mini|hochkant|Ludwig von Vincke (Ölgemälde von Friedrich Boser, 1840)Jürgen Kloosterhuis: Vom Knabenbild zur Beamtenikone – Vincke-Porträts und Denkmäler. In: Behr / Kloosterhuis: Ludwig Freiherr Vincke. Münster 1994, S. 729–770.
Friedrich Ludwig Wilhelm Philipp Freiherr von Vincke (* 23. Dezember 1774Das vermutlich irrtümliche Geburtsdatum im Kirchenbuch St. Martini lautet auf den 2. Dezember (Findbuch Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen: V 105 / Nachlass Ludwig Freiherr Vincke) in Minden, Preußen; † 2. Dezember 1844 in Münster) war ein höherer Verwaltungsbeamter zur Zeit der Preußischen Reformen und der Neuordnung des Staates Preußen nach dem Wiener Kongress. Vincke war von 1815 bis zu seinem Tode 1844 der erste Oberpräsident der neugeschaffenen Provinz Westfalen und amtierte länger als alle anderen preußischen Oberpräsidenten.
Seine Hauptaufgabe in diesem Amt bestand darin, in der aus vielen früheren Territorien zusammengefügten Provinz ein einheitliches Verwaltungssystem aufzubauen. Bei ständigen Inspektionsreisen kümmerte er sich höchstpersönlich und detailorientiert um eine Vielzahl von Administrationsproblemen und erwarb sich eine für Verwaltungsbeamte ungewöhnliche Popularität.
Als Mitglied des preußischen Staatsrats nahm er wesentlich Einfluss auf die konstitutionelle Formung Preußens nach 1815. Zusammen mit einigen weiteren Oberpräsidenten bildete er eine „liberale Fraktion“, die sich für die stärkere Individualisierung der Provinzen und das Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden einsetzten. Im Zuge der zunehmenden Tendenz zur Restauration und Zentralisierung verloren sie aber schließlich ihren Einfluss.
Die Qualifikation für diese Tätigkeit hatte er sich durch ein Studium der Rechts-, Staats-, Wirtschafts- und Agrarwissenschaften erworben, dem Tätigkeiten als Landrat im westfälischen Kreis Minden und danach als Präsident mehrerer Kriegs- und Domänenkammern folgten. Von der französischen Besatzungsmacht wurde er im Jahr 1807 entlassen. Daraufhin schloss er sich dem Kreis der preußischen Reformer um den Freiherrn vom Stein an. Nach dem Abzug der Franzosen war er von 1813 bis 1815 Zivilgouverneur für die preußischen Westgebiete zwischen Weser und Rhein.
Leben und Wirken Herkunft, Jugend und Ausbildung mini|Familiensitz Gut Ostenwalde Ludwig von Vincke entstammte dem westfälischen Adelsgeschlecht von Vincke. In seiner großen Familie (sechs Töchter und vier Söhne) war er der zweitjüngste Sohn. Ludwigs Mutter war Luise Sophie von Buttlar (5. September 1739–18. Mai 1806), sein Vater Ernst Idel Jobst von Vincke (21. Januar 1738–21. August 1813), Erbherr zu Ostenwalde im Hochstift Osnabrück, der das Familiengut als Fideikommiss verwaltete.Findbuch Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen: V 105 / Nachlass Ludwig Freiherr Vincke Des Weiteren hatte er das Amt des Domdechanten im konfessionell paritätisch besetzten Domkapitel Minden des Mindener Doms inne mit Dienstsitz in Minden, dem Verwaltungssitz des preußischen Territoriums Minden-Ravensberg.Jürgen Kloosterhuis: „Westfaleneid“ und „Peines de Coeur“ – Vorgaben für Vinckes Landratsamt. In: Behr / Kloosterhuis: Ludwig Freiherr Vincke. Münster 1994, S. 19–34; dort S. 20–23.Nach den Bestimmungen des Westfälischen Friedens (1648) blieb im protestantischen Minden der Dom katholisch, jedoch war das Domkapitel interkonfessionell zusammengesetzt. Neben seinem Vater waren auch Vinckes beide ältere Brüder Mitglieder des Domkapitels (siehe: William C. Schrader: The Cathedral Chapter at Minden and its Members, 1650–1803. In: Westfälische Zeitschrift, Band 139 (1989), S. 83–122).
mini|Vinckes Geburtshaus, die Domdechanei MindenVinckes Geburtshaus, die Domdechanei, wurde 1883 abgerissen, um dem Neubau eines Postamts Platz zu machen, welches 1945 durch einen Luftangriff zerstört wurde.(siehe: Ilse Foerst-Crato: Ludwig Freiherr Vincke. In: Mindener Heimatblätter, 36. Jahrgang (1964), S. 289–299); Fred Kaspar et al.: Stadt Minden (= Die Bau- und Kunstdenkmäler in Westfalen. Band 50), Teil II, Teilband 2. Der Dombezirk. Klartext-Verlag, 2000, S. 1238. mini|Gedenktafel für Ludwig von Vincke an der Stelle, wo einst sein Geburtshaus standDie Gedenktafel hängt an einem Nachfolgebau aus den 1950er Jahren (siehe: Ilse Foerst-Crato: Ludwig Freiherr Vincke. In: Mindener Heimatblätter, 36. Jahrgang (1964), S. 289–299).
