St. Niklaus (walliserdeutsch Zaniglas Poscht us Zaniglas. In: Mitteilungsblatt der Gemeinde St. Niklaus. oder Sprachatlas der deutschen Schweiz. Band V, 1a.Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol, Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 793 f., ) ist eine Munizipalgemeinde, eine Burgergemeinde und ein Dorf im Bezirk Visp sowie eine Pfarrgemeinde des Dekanats Visp im Schweizer Kanton Wallis.

St. Niklaus ist der Hauptort des Mattertals (auch Nikolaital genannt) und bevölkerungsmässig die drittgrösste Gemeinde im Bezirk Visp nach Visp und Zermatt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war St. Niklaus ein Zentrum des Bergsteigens in den Alpen und das Zentrum des Bergführerwesens.

Geographie Die Gemeinde St. Niklaus liegt im Mattertal am Fusse der Weisshorngruppe mit dem Hauptgipfel Weisshorn () und der Mischabel mit dem Hauptgipfel Dom (). Von den 8 928 ha Gemeindefläche sind 1,7 % Siedlungsfläche (155 ha), 8,3 % Landwirtschaftsfläche (741 ha), 22,2 % bestockte Fläche (1 984 ha) und 67,7 % unproduktive Fläche (6 048 ha). Sie ist somit die sechstgrösste Gemeinde des Oberwallis. Der höchste Punkt der Gemeinde ist das Nadelhorn der Mischabel mit und der tiefste Punkt liegt auf in den Kipfen.

Die Gemeinde St. Niklaus ist eine Streusiedlung und besteht aus den drei Dorfsiedlungen St. Niklaus Dorf (), Gasenried / Ried () und Herbriggen (), 29 ständig bewohnten Weilern, zum Beispiel Riedmatten () und Lochmatten (), sowie den noch bewirtschafteten Alpen Jungen () und Jungtal ().

Sie gilt mit einer Längenausdehnung von 7,5 km als längstes ständig bewohntes Gebiet einer Gemeinde im Oberwallis. Die südlichste, ständig bewohnte Siedlung ist der Weiler Breitmatten (), die nördlichste der Weiler Rittinen (), die höchstgelegene das Dorf Gasenried () und die tiefstgelegene der Weiler Steg ().

mini|Bahnhof St. Niklaus der Strecke der Brig-Visp-Zermatt-Bahn der Matterhorn-Gotthard-Bahn

Geologie mini|Quarzitplatten aus dem Mattertal (hier aus den Quarzit­plattenbrüchen Lochmatter in St. Niklaus VS) mit Blick auf die unbearbeiteten Spaltflächen. Die aus dem Felsverband gelösten Quarzitblöcke wurden in Handar­beit in diese Platten aufgespalten. Der Abschnitt des Mattertals im Bereich der Gemeinde St. Niklaus befindet sich in Gesteinen des Bernhard-Deckenkomplexes des mittleren Penninikums (Briançonnais). Die Gipfel und oberen Hänge der Berge bestehen vorwiegend aus Zweiglimmergneisen und Chlorit-Muskovit-Schiefern sowie Augengneis. Diese repräsentieren variszisches Kristallin der Siviez-Mischabel-Decke. An den Hängen unterhalb streichen an der westlichen (linken) Flanke des Mattertals – mit Überschiebungs­kontakt zum Augengneis – permo-triassische, grünschieferfaziell überprägte Sedimentgesteine der «Mulde von St. Niklaus» hangparallel aus. Es handelt sich dabei um Quarzite, glimmer­reiche Quarzite und Glimmerschiefer. Diese sind in Richtung Talsohle von quartären Schuttmassen (Schwemmfächer o. ä.) begraben. An der östlichen Flanke des Tals reicht die quartäre Überdeckung noch deutlich weiter den Hang hinauf.kompletter Absatz nach P. Bearth: Geologischer Atlas der Schweiz 1:25’000, Blatt N° 71: St. Niklaus (LK 1308). Bundesamt für Landestopografie, Wabern 1978.

Im Ausstrich der mit rund 40 Grad nach Westen einfallenden Metasedimente der linken Talseite wurde am nördlichen Ende der heutigen Gemeinde St. Niklaus auf etwa 1'300 Metern Höhe bis zum Jahr 2005 der St. Niklauser Quarzit kommerziell abgebaut. Es handelt sich um eine zwei bis drei Meter mächtige Schicht aus grünlichem Quarzit. Das Gestein wurde sowohl übertage als auch in bis zu 600 Meter langen Stollen aus dem Berg gebrochen.Christian Imboden: Berge: Beruf, Berufung, Schicksal. Rotten Verlag, Visp, 2013, S. 96. Der St. Niklauser Quarzit vereint zwei Eigenschaften in sich, die ihn zu einem besonderen Naturwerkstein machen: die grüne Farbe und die gute Spaltbarkeit. Die Dächer der Gebäude im Ortskern von St. Niklaus Dorf sind sämtlich mit diesen einheimischen Quarzitplatten gedeckt. Ausserdem zählen die Quarzitplattenbrüche der Gemeinde St. Niklaus zu den wenigen europäischen Steinbrüchen ohne Strassenanschluss.

