Dr. Willmar Schwabesche Heimstätten-Stiftung, unter deren Verwaltung er das Augustusbad der Ortskrankenkasse übereignete. Den Zweck der Stiftung formulierte Schwabe wie folgt:
Die Zusammenarbeit mit der AOK verursachte einen signifikanten Anstieg der Patienten und Kurgäste im Augustusbad. Für die Jahre 1898 bis 1903 sind über 9500 Aufnahmen verzeichnet. Die Kapazität der Einrichtung und das medizinische Personal wurden unter der Leitung der Stiftung nochmals erheblich erweitert.
Kindererholungsheim Bethlehemstift mini|Das Kindererholungsheim auf einer Postkarte von 1910 Der Pfarrer und Arztsohn Hugo Woldemar Hickmann weilte 1872 während eines Erholungsaufenthalts im Augustusbad. Dort kam ihm die Idee zur Einrichtung einer Erholungsstätte für Kinder. Gemeinsam mit der Inneren Mission, einer Vorgängerorganisation der Diakonie, und Dresdner Ärzten verwirklichte er diesen Plan und strukturierte das Berghaus zur Aufnahme von Kindern um. Am 1. Juli 1875Eine andere Quelle, die Kirchlichen Nachrichten der Parochie Radeberg, nennt den 1. Juni 1875 als Datum der Eröffnung des Kindererholungsheims. wurde das erste Kindererholungsheim Deutschlands unter dem Namen Bethlehemstift im Berghaus des Augustusbads eröffnet, und es nahm die ersten Kinder mit kostenfreier Unterkunft und Behandlung auf. Nach dem Kauf des Bades durch Willmar Schwabe mietete die Innere Mission den benachbarten Luisenhof, da die Kapazität im Berghaus nicht mehr ausreichte. Das Bethlehemstift konnte nun 350 Kinder pro Jahr aufnehmen. Die Innere Mission baute in den folgenden Jahren weitere Bethlehemstifte auf, unter anderem in Hohenstein-Ernstthal, Berggießhübel und Zwönitz.