Ludwig von Vincke wurde am 23. Dezember 1774 in Minden in der Domdechanei am Großen Domhof geboren und am 3. Januar 1775 in St. Martini getauft.Findbuch Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen: V 105 / Nachlass Ludwig Freiherr Vincke Ersten Unterricht erhielt er durch Privatlehrer. Von 1784 bis 1787 besuchte er das von Pastor Joachim Friedrich Lehzen geführte Knabenpensionat in Hannover, wo er die englische Sprache erlernte und auf eine mögliche Stellung in englischen Diensten vorbereitet wurde. Nach erneutem Privatunterricht besuchte er von 1789 bis 1792 das Königliche Pädagogium von August Niemeyer in Halle (Saale).Ludger Graf von Westphalen: Der junge Vincke (1774–1809). Aschendorff, Münster 1987, S. 7–8.Peter Burg: Ludwig Freiherr von Vincke im Internet-Portal „Westfälische Geschichte“ des LWL-Instituts für Regionalgeschichte, abgerufen am 11. August 2024.
Entgegen der Familientradition entschied er sich nicht für eine militärische Karriere,Als Grund wurde Vinckes geringe Körpergröße von 1,66 m vermutet (siehe: Jürgen Kloosterhuis: „Westfaleneid“ und „Peines de Coeur“ – Vorgaben für Vinckes Landratsamt. In: Behr / Kloosterhuis: Ludwig Freiherr Vincke. Münster 1994, S. 19–34; dort S. 25–26). sondern für die Verwaltungslaufbahn im preußischen Staatsdienst. Er konnte zu dieser Zeit sein Studium noch breit anlegen und studierte neben der Rechtswissenschaft auch die damals in der philosophischen Fakultät angesiedelten Disziplinen Staatswissenschaft, Volkswirtschaft, Agrarwesen, Philosophie und Geschichte. Zunächst ging er ab 1792 für drei Semester an die hessische Universität Marburg, wo er im Hause von Johann Heinrich Jung-Stilling, einer seiner Professoren, wohnte. Er setzte das Studium für zwei Semester an der preußischen Universität Erlangen fort, da damals von künftigen Staatsdienern erwartet wurde, zumindest einen Teil des Studiums an einer landeseigenen Hochschule absolviert zu haben,Jürgen Kloosterhuis: „Westfaleneid“ und „Peines de Coeur“ – Vorgaben für Vinckes Landratsamt. In: Behr / Kloosterhuis: Ludwig Freiherr Vincke. Münster 1994, S. 19–34; dort S. 25–26. unter anderem bei Johann Ludwig Klüber. Am 24. Mai 1794 stiftete Vincke dort das Kränzchen der Erlanger Westfalen.Ernst Meyer-Camberg: Die Erlanger Westfalen 1794–1809. Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Bd. 24 (1979), S. 74–94, dort S. 83. Sein letztes Semester absolvierte er an der hannoverschen Universität Göttingen, wo ihn Johann Stephan Pütter, Ludwig Timotheus Spittler und Georg Friedrich von Martens beeinflussten.
Ende 1794 notierte Vincke im Tagebuch eine „eigentümliche Anhänglichkeit an Westfalen“ und sein Lebensziel: „Eine nützliche Tätigkeit in meinem Vaterlande, das ist der bescheidene Wunsch meiner Seele.“ Dies ist später als sogenannter Westfaleneid in die biografische Literatur eingegangen.Ludger Graf von Westphalen: Der junge Vincke (1774–1809). Aschendorff, Münster 1987, S. 18–19.
Vincke zeigte schon als Student einen Hang zum Kaufmännischen, zu Handel und Industrie, zur Spekulation und zum Risiko. Er legte Geld in Aktien und Kuxen an und konnte die Eltern überreden, ihm solche zu schenken sowie seine Spielschulden zu begleichen. Er war von den Ideen des britischen Ökonomen Adam Smith über das Wirtschaftsleben aus dessen Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen angetan, mochte aber auf den Staat als Anreger und Förderer der Wirtschaft nicht ganz verzichten.Ludger Graf von Westphalen: Der junge Vincke (1774–1809). Aschendorff, Münster 1987, S. 25.