Archäologie Nahe unter der Balmulägni () auf dem Weg nach Jungen und in den Irmenzen () wurden interessante Funde des Mesolithikums gemacht. Sowohl Gräber und Feuerstellen konnten nachgewiesen werden, aber auch ein Steinteller mit Löffeln und ein sehr schön erhaltenes Steinbeil, das eine Länge von 35 cm hat, wurden gefunden.Christian Imboden: Berge: Beruf, Berufung, Schicksal. Rotten Verlag, Visp, 2013, S. 23Poscht us Zaniglas. Gemeinde St. Niklaus, 1981/1982, S. 18. 1891 wurden ca. 20 Steinkistengräber aus der Latènezeit gefunden. Unter einer der Steinplatten konnte sogar ein Grab geöffnet werden, das einen Steinbecher von sechs cm Höhe und zwei Armbänder enthielt.Christian Imboden: Berge: Beruf, Berufung, Schicksal. Rotten Verlag, Visp, 2013, S. 23 f.Jahrbuch des Schweizer Alpen-Clubs. 1922, S. 247Walther Staub: Über die Verbreitung von „Heidengräbern“ am Ausgange des Vispertales und des Turtmanntales im Wallis. im Jahresbericht der Schweizerischen Gesellschaft für Urgeschichte (Société suisse de préhistoire). Band 18, 1926, S. 150 f. Am 20. Juli 1971 stiess man bei den Aushubarbeiten für die Fundamente eines in den Gerstern () erstellten Hauses auf eine Grabstätte, welche Armspangen und andere Schmuckstücke enthielt. Vom Schweizerischen Landesmuseum wurden die Fundstücke als der alten Rhonekultur entstammend bezeichnet. Übereinstimmend wurde von den Experten in Sitten und Zürich erklärt, dass dieses Grab auf das erste Jahrtausend vor Christus zurückgeht.Christian Imboden: Berge: Beruf, Berufung, Schicksal. Rotten Verlag, Visp, 2013, S. 25.Josef Summermatter, Michael Imboden: Zaniglaser Chroniksplitter. 1980, S. 20.

Dass die Süd-Nord-Handelsroute, die durch St. Niklaus geht, auch schon vor Tausenden von Jahren benutzt wurde, beweisen verschiedene Funde. Im August 2003 wurde auf dem Weg nach Jungen auf einer Höhe von rund eine beidseitig gearbeitete Pfeilspitze aus Bergkristall entdeckt, die eine Datierung in die erste Hälfte des dritten Jahrtausends v. Chr. zulässt. Die gestielte Pfeilspitze wiegt 1,66 g, misst in der Höhe 2,4 cm und in der Breite 1,9 cm. Sie ist nicht vollständig erhalten. Die Spitze fehlt, eine Flügelspitze ist abgebrochen und die zweite etwas angestossen. Ebenso der Stiel ist beschädigt.Amei Lang: Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie. Band 172, Universität Leipzig, 2009, S. 713 ff. Schliesslich wurden bei den Renovationsarbeiten der Kapelle Jungen auf Tierknochen gefunden, die auf eine mesolithische Besiedlung schliessen lassen.Christian Imboden: Berge: Beruf, Berufung, Schicksal. Rotten Verlag, Visp 2013, S. 32.

Im weiteren Verlauf fand dieser Handelsweg Zulauf durch Kranke und Gebrechliche, die an der nahe gelegenen Heilquelle, dem Goldenen Brunnen, ihre Leiden zu lindern suchten.

Ortsname Der heutige Name der Gemeinde geht auf den Schutzheiligen des Ortes und der Pfarrkirche zurück, Nikolaus von Myra. Die Kirche wird 1272 als ecclesia Sancti Nicholai de Chouson, Gebreitun de Gazun erwähnt.

Dieser ältere frankoprovenzalische Name für den Ort erscheint schon 1233 anlässlich der Nennung von Waltherus de Chousun. In den folgenden Jahrhunderten findet er sich in verschiedenen Varianten wie Chosun, Gauson, Zauxon, Gason, Schouson noch bis 1674 regelmässig bezeugt. Heute lebt er weiter im Namen des oberhalb von St. Niklaus Dorf gelegenen Weilers Gasenried. Möglicherweise liegt ihm der lateinische Personennamen Calidius zugrunde; der Ortsname würde damit auf einen einstigen Landbesitzer zurückgehen.

