Die Magyaren oder Ungarn (Singular im Ungarischen magyar [], Plural magyarok []), auch Madjaren, bilden eine Ethnie, die vorwiegend in Ungarn lebt. Größere Minderheiten leben in der Slowakei, in Rumänien und Serbien (Provinz Vojvodina). Außerhalb dieses Siedlungsgebietes gibt es eine große Diaspora in Ländern des globalen Nordens. Ungarn sprechen in der Regel muttersprachlich Ungarisch.
Die Bezeichnung Ungar kann sich auch allgemein auf die Bürger Ungarns bzw. in Geschichtstexten auf die Bewohner des historischen Königreichs Ungarn, unabhängig von deren ethnischer Zugehörigkeit beziehen. In wissenschaftlichen Texten wird, um diese Zweideutigkeit zu vermeiden, häufig die Bezeichnung Magyaren bevorzugt, wenn die ethnische Gruppe gemeint ist.Joachim von Puttkamer: Schulalltag und nationale Integration in Ungarn. Slowaken, Rumänen und Siebenbürger Sachsen in der Auseinandersetzung mit der ungarischen Staatsidee 1867–1914 (= Südosteuropäische Arbeiten. Band 115). Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-56741-1, S. 11 (doi:10.15457/soa 115).
Verbreitung mini|hochkant=2|Ungarische Bevölkerungsmehrheiten in Mitteleuropa (nach den Volkszählungen von 1991 und 1992) Weltweit gibt es etwa 13,0 Millionen Magyaren, von denen etwa 9,5 Millionen in Ungarn leben, weitere etwa 1,95 Millionen als große Minderheiten seit 1918 außerhalb Ungarns in den Nachbarländern und ca. 1,5 Millionen in anderen Ländern:
Land/Gebiet Anzahl der Ungarn und der Personen magyarischer Abstammung Rumänien 1.227.623 (2021) Slowakei 458.467 (2011) Serbien 253.899 (2011) Ukraine (Oblast Transkarpatien) 156.600 (2001) Österreich 55.038 (2014) Kroatien 16.595 (2001) Slowenien 6.243 (2002) Deutschland ca. 135.600
Die Szekler (ungarisch Székely, Plural Székelyek) sind eine eigenständige Gruppe in Siebenbürgen (Rumänien) mit eigenem ungarischen Dialekt. Ihre Zahl liegt bei rund 670.000.
Situation außerhalb Ungarns
Die magyarischen Minderheiten, die in den Nachbarstaaten des ungarischen Mutterlandes leben, sind formal anerkannt und verfügen über diverse Minderheitenrechte: Schulen mit muttersprachlichem Unterricht, Gottesdienste in der Muttersprache, sie dürfen Vereine gründen und verfügen auch über eine eigene Presse in ungarischer Sprache. In Rumänien und in der Slowakei bestehen eigene, auf der ethnischen Zugehörigkeit basierende Parteien (UDMR, SMK und Most–Híd), die im Parlament vertreten sind und an der Regierungskoalition beteiligt waren. Die staatlichen rumänischen und slowakischen Sender haben auch ungarischsprachige Sendungen im Programm, im Kabelfernsehen sind in der Regel die größten ungarischen Fernsehsender verfügbar. In Serbien verfügen die Ungarn, ähnlich wie viele andere Nationalitäten, über eine Autonomie innerhalb der Vojvodina. In der Slowakei steht den rund 520.000 Ungarn neben rund 780 ungarischsprachigen Schulen (585 davon rein ungarischsprachig) seit 2004 eine vom Staat finanzierte rein ungarischsprachige Universität in Komárno zur Verfügung (die einzige ungarische Universität ohne Studiengebühren), und es werden vom Staat ungarische Kulturvereine und Verlage finanziert.
Die Diskriminierungen durch die Beneš-Dekrete in den Jahren 1945–1948 sind heute nicht mehr aktuell. Heutzutage sind es einzelne verbale Ausfälle durch nationalistische Parteien und deren Vertreter, beispielsweise Corneliu Vadim Tudor von der Großrumänien-Partei oder Ján Slota von der Slowakischen Nationalpartei. Letztere war von Juli 2006 bis Juli 2010 Koalitionspartner in der Regierung der Slowakei unter Robert Fico.