Nach bestandener Eingangsprüfung begann er 1795 als Referendar eine unvergütete Tätigkeit bei der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer in Berlin, die er nach dem bestandenen Examen ab dem 2. August 1797 als Assessor in derselben Behörde fortsetzte.Ludger Graf von Westphalen: Der junge Vincke (1774–1809). Aschendorff, Münster 1987, S. 26. Der politische Einfluss seines Schwagers, des langjährigen preußischen Justizministers von der Recke, der ihm Kontakte zu führenden Persönlichkeiten des preußischen Staates verschaffte, gab wohl den entscheidenden Anstoß zu seiner Karriere im preußischen Staatsdienst.Olga Weckenbrock: Statussicherung durch Töchter. Zur Rolle adeliger Frauen im Dienst ihrer Herkunftsfamilie. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Band 85 (2013), S. 113–134, dort S. 128.
In seiner Berliner Zeit bekam er Gelegenheit zu ausgedehnten Dienstreisen, auf denen er sich einen Überblick über den Zustand der Landwirtschaft und der gewerblichen Wirtschaft verschaffte. Er besuchte die Mustergüter des Grafen Itzenplitz in Brandenburg, der ihm die Bekanntschaft mit dem Agronomen Albrecht Thaer vermittelte; mit ihm stand er von 1799 bis zu dessen Tode 1828 im Briefwechsel. Vincke studierte intensiv Thaers Werk über die englische Landwirtschaft. Weiterhin besuchte er das innovative Gut des Grafen Magnis in Schlesien und interessierte sich besonders für die dortige Merinoschafzucht. Resultate seiner auf den Reisen gewonnenen Erfahrungen beschrieb er im Jahre 1797 in Manuskripten über die Schafzucht, die Leinenfabrikation, den Anbau von Krapp und Seidenpflanzen.Hans-Joachim Behr: Vinckes Einsatz für den Landbau – „Das solideste Fundament des Gebäudes der öffentlichen Wohlhabenheit“. In: Behr / Kloosterhuis: Ludwig Freiherr Vincke. Münster 1994, S. 325–347, dort S. 325–326
Landrat im Fürstentum Minden mini|Administrative Gliederung des Fürstentums Minden um 1800 Als im Jahre 1798 die Position eines Landrats im Fürstentum Minden durch den Rücktritt Philipp von Cornbergs vakant geworden war, machte das Domkapitel, dem neben Vinckes Vater auch seine beiden älteren Brüder angehörten,William C. Schrader: The Cathedral Chapter at Minden and its Members, 1650–1803. In: Westfälische Zeitschrift, Band 139 (1989), S. 83–122, dort S. 117–118. im Juni 1798 von seinem überkommenen Vorschlagsrecht zur Besetzung Gebrauch und schlug Ludwig von Vincke als einzigen Kandidaten vor, der schon seit 1796 seinem Vater sein Interesse an der Position eines Landrats im westlichen Preußen mitgeteilt hatteLudger Graf von Westphalen: Der junge Vincke (1774–1809). Aschendorff, Münster 1987, S. 26. Da für dieses Amt nicht nur eine adlige Herkunft, sondern auch der Nachweis rittergutlichen Eigentums Voraussetzung war, wurde ihm ein Gut aus dem Familienvermögen als Eigenbesitz formal überschrieben, das auch die Funktion einer Kaution hatte, da dem Landrat die Führung der Kreiskasse oblag. Am 8. August 1798 ernannte ihn die Regierung zum Landrat des östlichen Kreises im Fürstentum Minden, obwohl er das übliche Mindestalter für Landräte von 35 Jahren noch längst nicht erreicht hatte. Vincke erhielt als Landrat anfangs ein Grundgehalt von 400 Reichstalern mit einigen Zusatzeinnahmen, musste davon aber zeitweise noch Mitarbeiter bezahlen. Er blieb während der gesamten Mindener Zeit von finanziellen Zuwendungen seines Vaters abhängig, wohnte aber nicht in der elterlichen Domdechanei, sondern in einer eigenen Wohnung, und zog im Juli 1801 nach Hausberge. Die Funktionen seines Vaters als Domdechant und Standesherr im Fürstentum Minden führten mitunter zu sachlichen Konflikten mit dem jungen Landrat,Ludger Graf von Westphalen: Der junge Vincke (1774–1809). Aschendorff, Münster 1987, S. 29. und zweimal widersetzte sich der Vater aus Standesinteresse erfolgreich den Heiratsabsichten seines Sohnes.Ludger Graf von Westphalen: Der junge Vincke (1774–1809). Aschendorff, Münster 1987, S. 22.Jürgen Kloosterhuis: „Westfaleneid“ und „Peines de Coeur“ – Vorgaben für Vinckes Landratsamt. In: Behr / Kloosterhuis: Ludwig Freiherr Vincke. Münster 1994, S. 19–34; dort S. 31–32.