Geschichte mini|Familienwappen der von Riedmatten, Hildebrand von Riedmatten (um 1530–1604), Bischof von Sitten von 1565 bis 1604, 1594 Reichsversammlung im Regensburger RathausKirchlich wurde St. Niklaus entweder sehr früh von Visp abgetrennt oder war nie dorthin kirchgenössig. Seit dem frühen 13. Jahrhundert ist St. Niklaus als eigene Pfarrei belegt (HLS). Das ehemalige Wappen von St. Niklaus, welches auf der Stubenbinde des ehemaligen Gemeindehauses gefunden wurde, stellt in zwei diagonal gegenüberliegenden roten Feldern zwei kongruente Mitras und in den beiden anderen grünen Bereichen zwei gleiche Bücher mit je drei Kugeln dar. Dies waren sicherlich Zeichen dafür, dass die Macht im Tal in den Händen der Kirche von St. Niklaus bzw. des Bischofs von Sitten lag. Die Mitra steht als Zeichen für den Bischof und das Buch mit drei Kugeln als Zeichen für Nikolaus von Myra, der sowohl der Schutzpatron des Mattertals als auch der heutigen Pfarrei St. Niklaus ist. Sodann wird St. Niklaus als bischöfliches Meiertum unter dem Namen Chouson im Jahr 1218 in einer ersten noch erhaltenen Urkunde zitiert. Zwischen 1218 und 1257 werden in alten Schriften die Meier Anselm von St. Niklaus bzw. von Chouson mehrmals erwähntJ. Ruppen und V. Summermatter: St. Niklaus. 1975, S. 511., die Verwandte des Domherrn und Grosskantors Walter de Chouson (um 1185–1248) waren.

Im Mittelalter war das Gebiet der heutigen Gemeinde auf fünf verschiedene Verwaltungseinheiten aufgeteilt, nämlich: Dorf / Dorfmark, Jungen, Matt (oder Mad), Wichel und Gasenried / Ried.

Bis aufs Mittelalter zurück kann auch nachgewiesen werden, dass die Kommune Dorfmark Hauptort der Talschaft ist.Josef Summermatter, Michael Imboden: Zaniglaser Chroniksplitter. 1980, S. 21. Was die Gemeinde Jungen auf betrifft, kann gesagt werden, dass es im Alpengebiet bis zum Einbruch der Kleinen Eiszeit ganzjährig bewohnte Siedlungen bis in Höhenlagen um gab.

Im Jahre 1361 kam es zu einem Aufruhr gegen Bischof Witschard Tavelli (Guichard Tavel). St. Niklaus wurde zur Strafe mit dem Kirchenbann belegt, von dem es 1362 wieder befreit wurde. 1435 erhielten die Zenden vom Bischof das Recht, ihre Meier und Kastläne (Richter) selbst zu ernennen.Josef Summermatter, Michael Imboden. Zaniglaser Chroniksplitter. 1980, S. 22. Der Meier wurde durch die Dorfschaften auf befristete Zeit gewählt. Die Aufgaben und Pflichten des gewählten Meiers können im Grossen und Ganzen mit jenen eines heutigen Gemeindepräsidenten verglichen werden. Zwei grosse Meier von St. Niklaus waren Georg Majoris (1440–1506) und Thomas von Schallen (1480–1541). Georg Majoris brachte es in den Jahren 1494–1495 und 1499–1501 zweimal bis zum Walliser Landeshauptmann.J. Ruppen und V. Summermatter: Familienstatistik. 1975, S. 474 Er präsidierte am 6. Dezember 1499 den Landrat in der Walliser Hauptstadt, der die päpstliche Ernennung des Matthäus Schiner zum Bischof von Sitten annahm. Georg Majoris war seinerzeit einer der mächtigsten Männer des Oberwallis. Thomas von Schallen hat in jungen Jahren als Meier von St. Niklaus seine erfolgreiche Laufbahn begonnen. Mehrfach war er auch Landratsabgeordneter des Zenden Visp in Sitten. Er nahm am 21. März 1524 als Vertreter für das Wallis an einer eidgenössischen Tagsatzung in Luzern teil, dem ersten gemeinsamen Staatsorgan der eidgenössischen Orte, die halb Gesandtenkongress halb oberster Föderationsrat war. Auch zog er im Solde Frankreichs über die Alpen. In späteren Jahren wurde er Grosskastlan der Walliser Hauptstadt.

Seit 1618 waren St. Niklaus und sein Tal selbständig. Bis zur Französischen Revolution im Jahre 1789 war St. Niklaus mit Zermatt zusammen ein Viertel des Zenden Visp und stellte turnusgemäss auch die höchsten Magistraten, den Kastlan, den Bannerherrn oder den Zendenhauptmann. Die Meier vertraten St. Niklaus zudem im parlamentarischen Zendenrat in Visp und im Walliser Landrat in Sitten. Peter Josef Imboden (1763–1858) war 1798 der letzte Meier von St. Niklaus.J. Ruppen und V. Summermatter: Familienstatistik. S. 241 Im Franzosenkrieg starben in den Jahren 1798 und 1799 zweiundzwanzig Zaniglaser.J. Ruppen und V. Summermatter: Familienstatistik. S. 296