Rumänien
Die größte Gruppe der Auslandsungarn lebt in Rumänien. Ihre Anzahl beträgt rund 1,0 Millionen (6,0 % der Landesbevölkerung). Viele von ihnen (rund 530.000) sind Szekler und leben im Szeklerland (Székelyföld), einem Gebiet im Südosten Siebenbürgens, das die heutigen Kreise Covasna (Kovászna), Harghita (Hargita), den Großteil des Kreises Mureș (Maros) sowie kleine Teile des Kreises Bacău (Bákó, im Landesteil Moldau, nicht in Siebenbürgen) – ein kleines Gebiet um Ghimeș-Făget (Gyimesbükk) – und Teile des Kreises Alba – die Gegend um Rimetea (Torockó), bekannt als Exklave Arieș Scaun (Aranyosszék) (dem Gebiet in und um Thorenburg (Torda)) – umfasst. Die anderen 470.000 Ungarn leben größtenteils in Städten wie Klausenburg, Neumarkt am Mieresch, Großwardein, Sathmar, Arad, Temeswar, Neustadt usw. Man findet sie aber auch als geschlossene ethnische Mehrheiten oder Minderheiten im nördlichen Partium, im „Waldland“ (Szilágyság), im Kalotaszeg, in einigen Gegenden der „Siebenbürger Heide“ (Câmpia Transilvaniei), zwischen der Kleinen Kokel und der Großen Kokel, im Kreischgebiet (Körösvidék) und im nördlichen Banat. Ferner sind sie in kleinen Sprachinseln im Süden Siebenbürgens sowie im Kreis Maramureș, in der Westmoldau (die Tschangos) und im südlichen Banat beheimatet.
Anzahl der Magyaren in Rumänien Volkszählung Magyaren 1930 1.425.507 1940 * 462.422 1956 1.587.675 1977 1.713.928 1992 1.620.199 2002 1.431.807 2011 1.227.623 2022 1.002.200
(*) nach dem Zweiten Wiener Schiedsspruch, als Ungarn Nordsiebenbürgen annektierte
Slowakei
Die Gruppe der 422.065 Magyaren in der Slowakei lebt im Süden des Landes, die meisten auf der Großen Schüttinsel, im nördlich davon gelegenen Gebiet zwischen der Kleinen Donau und der Waag (teilweise von den Ungarn Mátyusföld genannt), in der Gegend zwischen den Flüssen Waag und Ipeľ und am Eipel-Nordufer. Außerdem bewohnen sie das Gemer-Gebiet und ein Gebiet ganz im Südosten der Slowakei um Kráľovský Chlmec (50.000 Ungarn), das heißt im und um das Medzibodrožie (ung. Bodrogköz). Außerdem gibt es eine ungarische Sprachinsel im Osten von Nitra, die den ethnographischen Namen Zobor trägt. Neben den oben genannten Ungarn geben in der Slowakei weitere 50.000 Personen Ungarisch als ihre Muttersprache an. (PDF)
Anzahl der Magyaren in der Slowakei Volkszählung Magyaren 1930 571.952 1950 * 354.532 1961 518.776 1970 552.006 1991 567.296 2001 521.000 2011 458.467 2021 422.065
(*) 1945–1948 wurden im Rahmen eines „Bevölkerungsaustausches“ – je nach Quelle – rund 80.000 Ungarn aus der Slowakei und zwischen 72.000 und 73.000 Slowaken aus Ungarn in das jeweils andere Land umgesiedelt; ansonsten ist der vorübergehende Rückgang von 1950 auf einen staatlich geförderten „Umstieg“ vieler Ungarn mit slowakischen Vorfahren auf die slowakische Nationalität zurückzuführen, der etwa 1946–1949 erfolgte und in der Folge schrittweise rückgängig gemacht wurde.
Serbien Die zahlenmäßig drittstärkste ungarische Volksgruppe lebt in der Autonomen Region Vojvodina (ung. Vajdaság). Die rund 250.000 Ungarn leben vor allem im Norden der Vojvodina, das heißt in der nördlichen Batschka (Bácska) und im Nord-Banat. Im Süden der Vojvodina sind sie sporadisch auf mehrere kleine ungarische Dörfer bzw. Dorfgemeinschaften verteilt, umgeben von vielen anderen Nationalitäten, die in der Vojvodina beheimatet sind. Bekannte Serben ungarischer Abstammung sind die Tennisspielerin Monica Seles, der Fußballspieler Albert Nađ und die Sängerin Magdolna Rúzsa.
Anzahl der Magyaren in der Vojvodina Volkszählung Magyaren Prozent 1910 424.555 28,1 % 1921 370.040 24,4 % 1953 435.179 25,6 % 1971 423.866 21,7 % 1991 340.946 16,9 % 2001 290.207 14,3 % 2011 251.136 13 %
Ukraine Im ukrainischen Verwaltungsgebiet Transkarpatien (ungarisch Kárpátalja) lebt ebenfalls eine bedeutende ungarische Minderheit von ca. 150.000 bis 200.000 Personen. Sie bewohnen dort etwa 130 Gemeinden und stellen in 80 davon die Bevölkerungsmehrheit. Die Ungarn wohnen vorwiegend im Flachland (als ethnische Mehrheit) und in den Städten (zum Beispiel Uschhorod, Mukatschewo, Berehowe, Chust und so weiter). 2014 forderte der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán für die ungarische Minderheit der Ukraine Selbstverwaltung und die Möglichkeit einer doppelten Staatsangehörigkeit.Stephan Löwenstein: Anspruch auf alle Ungarn. FAZ vom 20. Mai 2014, S. 8.
Österreich Laut einer Volkszählung im Jahre 2001 leben in Österreich rund 10.000 in Österreich geborene Auslandsungarn.Bevölkerung Österreichs 2001 nach Umgangssprache, Staatsangehörigkeit und Geburtsland (PDF) Eine bedeutende Anzahl von Ungarn lebt vor allem in der Hauptstadt Wien. Der überwiegende Teil ist jedoch als Burgenlandungarn bekannt und lebt im südöstlichsten Bundesland der Republik, dem Burgenland. Hier sind sie insbesondere in den vier Ortschaften Oberpullendorf (Felsőpulya), Oberwart (Felsőőr), Siget in der Wart (Őrisziget) und Unterwart (Alsóőr) beheimatet.
Kroatien Die Ungarn in Kroatien sind heute insbesondere in der Drau-Donau-Region im Osten Kroatiens beheimatet. Dieser Teil Kroatiens wird auch als „Draueck“ (ungarisch Drávaköz) bezeichnet und stellt den kroatischen Teil des historischen Komitats Baranya dar. Die meisten Magyaren leben demzufolge in der Gespanschaft Osijek-Baranja (heutige kroatische Gespanschaft). Weiters gibt es in den Gespanschaften Vukovar-Syrmien und Bjelovar-Bilogora eine bedeutende ungarische Minderheit.Kroatisches Zentralamt für Statistik (CroStat), Volkszählung 2001
Im Gebiet der „Murinsel“ (kroatisch Međimurje) zwischen der Mur und der Drau im nördlichsten Teil Kroatiens mit dem Zentrum Čakovec leben nur noch etwa 50 Ungarn.
Seit 1921 bis heute ist die Zahl der Ungarn in Kroatien dramatisch gesunken. Dies zeigt auch die folgende Tabelle:
Anzahl der Magyaren in Kroatien Volkszählung Magyaren 1921 76.000 1948 51.000 1971 35.000 1991 22.000 2001 16.595
Slowenien Laut Volkszählung von 2001 leben in Slowenien 6.243 Ungarn. Diese sind insbesondere in der Region Prekmurje (ungarisch Muravidék) beheimatet. Die Zahl der Ungarn in Slowenien hat sich in den letzten 50 Jahren nahezu halbiert.
Anzahl der Magyaren in Slowenien Volkszählung Magyaren 1921 14.429 1953 11.019 1961 10.498 1971 8.943 1981 8.777 1991 8.000 2001 6.243
Geschichte
Wann und wo die Ethnogenese der Magyaren stattfand und seit wann diese in ihrer heutigen Heimat siedeln, ist bis heute in der Geschichtsforschung umstritten.
Nach der vorherrschenden These stammen die Magyaren von einem nomadischen Volk ab, dessen „Urheimat“ im Bereich des Urals vermutet wird. Die „magyarische Landnahme“ in der Pannonischen Tiefebene fand nach der üblichen Darstellung Ende des 9. Jahrhunderts n. Chr. unter Fürst Árpád statt. Diese Kontinuitätstheorie wurde aber wiederholt und bis in die Gegenwart in Zweifel gezogen. Der ungarische Historiker Imre Boba und weitere Autoren treten dafür ein, erst ab der ungarischen Landnahme im Karpatenbecken von einer ethnischen Einheit der Ungarn (Magyaren) im heutigen Sinne zu sprechen, da sich deren Stammeskonföderation erst kurz zuvor aus Gruppen unterschiedlichen Ursprungs gebildet habe. Die aus dem Uralgebiet stammenden finno-ugrischen Proto-Magyaren seien demnach nur eines der Elemente, aus denen sich die späteren Ungarn gebildet hätten.Martin Eggers: Beiträge zur Stammesbildung und Landnahme der Ungarn. Teil 2: Die ungarische Stammesbildung. In: Ungarn-Jahrbuch, Band 23, 1997/1998, S. 1–64, auf S. 2–3.